Im Profil: Rüdiger Schacht

Schon als Jugendlicher hat Rüdiger Schacht seine Leidenschaft für das Schreiben und Fotografieren entdeckt. Im Jobprofil spricht er über den Wissenschaftsjournalismus als Traumjob und brotlose Kunst zugleich.

Karriereleiter, Karrieresprungbrett oder Karrierekarussell – wie war Ihr Weg in die Wissenschaftskommunikation?

Die Idee, einmal als Journalist zu arbeiten, entsprang meiner frühen Liebe zur Fotografie und dem Lesen von Reportagen wie etwa in GEO. So etwas wollte ich auch tun! Schnell war der Entschluss gefasst, bei unserer Oberstufen-Zeitung mitzumachen und erste Fotos und Geschichten zu produzieren. Neben meinem Studium suchte ich den Kontakt zur Lokalredaktion der Kieler Nachrichten und konnte dort erste Erfahrungen im „richtigen“ Journalismus sammeln. Allerdings war das zu diesem Zeitpunkt nur eine Episode. Das Geologie-Studium wollte abgeschlossen werden, denn die Doktorarbeit stand schon vor der Tür. Nach spannenden Jahren in der Meeres- und Klimaforschung zwangen mich die Folgen eines Verkehrsunfalls, meine Arbeit auf See niederzulegen. In der Neuorientierungsphase reifte dann der Entschluss, mich ganz dem Wissenschaftsjournalismus zu widmen – was ich auch tat.

Meine hauptsächliche Motivation über Wissenschaftsthemen zu schreiben, war die, über Veränderungen in der Natur zu berichten, die wir schon seit Jahren in den Ozeanen sahen. Die Welt sollte wissen, dass es bereits in den 1990er Jahren starke Hinweise auf eine sich rapide verändernde Umwelt und ein sich unglaublich schnell veränderndes Klima gab. Prozesse, die erdgeschichtlich über lange Zeiträume ablaufen, schienen im Zeitraffer voranzuschreiten. Es gab also viel aus der Klimaforschung zu berichten, was die Welt außerhalb der Wissenschaft wissen musste. Eigene Expertise war da und Themen gab es zuhauf. Aber wie anfangen? Wie die vielen Aspekte ordnen und dann auch noch in lesbare Geschichten verpacken, die neben den Informationen auch einen Unterhaltungswert haben und gelesen werden?

Der Einstieg in den Wissenschaftsjournalismus gelang über eine Hospitanz bei „Bild der Wissenschaft“ in Stuttgart. Hier lernte ich viel über das Handwerk des Schreibens und die Kunst der Informationsaufbereitung. Durch eine größere Geschichte im Blatt wurde eine überregionale Zeitung auf mich aufmerksam und wollte, dass ich für sie schreibe. Die Zusammenarbeit währte Jahre und war sehr fruchtbar. Ich schrieb primär zu Themen aus der Klima-, Polar- und Meeresforschung, konnte existierende Kontakte zu Forschern und Instituten nutzen und machte die Fotos zu meinen Geschichten meist selbst. Das war genau das, was ich immer machen wollte! Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad kamen Anfragen von anderen Redaktionen, NGOs und Instituten hinzu und ich konnte viele Bereiche, Länder und Kontinente aus der Sicht eines Journalisten erleben, die ich sonst nie gesehen hätte. Die Arbeit an einem Sachbuch zur Klimaforschung, mit dem ich große Teile meines Hintergrundwissens aus der Forschung weitergeben wollte, machte mir viel Freude. Was für ein fantastischer Beruf!

Was sind die größten Herausforderungen in Ihrem Job und warum lohnt es sich trotzdem jeden Tag?

Seit Mitte 2008 verschlechterten sich die Bedingungen für freie Journalisten zusehends und wurden spätestens ab 2013 existenziell. Was also tun? Weiter auf die Wende hoffen, dass es nicht noch schlimmer werden könnte? Es stellte sich irgendwann die Frage, ob man von diesem Job noch leben kann. Die Antwort war ernüchternd und lautete „Nein“.

Da ich nicht in der PR arbeiten wollte, wechselte ich in die Technische Redaktion. Auch hier gilt es, komplexe Sachverhalte zu erfassen, sie strukturiert und lesbar darzustellen und mit Abbildungen und Fotos zu illustrieren. Nach der eigenen Weiterbildung zum Technischen Redakteur bei der tekom arbeite ich freiberuflich und gebe als Dozent in der Ausbildung Technischer Redakteure mein Wissen weiter. Eine Arbeit, die viel Freude macht und in der ich viele Erfahrungen aus dem Wissenschaftsjournalismus  – etwa aus der Recherche – nutzen und vermitteln kann.

Und was ist aus dem ehemaligen Traumjob des Wissenschaftsjournalisten geworden? Er ist seither eher ein Hobby, das ich mit anderen Kollegen teile, die ihn auch nicht ganz aufgeben wollen. Viele Themen empfinden wir als zu wichtig, um sie allein der PR zu überlassen. So versuchen wir so gut es zeitlich und monetär geht, bei den „Riffreportern“ über die Themen zu berichten, die wir für wichtig halten. Und genau das ist der Punkt: in Zeiten von Web 2.0 und Fake News ist ein unabhängiger Wissenschaftsjournalismus, der Fakten überprüft, einordnet und für ein breites Publikum aufbereitet, wichtiger denn je. Leider haben sich die Arbeitsbedingungen derart verschlechtert, dass freie Journalistinnen und Journalisten kaum noch von Ihrer Arbeit leben können. Für eine aufgeklärte Informations- und Wissensgesellschaft ist dies meiner Ansicht nach eine höchst bedenkliche Entwicklung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation?

Was die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus angeht, so wünsche ich mir zum einen, dass er gerade in den Tageszeitungen überhaupt überleben kann. Außerdem hoffe ich, dass es zunehmend mehr Projekte und Initiativen wie die „Riffreporter“ gibt, in denen unabhängige Wissenschaftsjournalisten über relevante Themen aus der Forschung und Gesellschaft berichten, ohne sich an die Vorgaben und Weisungen ihres Auftraggebers halten zu müssen. Und letztlich auch, dass immer mehr Menschen die Relevanz unabhängiger Berichterstattung schätzen lernen und derartige Projekte auch finanziell unterstützen.


Foto: Rüdiger Schacht 

Rüdiger Schacht (Twitter: @drrs) ist promovierter Meeresgeologe, Sachbuchautor und schrieb viele Jahre hauptberuflich als freier Wissenschaftsjournalist, unter anderem für Die Zeit. Er setzt sich bei den Riffreportern für unabhängigen Journalismus ein.