Foto: Bruno van der Kraan, CC0

Fakten? Welche Fakten?

Weder Fakten noch Logik allein könnten dazu führen, dass jemand einer bestimmten Schlussfolgerung zustimmt. Im Gastbeitrag analysiert der Wissenschaftstheoretiker Peter Monnerjahn die Debatte um das EuGH-Urteil über Genome-Editing. Von der Wissenschaftskommunikation wünscht er sich, dass sie eine kritische Haltung vorlebt. 

Am 25. Juli erging am Europäischen Gerichtshof (EuGH) ein Urteil, das viele Gemüter erhitzt. Bauernverbände und Grüne jubilieren: potenziell gefährlicher Gentechnik sei Einhalt geboten worden und Verbraucher seien besser geschützt. Aus der Wissenschaft hingegen kam die einhellige Kritik, dass einer vielversprechenden Technik ein Riegel vorgeschoben werde. Mit ihr könne man kostengünstig und viel gezielter als bisher beispielsweise hitze- oder schädlingsresistente Pflanzen erzeugen oder einzelne schädliche Gene ausschalten oder kaputte reparieren.

In einem Gastbeitrag auf Wissenschaftskommunikation.de schrieb Josef Zens darüber, dass es sich bei dieser Debatte um einen der leider üblich gewordenen „Glaubenskriege“ handele – und dass diese oft von Anfang an festgefahrenen Diskussionen ein Problem für die Wissenschaftskommunikation seien. „Fakten haben nur noch wenig Platz“, so Zens in einem Blogeintrag zum selben Thema. Andererseits müsse Wissenschaftskommunikation eben auch über „die Vermittlung von Fakten“ hinausgehen. Man müsse „transparent machen, wie man arbeitet und welche Werte (…) man vertritt“.

Da ist einiges dran. Es ist zweifelsohne richtig, dass allein die Betonung wissenschaftlicher Erkenntnisse kaum je einen Anhänger von Homöopathie oder einen Gegner der Gentechnik zu einem Umdenken bewegt hat. Aber warum eigentlich nicht? Geht es nicht schließlich um Fakten? Ebenso ist es wohl richtig, dass viele Personen, die gegen die bisherige Wissenschaftskommunikation weitgehend immun sind, von bestimmten Werten ausgehen. Diese halten sie für inkompatibel mit den ihnen kommunizierten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Zens’ Rezept dagegen: kommunizieren, welche Werte man selbst als Wissenschaftler vertritt. Aber warum sollte gerade das helfen? Dass allein die Präsentation einer Alternative niemanden beeindrucken muss, wissen wir ja schon aus der ebenso fruchtlosen Vermittlung von Fakten.

Hier scheint etwas Wichtiges in der Diskussion zu fehlen – und wie ich in einem Tweet auf die Ankündigung von Zens’ Gastbeitrag andeutete, hat die Wissens- bzw. Wissenschaftstheorie da ein paar Erkenntnisse beizusteuern. Und wie Zens sehe auch ich primär die Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation, die sich ja im Gegensatz zu ihrem Publikum beruflich mit der Materie beschäftigen, in der Pflicht, etwas dazuzulernen.


Zunächst müssen wir ein paar Fragen klären: Was kann eigentlich das Ziel von Wissenschaft sein? Was sind Fakten? Was ist eine Theorie, und wie kommen wir zu ihr? Welchen Zweck haben Experimente? Wann können wir Vorhersagen treffen? Was verstehen wir unter „Erklärung“? Und nicht zuletzt: Was ist Wissen?

Die erste entscheidende Erkenntnis der Wissenstheorie ist: Kein Teil des Prozesses, Wissen zu erlangen, ist unfehlbar. Weder gibt es unfehlbare Quellen des Wissens (also Autoritäten, die immer recht haben) noch können wir sicher sein, nirgends Fehler zu machen: in Argumenten, in Experimenten, in unserem Akzeptieren von etwas als Fakt. Das ist der wichtigste Grund, aus dem dieses als Ziel der Wissenschaft ausscheidet: sicheres Wissen zu erlangen. Wissenschaft kann nur zu vorläufigem, immer verbesserbarem Wissen kommen.

Die Erklärung, dass wir bestimmte Dinge einfach oft genug beobachten und dann aus den Beobachtungen sich eine Theorie oder Wissen selbst herauskristallisiert fällt aus demselben Grund aus. Diese als „Induktion“ bezeichnete Vorgehensweise ist in keiner Form auch nur logisch möglich. Zudem geht alles, das wir stringent als „Wissen“ bezeichnen können, über jegliche Beobachtungen hinaus: Dass wir zum Beispiel wissen, dass morgen wieder die Sonne aufgehen wird, liegt nicht daran, dass sie das bisher an jedem Tag getan hat, den Menschen beobachtet haben, sondern daran, dass wir ein theoretisches Wissen darüber haben, dass und wie sich die Erde um sich selbst als auch um die Sonne dreht.

Aus Fakten (sprich: beobachtbaren Aspekten der materiellen Welt) ist also keine Theorie ableitbar. (Fakten sind nicht einmal wahr oder falsch: Entweder etwas ist ein Fakt oder nicht.) Theorien sind daher immer verbesserbare Erklärungen für bestimmte Phänomene (Mengen von Fakten) der Welt, zum Beispiel für das Aufgehen der Sonne am Morgen. Und sie stehen noch in einem anderen Verhältnis zu Fakten: Sie können bestimmten Fakten widersprechen beziehungsweise bestimmte Fakten vorhersagen. Das Auffinden eines tatsächlichen Perpetuum Mobile würde etwa dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik widersprechen. Einsteins Relativitätstheorie sagte zum Beispiel die Ablenkung eines masselosen Teilchens durch Gravitation voraus. (Die hier verwendete Logik nennt sich Deduktion.)

Aus wissenschaftlichen Theorien sind also Aussagen logisch ableitbar, die in einem bestimmten logischen Verhältnis zu Fakten stehen können. Und hier kommt der Begriff Wahrheit ins Spiel:Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn sie mit den für sie relevanten Fakten übereinstimmt – wenn also die behaupteten oder implizierten Fakten tatsächlich Fakten sind. Die Aussage „Das Jahr 2017 war für Kassel das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen“ ist wahr, wenn die in Kassel beobachteten Temperaturen aller Jahre (die Fakten) tatsächlich für 2017 den höchsten Gesamtwert ergeben.

Wir suchen in der Wissenschaft also nach Theorien, die wahr sind und für interessante Phänomene der Welt gute Erklärungen liefern – und die zu besserem Wissen (also Wissenszuwachs) führen. Dafür müssen die Theorien unter anderem Vorhersagen machen, die in Widerspruch zu Fakten stehen können, sprich: Die Theorien müssen kritisch überprüfbar sein. Und zu guter Letzt nützt auch eine im Prinzip testbare Theorie nichts, wenn ihr Erfinder zum Beispiel jegliche Widerlegung bestreitet, weil er partout an der Theorie festhalten möchte. So wie Logik allein niemanden zwingen kann, einer bestimmten Schlussfolgerung zuzustimmen, kann auch eine gut (kritisch testbar) formulierte Theorie nichts nützen, wenn die zusätzlich nötige kritischer Haltung fehlt: der Wille, nach eigenen Fehlern aktiv zu suchen und sie nie zu verstecken.

Was lernen wir nun für die Wissenschaftskommunikation daraus? Wir wissen jetzt, dass weder Fakten allein noch Logik allein dazu führen können, dass jemand einer bestimmten Schlussfolgerung zustimmt. Wir wissen auch, dass wir betonen sollten, dass niemand sicheres Wissen für sich beanspruchen kann – auch nicht die Wissenschaft – und warum. Trotzdem können wir zu (objektiv) immer besserem Wissen kommen: Hier hängt es aber davon ab, dass wir erklären können, von welchen theoretischen Annahmen, Argumenten und Fakten unser objektives Wissen abhängt. Kritische Haltung muss auch vorgelebt werden: Man muss andere geradezu einladen, mögliche Fehler zu finden. Und nicht zuletzt soll das Publikum wissenschaftliche Erkenntnisse ja nicht nur akzeptieren, sondern verstehen, sprich: unabhängig nachvollziehen.

Im konkreten Fall der Diskussion um CRISPR heißt das zum Beispiel: Der EuGH sagt in seinem Urteil, dass mit CRISPR bewerkstelligte Mutagenese nicht unter die Ausnahmeregelung der betreffenden EU-Richtlinie falle. Darunter fallen nur Mutagenese-Verfahren, die „seit langem als sicher gelten“. Hier müsste man zum Beispiel erklären, dass diese induktive Annahme (bisher ist nichts passiert, also ist es wohl sicher) rationalem Denken widerspricht. Ebenso müsste man erklären, dass Wissenschaft zudem gerade nicht so funktioniert, dass Erkenntnisse aus einer langen Reihe von Beobachtungen gewonnen werden – sondern aus erklärungsstarken, wissenserweiternden, kritisch getesteten Theorien.

Und an manchen Stellen müssen wir dem Publikum auch sagen: Meinungsfreiheit bedeutet zwar, dass niemandem Nachteile erwachsen dürfen, nur weil er diese oder jene Meinung hat. Aber eine aufgeklärte Gesellschaft hat eben auch ein Interesse daran, dass öffentlich kundgetane Meinungen nach Möglichkeit genau dem kritischen Prozess entspringen, dem wir all unser Wissen verdanken. Für eine Erinnerung daran, dass zum Beispiel zwei verschiedene Aspekte einer Meinung sich widersprechen und man sie konsequenterweise also verbessern müsste, sollten wir alle sogar dankbar sein.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.