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„Wissenschaft, rauf auf die Barrikaden!“

Es reicht nicht, Wissenschaft besser zu erklären, um Skepsis in Zustimmung zu wandeln. Wissenschaft muss wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft. Ein Kommentar von Jens Rehländer, Leiter der Kommunikation Volkswagenstiftung, zum Siggener Impulspapier.

Wieder hat der Siggener Kreis in Klausur getagt und anschließend Zeugnis abgelegt über das, was die 20 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschafts-PR und -journalismus – auch eine (!) Wissenschaftlerin war laut Teilnehmerliste dabei – diskutiert und dann für überlieferungswürdig befunden haben. Der Titel des elfseitigen Impulspapiers 2017: „Wissenschaft braucht Courage“.

So, so.

Fehlende Ecken und Kanten

Es ist gut, dass es den Siggener Kreis gibt. Dass sich ausgewiesene Akteure der Wissenschaftsvermittlung jedes Jahr die Zeit nehmen, stellvertretend für den Rest der Branche „die Zukunft der Wissenschaftskommunikation“ (Selbstzuschreibung) auszuloten. Deshalb erwarte ich das Abschlusspapier jedes Jahr mit Spannung. Wobei die Spannung nicht mehr ganz so groß ist wie in den Anfangsjahren. Der Grund dafür: Es fehlt zunehmend an Ecken und Kanten. Der Siggener Kreis tritt mit seinen Befunden keinem auf die Füße.

Will er vielleicht auch gar nicht. Konfrontation ist gewiss auch kein probates Mittel, wenn man breite Akzeptanz erzeugen möchte. Andererseits: Eine mainstreamige Abhandlung, so kompetent in der Sache und so präzise in der Wortwahl sie auch sein mag, entzündet keinen Impuls. Weder einen zustimmenden noch ablehnenden.

Dabei möchte ich meine Worte auf keinen Fall als Schelte missverstanden wissen. Das Papier des Siggener Kreises ist eine exzellente Beschreibung all dessen, was gegenwärtig die Wissenschaftsskepsis nährt. Nur verschwimmt in den sorgsam differenzierten Ausführungen die eigentliche Botschaft, die der Siggener Kreis aussenden wollte, nach meinem Verständnis jedenfalls: „Wissenschaft, rauf auf die Barrikaden!“

Klingt alarmistisch? Aber ja! Denn noch immer wird meines Erachtens völlig unterschätzt, was sich im politischen Raum binnen kürzester Zeit vollziehen könnte: die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, zum Beispiel durch den Entzug von Fördermitteln. Auf dieses Risiko, das bislang niemand so recht wahrhaben will, weist der Siggener Kreis in seinem Papier hin, aber im Lauftext versteckt, so dass man den Passus leicht überliest:

„Wir sehen insbesondere in einer potenziellen Diskussion über die Angemessenheit der Forschungsfinanzierung erhebliches Konfliktpotenzial auf der Ebene einzelner Projekte ebenso wie auf der Ebene der Gesamtetats für Forschung in Deutschland und der Europäischen Union.“

„Ja, es könnten uns stürmische Zeiten bevorstehen.“

Wie die Politik der Forschung den Geldhahn zudreht, kann man in den USA, in Großbritannien, Polen, Ungarn, der Türkei usw. verfolgen. Kann in Deutschland nicht passieren? Da wäre ich mir nicht so sicher. Im Spiegel von vorletzter Woche (Heft 4/2018) gibt es eine kleine Nachricht über den AfD-Bundestagsabgeordneten Marc Jongen, der wissenschaftlicher Mitarbeiter „für Philosophie und Ästhetik“ (Institutswebsite) an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ist. Jongen könnte den Vorsitz des Kulturausschusses des Bundestages übernehmen und hat bereits große Pläne: „Unser Ziel ist es, die Förderkriterien grundlegend zu untersuchen und die bisherige Förderung politisch korrekter Projekte herunterzufahren.“

Ohne zu erklären, was Jongen – übrigens angeblich ein Sloterdijk-Schüler – mit „politisch korrekten Projekten“ meint, wird er weiter zitiert, dass es der AfD „um eine Entideologisierung der Kulturpolitik, hin zur Förderung von echter Qualität und Talent“ gehe. Wie Jongen „echte Qualität und Talent“ definiert, bleibt ebenfalls ungeklärt. Mir hat die Lektüre dieser Zeilen aber bereits einen Schrecken versetzt. Jongen spricht hier für die drittgrößte Bundestagsfraktion. Und wer wissen möchte, wie wissenschaftsfeindlich die AfD gesinnt ist, sollte ihr Parteiprogramm studieren.

Ja, es könnten uns stürmische Zeiten bevorstehen. Auch darauf weist der Siggener Kreis hin, aber wiederum so dezent, dass man es eher beiläufig wahrnimmt.

„Wir halten es für geboten, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Kommunikatorinnen und Kommunikatoren und insbesondere die Forschungsinstitutionen auf diese Diskussionen sorgfältig vorbereiten (…)“

Wer wollte dieser Empfehlung nicht beipflichten? Das Papier enthält einen Katalog von Maßnahmen, Verhaltensänderungen, Instrumenten, mit denen die Wissenschaftskommunikatorinnen und – kommunikatoren loslegen können. Bei der Lektüre allerdings drängt sich mir der Verdacht auf, dass auch in Siggen zumindest einzelne einem weit verbreiteten Irrtum anhängen: Dass man Wissenschaft bloß besser erklären muss, um Skepsis in Zustimmung oder sogar Euphorie zu wandeln.

Wissenschaft runter vom hohen Ross

Aber das funktioniert nicht. Denn zumindest in Teilen hat sich die Wissenschaft so weit von den Bedarfen der Gesellschaft entfernt, dass mancher sie als dem Gemeinwohl verpflichteter Zukunftsgestalter gar nicht mehr auf dem Zettel hat. Die Wissenschaft hat sich, in Teilen, in ähnliche Echokammern verabschiedet, in denen man auch die Wissenschaftsskeptiker und -leugner vermutet.

Wissenschaft muss deshalb wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft! Die Universitäten müssen offene Orte werden, für jedermann zugänglich. Nicht nur Studierendenbüros, sondern auch Bürgerbüros! Die Uni als Ausflugsziel für Schulklassen! Führungen durch Labors und Institute!

Bei Langen Nächten der Wissenschaft präsentieren sich Wissenschaftseinrichtungen als Wunderkammern. Ist das Feuerwerk abgebrannt, schließen sich für die Bürgerinnen und Bürger wieder die Türen. Was bis zum nächsten Event nach draußen dringt, wird sorgsam dosiert und abgewogen.

Will die Wissenschaft der Einschränkung ihrer Freiheit vorbeugen, muss sie runter von ihrem hohen Ross. Sie braucht keine Akzeptanz in der Bevölkerung, sondern sie braucht die Bevölkerung als verbündete Macht. Das kann man hinkriegen.

„Wissenschaft, rauf auf die Barrikaden!“ – Die Zukunft wird uns allen Courage abverlangen.

 

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