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Wie Themenumfeld, Konkurrenz und Strukturen Journalismus beeinflussen

Es passiert immer wieder – Medienhäuser berichten über Studien, deren Qualität nicht hinreichend geprüft wurde. Wie kommt es dazu? Die Wissenschaftsjournalistin Kathrin Kühn wirft in ihrem Gastbeitrag einen kritischen Blick auf das System Journalismus.

Diese Geschichte über journalistischen Anspruch und Realität beginnt an einem Sonntagmorgen im Juni. Vor den Radiogeräten oder am Handy beim Blick auf die neuen Nachrichten des Tages. „Jeder dritte junge Mann findet es in Ordnung, wenn im Streit mit der Partnerin die Hand ausrutscht.“ Laut einer Studie. Augenreiben. Wirklich so viele? Die „Studie“ selbst lässt sich da noch nirgendwo einsehen. Erst Stunden später ist sie online zu finden und es stellt sich heraus: Sie ist methodisch zu hinterfragen und keineswegs geeignet für Aussagen wie „jeder dritte junge Mann“. Diverse Redaktionen in Deutschland hatten dennoch eine solche Meldung zu dem Thema geschrieben? Wie kann das sein? Diese Frage habe nicht nur ich an dem Tag gestellt.

Tatsächlich ist die Umfrage „Spannungsfeld Männlichkeit“ der Hilfsorganisation Plan International ein gutes Beispiel, wie aktuelle Themenlage, Zeitpunkt einer Veröffentlichung und redaktionelle Strukturen journalistische Prozesse beeinflussen. Und wie dann eine wichtige Regel verletzt wird, die in vielen Leitlinien für redaktionelles Arbeiten steht: Be first, but first be right. Warum? Sortieren wir einmal die verschiedenen Felder.

Be first.

Journalismus ist auch ein Wettrennen um Aufmerksamkeit für das eigene Produkt. Wer zuerst berichtet, hat auch Potenzial auf mehr Nutzer*innen. Wettrennen erzeugen Druck. Druck, nichts zu verpassen. An dem konkreten Morgen war es so: Die Umfrage lag den Zeitungen der Funke Mediengruppe vor. Die Blätter wollten am Folgetag darüber berichten und gaben vorab eine Ankündigung heraus. Ein übliches Geschäft. Das Ziel: Berichterstattung anderer über einen „exklusiven“ Inhalt und damit auch über das eigene Medium. Die Ankündigung der Funke Mediengruppe wurde dann von zwei Nachrichtenagenturen aufgegriffen. Redakteur*innen in ganz Deutschland finden sie damit zu Dienstbeginn als offizielle Agenturmeldung vor. Wobei, und das ist wichtig und hier gleich noch Thema: Die größte deutsche Nachrichtenagentur, die dpa, berichtet nicht.

Das Themenumfeld.

Erfahrene Nachrichtenjournalistinnen und Journalisten wissen in einer solchen Lage: Hier wird versucht, eine mit recht wenig eigenem Aufwand erstellte „Exklusivnachricht“ an einem nachrichtenschwachen Tag (Sonntag) in der allgemeinen Berichterstattung zu platzieren. Und es gehört zu den Routinen einer Nachrichtenredaktion, dann zu sortieren, welche Themen die Latte reißen. Denn wie im Hochsprung liegt diese auch bei einer Relevanz-Entscheidung keinesfalls immer gleich hoch. Ich zähle einige der Einflüsse hier auf: Eine dünne Nachrichtenlage erhöht die Chancen. Eine Vorgabe, nach einer bestimmten Zeit einen neuen Aufmacher haben zu müssen, also neuer Anreiz für die Nutzer*innen, erhöht die Chancen. Der Wunsch, eine gute Mischung anzubieten, erhöht für dann passende Themen die Chance.  Dann der Faktor Themenkarriere: Passt ein Thema zu einer größeren gesellschaftlichen Diskussion, die womöglich gerade erst Fahrt aufnimmt, so wird eher zugegriffen. „Spannungsfeld Männlichkeit“ konnte hier bei allem punkten. Die Latte lag niedrig. Eine Umfrage mit Zahlen zu Einstellungen und Gewalt durch Männer, an einem Sonntag – mitten in der noch laufenden Debatte über die „row zero“ bei Rammstein.

Be first, but: die anderen.

Doch der hier vorliegende Fall ist mit großen Fragezeichen versehen. In den beiden verfügbaren Agenturmeldungen zu dem Thema findet sich kein Link zu der Studie, kein Hinweis auf die Methodik, keine Einordnung der Zahlen, etwa die erstaunlich hohen Zustimmungsraten zu partnerschaftlicher Gewalt. Doch auch wenn die Schwelle zur Berichterstattung niedrig ist, gilt: Be first, but first be right. Eigentlich müsste alles liegen bleiben, bis dies geklärt ist. Warum kommt es dann anders?

„Auch wenn die Schwelle zur Berichterstattung niedrig ist, gilt: Be first, but first be right." Kathrin Kühn

Strukturen und Themendruck

Frühdienste an Sonntagen sind als Randzeiten auch Schichten, in denen Berufsanfänger auch erste Schritte in redaktioneller Entscheidungsposition alleine gehen können. Gleichzeitig sind es Zeiten mit Minimalbesetzung, nicht selten auch Einzelbesetzung. Das Thema kam als Agenturmeldung, also Haken dran? Vielleicht hat die eine oder der andere sich aber auch gefragt: Ich schaue einmal, wie andere damit umgehen, ob sie das machen. Mit einer schnellen Google-Suche lässt sich herausfinden, wie breit an dem Morgen und Vormittag berichtet wurde. Der Druck, hier nachzuziehen, wird immer größer. Stichwort Wettrennen. Denken Sie an eine Ampel: Als Erster bei Rot zu gehen fühlt sich anders an, als anderen zu folgen.

Aber ja für die richtige Sache?

Und: Es ging ja auch um ein wichtiges Thema. Gewalt gegen Frauen und stereotype Geschlechterinszenierungen. Ein Begriff aus der Diskussion über verzerrende Einflüsse auf Forschung ist der „white hat bias“, der letztlich am Prinzip der kognitiven Dissonanz ansetzt. Public-Health-Forscher David Allison und Mark Cope haben dem Phänomen diesen Namen gegeben. 1 Es geht um eine Verzerrung für den „guten Zweck“: Auch viele Forschende seien angetrieben von einem echten Interesse, zum Verbessern der menschlichen Lebensbedingungen beizutragen. Dies kann allerdings dazu führen, dass etwas, das für richtig und wichtig befunden wird, weniger stark hinterfragt wird als anderes. Ein Bias, den es natürlich nicht nur in der Wissenschaft gibt, sondern der auch im Journalismus das Potenzial hat, Glaubwürdigkeit zu beschädigen. Guter Journalismus bewertet Informationen stets gleich kritisch, unabhängig vom Thema.

„Guter Journalismus bewertet Informationen stets gleich kritisch, unabhängig vom Thema." Kathrin Kühn

Erdrückende Informationsflut

Redaktionen arbeiten heute mit einer enorm gewachsenen Menge an Informationen. Als ich meine ersten Radio-Nachrichten schrieb, vor 22 Jahren, sah Konkurrenzbeobachtung noch so aus: Es wurden die Zeitungsausgaben studiert und der Konkurrenzsender abgehört. Meldungen wechselten verhältnismäßig selten, auch bei den ersten Online-Angeboten. Im Mailfach trudelten ein paar Dinge pro Tag ein. Die Agenturlage war im Vergleich zu heute wie ein luftiger Spaziergang am Meer, der Zeitdruck deutlich geringer. In vielen Redaktionen sitzen heute nicht mehr Menschen als früher – oder sogar weniger. Alle sind irgendwie mit allen vernetzt.

Das System Journalismus

„Be first, but first be right“ ist damit zu einer systemischen Frage geworden. Es kommt bei dieser starken Vernetzung darauf an, dass die Regeln an vielen Stellen eingehalten werden, um Domino-Effekte zu vermeiden. Unmöglich? An dem Sonntag haben nicht alle berichtet und nicht alle gleich. Die Deutsche Presseagentur habe ich am Folgetag gefragt, warum sie es nicht getan hat. Die Antwort: „Es ließen sich zentrale offene Fragen unter anderem zur Methodik der Erhebung und zur Validität der Daten nicht klären.“ 2 Denn das war auch eine Möglichkeit an dem Morgen – erkennen, dass die dpa schweigt. Redaktionen zahlen dafür, dass sie mit deren Material arbeiten können und dazu gehört auch ein Rückkanal. Es war also auch möglich, einfach einmal bei der dpa anzurufen und zu fragen, warum sie sich dagegen entschieden hat. Und dies als Rückendeckung mitzunehmen, nicht über Rot zu gehen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag lag bei Sabrina Schröder. Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.