Foto: Samir Bouraked

Schminktipps, Sex und Blablabla

Es gibt Schlüsselbegriffe, die schon in einer Überschrift wie dieser zum Anklicken reizen. Trotzdem darf es selbst in unserem lauten Social-Media-Zeitalter nicht um Aufmerksamkeit um jeden Preis gehen. Denn eigentlich ist es ist ja der Inhalt eines Textes, der uns in seinen Bann ziehen soll. Spannende Frage: Wie geht das? Wir haben dazu ein paar Überlegungen von Fachleuten für klare Sprache und gute Formulierungen zusammengetragen.

Die Schminktipps lassen wir also außer Acht, den Sex auch, das Blablabla ebenfalls. Stattdessen fällt unser Blick auf den berühmt-berüchtigten Elfenbeinturm: Eine Metapher für eine Wissenschaft, die sich – auch sprachlich – von ihrem Umfeld abgrenzt und deren Vertreterinnen und Vertreter lieber unter sich bleiben. Dabei repräsentiert der Elfenbeinturm übrigens eine recht überzeugende Metapher für eine alles andere als überzeugende Geisteshaltung. Denn dass sich die Wissenschaft mit solch einer Einstellung keinen Gefallen tut, hat sich längst herumgesprochen. Doch die nötige Kommunikation mit der gern zitierten breiten Öffentlichkeit erweist sich als nicht ganz so einfach, wie es scheint.

Warum diese Interaktion eine klare, lebendige Sprache braucht, wenn sie erfolgreich sein will, fasst der Journalist, Redenschreiber und Seminardozent Claudius Kroker in einem Satz zusammen: „Die Wissenschaft sichert sich damit das eigene Überleben.“ Wie das? Nun, das Ansehen einer Einrichtung und ihre Grundförderung, einzuwerbende Drittmittel, ja, sogar die Investments für Ausgründungen – dies alles beruhe darauf, dass Wissenschaft ihr Gegenüber verständlich informieren, nachhaltig überzeugen und im besten Fall sogar hellauf begeistern kann.

Was hilft: Kompliziertes konkretisieren!

Dabei sehen sich kommunizierende Forschende häufig vor der Gratwanderung, Dinge zu vereinfachen ohne sie dabei zu verfälschen. „Ein schwieriges Feld,“ räumt Claudius Kroker ein, wobei er den Begriff „vereinfachen“ ohnehin nicht so gerne verwendet, sondern lieber seine Idee vermittelt, „komplizierte Dinge zu konkretisieren“. Also nicht auf einer abstrakten Ebene zu bleiben. Tröstlich immerhin: „Das ist eine Schwierigkeit, vor der stehen viele andere Berufsgruppen auch. Ich arbeite regelmäßig mit Juristen, da haben wir genau das Gleiche.“

„Wenn ich die Übersetzungsleistung allein in die Hand des Empfängers lege, fasst dieser in seine eigenen Worte, was er verstanden zu haben glaubt.“Claudius Kroker

Kroker fordert von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, ihre Themen verständlich zu übersetzen. Am Beispiel des Kontakts mit Medien verdeutlicht er, was passiert, wenn dieser Transfer nicht gelingt: „Wenn ich die Übersetzungsleistung allein in die Hand des Empfängers lege, fasst dieser in seine eigenen Worte, was er verstanden zu haben glaubt. Oder er berichtet gar nicht, wenn er es für seine Leserinnen und Leser nicht aufbereiten kann.“ Zwei Gefahrenpotenziale, die sich durch eine klare und eben konkrete Sprache meist vermeiden lassen.

Häufig sollen Forschende ihre Arbeit nicht für Leserinnen und Leser in einem verständlichen Text beschreiben, sondern sie sollen ihre Arbeit in einem kleinen Vortrag schildern – also Zuhörerinnen und Zuhörer erreichen. Den Unterschied verdeutlicht der professionelle Redenschreiber sehr anschaulich so: „Ein Text zum Lesen ist zweidimensional, letztlich ein Blatt Papier oder ein PDF. Eine Rede dagegen ist dreidimensional, denn hier geht es ergänzend um Dinge wie die Inszenierung, Tonfall, Gestik, Mimik und Pausen.“ Eben um Dinge, die eng mit der Person verbunden sind, die ein Grußwort, eine Rede oder einen Vortrag hält. In der Tat, jeder von uns weiß es aus eigener Anschauung: Charismatischen Menschen erschließt sich hier eine zusätzliche Chance, ihr Thema nicht nur in einer guten Sprache, sondern auch in Gestalt einer passenden non-verbalen Kommunikation zu vermitteln.

Einen eindrucksvollen Spagat unter anderem als Buchautor, Speaker, Blogger und als laute Stimme der Wissenschaft im Twitter-Gewitter bewältigt der Physiker Florian Aigner. Der Wissenschaftsredakteur an der TU Wien ist überzeugt: „Das Allerwichtigste in der Wissenschaftskommunikation besteht für mich in der Antwort auf die Frage: Wie kann ich nützlich sein? Es geht letztlich immer darum, den Zuhörern oder Lesern einen Mehrwert zu verschaffen.“

Was übrigens ein gewisses Maß an Bescheidenheit voraussetzt: „Manchmal mag man den Antrieb verspüren, sich selbst in Szene zu setzen, bekannter zu werden – aber das sind schlechte Motivatoren. Viel besser ist es, ganz konkret zu überlegen, was die Leute gerne wissen möchten.“ Das erweise sich fast schon ein Erfolgsgarant, denn wenn etwas nützlich sei, dann werde es auch gerne aufgenommen und weiterverbreitet.

Twitter als „Radikalversion“

Aber kommen wir noch einmal zurück auf einen gerade in der Wissenschaftskommunikation beliebten Social-Media-Kanal wie Twitter. Florian Aigner: „Na ja, Twitter ist natürlich die Radikalversion, weil man da weniger Platz hat als in fast jedem anderen Medium. Zudem ist nicht jedes Thema Twitter-geeignet. Was ich persönlich gerne mache: Ich schreibe häufig Twitter-Threads, also eine Kette von mehreren Tweets, die dann einen Text ergeben, der von der Länge her auch schon mal einem Zeitungsartikel entspricht.“

Aber es geht Aigner nicht darum, die Mechanismen eines solchen Mediums auszuhebeln. Sondern auch hier gilt für ihn: „Etwas kommt dann gut an, wenn es mit einem Nutzwert verbunden ist.“ Das gelte sogar, wenn er eine Geschichte erzähle, die einfach lustig sei und die damit ebenfalls einen gewissen Nutzen in Form von Unterhaltungswert transportiert – „da muss es gar nicht immer um wissenschaftliche Inhalte gehen“.

Ab und an werde er auf Twitter dafür kritisiert, etwas verkürzt dargestellt zu haben. Doch damit kann Florian Aigner gut umgehen: „Da muss ich dann sagen: Stimmt schon, aber der Vorwurf verkennt das Medium. Eine Botschaft in 280 Zeichen zu vermitteln, führt zwangsläufig zu einer Verkürzung. Ich darf in diesem Fall eben nicht Maßstäbe anlegen wie an einen wissenschaftlichen Vortrag oder an ein wissenschaftliches Paper. Das ist dennoch kein Grund, solch ein Medium nicht einzusetzen.“

„Etwas kommt dann gut an, wenn es mit einem Nutzwert verbunden ist.“Florian Aigner

Es braucht nicht viel Phantasie um sich auszumalen, dass unser Gehirn weniger Energie benötigt, wenn es einer elegant erzählten Geschichte aus der Wissenschaft folgen darf anstatt einen unverständlichen Textbrei verdauen zu müssen. Psychologinnen und Psychologen können auf eine lange Liste kognitiver Verzerrungen verweisen, die es uns etwas leichter machen, in unseren Gedanken ein einigermaßen stimmiges Bild unserer Welt zu malen. Aber eigentlich sollten wir ja dem eingangs erwähnten Ideal folgen, die Leserinnen und Leser mit einer klaren, anschaulichen Sprache so an die Hand zu nehmen und durch ein wissenschaftliches Thema zu begleiten, dass deren Gehirn das Ganze (wissenschaftlich: die Rezeption) nicht als Mühsal, sondern als Vergnügen empfindet.

Ein zentraler, immer wieder angeführter Gesichtspunkt lautet, sich auf das Zielpublikum einzustellen. „Das sind ja meistens Laien,“ bestätigt Antje Karbe aus Sicht der Hochschulkommunikation. Antje Karbe ist stellvertretende Leiterin solch einer Einrichtung an der Universität Tübingen und durfte sich über den vom Informationsdienst Wissenschaft (idw) vergebenen Preis für die beste Pressemitteilung des Jahres 2020 freuen. Ihr Appell in Bezug auf Menschen, die eben keine Fachleute sind: „Deswegen bedeutet das für die Anforderungen an einen Text: gut verständlich, wenig Fachbegriffe, aktiv formulieren – eben so, dass es ein Normalsterblicher verstehen kann. Das ist dann schon die halbe Miete!“

„Deswegen bedeutet das für die Anforderungen an einen Text: gut verständlich, wenig Fachbegriffe, aktiv formulieren – eben so, dass es ein Normalsterblicher verstehen kann.“Antje Karbe

Vieles lässt sich einfach sagen als gedacht

Welche Rolle spielt dabei die Vorarbeit, die Forschende in Gestalt gelungener Textentwürfe leisten können? Antje Karbe: „Das erleichtert uns die Arbeit natürlich sehr. Denn wir als Kommunikatorinnen und Kommunikatoren sind ja auch nicht in jeder Thematik drin. Wir müssen deswegen das Thema selbst erst verstehen, wenn wir es gut aufbereiten wollen. Um so schöner, wenn wir dazu einen bereits gut lesbaren Text bekommen. Das gilt um so mehr, wenn die Forschenden dann offen dafür sind, weiter gemeinsam am Text zu arbeiten.“ Da ist immer mal wieder ein bisschen Verhandlungsgeschick gefragt, aber dies gehört ja zum Job in Austausch zwischen Forschenden und Kommunizierenden. Antje Karbe jedenfalls hat die Erfahrung gemacht, dass ganz viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler offen sind für die Erkenntnis, dass man Dinge einfacher sagen kann als ursprünglich gedacht.“ Womit wir wieder beim Arbeitsaufwand für das Gehirn der Leserinnen und Leser wären. . .

Wenn es um gute Sprache geht, führt für viele altgediente Autorinnen und Autoren mit einem journalistischen beruflichen Hintergrund kein Weg vorbei an Wolf Schneider. Genau: der Journalist, Sachbuchautor, Kolumnist, Sprachkritiker und Träger des „Medienpreises für Sprachkultur“. Inzwischen 96 Jahre alt, hat der Gründungsdirektor der Hamburger Journalistenschule nichts an Leidenschaft in seinem Ringen um eine gute, klare Sprache verloren. Er mahnt im Gespräch mit wissenschaftskommunikation.de, dass Leserinnen und Leser stets willens sind, umgehend mit der Lektüre aufzuhören, wenn es zu schwierig oder zu langweilig wird. Die Geduld und das Interesse seien nun einmal begrenzt. In seinem Büchlein „Deutsch für junge Profis“ erteilt er schon im Vorwort einen Ratschlag in Sachen Lesefreundlichkeit. Ein Ratschlag, den er dort in sechs so simplen wie wahren Worten zusammenfasst: „Ganz ohne Plage geht das nicht.“

„Egal wie lang oder kurz, wie komplex oder unterhaltend ein Text werden soll, im Endeffekt geht es doch immer um genau das eine: Das Thema verständlich darzustellen.“Nicola Kuhrt

Eine Publizistin, die sich dieser Mühe tagtäglich unterzieht, ist die Hamburger Wissenschaftsjournalistin Nicola Kuhrt, Co-Gründerin und Chefredakteurin des Online-Medizinmagazins „MedWatch“. Sie bezieht sich in ihrer Sichtweise auf gelungene Text gerne auf Friedrich Dürrenmatt. „Schreiben ist das Bewältigen der Welt durch die Sprache.“ So lautet eine Botschaft des Schweizer Schriftstellers. Für Nicola Kuhrt folgt daraus: „Egal wie lang oder kurz, wie komplex oder unterhaltend ein Text werden soll, im Endeffekt geht es doch immer um genau das eine: Das Thema verständlich darzustellen. In diesem Sinne an der eigenen Sprache zu arbeiten, das stellt für mich stets eine schöne Herausforderung dar!“

Bis zur letzten Zeile

Wer diese Herausforderung meistert, bewältigt ein kleines Kunststück, das nicht annähernd so selbstverständlich ist, wie wir meinen: Dass die Leserinnen und Leser einen Text tatsächlich bis zur letzten Zeile lesen.