Foto: DGUF/Daniel Stotzka

Im Profil: Diane Scherzler

Beim SWR engagiert sich die Wissenschaftsjournalistin Diane Scherzler für eine starke Zusammenarbeit mit Forschenden. Im Jobprofil erzählt sie von ihrem Weg, Klischees in der Wisskomm und gibt Tipps für die Zusammenarbeit von Forschung und Kommunikation.

Karriereleiter, Karrieresprungbrett oder Karrierekarussell – Wie war Ihr Weg in den Wissenschaftsjournalismus?

Schon als Studentin der Ur- und Frühgeschichte war es mir sehr wichtig, mich so auszudrücken, dass mein Gegenüber begreift, was ich sage. Und dass ich umgekehrt wirklich zuhöre, welche Ansichten z. B. ein Bauer bzw. eine Bäuerin, auf dessen Acker wir ausgraben, zu dem jungsteinzeitlichen Grab eines Kindes hat, das ich gerade wissenschaftlich dokumentiere. So bin ich im Gespräch schnell vom Klischee: „Habt ihr schon Gold gefunden?“ dahin gekommen, dass wir uns über die wirkliche Bedeutung einer wissenschaftlichen Ausgrabung unterhalten haben.

Beim Südwestrundfunk war ich ein paar Jahre nach Ende meines Studiums und nach einem journalistischen Volontariat mit dem Schreiben eines Hintergrundstücks beauftragt, das sich um die Plünderungen des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad drehten sollte: Warum ist es von großer Bedeutung, wenn im Irak ein Museum ausgeraubt wurde? Was geht uns das an? Da möchte das Publikum keine Sätze der Art: „Ohne das Gestern gibt es kein Morgen“ hören, sondern den Bezug zu sich selbst verstehen. Man ist Mathelehrkraft, arbeitet im Landratsamt oder im Verkauf, man studiert: Wieso also ist das Thema wichtig? Ich fand einen großartigen Gesprächspartner, aber ich fand keine Abbildungen, die ich hätte zeigen dürfen. Es gab damals, also 2003, keine Fotos, die Museen oder archäologische Institutionen schnell für Journalistinnen und Journalisten frei verfügbar gemacht hätten. Es gab nicht eine einzige Pressemeldung, mit der eine Fachinstitution sich geäußert und sich zum Gespräch angeboten hätte. Sie waren alle auf das hohe Tempo der Medien überhaupt nicht vorbereitet. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war das eine fremde Welt. Aber sie waren bestürzt und ratlos, dass außer der Meldung der Plünderung recht wenig über das Thema berichtet wurde.

Darüber sprach ich dann zunächst auf einem internationalen Archäologenkongress in Washington und begriff dort, dass es einen großen Bedarf gab, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nahezubringen, wie Massenmedien arbeiten, wie Journalistinnen und Journalisten ticken. Welche Themen sie auswählen, was Zeitdruck in der Redaktion bedeutet. Was man als Forschender tun kann – und das ist viel! – um die Wahrscheinlichkeit von Fehlern in journalistischen Berichten zu senken. Seitdem biete ich Medientrainings und Schreibkurse an, natürlich nicht nur für Archäologinnen und Archäologen, sondern für Forschende und Führungskräfte aller Disziplinen, beispielsweise Biologie, Soziologie, Umweltforschung und viele mehr.

Foto: DGUF/Daniel Stotzka

Auch beim Südwestrundfunk engagiere ich mich für eine starke Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Kolleginnen und Kollegen in den Wissenschaftsformaten sind dabei Vollprofis, aber Wissenschaft findet ja auch in Nachrichtensendungen statt, u.a. in regional orientierten Beiträgen. So habe ich beispielsweise 2012 „Forschung zu Gast im SWR“ initiiert, eine eintägige Veranstaltung im SWR Studio Tübingen. Dort haben wir in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Tübingen die Herausforderungen für qualitativ hochwertigen Wissenschaftsjournalismus aus dem Blickwinkel von Forschenden und SWR-Mitarbeitenden beleuchtet. Es wurde ein sehr wertvoller Tag für alle Beteiligten.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen und warum lohnt es sich trotzdem jeden Tag?

„Noch immer herrscht bei so einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Vorstellung, alle Journalistinnen und Journalisten seien oberflächlich und ahnungslos.“Diane Scherzler
Es gibt einige hartnäckige Klischees in der Wissenschaftskommunikation, die manchmal anstrengend sind. So hat mir einmal ein Wissenschaftsjournalist in Führungsposition ganz ernsthaft erzählt, was nicht in „Nature“ oder “Science“ publiziert werde, sei nicht würdig, in seiner Sendung thematisiert zu werden. Ich habe nichts gegen diese beiden Zeitschriften, aber schaut man nur auf sie, übersieht man sehr viel wegweisende und für die Menschen hochrelevante Forschung. Manch andere Journalistinnen und Journalisten glauben, es gebe keine Probleme beim Umgang von Wissenschaftlerinnen und Journalisten, denn sie hätten immer genügend Beiträge und tolle Kontakte zu Forschenden. Ja schon, aber dass es herausragende Forschende gibt, die grundsätzlich nicht mit dem Journalismus arbeiten wollen, übersehen sie bzw. es fällt ihnen gar nicht auf. Das bringt mich zur Seite der Wissenschaft: Noch immer herrscht bei so einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Vorstellung, alle Journalistinnen und Journalisten seien oberflächlich und ahnungslos. Guter Wissenschaftsjournalismus sei der, bei dem man seine wissenschaftliche Position unverändert gedruckt bzw. gesendet sehe. Was natürlich so gar nicht stimmt. Wer „zu viel“ in den Medien auftauche, sei kein ernsthafter Forschender. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verwechseln auch ganz gerne die Journalistin bzw. den Journalisten mit einem Erstsemester. Aber jedes einzelne Mal, wenn es gelingt, dass solche Klischees hinterfragt werden, hat sich alle Mühe vollauf gelohnt!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation?

Es gibt so viel großartige Forschung, die unser Leben bereichert. Ich wünsche mir, dass mehr Forschende davon erzählen wollen in Formaten, die zu ihnen und die zum Publikum passen. Formate wie Blogs und Podcasts machen hier schon vieles möglich, natürlich auch Erzählformen in den Social Media und nicht zuletzt die Entwicklung rund um den Open Access von Fachartikeln und Monographien. Von all dem bitte mehr!

Bonusfrage: Was ist Ihr erster Tipp für Forschende, die Ihre Zusammenarbeit mit Wisskomm-Praktikern, etwa Journalistinnen und Journalisten, verbessern möchten?

„Lassen Sie sich aufrichtig auf Ihr Gegenüber ein und versuchen Sie, die Dinge mit seinen bzw. ihren Augen zu sehen.“Diane Scherzler
Reden Sie beim Anruf einer Journalistin bzw. eines Journalisten nicht einfach drauflos, als wären Sie im Hörsaal oder auf einer Tagung, sondern hören Sie zu und fragen Sie: Wer ist das Publikum, für das der Journalist, die Journalistin den Beitrag macht? Was wissen diese Menschen (und stellvertretend für sie: was weiß die Journalistin bzw. der Journalist) schon vom Thema? Was ist ihnen fremd und muss erklärt werden? Am besten überlegen Sie sich schon einige Zeit vor einem Gespräch, inwiefern Ihre Forschung bedeutsam für das Publikum bzw. für unterschiedliche Öffentlichkeiten ist. Was müssen Sie erzählen, was sollten Sie weglassen? Wo hat das Publikum eventuell schon vorgefasste Meinungen, auf die Sie eingehen sollten? Was werden die Menschen wissen wollen; was wären ihre Fragen, könnten sie direkt mit Ihnen sprechen? Zusammengefasst also: Lassen Sie sich aufrichtig auf Ihr Gegenüber ein und versuchen Sie, die Dinge mit seinen bzw. ihren Augen zu sehen.