Foto: Jean Wimmerling, CC0

Gentechnik-Urteil – ein Glaubenskrieg, aber kein „Lost Cause“

Welche Lehren kann die Wissenschaftskommunikation aus der Debatte um das EuGH-Urteil über Genome-Editing ziehen? Josef Zens, Pressesprecher des Deutschen GeoForschungsZentrums, beschreibt im Gastbeitrag drei typische Fehler und wie man sie umgehen könnte.

Es ist wieder einer dieser Glaubenskriege, wie sie regelmäßig das Twitteruniversum heimsuchen: Jetzt geht es um CRISPR/Cas9, die „Genschere“, mit der kostengünstig, effizient und rasch sehr gezielte Erbgutveränderungen erzeugt werden können. Der Europäische Gerichtshof hat kürzlich geurteilt, dass durch CRISPR/Cas9 veränderte Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) anzusehen sind und damit der GVO-Richtlinie unterliegen. Das ist in sich schlüssig, denn es hat ja tatsächlich ein Eingriff ins Erbgut stattgefunden. Was viele Forschende jedoch kritisieren, ist der Umstand, dass ältere Verfahren der Mutagenese von dieser Regelung ausgenommen sind. Bereits bestehende Sorten, deren DNA mithilfe von Radioaktivität oder Chemikalien verändert wurde und die wir mit Genuss essen, gelten als sicher. Mittels CRISPR/Cas9 erzeugte Sorten dagegen müssen aufwendig geprüft werden, bevor sie im Freiland angebaut werden dürfen. Außerdem kritisieren die Forscherinnen und Forscher, dass sich die EU-Gesetzgebung und das Urteil nur am Prozess der Erzeugung orientieren – also am Eingriff ins Genom – und nicht am Resultat, sprich der letztlich daraus entstandenen Pflanze. Denn im Ergebnis sind Pflanzen, die mit CRISPR/Cas9 erzeugt wurden, naturidentisch. Sie sind nicht zu unterscheiden von natürlichen Pflanzen oder Züchtungen, die mit zufälligen Mutationen entstanden sind. Kritik am EuGH entsteht vor allem da, wo die Richter ihr Urteil damit begründen, dass die neuen Verfahren ein höheres Risikopotential haben, als klassische Gentechnik und alte Mutageneseverfahren. Letztere seien sicherer. Es gibt jedoch nach Stand der Wissenschaft keine Anhaltspunkte dafür, dass das so ist.

Das CRISPR/Cas9-System schneidet DNA präzise an einer bestimmten Stelle. So können bestimmte Gene gezielt aus dem Genom, also den Erbinformationen, herausgeschnitten werden. Gene werden dabei verändert und zum Beispiel an der Schnittstelle neue Abschnitte eingefügt. Die Methode ist schneller, präziser und kostengünstiger als bisherige Techniken, mit denen das Erbgut verändert werden kann. Foto: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DNA_com_GGN.jpg" target="_blank" rel="noopener"> Nogas1974</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">CC BY-SA 4.0</a>
Das CRISPR/Cas9-System schneidet DNA präzise an einer bestimmten Stelle. So können bestimmte Gene gezielt aus dem Genom, also den Erbinformationen, herausgeschnitten werden. Gene werden dabei verändert und zum Beispiel an der Schnittstelle neue Abschnitte eingefügt. Die Methode ist schneller, präziser und kostengünstiger als bisherige Techniken, mit denen das Erbgut verändert werden kann. Foto: Nogas1974, CC BY-SA 4.0

NGOs, Politikerinnen und Politiker, insbesondere von Bündnis90/Die Grünen, feiern das Urteil als Sieg der Verbraucherinnen und Verbraucher. Wissenschaftlich begründete Einwände lassen sie nicht gelten. Ich habe mehrfach gesehen, wie eine ehemalige Grünen-Vorsitzende, selbst promovierte Mikrobiologin, Accounts von Forschenden weggeblockt hat, die ihr – zugegeben zum Teil pointiert bis scharf – widersprachen.

Diskussionen werden entweder zunehmend aggressiv geführt oder gleich blockiert. Die Communitys bleiben lieber unter sich, lassen die Korken knallen (Bio-Riesling) oder lecken ihre Wunden und befeuern sich gegenseitig in ihrer Fassungslosigkeit vor der Verstocktheit der anderen™. Sehr rasch ist man dann bei persönlichen Beleidigungen. Ich selbst wurde von einer Journalistin und Gentechnik-Gegnerin eingeordnet als Mitglied eines „Pulks“ von Monsanto-Befürwortern, argumentierend wie „Maskulinisten und Rechte“, weil ich ihr Verständnis von Wissenschaft kritisiert hatte.

In Nullkommanix ist man also beim hässlichen Streit. In meinem eigenen Blog habe ich von einem Kommunikationsversagen der Forschenden gesprochen. Das möchte ich hier ein wenig weiter ausführen – und mich an die eigene Nase fassen.

Wenn ich von Versagen spreche, meine ich nicht ein Zuwenig an Information und auch nicht ein Zuwenig an Kommunikation. Wer wollte, konnte und kann sich immer noch über viele fantastische Twitter-Accounts von Pflanzenforschern, über Blogs oder auch in den Massenmedien sehr gut über Vor- und Nachteile der neuen Gentechnik-Verfahren informieren. Die Information ist da, und meines Erachtens ist sie auch niedrigschwellig genug. Gesendet wird genug, die Frage ist nur, ob auf der richtigen Frequenz. Wir haben hier eher ein Sender-Empfänger-Problem: Die einen argumentieren mit ihrem Fachwissen (und ein bisschen auch mit ihrer Zugehörigkeit zu Max Planck oder zum Club der Professorinnen und Professoren), die anderen mit Werten und Unbehagen (und mit ihrer selbst empfundenen Volksnähe).

Fehler 1: Das Versagen liegt woanders

Die Befürworterinnen und Befürworter der grünen Gentechnik sollten sich mal bei ihren Kolleginnen und Kollegen erkundigen, die Tierversuche machen. Ein zentrales Element der Kommunikation im Bereich Tierversuche ist die richtige Adressierung der richtigen Zielgruppe. Es geht nicht darum, einer ignoranten Politikerin eben ihre Ignoranz vorzuwerfen, sondern es geht darum, dieselbe Zielgruppe anzusprechen wie die Politikerin es tut. Man verkämpft sich sonst und wirkt als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler schnell rechthaberisch, schroff, kalt oder unmoralisch. Um den ersten Fehler auf den Punkt zu bringen: Anstatt sich mit ehemaligen Grünen-Vorsitzenden öffentlich zu streiten, sollte die interessierte Bevölkerung unaufgeregt adressiert werden mit Informationen und Beispielen.

In etwa so: Auf einem Weizenfeld von einem Hektar Größe befinden sich rund 200 Millionen Weizenkörner (okay, in der derzeitigen Dürre sicher weniger). Mutationen kommen natürlicherweise vor – und zwar rund 100 pro Korn. Das macht 20 Milliarden Mutationen in freier Natur. Bei nur einem Hektar (100 mal 100 Meter). Da soll man jetzt Angst haben vor einer einzigen weiteren, gezielt durch CRISPR/Cas9 eingebrachten Mutation?

Oder so: Glauben Sie, dass Pflanzen gerne gegessen werden? Nein, sie wehren sich mit Dornen, mit Bitterstoffen, mit Nesseln und Giften. 99,99 Prozent aller Gifte, die wir in der Nahrung zu uns nehmen, sind natürlichen Ursprungs und stammen von Pflanzen, die sich damit gegen Fressfeinde wehren.

Oder mit den Hinweisen, welche Obst- und Gemüsesorten denn bereits per Mutagenese mithilfe radioaktiver Strahlen erzeugt wurden, etwa bestimmte Grapefruit-Sorten oder Hartweizen für Pasta.

Fehler 2: Beide Seiten hören einander zu wenig zu

Angesichts eines Tweets wie diesem, fällt es schwer, die Contenance zu bewahren. Und ich will auch nicht in erster Linie versuchen, die Anderen™ zum Zuhören zu bewegen (deren Ignoranz ist deren Fehler). Vielmehr müssen wir – die Kommunikatorinnen und Kommunikatoren – sowie die Forschenden genau hinhören, um die Ängste und Sorgen der Menschen aufzunehmen. Dann merkt man, dass Hinweise auf „Golden Rice“ und dürre- oder hitzeresistente Pflanzen ihre Wirkung verfehlen. Dass man es eher mit einem „Clash of Cultures“ zu tun hat.

In der Debatte um Tierversuche habe ich oft das Vorurteil gehört, Biomedizinerinnen und Biomediziner seien von der Pharmaindustrie gekauft, machten Tierversuche nur des Geldes wegen und seien gar nicht an der Gesundheit interessiert. Viele Krankheiten seien ohnehin auf Lebensstil zurückzuführen, da brauche man doch nicht die „Chemie“-Keule. Auf einen Teil dieser Argumente habe ich hier vor einigen Jahren geantwortet. Ich sehe ähnliche Argumentationslinien bei Impfgegnern, bei Gentechnikgegnern und bei Tierversuchsgegnern: „Die Chemie“ ist böse, die Wissenschaft steckt mit Konzernen unter einer Decke, natürliche Prozesse und Gleichgewichte sollten nicht gestört werden, eine Art „Reinheit“ oder ein „Urzustand“ der Organismen und der Natur müssten erhalten bleiben.

Dazu gibt es eine interessante Theorie der moralischen Fundamente (Moral Foundations Theory). Demnach gibt es sechs hauptsächliche „Moral-Rezeptoren“ (als Analogon zu Geschmacksrezeptoren). Mitgefühl/Schaden; Fairness/Betrug; Freiheit/Unterdrückung; Loyalität/Betrug; Autorität/Subversion; Reinheit (engl. sanctity)/Unreinheit (engl. degradation).

Das Konzept zeigt, dass Gentechnikgegnerinnen und -gegner sowie Tierversuchsgegnerinnen und -gegner sehr an Reinheit hängen und Kontamination verteufeln. Wenn Forschende jetzt über Mitgefühl mit indischen Kindern sprechen, die Golden Rice vor Erblinden bewahren könnte, dann ist das ein anderer Wert als die „Verseuchung“ der „reinen Natur“ mit „Chemie“ und Gentechnik. Forschungsfreiheit als Wert an sich? Kein gutes Argument. Fairness im Sinne von Argumente anhören und wissenschaftlich fundiert abwägen? Falsches Argument.

Fehler 3 ist also: Wir senden vielfach auf falschen Frequenzen

Das mag man nun beklagen, aber diese alternativen Entscheidungslogiken werden davon nicht weggehen. Ich kenne Forschende, die transgene Mäuse züchten, aber gegen Gentechnik auf den Feldern sind. Und, übrigens, wenn alle Forschenden nur immer streng evidenzbasiert handeln würden, dann dürfte keine/r von ihnen rauchen, Alkohol trinken und auch Schnitzel mit Pommes in der Institutskantine wären „out“.

Wenn ich von Versagen spreche, ist das ehrlicherweise etwas unfair. Es ist ein rhetorischer Kniff, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und lenkt davon ab, dass ich selbst weder eine Patentlösung, noch immer alles richtiggemacht habe. Ich denke zwar, ich habe in der Debatte um Tierversuche ein bisschen was bewegt. Aber ich verfolge die Debatte um grüne Gentechnik näher, seitdem ich als Leibniz-Pressesprecher mit Feldzerstörungen in Gatersleben befasst war. Schon damals war klar: Es herrschte eine gesellschaftliche Akzeptanz oder zumindest ein gewisses Verständnis für radikale Gentechnikgegnerinnen und -gegner, die mit ihren Aktionen oftmals jahrelange Forschungsarbeit zerstörten. Ich hätte damals mehr tun sollen. Es ist wie so oft: Die guten Sachen fallen einem erst hinterher ein. Jetzt jedenfalls ist das Kind ziemlich tief in den Brunnen gefallen.

Wie weiter?

Nicht mit Polemik, wäre mein Rat. Vielmehr weiter sachorientiert argumentieren. Sich vernetzen und mit anderen austauschen (zum Beispiel Pro-Test oder EARA oder dem britischen Science Media Centre und dessen deutschen Pendant). Transparent machen, wie man arbeitet und welche Werte (gute wissenschaftliche Praxis steht bei mir an erster Stelle, Nahrungsversorgung, internationale Gerechtigkeit, Anpassung an Klimawandel) man vertritt. Ich glaube noch nicht an einen „Lost Cause“.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.