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Hoch­schul­kommuni­kation – Auf die schiefe Bahn geraten?

An wen sollte sich Hochschulkommunikation richten? An Stakeholder und Politik oder doch an die Gesellschaft? Diese Frage stellt ein Beitrag von Mike S. Schäfer im Magazin „Forschung und Lehre“. Elisabeth Hoffmann (@einrehgehege), Pressesprecherin der Technischen Universität Braunschweig, bezieht Stellung.

Anfang dieser Woche habe ich einen Tweet von Mike S. Schäfer als Leseempfehlung an die Kolleginnen und Kollegen retweetet. Er enthält einen Beitrag des Züricher Kommunikationswissenschaftlers in „Forschung und Lehre“, der Mitgliederzeitschrift des Hochschullehrerverbands. Hochschullehrerinnen und -lehrer sind neben unseren direkten Leitungen und den Medienvertreterinnen und -vertretern unsere wichtigsten Ansprechpartner. Wir sollten wissen, was sie über uns lesen und diskutieren.

 


„Legitimationsbeschaffung statt Wissensvermittlung“ ist der Titel, und dementsprechend geht es bei Schäfer gleich zur Sache. Er berichtet von einem unserer Kollegen, für den die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens nicht im Zentrum seines Auftrags steht, sondern die Stakeholder-Kommunikation mit der Politik und Maßnahmen, um die besten Köpfe der Welt zu gewinnen.

Zunächst einmal spricht aus meiner Sicht überhaupt nichts dagegen, wenn wir unsere Kommunikationsmaßnahmen auf die strategischen Ziele unserer Hochschulen bzw. deren Leitung hin orientieren.  Deren Aufträge und Prioritäten abzuarbeiten, gehört zu unseren Aufgaben. Kolleginnen und Kollegen, die sich ausschließlich auf die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte konzentrieren können, gibt es kaum. Und natürlich sind auch die von Partikularinteressen determiniert. Ob Wissenschaftsvermittlung oder Stakeholder-PR – wir sehen die Welt immer durch die Brille unserer eigenen Einrichtung. Dafür werden wir bezahlt. Deshalb ist es konsequent, unsere Arbeit sauber vom Wissenschaftsjournalismus zu trennen und unsere Position transparent zu machen.

Halb so schlimm, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommunizieren selbst

Okay, aber wo bleibt nun die Wissenschaft? Verlieren wir nicht über die Stakeholder-Orientierung unsere wichtigsten und spannendsten Inhalte aus den Augen? In unserer Community diskutieren wir dies seit mindestens 20 Jahren immer wieder neu und kritisch. Unsere Debatte entzündet sich an den scheinbaren Polen „Kommunikation versus Marketing“. Dahinter stehen aber genau diese Fragen.

Nun ja, könnte man sagen, halb so schlimm, die Wissenschaftskommunikation passiert ja heute ohnehin anderswo. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommunizieren selbst. Sie bloggen, sprechen in Schulen, Rathäusern, Plenarsälen und auf Youtube, halten Science Slams und sind überhaupt hochgradig mit der Welt vernetzt. Sie können ja auch viel authentischer über ihre Arbeit sprechen als die hauptamtlichen PR-Leute. Politik, der Förderinstitutionen und Stiftungen haben inzwischen etliche Anreize dafür geschaffen.

Ein Plädoyer für die Wissenschaftskommunikation

Als Sprecherin einer Universität plädiere ich leidenschaftlich für die Wissenschaftskommunikation. Ich finde sie gerade heute als Beitrag zur gesellschaftlichen Aufklärung relevanter denn je, mit all ihren wunderbaren Formaten und den Instrumenten, ihre Wirksamkeit zu messen. Ich finde es großartig, dass die Wissenschaftskommunikation gerade so viel Aufmerksamkeit bekommt. Und ich freue mich über die vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die uneigennützig kommunizieren und zum Beispiel bei unserer anstehenden TU-Night das halbe Wochenende lang für die Besucher auf den Beinen sind, natürlich ohne dafür einen höheren Index irgendwo oder auch nur ein Lob zu erwarten.

Es gibt aber durchaus auch knallharte Motive für die Wissenschaftskommunikation. Durch die massenmediale Präsenz können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nämlich nicht nur die Altmetrics beeinflussen, also die Kennzahl basierte Reichweite in den sozialen Medien, sondern indirekt auch die klassischen bibliometrischen Faktoren.

Autsch! Kommunikation kann die Sichtbarkeit beeinflussen, auch innerhalb der Scientific Community und bei den Drittmittelgebern? Damit schnellt das Spannungsfeld „Legitimationsbeschaffung versus Wissensvermittlung“ mühelos eine Ebene höher, von den PR-Abteilungen hinauf zum „Gesamtsystem“ Wissenschaft.

Das Verwischen der Grenzen kann toxisch wirken

„Wissenschaftler und Hochschulen können diese Anreize kaum ignorieren: Viele andere spielen das Spiel ja mit, und wenn sie das nicht auch tun, verlieren sie an Boden – ein Dilemma“, sagt Mike Schäfer. Er sieht den Trend als unvermeidlich. Und mahnt: Wer mehr Kommunikation von Wissenschaft fordert, sollte sich dessen bewusst sein.

Das Verwischen der Grenzen zwischen der Relevanz von Wissenschaft und der Relevanz der Kommunikation darüber kann toxisch wirken. Die Gretchenfragen liegen ja auf der Hand: Was passiert hier mit den stillen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, mit Grundlagenforschung, mit Forschungsergebnissen ohne direkte Verwertbarkeit, mit schwer erklärbaren oder gar unbequemen Themen? Und bilden sich gleichzeitig Blasen aus denjenigen Themen, die gut erklärbar sind und Hypes bedienen?

Der Markenkern der Wissenschaft

Die Wissenschaft selbst muss dem entgegenwirken und tut das auch. Unter anderem mit dem Kardashian-Index, den der Genomforscher Neil Hall entwickelt hat, um die Diskrepanz zwischen der Social-Media-Reichweite von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und ihren wissenschaftlichen Publikationen zu veranschaulichen.

Auch wir PR-Verantwortlichen sollten kritisch über mögliche Auswirkungen nachdenken, die die Intensivierung von Kommunikation mit sich ziehen kann. Unabhängigkeit und immanente Selbstkritik gehören nämlich, um in unserem Jargon zu bleiben, zum Markenkern der Wissenschaft. So, wie die Kommunikation der Wissenschaft selbst eben auch zum Kern der Aufgabe einer Hochschulkommunikation gehört.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.