Foto: Dieter Groneberg

„Mir haben Vorbilder von Wissenschaftler*innen in den Sozialen Medien gefehlt“

Als @dieWissenschaftlerin lässt Amelie Reigl ihre Follower*innen auf Instagram und „TikTok“ an ihrem Alltag als Forscherin teilhaben und will so Wissenschaft verständlich und greifbar machen. Warum Sie aktiv wurde, wie sie die beiden Kanäle kombiniert und was sie an „TikTok“ reizt, erzählt sie im Interview.

Frau Reigl, als @dieWissenschaftlerin begeistern Sie Follower auf TikTok und Instagram. Was sind Ihre Themen?

Amelie Reigl ist Biologin und promoviert an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Als @dieWissenschaftlerin bringt die 26-Jährige Wissenschaft auf soziale Plattformen wie TikTok und Instagram. Foto: Dieter Groneberg

Wie der Name schon sagt, geht es um Wissenschaft und meinen Alltag als Wissenschaftlerin – sowohl privat als auch im Labor. Ich gebe gerne Einblicke in meine Forschung und teile mit, was mich gerade beschäftigt. Darüber hinaus versuche ich aber auch, Fragen aus dem Publikum zu beantworten, wie aktuell zu Corona. Insbesondere bei diesem Thema versuche ich auf beiden Social-Media-Kanälen Aufklärung zu betreiben.

Wie entscheiden Sie, welchen Kanal Sie für welche Themen nutzen?

Das kommt auf die Art der Inhalte an und wie sie präsentiert werden. Ein Video, das einem TikTok-Trend folgt, würde man auf Instagram im Zweifelsfall nicht verstehen. Und umgekehrt kann ich Posts von Instagram, wie zum Beispiel eine Infografik oder mein Format „das Paper der Woche“, nicht so einfach auf TikTok übernehmen. Es kann also sein, dass ich bei einem Inhalt ganz auf Instagram bleibe und zusätzlich eine Story dazu mache, anstatt darüber ein Video für TikTok zu erstellen.

Können Sie ein Beispiel für eine unterschiedliche Aufbereitung eines Themas für beide Kanäle nennen?

Ganz gut funktioniert hat es bei einem Video bei TikTok, in dem es um die individuelle Blutgruppe ging. Ich habe einen Test in einem Video gemacht und dabei erklärt, wie er funktioniert. Auf Instagram habe ich dazu dann noch eine Infografik erstellt und die verschiedenen Blutgruppen erklärt. So habe ich ein Thema auf zwei Kanälen und auf unterschiedliche Weise abgehandelt.

 

 

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Warum haben Sie überhaupt mit Wissenschaftskommunikation auf Social Media angefangen?

Ich war mit meinem privaten Account auf Instagram sehr aktiv. Dabei habe ich gemerkt, dass es zwar sehr viele Beauty-Tutorials gibt, ich nach wissenschaftlichen Inhalten aber sehr viel suchen muss. Als ich mich selbst gefragt habe, welche Wissenschaftler*innen ich kenne, kamen mir natürlich Albert Einstein oder Marie Curie in den Sinn, aber eben keine modernen Wissenschaftler*innen, die auf Instagram zu finden wären. Mir haben Vorbilder von Wissenschaftler*innen in den Sozialen Medien gefehlt. Damit stand ich vor der Entscheidung: Ich kann mich darüber beschweren, wodurch es aber nicht besser wird. Oder ich versuche, selbst als Wissenschaftlerin sichtbar zu werden. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte ich dann ein bisschen Zeit und so sind die Kanäle mit dem Titel @dieWissenschaftlerin entstanden.

Auf welcher Plattform sind sie gestartet? 

Im März 2020 habe ich auf TikTok mit @dieWissenschaftlerin losgelegt und, als ich 100.000 Follower hatte, zusätzlich den gleichnamigen Instagram-Kanal eröffnet. Ich finde es sinnvoll, beide Plattformen zu bespielen. Auf TikTok kann ich mich kreativ austoben und mit kurzen Videos, die nicht zu sehr in die Tiefe gehen, viele, vor allem junge Leute abholen. Auf Instagram kann ich auch längere Videos hochladen und zusätzlich Texte verarbeiten, um tiefer in das Thema einzusteigen.

Erreichen Sie so unterschiedliche Personengruppen?

Ja. Das merke ich zum Beispiel auch bei den Nachrichten oder Kommentaren. Die sind bei TikTok und Instagram sehr unterschiedlich. Bei Instagram scheinen viele meiner Follower*innen aus dem Bereich Wissenschaft zu kommen. Das merke ich daran, dass ich teilweise sehr fachspezifische und detaillierte Antworten auf eine allgemein gehaltene Frage bekomme. Das passiert auf TikTok eher selten. Dort sind viele meiner Follower*innen noch in der Schule oder am Anfang des Studiums – das legen zumindest viele der Kommentare nahe.

Welchen Einfluss hat Ihr Publikum auf die Themenwahl?

„Es ist ein Geben und Nehmen, denn als Wissenschaftlerin lebe ich doch oft in meiner eigenen Blase.“Amelie Reigl

Ich bekomme viele Vorschläge, Anregungen und Fragen von meinen Followern, die ich gerne aufnehme. Wenn es zum Beispiel schon die zehnte Frage aus dem gleichen Themengebiet ist, mache ich darüber auf jeden Fall ein Video. Es ist ein Geben und Nehmen, denn als Wissenschaftlerin lebe ich doch oft in meiner eigenen Blase. Dass manche Menschen zum Beispiel denken könnten, ein mRNA-Impfstoff könnte das eigene Erbgut beeinflussen, kommt mir nicht in den Sinn. Aber aus der Perspektive von jemandem, der kein biologisches Fachwissen hat, ist das eine wirklich relevante Frage, die beantwortet werden sollte. Auf solche Dinge machen mich meine Follower*innen aufmerksam.
Teilweise lerne ich durch ihre Fragen oder Kommentare auch etwas über andere wissenschaftliche Themen. Dann recherchiere ich selbst und berichte darüber. Das macht mir viel Spaß.

Ihre TikTok-Aktivitäten werden längst auch von deutschen Medien wahrgenommen. Erfahren Sie – jenseits der medialen Aufmerksamkeit – auch Anerkennung aus dem Kolleg*innenkreis?

Meine Kolleg*innen halten Wissenschaftskommunikation auf jeden Fall für wichtig und finden es toll, dass ich mich engagiere. Es fällt ihnen und auch mir jedoch schwer einzuschätzen, wie mein TikTok-Kanal einzuordnen ist. So weiß ich beispielsweise nicht, wie viel ich mit einer Followerschaft von 307.000 auf TikTok erreiche. Es gibt ja Kanäle, die wesentlich mehr Follower*innen haben. Im Großen und Ganzen bin ich allerdings froh darüber, dass doch so ein großes Interesse an wissenschaftlichen Inhalten vorhanden ist.

Wie hat sich Ihre Arbeitsweise in Bezug auf @dieWissenschaftlerin verändert?

Das spontane Arbeiten ist dem Strukturierten gewichen. Ich habe angefangen, Checklisten anzulegen. Wenn ich morgens aufwache, nehme ich sie zur Hand und weiß, wie viele Videos ich für den Tag noch schneiden und welche ich noch in die Entwürfe hochladen muss. Dort habe ich mir auch notiert, welche Inhalte ich machen möchte und dementsprechend vorbereiten muss. Außerdem überlege ich mir mittlerweile ein stärkeres Konzept für die Drehs. Ich habe eine Liste mit Themen, die ich zeitnah bearbeiten möchte, oder auch schon fertige Konzepte, sodass ich sofort mit dem Videodreh beginnen kann. Teilweise kommen aber trotzdem kreative Einschübe. Dann mache ich Videos, die ich gar nicht geplant hatte – einfach, weil es mir gerade Spaß macht. Das ist ein wichtiger Punkt bei mir: Wenn mir etwas keinen Spaß macht, dann bleibe ich nicht dran.

Wie viel Zeit investieren Sie ungefähr in einen Post? 

Das kommt wieder einmal ganz auf das Thema, aber auch auf die Tagesform an. Eine Infografik für Instagram ist zum Beispiel doch sehr zeitintensiv, weil es sehr viel Literaturrecherche bedeutet und ich mir erst mal überlegen muss, was ich damit aussagen will. Aber auch bei einem TikTok-Video kann es sein, dass ich ein 5-Minuten-Video aufgenommen habe und am Ende dann doch nicht das rauskommt, was ich gerne gesagt hätte. Dann nehme ich mir das an einem anderen Tag noch mal vor und mache mir ein richtiges Konzept. So kann es sein, dass ich für ein 20-sekündiges Video insgesamt auch mal zwei bis drei Stunden brauche. Andere Videos drehe ich einfach runter und es funktioniert auf Anhieb klasse.

Ihre drei Argumente für Wissenschaftskommunikation auf TikTok sind?

Zum einen kann man eine junge Zielgruppe erreichen. Zum anderen hat man auf TikTok mehr „Kreativitätsdruck“ als auf Instagram, wobei der Druck hier nicht negativ gemeint ist. Ich finde Wissenschaft unglaublich spannend und für TikTok will und muss ich das Thema auch interessant aufbereiten, um meine Zielgruppe zu erreichen. Und der dritte Punkt: Ich finde es wichtig, dass man alle Plattformen bespielt. Dabei muss nicht eine Person alle Plattformen bespielen, aber es sollte überall Wissenschaft oder eben Wissenschaftskommunikation vertreten sein. Denn genau das hat mich zu @dieWissenschaftlerin motiviert. Ich will Wissenschaftskommunikation und Vorbilder von Wissenschaftler*innen sehen – egal ob auf Facebook, Instagram oder TikTok.