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Wie Interessenkonflikte das Vertrauen beschädigen

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing – viele Menschen glauben offenbar, dass die alte Volksweisheit auch für die Wissenschaft gilt. Studien zeigen: Mögliche finanzielle Interessen von Forschenden schaden dem Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird, sogar stärker als fachliche Makel.

1,4 Milliarden Euro: Mit dieser Summe unterstützt die deutsche Wirtschaft laut Hochschulwatch.de jährlich die Forschung an Hochschulen. Immerhin ein Fünftel aller Drittmittel in Deutschland kommt somit von Organisationen, die vor allem ökonomische Interessen verfolgen. Die damit verbundenen Befürchtungen sind bekannt: Geldgeber könnten etwa versuchen, auf die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in ihrem Sinne Einfluss zu nehmen, schreiben die Autoren des Projekts. Die oftmals große Abhängigkeit der Akademiker – gerade der Nachwuchswissenschaftler – von einem Fördertopf könnte aber auch indirekt ihre Arbeit beeinflussen, beispielsweise indem sie ihre Forschung stärker an Fragestellungen ausrichten, die für die Sponsoren wichtig sind.

Der Öffentlichkeit ist dieses Problem präsent, wie Umfragen belegen. So nannten die Befragten im aktuellen „Wissenschaftsbarometer“ die Abhängigkeit von Geldgebern als häufigsten Grund dafür, warum man Wissenschaftlern misstrauen kann. „Wenn es Hinweise darauf gibt, dass Forscher finanzielle Interessen haben, wirkt das dem Vertrauen besonders stark entgegen“, sagt auch Friederike Hendriks von der Universität Münster. 2015 untersuchte sie gemeinsam mit Kollegen, wie sich das Vertrauen von Menschen in Wissenschaftler beschreiben lässt. Dabei stellten sie fest, dass dieses aus mindestens drei Komponenten besteht: Neben dem Expertenwissen und der fachlichen Integrität gibt es das „Wohlwollen“ des Wissenschaftlers – also ob er im Interesse der Gesellschaft handelt und forscht.

Hendriks und Kollegen teilten den Probanden beispielsweise in einer Studie mit, dass einem Mediziner unterstellt werde, er habe schon einmal ein nicht ausreichend getestetes Medikament auf den Markt gedrückt, um so den Profit seiner eigenen Firma zu mehren. Das ließ das Vertrauen in ihn erwartungsgemäß dahinschmelzen (mehr über die Studie finden Sie in Friederike Hendriks Gastbeitrag „Vertrauen in die Wissenschaft – blind oder kritisch?“). Die Teilnehmer gingen offenbar nicht mehr davon aus, dass der Forscher im Interesse der Allgemeinheit handle, so Hendriks. Informationen darüber, dass ein Wissenschaftler Daten zurückgehalten hat, die zu seinen bisherigen Befunden im Widerspruch standen, schlugen sich ebenfalls in geringerem Vertrauen nieder (vor allem auf der Dimension „fachliche Integrität“). Finanzielle Interessenkonflikte scheinen aber insbesondere das Vertrauen in das Wohlwollen der Forscher deutlich zu beschädigen. Eine mögliche Ursache: Die tatsächliche Fachkenntnis eines Wissenschaftlers können Laien kaum beurteilen, genauso wenig die methodische Qualität der Forschung. Eine wirtschaftliche Abhängigkeit hingegen erscheint leichter zu verstehen, weil viele Menschen ähnliche Beispiele aus dem Alltag kennen.

Pillen auf weißer Oberfläche
Wenn es um ihre Gesundheit geht, reagieren viele Bürger besonders sensibel auf Interessenkonflikte von Forschenden – vor allem auf die Unterstützung durch Pharmafirmen. Foto: Thought Catalog, CC0

Zu ähnlichen Ergebnissen wie die Münsteraner Forscher – mit umgekehrten Vorzeichen – gelangte vor kurzem ein Team um Melanie Morgan von der Purdue University. Die Kommunikationswissenschaftler entwickelten einen Fragebogen, um wissenschaftskritische Einstellungen zu messen. Dabei entpuppte sich die Vorstellung, Wissenschaft sei unehrlich oder korrupt, als einer von vier hauptsächlichen Faktoren, aus denen sich eine negative Sichtweise auf Wissenschaft zusammensetzt (wir berichteten über die Studie im aktuellen Forschungsrückblick).

In einer weiteren, jüngst erschienenen Studie untersuchten Psychologen um Ralph Barnes (Montana State University), wie sich Informationen unter anderem zu Drittmitteln auf die Meinungsbildung von Lesern auswirken. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten wissenschaftliche Erkenntnisse beurteilen, nachdem sie verschiedene Angaben über die beteiligten Forscher erhalten hatten. Dabei zeigte sich: Wurde die Person eines Wissenschaftlers diskreditiert, führte das auch zur Ablehnung seines fachlichen Urteils – etwa wenn die Probanden die Information erhielten, dass der Forscher in der Vergangenheit bereits Daten gefälscht hat. Denselben Effekt hatte allerdings der Hinweis auf Beziehungen des Forschers zur Industrie. Dies erkläre möglicherweise, weshalb der Verweis auf Interessenkonflikte von Ärzten unter Impfgegnern so beliebt sei, sagen die Autoren. Speziell zu medizinischen Fragestellungen gibt es einige Studien, die zeigen, dass ein Sponsoring durch Unternehmen und auch finanzielle Verbindungen einzelner Forscher Widerspruch bei den Bürgern hervorrufen.

Bereits 2009 hatten sich die australischen Forscherinnen Christine Critchley und Dianne Nicol einer ähnlichen Fragestellung angenommen. Als Teil einer jährlichen großen Telefonbefragung wollten sie von 1.000 zufällig ausgewählten Australiern ihre Einstellungen zu therapeutischem Klonen wissen – abhängig davon, ob die entsprechende Forschung an einer Universität oder in einer privaten Firma stattfindet, und ob öffentliche oder private Gelder dafür verwendet werden. Dabei fühlten sich die Befragten etwas wohler damit, wenn die Förderung staatlicher Natur war. Noch deutlicher war der Effekt aber für die Art der Forschungseinrichtung: Privatfirmen, die das Klonen erforschen, trauten die Teilnehmer weniger über den Weg als Universitäten. Mit einer vergleichbaren Methodik fanden Critchley und Nicol 2015 heraus, dass Menschen eher bereit wären, zu Forschungszwecken Gewebeproben an eine Biobank zu spenden, wenn diese öffentlich statt privat betrieben wird.

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Foto: Aaron Burden, CC0

„Insgesamt ist noch eher wenig erforscht, wie sich die Bewertung von Wissenschaftlern ändert, wenn Interessenkonflikte bekannt werden“, fasst Friederike Hendriks zusammen. Es kristallisiere sich aber heraus, dass die Rezipienten in der Wissenschaftskommunikation gewissermaßen „allergisch“ darauf reagieren, wenn sie das Gefühl haben, ein Forscher versuche sie von etwas zu überzeugen, statt sie sachlich informieren zu wollen. Sei es, dass ein Klimaforscher sie aus persönlichem Eifer zum Klimaschutz bekehren möchte, oder dass ein Arzt ihnen ein Medikament empfiehlt, weil er Zuwendungen des Herstellers erhält.

Wie lässt sich nun der Eindruck, ein Forscher handle im eigenen Interesse, vermeiden? Speziell dazu gibt es noch keine Untersuchungen. Die Forschung zu ähnlichen Kommunikationsproblemen jedoch legt nahe, dass größtmögliche Offenheit ein Teil der Lösung sein dürfte: „Je früher man eine potenziell negative Information mitteilt, desto eher glaubt der Empfänger der Botschaft, dass man ihn ehrlich und transparent informieren möchte“, sagt Hendriks. Finanzielle Verstrickungen von Wissenschaftlern oder mögliche Interessenkonflikte auch in der Experten-Laien-Kommunikation direkt zu Beginn offenzulegen, könnte demnach vertrauensbildend wirken.