Foto: Timur Celikel

„macht.sprache.“ – ein Online-Tool für politisch sensibles Übersetzen

In einem einjährigen Prozess mit vielen Mitmachoptionen entwickelt ein Kollektiv aus zwei Wissenschaftlerinnen, einem Webdesigner und einem Programmierer eine Web-App, um für die politischen Dimensionen von Sprache zu sensibilisieren. Am Ende wird eine frei zugängliche technische Unterstützung für das Übersetzen daraus entstehen.

Sprache beeinflusst die Art und Weise, wie wir über Race1, Geschlecht, Sexualität, Zugehörigkeit und so weiter denken und sprechen und die Konzepte dahinter werden zum Teil sehr kontrovers diskutiert. Uneinigkeit über ihre Bedeutung herrscht also bereits innerhalb einer Sprache. Noch komplizierter wird es, wenn wir uns auf verschiedenen Sprachen mit ihnen auseinandersetzen. Unser Projekt macht.sprache. entwickelt daher eine Web-App, um politisch sensible Übersetzungen von Englisch nach Deutsch und Deutsch nach Englisch zu fördern. Über Crowdsourcing sammeln wir auf einer Online-Plattform Übersetzungsbeispiele, führen öffentliche Diskussionen, tauschen uns bei virtuellen Veranstaltungen mit Expert*innen aus, um letztendlich ein Tool zu erschaffen, das alle, die mit Englisch und Deutsch arbeiten, dabei unterstützt, mit politischem Feingefühl zu übersetzen. Auf die Idee kamen wir durch unsere eigenen Übersetzungserfahrungen:

In unserer Rolle als Herausgeberinnen des Online-Literaturmagazins poco.lit., aber auch als Wissenschaftlerinnen im Bereich der postkolonialen Studien, bemerken wir immer wieder, welche Herausforderungen die Übersetzung von sensiblen Begriffen und politischer Terminologie mit sich bringt. poco.lit. ist als Online-Magazin für postkoloniale Literaturen darum bewusst zweisprachig (Englisch und Deutsch) konzipiert, um den Austausch über sprachliche Kontexte hinweg zu erleichtern. Das gilt vor allem in Bezug auf wichtige Diskussionen über Zugehörigkeit, Diskriminierung, Vielfalt und Gerechtigkeit. poco.lit. zweisprachig zu betreiben, bedeutet aber auch, dass wir die Schwierigkeiten, die mit der Übersetzung sensibler Begriffe verbunden sind, aus erster Hand kennen. Wir übersetzen viele der Inhalte selbst in die jeweils andere Sprache und lernen ständig dazu. Besonders hilfreich empfinden wir den Austausch untereinander und möchten unsere Diskussionen gerne ausdehnen, indem wir weitere Menschen einladen, sich mit ihren Perspektiven zu beteiligen.

„Schon oft haben wir unangenehme Lesemomente in übersetzten Büchern erlebt, wenn diese die im Original enthaltene Sensibilität zu unterlaufen schienen.“ Anna von Rath und Lucy Gasser
Nicht nur beim Übersetzen der Inhalte für unser Online-Magazin und unsere zweisprachigen Social-Media-Kanäle stoßen wir auf Hindernisse: Auch in übersetzten Büchern, die wir auf poco.lit. besprechen, stolpern wir regelmäßig über unsensible Begrifflichkeiten. Schon oft haben wir unangenehme Lesemomente in übersetzten Büchern erlebt, wenn diese die im Original enthaltene Sensibilität zu unterlaufen schienen. Diskriminierung ist in Sprache eingebettet – was viele der Bücher, die wir auf poco.lit. besprechen, deutlich machen.

Die üblichen Übersetzungs-Apps haben kein politisches Feingefühl

„Bestehende Tools verwenden selten geschlechtersensible Sprache und ein Wort wie „queer“ wird manchmal sogar mit „komisch“ oder „schwul“ übersetzt.“ Anna von Rath und Lucy Gasser
Wie wohl immer mehr Menschen, die täglich Social-Media-Kanäle und andere Texte im Netz auf mehreren Sprachen teilen, probierten wir verschiedene digitale Übersetzungswerkzeuge aus. Schnell stellten wir fest, dass bereits existierende digitale Übersetzungstools in der Regel die Vorurteile reproduzieren, die den Mainstream-Diskurs prägen. Oder die Vorurteile ihrer Entwickler*innen – was in einer Branche, die von weißen Männern dominiert wird, fatal sein kann. Bestehende Tools verwenden selten geschlechtersensible Sprache und ein Wort wie „queer“ wird manchmal sogar mit „komisch“ oder „schwul“ übersetzt. Diese Übersetzungen von „queer“ machen die jahrelange harte Arbeit unsichtbar, derer es bedurfte, um sich den Begriff für selbstermächtigende politische Zwecke anzueignen.

Um diese vielschichtige Problematik in Bezug auf Sprache und Übersetzung direkt anzugehen, haben wir das Projekt macht.sprache entwickelt. Die Idee dazu entstand im Gespräch mit dem Webdesigner Timur Celikel von völlig ohne, der im letzten Jahr die Website von poco.lit. erstellt hat. Während wir das Projekt inhaltlich kuratieren und leiten, sind er und der Programmierer Kolja Lange bei der Entwicklung von macht.sprache. für die gesamte technische Umsetzung zuständig. Diese Arbeit passiert in ständigem Austausch miteinander: Kuratorisch ist es beispielsweise in einem Projekt über sensible Sprache absolut notwendig, diese Sensibilität auf der Plattform – also im Design und der Programmierung – widerzuspiegeln. So bekommen Nutzer*innen von macht.sprache. zunächst ein Content Warning und bereits als diskriminierend klassifizierte Begriffe sind mit einer Sichtbarriere versehen. Diese Sichtbarriere besteht darin, dass ausgewählte Begriffe nicht ausgeschrieben werden, sondern aus dem Anfangsbuchstaben und Sternchen bestehen. Nutzer*innen können sie im vollen Wissen, worauf sie sich einlassen, selbst ausstellen, wenn sie es für ihren Lernprozess als wichtig erachten.

Sichbarkeit schaffen, Diskussionkultur fördern, kollaborativ Wissen generieren

Mit macht.sprache. wollen wir mehr Sichtbarkeit und Bewusstsein dafür schaffen, wie Diskriminierung in und durch Sprache funktioniert, und wie diese Problematik in Übersetzungen manchmal verstärkt wird. Wir möchten eine Diskussionskultur rund um diese Probleme fördern und ein Werkzeug entwickeln, das hilft, sensibles Übersetzen in die eigene Arbeit zu integrieren. Um diese Ziele zu erreichen, haben wir uns in der Projektdurchführung für einen Ansatz mit drei Phasen und vielen Mitmach-Optionen entschieden.

 

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Wir wollen das Wissen, das in das finale Übersetzungstool einfließt, kollaborativ erarbeiten. Um also zu Phase drei zu gelangen, binden wir Interessierte in Phase eins und zwei ein, um von- und miteinander zu lernen. Die erste Phase beginnt im April. Auf einer Plattform sammeln wir dabei politisch sensibler Begriffe. Sie soll dazu dienen, Begriffe anhand von konkreten Übersetzungsbeispielen, denen Nutzer*innen beim Lesen von Büchern, Zeitungen oder Online-Medien, beim Fernsehen oder während eines Museumsbesuchs begegnet sind, zu diskutieren. Wir laden Menschen mit und ohne Fachwissen ein, sich zu beteiligen, da wir die Plattform als Lernort verstehen. Nach unserer Erfahrung können die Räume, in denen Diskussionen über politisch sensible Sprache stattfinden, oft etwas elitär sein. Doch Sprache betrifft alle Menschen direkt und alltäglich. Darum ist für uns Interesse an der Thematik und an konstruktiven Diskussionen die einzige Voraussetzung zum Mitmachen.

Die zweite Phase des Projekts wird darin bestehen, im Mai und Juni Online-Events zu veranstalten. Wir laden gezielt Sprecher*innen ein, um ihr Fachwissen und ihre Perspektive zu teilen. Die geladenen Gäst*innen bringen also eine Vielzahl von Stimmen und unterschiedliche Subjektpositionen in Bezug auf Diskriminierung ein. Sie kommen aus unterschiedlichen beruflichen Fachgebieten – sind etwa literarische Übersetzer*innen, Aktivist*innen, Verleger*innen oder Wissenschaftler*innen. Die Veranstaltungen können kostenfrei nach Anmeldung besucht werden und alle Inhalte werden langfristig auf poco.lit. als Text zum Nachlesen zur Verfügung stehen.

Während der ersten beiden Phasen begleiten wir das Projekt mit regelmäßigen Beiträgen auf unseren Social-Media-Kanälen, um größere Sichtbarkeit für macht.sprache. und die Thematik generell zu schaffen. Social Media trägt dazu bei, dass das gesamte Projekt einladend und zugänglich wird, da das zusammengetragene Wissen visuell ansprechend und in Kurzform öffentlich gemacht wird. Dabei ist es wertvoll, dass poco.lit. bereits eine existierende Online-Community hat und macht.sprache. nicht bei null anfängt. Eine der ersten Personen, die sich bereit erklärt hat, unsere Plattform vor Veröffentlichung auszuprobieren, sowie die Moderatorin unseres Launch-Events am 14. April zu übernehmen, ist Chidera Nitsche, @eine.schwarze.liest.buecher. Wir durften sie über Instagram kennenlernen.

„Nutzer*innen können dann einen Text einspeisen und das Tool wird die Begriffe anzeigen, die potenziell politisch sensible Dimensionen haben.“ Anna von Rath und Lucy Gasser
Das in den Phasen eins und zwei kollaborativ generierte Wissen wird in die Erstellung der endgültigen Web-App einfließen. Das finale Tool – also die tatsächliche Übersetzungshilfe – entsteht in der dritten Phase und wird ab November zur Verfügung stehen. Nutzer*innen können dann einen Text einspeisen und das Tool wird die Begriffe anzeigen, die potenziell politisch sensible Dimensionen haben. Nutzer*innen werden in Bezug auf diese Begriffe bedenkenswerte Hinweise erhalten, sowie mögliche Vorschläge für ihre Übersetzungen. Für welchen Begriff sie sich letztendlich entscheiden, liegt bei den Nutzer*innen selbst.

Wir beenden das Projekt im Dezember dieses Jahres, aber wir hoffen, dass es weiterentwickelt oder sogar für andere Sprachen übernommen wird. Das Übersetzungstool wird unter einer Creative-Commons-Lizenz für weitere Entwicklung zur Verfügung stehen.

Kick-Off der ersten Phase des Projekts ist ein Launch-Event am 14. April um 19:30 Uhr via Zoom. Ihr seid herzlich eingeladen, die Veranstaltung zu besuchen und euch an der Diskussion über die App zu beteiligen – machtsprache.de.


Projektsteckbrief

 

Ziel: Die Entwicklung einer Web-App, die allen hilft, die mit Sprache arbeiten, politisch sensibles Übersetzen in ihre (Kultur-)Arbeit zu integrieren.

Träger/Team: Anna von Rath und Lucy Gasser von poco.lit., Timur Celikel von völlig ohne und Kolja Lange

Budget: Für das Projekt haben wir eine Förderung des Berliner Senats in Höhe von 80.100,00€ erhalten. Für Digitalisierung im Kulturbereich gibt der Senat jährlich bis zu 150.000€ an mehrere Projekte.

Zielgruppe: Kulturschaffende und generell Menschen, die mit Deutsch und Englisch arbeiten und regelmäßig Texte verfassen.

Weitere Informationen: Machtsprache.de, Pocolit.com, Volligohne.de