„Sozioskop“ – ein junges Soziologiemagazin auf Youtube und Instagram

Das wissenschaftsjournalistische Onlineformat „Sozioskop“ will junge Leute für Soziologie begeistern. Vom Ideensprint über die digitale Themensammlung bis zu den ersten Folgen hat das Team alles während des Coronasommers gestemmt. Jetzt beginnt das Fundraising. Eine Projektvorstellung.

Wie erreichen wir junge Menschen am besten mit sozialwissenschaftlichen Themen? Für uns ist die Antwort klar: Anfang 20-Jährige tummeln sich gerne auf Youtube und Instagram, also gehen auch wir dorthin. Mit „Sozioskop“ haben wir ein Format entwickelt, das junge Leute mit Themen wie Minimalismus, Spiritualität oder sozialer Ungleichheit mitten in ihrem Alltag abholt und diese aus sozialwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet.

Mitten in der Coronakrise zusammengefunden

Auch nach hartnäckiger Recherche fand er kein Format, das sozialwissenschaftliche Themen unterhaltsam für ein junges Zielpublikum aufbereitet.Christine Faget und Thomas Lenz
Wir, das ist ein Kollektiv aus jungen Medienschaffenden in Darmstadt. Gefunden haben wir uns mitten im Lockdown. Ideengeber Thomas wollte die Zeit nutzen, um endlich in Angriff zu nehmen, was ihn schon lange stört: Auch nach hartnäckiger Recherche fand er kein Format, das sozialwissenschaftliche Themen unterhaltsam für ein junges Zielpublikum aufbereitet.

Also entschied er kurzerhand, selbst die Kamera in die Hand zu nehmen und begeisterte über diverse Darmstädter Mailverteiler rasch weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter für das Projekt. Erst per Videokonferenz, später im Park steckte unser Team aus jungen Profis aus Film, Journalismus, Schnitt, Kommunikationsdesign und Soziologie die Köpfe zusammen.

Formatentwickelung im Ideensprint

Digitales Brainstorming ist allerdings mühsam. Deshalb experimentierten wir mit der Methodik des Ideensprints und machten sehr gute Erfahrungen damit. Die Grundidee war klar: ein wissenschaftsjournalistisches Format für soziologische Themen zu entwickeln. Mit diesem Hintergedanken legte jeder zunächst auf eigene Faust los, analysierte potenzielle Zielgruppen, holte sich Inspiration bei Formaten auf Tik Tok, Youtube und Instagram und brachte schließlich eine grobe Konzeptidee zu Papier.

Eine Idee ergänzte die andere, schnell kamen wir in einen kreativen Flow. Unser Format entstand als lupenreines Gemeinschaftswerk – obwohl jeder erst einmal allein losgelegt hatte.Christine Faget und Thomas Lenz
Bei einem der nächsten Treffen lagen auf diese Weise direkt acht Ideen vor. Darüber zu diskutieren erwies sich als überaus produktiv. Eine Idee ergänzte die andere, schnell kamen wir in einen kreativen Flow. Unser Format entstand als lupenreines Gemeinschaftswerk – obwohl jeder erst einmal allein losgelegt hatte.

Die Idee in Kürze: Eine Street- und eine Science-Reporterin machen sich auf den Weg, ein Thema zu ergründen. Street-Reporterin Noémi begleitet Protagonistinnen und Protagonisten dokumentarisch in ihrem Alltag, Science-Reporterin Allegra interviewt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Mit allerhand neuen Eindrücken und Erkenntnissen im Gepäck treffen sich die beiden Reporterinnen wieder und lernen voneinander. Und mit ihnen unsere Community.

Unsere Pilotfolge: „Minimalismus – Antwort auf einen Fehler im System?“

In unserem Kanal beim digitalen Kollaborationstool Slack stapelten sich schnell Themenvorschläge für potenzielle Folgen, mittlerweile sind es fast 50. Das Thema „Minimalismus – Antwort auf einen Fehler im System?“ erschien uns für die Pilotfolge leicht zugänglich und wissenschaftlich in den Medien bisher wenig ergründet.

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Die Community mit einzubeziehen war uns von vornherein wichtig. Deshalb nutzen wir neben Youtube auch Instagram. In kurzen Videoclips erklärt Thomas in seinem Ohrensessel unterhaltsam soziologische Theorien. Außerdem zeigen wir grafisch ansprechend aufbereitete Hintergrundinfos – beispielsweise Statistiken dazu, welche Schichten überhaupt Minimalismus betreiben. Zum Mitmachen animieren unsere Moderatorinnen Noémi und Allegra. Sie zeigen, wie man effektiv ausmistet. Die Swedish Death Cleaning Methode“ ist das wohl düsterste Vorgehen:

 

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Von 0 auf mehr als 200 Abonnentinnen und Abonnenten in vier Wochen

Sehr viel Arbeit hatten wir in Konzeption, Dreh, Postproduktion und Design unseres Formats gesteckt. Doch wie sorgen wir dafür, dass Menschen aus unserer Zielgruppe überhaupt von „Sozioskop“ erfahren? Von dieser Zielgruppe haben wir vorab ein genaues Bild gezeichnet und die beiden Prototypen (sogenannte „Personas“) Alina und Fatih entwickelt:

„Von dieser Zielgruppe haben wir vorab ein genaues Bild gezeichnet und die beiden Prototypen (sogenannte „Personas“) Alina und Fatih entwickelt.“Christine Faget und Thomas Lenz
Alina hat einen Realschulabschluss und macht eine Ausbildung zur Erzieherin. In ihrer Freizeit engagiert sie sich bei Fridays for Future und diskutiert gerne mit Freundinnen und Freunden über Gott und die Welt. Sie schaut „Deutschland3000“ auf Youtube, hört Von wegen Lisbeth und Billie Eilish, kauft Bioprodukte bei Aldi und Second-Hand-Klamotten auf dem Flohmarkt. Sie lebt in einer festen Beziehung, interessiert sich aber für Polyamorie. Sonntagabends schaut sie Netflix, im Sommer gönnt sie sich einen Ausflug auf das Melt-Festival. Glücklich macht sie, wenn ihre Eltern mit Jutebeutel einkaufen gehen – und der Tipp dafür von ihr kam.

Fatih hat gerade das Abitur in der Tasche und ist unentschlossen, was er nun mit seinem Leben anfangen soll. Deshalb will er sich erst einmal für ein Freiwilliges Soziales Jahr bewerben. In seiner Freizeit treibt er sich im Skatepark herum und chillt mit Kumpels. Dann philosophiert er gerne über den Sinn des Lebens. Am Wochenende tanzt er auf Underground-Techno-Partys. Er hört den Podcast „Gemischtes Hack“, schaut „Streetphilosophy“ in der Arte-Mediathek und hört Cypress Hill. „Das Kapital“ von Karl Marx hat er sich immerhin gekauft. Glücklich macht ihn, wenn er mit einem schlauen Kommentar imponieren kann.

Erste Zuschauerinnen und Zuschauer waren natürlich unsere Freundeskreise und Familien. Daneben machten wir gezielt in diversen Newslettern und Whatsapp-Gruppen Werbung und fragten dabei direkt nach Feedback zu unserer Pilotfolge. Außerdem berichtete die Lokalzeitung Darmstädter Echo. Auf diese Weise konnten wir rasch eine kleine Community aufbauen. Wöchentlich kommen neue Youtube- und Instagram-Abonnentinnen und -Abonnenten hinzu. Mittlerweile haben wir trotz „Kaltakquise“ mehr als 4.000 Views erreicht.

Wie geht es weiter? Feedback und Funding

„Wir sind alle sehr motiviert, aktives Community-Management zu betreiben und das Format weiterzuentwickeln.“Christine Faget und Thomas Lenz
Wir sind alle sehr motiviert, aktives Community-Management zu betreiben und das Format weiterzuentwickeln. Hierzu haben wir bereits viel Feedback gesammelt. Geplant ist, zusätzlich Skateparks, Berufsschulhöfe und Vorlesungssäle zu besuchen, um im direkten Gespräch mit unserer Zielgruppe zu lernen, wie wir Sozialwissenschaften noch unterhaltsamer und verständlicher vermitteln können. Zwei Aspekte hindern uns momentan jedoch: Corona und das nötige Funding.

Bis dato haben wir das Projekt komplett ehrenamtlich gestemmt. Um „Sozioskop“ langfristig lebendig zu halten, fragen wir momentan aktiv bei Filmförderungen, Rundfunkanstalten, Stiftungen und Universitäten an und sind über jeden Hinweis über Fördermöglichkeiten dankbar. Wir würden uns sehr freuen, künftig mit vielen weiteren Folgen von „Sozioskop“ junge Menschen für Sozialwissenschaften zu begeistern!


Projektsteckbrief

Ziel: Junge Menschen über Social Media für sozialwissenschaftliche Themen zu begeistern – bisher eine Lücke in der Medienlandschaft, finden wir.

Budget: Das Projekt haben wir bis dato komplett ehrenamtlich gestemmt. Für eine Folge auf Youtube mit begleitenden Posts auf Instagram und Community-Management bräuchten wir unseren Berechnungen zufolge rund 12.000 Euro – je nachdem, wie wir das Format mithilfe des Feedbacks weiterentwickeln.

Team: Wir sind ein junges Team aus Medienschaffenden mit ganz unterschiedlichen Hintergründen: Ideengeber Thomas Lenz ist Soziologe und arbeitet in der Wissenschaftskommunikation der TU Darmstadt. Moderatorin Noémi Heldmann studiert Online-Journalismus, Moderatorin Allegra Baumann promoviert in Soziologie. Kamerafrau und Cutterin Sophie Krieg ist gelernte Toncutterin, arbeitet freiberuflich und studiert Motion Pictures. Grafikdesignerin Eileen Bosselmann arbeitet freiberuflich und schreibt gerade ihre Diplomarbeit in Kommunikationsdesign. Redakteurin Christine Faget ist Ethnologin und freie Journalistin. Finanzchef Torsten Bruns ist Soziologe, studiert nun Architektur und arbeitet in der Wissenschaftskommunikation der TU Darmstadt. Aufnahmeleiterin Samira Jakobi macht ihren Master am Mediencampus der Hochschule Darmstadt. VFX-Designer Adrien Koch studiert Animation & Game, Nico Spahn hat sich in der Postproduktion um das Colorgrading gekümmert und Frederik Herre um das Sounddesign.

Zielgruppen: „Sozioskop“ richtet sich an junge Menschen zwischen 20 und 25 Jahren.

Zahlen zur Zielerreichung: Die Pilotfolge wurde bereits über 25.000 mal gesehen, über 750 Menschen haben den Kanal abonniert. Der Instagram-Kanal hat über 200 Abonnentinnen und Abonnenten. (Stand 11.1.2021)

Weitere Informationen: www.youtube.com/sozioskop, www.instagram.com/sozioskop_net

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.