Foto: mundART by Lisa Krammer

Podcast „mundART“ – die Stimme(n) der Sprache

In ihrem Podcast bringt die Sprachwissenschaftlerin Lisa Krammer in regelmäßigen Abständen persönliche Geschichten mit linguistischen Themen zusammen. Wie ihr die Kombination von Unterhaltung und Wissensvermittlung gelingt und welche Erfahrungen sie in drei Jahren gesammelt hat, erzählt sie im Interview.

Frau Krammer, in Ihrem Podcast „mundART“ beschäftigen Sie sich mit dem Thema Sprache. Um was genau geht es Ihnen dabei?

Bei mundART geht es kurzgesagt um die Verknüpfung von linguistischen Themen und sprachlichen Lebenswelten. Das schwingt bereits im Titel mit: mundART. Einerseits Synonym für Dialekt und andererseits angelehnt ans Englische „art“ – die Kunst. Denn es geht eben nicht nur um Dialekte, es geht vielmehr um das gesamte Variationsspektrum zwischen Dialekt und Standarddeutsch. Mit meinen unterschiedlichen Gesprächspartner*innen möchte ich dieses Einzigartige und auch Künstlerische der individuellen Sprechweise zeigen.

Lisa Krammer forscht und lehrt an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien. Seit Juni 2018 beschäftigt sie sich in ihrem Wissenschaftspodcast mundART. Die Stimme(n) der Sprache mit der Verflechtung linguistischer Themen und persönlicher Lebenswelten. Foto: Lisa Krammer

Gleichzeitig versuche ich in jeder Folge linguistische Studien oder Fachbegriffe aus den Sprachwissenschaften oder auch tagesaktuelle Bezüge mit den Inhalten der Gäste zu verknüpfen und zu kombinieren. So bildet mundART, so hoffe ich, eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Denn, während die Wissenschaft an Daten und Evidenz interessiert ist, ist eine Privatperson doch eher zugänglich für Menschen und Geschichten. Verallgemeinert kann man das gut anhand von drei Aspekten frei nach Cicero beschreiben: delectare – der unterhaltende Aspekt , docere – der Wissen generierende Aspekt und movere – der bewegende, verändernde Aspekt. Alle drei Aspekte sind für einen Wissenschaftspodcast wichtig. Denn ansonsten schafft der Podcast nicht den Weg zu den Hörer*innen.

Wie wählen Sie Ihre Gäste aus?

Weil es grundsätzlich ein deutschsprachiger Podcast ist, ist Deutsch als Sprache das Hauptkriterium bei der Auswahl meiner Gäste. Ansonsten stammen die Gäste aus allen möglichen Lebenswelten und Bereichen. In der aktuellen Episode spreche ich mit Sohyi Kim, einer Köchin und Kochbuchautorin. Sie hat drei Restaurants in Wien und kommt ursprünglich aus Südkorea. Das bietet viel Gesprächsstoff – beruflich, aber auch sprachlich.

Mit meinen unterschiedlichen Gesprächspartner*innen möchte ich dieses Einzigartige und auch Künstlerische der individuellen Sprechweise zeigen.“Lisa Krammer
Andere Themen waren beispielsweise „Würstelstand“,  „Yoga, Sanskrit und Gesang“ oder „Dolmetschen und Übersetzen“. Das sind einerseits naheliegende Themen, die mit Sprache zu tun haben, aber auch Themen abseits davon – zum Beispiel die Sprache auf dem Fußballplatz oder in der Psychotherapie. Für zukünftige Episoden wären solche Bereiche spannend, an die man normalerweise nicht gleich denkt und zu denen der Zugang nicht so einfach ist – zum Beispiel Schauplatz Gefängnis oder Gericht, Kriminalpolizei oder auch Rotlichtmilieu.

Wie ist die Resonanz Ihrer Hörer*innen auf diesen bunten Mix?

Natürlich habe ich ganz treue Hörer*innen, die jede Episode hören, egal ob sie das jeweilige Thema anspricht oder nicht. Wenn Interessierte auf meinen Podcast stoßen und die Episoden durchschauen, wählen die meisten wahrscheinlich die Bereiche aus, die das eigene Interesse widerspiegeln. Insbesondere wenn der Podcast medial – zum Beispiel in einem Zeitungsartikel – erwähnt wurde, bekomme ich Feedback und Ideen zugeschickt. Dabei schlagen sich viele selbst als Interviewpartner*in vor oder teilen mir ihre sprachlichen Erfahrungen und ihre eigene Sichtweise mit. Und das ist toll, solche persönlichen Rückmeldungen und einen solchen Austausch zu haben.

Und was sagen Ihre Kolleg*innen zum Podcast?

Die fragen sich, woher ich die Zeit nehme. Das ist natürlich ein ganz wesentlicher Faktor. Ich habe den Eindruck, dass die Mehrheit das schon sehr bewundernswert findet und sich durchaus vorstellen könnte, selbst Wissenschaftskommunikation zu betreiben, sie aber der zeitliche Aspekt abschreckt. Unterm Strich ist es eben ein Hobby und passiert in der Freizeit.

Wie lange brauchen Sie ungefähr, um eine Episode zu produzieren?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich bin ich schneller geworden – Gott sei Dank! Ich habe eher schlechte Erfahrungen damit gemacht, die Vorbereitung an einem, die Aufnahme an einem anderen und den Schnitt drei Wochen später zu machen. Am besten ist, einen Tag für die Aufnahme und einen Tag für alles andere zu reservieren. Bei der Episode mit Sohyi Kim lief es sehr gut – mein neuer Rekord: Ich habe das Interview mit ihr am Samstag geführt – rund zwei Stunden mit Besprechung, Fotos, Gästebuch und Aufnahme. Geschnitten habe ich dann Montagnacht. Für den Schnitt brauche ich circa die doppelte Laufzeit – also zwischen zwei bis drei Stunden. Es kommt aber auf das Gespräch an. Es gibt Gespräche, da muss man weniger schneiden und weniger „eingreifen“. Und es gibt Gespräche, die eine aufwändigere Nachbearbeitung erfordern.

Den Podcast gibt es schon seit 2018 – also schon drei Jahre. Was hat den Anstoß dazu gegeben?

Schon während meines Lehramtsstudiums habe ich journalistisch gearbeitet und bekam ein Angebot für eine Festanstellung beim Österreichischen Rundfunk. Zu der Zeit war mein Studium aber noch nicht abgeschlossen, weshalb ich mich dagegen entschied. Dennoch wollte ich mit dem Journalismus und vor allem mit dem Medium Radio verbunden bleiben. Zwei Jahre später war dann der Podcast eine Art Weg zurück in den Journalismus. Inhaltlich war es dann naheliegend, meine beiden Lebenswelten – Sprachwissenschaften und Journalismus – dadurch miteinander zu verbinden.

Wenn Sie die letzten drei Jahre überblicken: Was ist Ihr größtes Learning?

„Ob man einen Podcast mag oder hört, hat also viel mit Sympathie und Subjektivität zu tun.“Lisa Krammer

Es gibt so viele – wo soll ich anfangen?! Ein Aspekt, der mir selbst immer wieder auffällt: Insbesondere beim Medium Podcast muss man bedenken, dass es ein sehr persönliches Medium ist. Man braucht wahrscheinlich nur in mundART hineinzuhören und entweder findet man meine Stimme sympathisch, oder nicht. Ob man einen Podcast mag oder hört, hat also viel mit Sympathie und Subjektivität zu tun. Man sollte deshalb nicht die Erwartung haben, allen in jeder Episode zu gefallen. Das geht einfach nicht. Zudem kommt es neben mir selbst auch ganz stark auf meine*n Gesprächspartner*in an. Manchmal erfährt ein Gespräch mehr Tiefgang, ist irrsinnig unterhaltsam oder man kommt in eine Art Flow. Und dann gibt es auch ernsthaftere, sachlichere Diskurse, die aber gleichermaßen mitreißend sein können. Zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation ist auf alle Fälle viel Zwischenmenschliches.

Das heißt, Sie führen die Gespräche spontan ohne Vorgespräch oder Probe? 

Genau. Es gibt die klassische Kontaktaufnahme via E-Mail, aber keine Fragen im Vorhinein. Wenn Gesprächspartner*innen Anhaltspunkte haben möchten, bekommen sie von mir die Themenbereiche oder Schwerpunkte des Gesprächs ein bisschen näher erläutert.

Der Podcast beschäftigt sich vor allem mit dem österreichischen Dialekt. Warum lohnt er sich auch für Personen außerhalb von Österreich?

Meine Gäste sind nicht alle aus Österreich. Es ist einfach bunt und divers und deswegen für alle geeignet. Die Themen, mit denen ich mich im Podcast beschäftige, sind zwar häufig auf den Wiener Dialekt gemünzt, aber auch sehr gut auf die Sprechweise der Hörer*innen in Deutschland anzuwenden.