Foto: YES! – Young Economic Summit

YES! – Lösungsansätze von Schüler*innen ernst nehmen

Junge Menschen ermutigen, eigene Lösungen zu finden, klare Handlungs­empfehlungen auszusprechen und mit Entscheidungs­träger*innen zu diskutieren – darum geht es bei YES! Wir haben mit Projekt­leiter Willi Scholz über das nun vom BMBF prämierte „Bridge“-Programm gesprochen.

Herr Scholz, YES! Bridge wurde kürzlich mit dem Preis für Bildungs- und Wissenschaftsdiplomatie des BMBF ausgezeichnet: Was bedeutet die Auszeichnung für Sie und Ihre Arbeit?

YES! Bridge ist für mich ein absolutes Herzensprojekt. Als wir 2015 in der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und der Joachim Herz Stiftung mit dem deutschen Wettbewerb YES! – Young Economic Summit begonnen haben, war schnell klar, dass die globalen Themen wie etwa Klimawandel und Migration, die Schüler*innen und Forschende gemeinsam angehen, nach Ländergrenzen überschreitender Zusammenarbeit rufen. Dies war auch im Grundkonzept bereits angedacht.

Umso mehr freut es mich persönlich, dass nun durch die Auszeichnung von YES! Bridge eben dieser Weg noch intensiver eingeschlagen werden kann.

Worum genau geht es bei dem Projekt?

Willi Scholz ist seit 2015 General Manager des YES! – Young Economic Summit und Referent für wissenschaftspolitische Beratung an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Von 2016-2018 war er Adjunct Professor für Internationale Beziehungen am Vesalius College in Brüssel. Zuvor arbeitete er in verschiedenen Positionen am Institut für Weltwirtschaft (IfW) innerhalb des Zentrums Global Economic Symposium (GES). Zuletzt war er dort als Zentrumsleiter tätig. Er hat Politikwissenschaft, Anglistik/Amerikanistik und Mittlere und Neuere Geschichte studiert und in Politikwissenschaft promoviert. Foto: ZBW

Von Januar 2022 bis September 2022 arbeiten in YES! Bridge Schüler*innen aus weiterführenden Schulen (High Schools, Gymnasien, berufsbildende Schulen uvm.) aus den USA, dem Vereinigten Königreich und Deutschland mit Forschenden aus diesen Ländern zusammen.

Ziel ist es, dass die Jugendlichen aufbauend auf der Zusammenarbeit mit den Forschenden evidenzbasiert eigene Lösungsansätze für entwicklungs- und wirtschaftspolitische Themen erarbeiten, klare Handlungsempfehlungen aussprechen und in den Diskurs mit Politiker*innen einbringen. Dabei lernen sie, dass sie nicht nur Spielball der sozioökonomischen Realität sind, sondern diese proaktiv mitgestalten können.

Ihre erarbeiteten Lösungsansätze präsentieren sie einander auf nationalen Konferenzen, bei denen sie intensiv über die Themen diskutieren und selbst mit Hilfe einer demokratischen Wahl entscheiden, welche Gruppen ihr Land beim internationalen Finale in Deutschland vertreten werden. Dort wiederum diskutieren sie in einem Dialog der Generationen mit einschlägigen Expert*innen zu den jeweiligen Themen, können dadurch ihre Ansätze weiter schärfen und anschlussfähig für politische Akteur*innen gestalten. Gleichzeitig haben sie Gelegenheit, mit Schüler*innen aus Deutschland und aus anderen Ländern in den fachlichen Austausch zu treten. Durch diesen Prozess gelangen evidenzbasierte und passfähige Ansätze von Schüler*innen in den politischen Diskurs und die Teilhabe sowie das Verständnis für die Komplexität der Herausforderungen steigen bei der nächsten Generation im Vereinigten Königreich, den USA und in Deutschland.

Welcher methodischer Ansatz verbirgt sich dahinter?

YES! Bridge stellt ein mehrstufiges Verfahren dar. Zunächst wird über die Kick-Offs und Fachgespräche der wissenschaftliche Austausch zwischen jungen Erwachsenen und Forschenden forciert (edukative Wissensvermittlung). Beim Nationalfinale werden die Ansätze geschärft und die vielversprechendsten ermittelt (Austauschformate). Diese finden wiederum Eingang in das internationale Finale in Deutschland, bei dem bereits Politiker*innen erreicht werden (Veranstaltungen zum internationalen Austausch). Methodisch lässt sich das YES! Bridge in partizipative Wissenschaftskommunikation einordnen, die in diesem Projekt unter Beteiligung junger Erwachsener darauf abzielt, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse in allgemein verständlicher Form für Politiker*innen aufzubereiten, um so den politischen Entscheidungsfindungsprozess gewinnbringend zu fördern.

Diskussionsrunde mit dem späteren Sieger*innenteam des Werner-Heisenberg-Gymnasiums aus Weinberg beim Bundesfinale 2019. Foto: YES! – Young Economic Summit

Dabei setzt das YES! stark auf einen partizipativen Ansatz der Wissenschaftspopularisierung, indem es junge Menschen dazu ermutigt, mit wissenschaftlicher Unterstützung von Expert*innen an eigenen Ideen zu arbeiten (und zu lernen). Die Schüler*innen erhalten einen Einblick in verschiedene wissenschaftliche Methoden und können diese selbständig anwenden. Dadurch wird eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis hergestellt und die Schüler*innen lernen wissenschaftliche Arbeitstechniken kennen. Die Selbstwirksamkeit der Schüler*innen wird durch diese handlungsorientierte Methode, die Erarbeitung von Forschungsergebnissen und die Umsetzung der eigenen Ideen gestärkt. Durch die Auswahl des Themas, die Koordination des Vorgehens, die Erarbeitung von Lösungen für eine allgemeinere Anwendung und die Auswertung der eigenen statistischen Erhebungen und Ideen zeigen die Jugendlichen ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Schritt für Schritt erlernen sie rechtzeitig die notwendigen Fertigkeiten und machen praktische Erfahrungen mit dem Management von Projekten. Detailliertere Beschreibungen der angewandten Methodik finden sich in Linek/Scholz 2020.1

Flankiert wird die Arbeit der Forschenden durch die ZBW mit YES! Campus, einer Arbeits- und Lernplattform mit einer Vielzahl interaktiver Lernmodule zu Informationskompetenz, wissenschaftlichen Grundlagen, Literatursuche und dergleichen mehr. Neu hinzu kommt in YES! Bridge das Lernmodul „Bildungs- und Wissenschaftsdiplomatie“.

Was kann Wissenschaftsdiplomatie leisten?

Wissenschaftsdiplomatie kann dort Brücken bauen, wo es auf politischer Ebene schwierig ist, den Interessenausgleich optimal zu gestalten. So leisten in YES! Bridge die Schüler*innen einen entscheidenden Beitrag zu politischen Entscheidungsprozessen, denn so helfen sie der Politik mit ihren konkreten Handlungsempfehlungen den Interessenausgleich zwischen den Generationen besser zu adressieren und die Politik in allen drei Ländern dementsprechend auszurichten und Konflikte zu vermeiden. Darüber hinaus profitieren die Länder von einem intensiven themenbezogenen zivilgesellschaftlichen Austausch der jungen Erwachsenen untereinander und mit Forschenden.

„Durch YES! Bridge entstehen dauerhafte Partnerschaften unter den jungen Erwachsenen aller Länder und den beteiligten Forschungsinstituten, die über das YES!-Projekt hinaus Bestand haben.“Willi Scholz
Dabei entstehen dauerhafte Partnerschaften unter den jungen Erwachsenen aller Länder und den beteiligten Forschungsinstituten, die über das YES!-Projekt hinaus Bestand haben und wie im Fall der ZBW und der Universität Bristol zu einer mehrjährigen Partnerschaft geführt haben. So arbeiten dieses Jahr etwa Forschende vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, dem Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) und der RWTH Aachen mit Schulen aus den USA zu den Themen nachhaltiger Kakaoanbau, Preisabsprachen von Unternehmen und Geothermie zusammen.

Welchen Beitrag leistet YES! Bridge zur Wissenschaftsdiplomatie?

Wir glauben, dass sich die Ergebnisse des Projekts hervorragend für die Erhöhung der Sichtbarkeit und des Verständnisses von Bildungs- und Wissenschaftsdiplomatie eignen, da die jungen Erwachsenen ihre Arbeitsinhalte sowohl in Form einer Präsentation für physische und digitale Veranstaltungen als auch in Form eines Positionspapiers für den schriftlichen Austausch aufbereiten. Neben unseren eigenen vielfältigen Verbreitungskanälen entwickeln die Jugendlichen selbst Social-Media-Kanäle, Webseiten und Blogs und treten so selbständig in die Öffentlichkeitsarbeit ein. Dies hat zu unzähligen lokalen und regionalen Fachgesprächen mit Politiker*innen (Bundestags- und Landtagsabgeordnete, Ministerien auf Bundes- und Landesebene, kommunale Politik) geführt und zu einer Vielzahl an Print- und Onlineartikeln etwa in der ZEIT, den Kieler Nachrichten, der Märkischen Online Zeitung, einer Reihe von Fachmagazinen sowie weiteren Veröffentlichungen. Wir hoffen, dass die Auszeichnung mit dem Förderpreis „Raising the Profile of Education and Science Diplomacy“ die Sichtbarkeit des Projekts in allen Ländern noch deutlich erhöhen wird und gleichzeitig Deutschlands Strahlkraft in der Bildungs- und Wissenschaftsdiplomatie verstärkt.

Screenshot vom Introvideo zum digitalen YES! Bundesfinale 2020 mit Fotos unserer Expert*innen. Foto: YES! – Young Economic Summit

Welches Feedback erhielten Sie bisher von den Teilnehmenden – den Schüler*innen wie den Expert*innen?

Wir führen jedes Jahr eine Evaluierung durch, um das Projekt stetig zu verbessern. Dabei stellen wir fest, dass die Jugendlichen und die Lehrkräfte sehr zufrieden sind. Besonders hervorgehoben wird der direkte persönliche Austausch mit den Forschenden und dass die eigenen Lösungsansätze von den Erwachsenen sehr ernst genommen werden. Die Forschenden honorieren den frischen Blickwinkel auf ihr eigenes Thema und sind begeistert, wie intensiv und fachlich versiert sich viele Jugendlichen in die Themen einarbeiten.

Was ist für die Zukunft geplant?

Geplant ist, den Austausch mit den USA und dem Vereinigten Königreich fortzusetzen und noch gezielter den grenzüberschreitenden Dialog zu fördern. Gerade auch die Kooperation mit den USA steht im Fokus unseres langjährigen Kooperationspartners, der Joachim Herz Stiftung. Möglich ist zudem noch eine Ausweitung auf den DACH-Raum.


  • Mit einem weiteren mit dem Preis für Bildungs- und Wissenschaftsdiplomatie des BMBF ausgezeichneten Projekt, dem Projekt „BRIDGE” des Deutschen GeoForschungsZentrums, sprachen wir bereits: „BRIDGE – mit Wissenschaft Brücken bauen“