Foto: Waag Society, CC BY-NC-SA 2.0

Zwei Visionen für die Öffnung der Wissenschaft

Open Science und Citizen Science – für beide Konzepte gibt es vielfältige Definitionen, die sich teilweise überschneiden. Claudia Göbel arbeitet mit Praktikerinnen und Praktikern aus beiden Bereichen. Über Synergien und Felder für Zusammenarbeit berichtet sie im Gastbeitrag.

Die Konzepte von Open Science und Citizen Science werden aktuell viel diskutiert. Beide stellen Wissenschaft ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Mit ihnen werden Zukunftsvisionen auf der Basis gegenwärtiger Veränderungen in der Forschungslandschaft entworfen. Beide werden außerdem mit einer Vielzahl an Bedeutungen versehen, je nach Gebrauchskontext oder Vertreterinnen und Vertretern.1

Öffnung durch Technik oder Öffnung für Beteiligung

Katrin Vohland und ich haben Kernzuschreibungen von Open-Science- und Citizen-Science-Konzepten in der europäischen Wissenschaftspolitik untersucht und in unserem Beitrag „ Open Science und Citizen Science als symbiotische Beziehung?“ in der Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung dargelegt. Beide Konzepte thematisieren eine Öffnung von Wissenschaft. Allerdings stellen Narrative zu Open Science digitale Kommunikationstechnologien in den Vordergrund und beschreiben eine Öffnung durch Technik hin zu einer datengetriebenen Wissenschaft, die effektiver ist und deren Zwischenschritte zugänglicher sind als bisher. Demgegenüber beziehen sich Narrative zu Citizen Science in erster Linie auf Beteiligung. Angestrebt wird eine Öffnung für die unterschiedlichsten Formen von Partizipation von Ehrenamtlichen in Forschungsprozessen. Die Ziele solch einer Ausweitung der Beteiligten sind sehr unterschiedlich und reichen von der Generierung von Forschungsdaten bis hin zu einer inklusiveren Wissenschaft. Potenzielle Anknüpfungspunkte beider Konzepte untereinander haben wir dementsprechend bezüglich der Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen und -prozessen sowie hinsichtlich der Teilhabe ausgemacht.

<b>Open-Science und Citizen-Science-Kernkonzepte und Anknüpfungspunkte in der EU-Forschungspolitik</b>, Grafik reproduziert aus Vohland, Katrin; Göbel, Claudia, 2017: Open Science und Citizen Science als symbiotische Beziehung? Eine Gegenüberstellung von Konzepten, TATuP 26/1-2
Open-Science und Citizen-Science-Kernkonzepte und Anknüpfungspunkte in der EU-Forschungspolitik, Grafik reproduziert aus Vohland, Katrin; Göbel, Claudia, 2017: Open Science und Citizen Science als symbiotische Beziehung? Eine Gegenüberstellung von Konzepten, TATuP 26/1-2

Gegenseitige Verweise in der Praxis nehmen zu, bleiben aber einseitig und oft verkürzt

In letzter Zeit wird Citizen Science vermehrt in politischen Programmen und von verschiedenen Praxisgemeinschaften als Teil von Open-Science-Konzepten thematisiert. Beispiele sind das Wikimedia-Konzept von Offener Wissenschaft, das Open-Citizen-Science-Projekt der Finnischen Open Knowledge Foundation und die Open-Science-Agenda der EU-Kommission. Während die ersten beiden Konzepte recht vage in der Begriffsbestimmung bleiben, wird Citizen Science im EU-Papier mit drei Bedeutungsebenen assoziiert: Beteiligung der anonymen Menge (crowd) bei der Datengenerierung zu wissenschaftlichen Zwecken, crowd support in der Datenanalyse sowie Maßnahmen der Wissenschaftsbildung (siehe unser oben erwähnter Artikel).

Demgegenüber findet sich in der Citizen-Science-Praxis ein weitaus differenzierteres Bild. Hier gibt es beispielsweise auch nicht-datengetriebene Citizen-Science-Ansätze oder -Tätigkeiten und verschiedenste Formen der Interaktion der Beteiligten.2 Eine solche Verengung der theoretischen Konzeption von Citizen Science kann also problematisch sein. Zum einen in förderpolitischen Kontexten, wenn die einseitige Betonung von Zugänglichkeit die Entwicklung des relativ jungen Forschungsfeldes zulasten von Teilhabemöglichkeiten einschränkt. Zum anderen, wenn Praktikerinnen und Praktiker durch solch eine Polarisierung wertvolle Gelegenheiten zur kritischen Weiterentwicklung der Konzepte ungenutzt lassen.

Hinzu kommt, dass Citizen Science zwar in einigen Open-Science-Kreisen thematisiert wird, die Citizen-Science-Community sich umgekehrt jedoch bezogen auf das Open-Science-Konzept eher zurückhält. Einzelne Aspekte von Open Science werden bearbeitet, zum Beispiel sind Open Data und Open Access in den „Zehn Prinzipien guter Citizen-Science-Praxis“ des Vereins Europäischer Bürgerwissenschaften (ECSA) enthalten.  Seit einigen Jahren werden außerdem Arbeiten zur Daten-Interoperabilität vorangetrieben. Eine Positionierung zu Open Science als Ansatz insgesamt gibt es jedoch noch nicht. Erste Entwicklungen in diese Richtung haben wir im letzten Jahr ausgehend vom Museum für Naturkunde Berlin und der dort angesiedelten Geschäftsstelle der ECSA angestoßen. Die beiden oben genannten Herausforderungen der konzeptuellen Verengung – in der Förderpolitik und im Austausch mit anderen Praxisgemeinschaften – sind wichtige Eckpunkte für diese Arbeit.

Ein Positionspapier, um Synergien aufzuzeigen

Zur Frage, wo Zugänglichkeit und Teilhabe sich gegenseitig ergänzen können und was dazu gebraucht wird, haben wir im Rahmen der ECSA-Arbeitsgruppe „Citizen Science und Open Science“ und gefördert durch das EU-Projekt „Doing It Together Science“ (DITOs) ein Positionspapier erarbeitet. Dieser vierseitige Policy Brief richtet sich an Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen, die bereits zu einem der Themen arbeiten. Darin plädieren wir dafür, Synergien zwischen Citizen Science und Open Science stärker herauszustellen und in der Umsetzung zu fördern. Die Chancen erscheinen beachtlich – Vertreter beider Ansätze wollen große gesellschaftliche Herausforderungen in Angriff nehmen. Sie wollen auf schwindendes öffentliches Vertrauen in die Wissenschaft reagieren, zur Herstellung von öffentlichen Gütern und geteilten Ressourcen beitragen und Wissenstransfer sowie Innovationsfähigkeit fördern. Als Ansatzpunkte dafür gibt der Policy Brief Praxisbeispiele und identifiziert sechs Themenfelder: Offenheit, Inklusion und Empowerment, Bildung und Weiterbildung, Finanzierung, Infrastrukturen und Belohnungssysteme sowie weitere Forschung.  Außerdem haben wir die Gelegenheit genutzt und unsere Arbeitsprozesse und Zwischenergebnisse beim Schreiben des Positionspapiers öffentlich zugänglich dokumentiert – ein erster Schritt für die ECSA Arbeitsgruppen in Richtung offenere Wissenschaft!

Für eine kritische Weiterentwicklung in Theorie und Praxis

Die Diversität der Beiträge zu den Diskussionen in der Arbeitsgruppe hat noch einmal unterstrichen, wie wichtig es insbesondere beim Umgang mit politisch aufgeladenen Konzepten wie Teilhabe und Zugänglichkeit ist, immer wieder eine kritische Auseinandersetzung mit Blick auf die Werte, Annahmen und praktische Umsetzung solcher Ansätze wie Citizen Science und Open Science zu suchen. Einen guten Anknüpfungspunkt liefern hierfür beispielsweise die sieben Prinzipien einer offenen und kollaborativen Wissenschaft, die vom Open and Collaborative Science in Development Network (OCSDnet) erarbeitet wurden: Inklusive Infrastrukturen, Wissensallmende, nachhaltige Entwicklung, kognitive Gerechtigkeit, Recht auf Forschung, situierte Offenheit und faire Zusammenarbeit. Diese Prinzipien rufen dazu auf, nach Ungleichheit und Machtverhältnissen von Wissenschaftspraxis und -politik zu fragen, auch und insbesondere auf globaler Ebene. In welchen historischen, sozialen, kulturellen und politischen Kontexten sind Konzepte wie Open Science und Citizen Science entstanden? Welche Werte, soziale und ökonomische Dimensionen sind in Wissen und Technologien eingeschrieben? Wer ist in welchen Rollen an der Generierung von Wissen beteiligt?

 

 

Kritische Perspektiven wie diese weisen den Weg zu tiefergehenden Auseinandersetzungen mit Citizen Science und Open Science in Forschung und Praxis. Eine wichtige Aufgabe, um die hehren Ziele von offeneren Gesellschaften mit mehr Teilhabe an und größerer Zugänglichkeit von Wissenschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Eine Weiterentwicklung von Open Science und Citizen Science in diesem Sinne steht und fällt mit Möglichkeiten zum Austausch zwischen verschiedenen Perspektiven auf beide Konzepte und deren jeweilige blinde Flecken. Foren, wie zum Beispiel lokale Open-Science-Stammtische, nationale Citizen-Science-Netzwerke, ECSA auf europäischer und das Gathering for Open Science Hardware (GOSH) auf globaler Ebene, ermöglichen solche Diskussionen. Essenziell ist, neue Verbindungen zu schaffen und Stimmen einzubeziehen, die gegenwärtig nicht oder nur unzureichend vertreten sind. Dazu gehören zivilgesellschaftliche Organisationen in den angesprochenen Bereichen, Citizen Scientists und Akteure außerhalb Westeuropas und den USA.

Mehr zum Thema:

Grundlinien eines Konzepts von Open Science aus der Sicht von Citizen-Science-Praktikerinnen und -Praktikern wurden in einem Workshop zur Frage „Wie viel Offenheit braucht Citizen Science?“ auf dem Netzwerktreffen der deutschen Citizen-Science-Plattform Bürger Schaffen Wissen erarbeitet.

Webinar zu Citizen Science im Rahmen des von Wikimedia und dem Stifterverband organisierten Fellow-Programms „Freies Wissen“

Mercator Projekt zu Open Science am Naturkundemuseum

ECSA-Arbeitsgruppe zu „Citizen Science und Open Science“.

OCSDnet-Prinzipen bei Denisse Albornoz auf der OpenCon 2017, Recording der Session ab: 7:47)

 

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.