Foto: Petri Heiskanen

Kurz vorgestellt: Neues aus der Forschung im August 2022

Welche Faktoren und welche Personen tragen zur Entwicklung von wissenschaftlichem Populismus bei? Auf welche Weise werden spezifische Zielgruppen in Europa über Covid-19-Impfstoffversuche informiert? Das sind Themen im Forschungsrückblick für den August.

In unserem monatlichen Forschungsrückblick besprechen wir aktuelle Studien zum Thema Wissenschaftskommunikation. Diese Themen erwarten Sie in der aktuellen Ausgabe:

  • Wovon hängt es ab, ob Menschen wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen entwickeln? Eine Schweizer Studie weist darauf hin, dass diese eher im rechten und gemäßigten politischen Spektrum zu finden sind. 
  • Wie umfassend informierten öffentliche Quellen in Europa zu Covid-19-Impfstoffen und Impfstoffstudien? Welche Zielgruppen wurden dabei angesprochen? Das hat eine Studie des Forschungsnetzwerkes VACCELERATE untersucht. 
  • Welche Rolle spielen prominente Personen für Communities, die alternative Visionen von Wissenschaft vertreten? Ein italienisches Forschungsteam hat die Kommunikation in zentralen Online-Räumen von drei verschiedenen Bewegungen analysiert. 
  • In der Rubrik „Mehr Aktuelles aus der Forschung“ geht es unter anderem um Citizen-Science-Projekte und Risikokommunikation. 

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Wissenschaftsbezogener Populismus in der Schweiz

Ob Covid-19 oder Klimakrise: Wissenschaftliches Wissen stößt gerade bei umstrittenen Themen immer wieder auch auf Widerstand und Ablehnung. Niels G. Mede und Mike S. Schäfer von der Universität Zürich haben mit Julia Metag und Kira Klinger von der Universität Münster untersucht, wie stark sogenannter wissenschaftsbezogener Populismus in der Schweizer Bevölkerung verbreitet ist – und mit welchen demografischen Faktoren er zusammenhängen könnte. 

Methode: Niels G. Mede und Mike S. Schäfer konzeptualisieren wissenschaftsbezogenen Populismus als Variante des Populismus, der sich auf wissenschaftliche statt auf politische Autoritäten bezieht. Dafür müssen vier Bedingungen erfüllt sein: Es wird angenommen, dass ein Gegensatz zwischen einer als einfach, aber tugendhaft angesehen Bevölkerung (1) und einer als unmoralisch und korrumpiert verstandenen akademischen Elite (2) herrscht. Wahrheitsansprüche dieser akademischen Elite werden infrage gestellt und das Wissen der „einfachen Leute“ als überlegen angesehen. Daraus ergibt sich die Forderung nach der Entscheidungshoheit der Bevölkerung über Forschungsprojekte und deren Finanzierung (3) sowie das Recht darauf, selbst „wahres Wissen“ zu definieren (truth-speaking sovereignty, 4).

Die Vergleiche mit Referenzstudien legen nahe, dass wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen in der Schweiz weniger verbreitet sind als politischer Populismus.
Die Forschung habe bisher nicht eindeutig gezeigt, inwiefern soziodemografische Faktoren wie Alter, Wohnort oder politische Orientierung mit wissenschaftsbezogenem Populismus zusammenhängen, schreiben die Autor*innen. Für ihre Untersuchung nutzen sie Daten aus einer repräsentativen, 2019 für das „Wissenschaftsbarometer Schweiz“ durchgeführten Umfrage unter rund tausend Schweizer*innen. Dabei wurden demografische Variablen sowie die Nähe zur Wissenschaft abgefragt – etwa indem die Teilnehmer*innen beantworten sollten, ob sie persönlichen Bezug zu Wissenschaftler*innen haben.  

Wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen haben die Autor*innen mit der von Mede, Schäfer und Füchslin entwickelten Umfrageskala „SciPop Scale“ gemessen. Die Befragten sollten dafür unter anderem auf einer Skala von 1 bis 5 bewerten, wie sehr sie Aussagen wie „Wissenschaftler*innen sind nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht“ zustimmen. Aus den Antworten berechneten die Autor*innen einen individuellen „SciPop-Score“1. Ihre Ergebnisse zu wissenschaftsbezogenen populistischen Einstellungen verglichen sie mit aktueller Forschung zu politischem Populismus. Um Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wiederholten sie Berechnungen der Referenzstudien mit eigenen Werten. 

Ergebnisse: Wissenschaftsbezogener Populismus ist in der Schweizer Bevölkerung kaum verbreitet: Nur 2,8 Prozent der Befragten weisen in allen vier Bereichen hohe Zustimmungswerte auf. Rund 55 Prozent zeigen in mindestens einem der vier Bereiche eine ablehnende Haltung. Die Vergleiche mit Referenzstudien legen nahe, dass wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen in der Schweiz weniger verbreitet sind als politischer Populismus. 

Teile der Schweizer Bevölkerung befürworten jedoch einzelne Bereiche des wissenschaftsbezogenen Populismus. Die höchste Zustimmungsrate erhielten Vorstellungen von der einfachen, tugendhaften Bevölkerung und die Forderung, dass der „gesunde Menschenverstand“ einfacher Leute wissenschaftlichem Wissen überlegen sein sollte. Etwas weniger stark vertreten ist die Forderung nach mehr Einfluss der Bevölkerung auf die Arbeit von Wissenschaftler*innen und negative Vorstellungen von der akademischen Elite. 

Insgesamt zeigten sich nur geringe Zusammenhänge zwischen soziodemografischen Merkmalen und wissenschaftsbezogenen Populismus. Unter anderem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Befürworter*innen seltener einen Hochschulabschluss haben, eine geringere Nähe zur Wissenschaft aufweisen und eher nicht in der italienischsprachigen Schweiz leben. Sie haben mehr Interesse an Wissenschaft, aber eine geringere naturwissenschaftliche Grundbildung als Menschen, die wissenschaftsbezogenen Populismus ablehnen. Detailliertere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Forderungen nach Definitionsmacht von Wahrheit eher von Menschen erhoben werden, die älter sind, keinen Universitätsabschluss und eine geringe Nähe zu Wissenschaft haben. 

Eher links orientierte Befragte vertreten mit geringerer Wahrscheinlichkeit wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen als Befragte aus dem rechten oder gemäßigten politischen Spektrum.
Weitere Analysen zeigen, dass eher links orientierte Befragte mit geringerer Wahrscheinlichkeit wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen vertreten als Befragte aus dem rechten oder gemäßigten politischen Spektrum. Rechtsgerichtete und gemäßigte Befragte unterscheiden sich in ihren SciPop-Werten nicht signifikant.

Schlussfolgerungen: Nur eine Minderheit der Schweizer*innen unterstützt das gesamte Spektrum des wissenschaftsbezogenen Populismus, in einzelnen Teilbereichen gibt es jedoch deutlich mehr Zustimmung. Die Autor*innen schließen daraus, dass eine große Anzahl von Menschen das Potenzial hat, Unterstützung für die ganze Bandbreite wissenschaftsbezogener populistischer Ideen zu entwickeln. Allerdings halten sie diese Entwicklung gegenwärtig für weniger wahrscheinlich als ein Erstarken des politischen Populismus. 

Die Ergebnisse deuten laut der Autor*innen darauf hin, dass wissenschaftsbezogene populistische Einstellungen unter den Schweizer*innen relativ gleichmäßig verteilt und nicht sehr stark an bestimmte demografische Faktoren geknüpft sind. Allerdings sei es möglich, dass wissenschaftsbezogener Populismus nur unter bestimmten Umständen – beispielsweise abhängig von spezifischen Themen – mit Alter, Religiosität oder Vertrauen in Wissenschaft Verbindung gebracht werden kann. Um das herauszufinden, bräuchte es weitere Forschung. 

Dass wissenschaftsbezogene Populist*innen bestimmte Merkmale teilen (eher keine Hochschulbildung, wenig Kontakt zur Wissenschaft, geringere naturwissenschaftlicher Grundbildung) könnte laut der Autor*innen damit zu tun haben, dass eine Vertrautheit mit der wissenschaftlichen Epistemologie normalerweise im Studium erworben wird. Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass wissenschaftsbezogener Populismus eine leichte Tendenz hat, rechts und in der Mitte des politischen Spektrums aufzutreten.

Kontraintuitiv mag erscheinen, dass wissenschaftsbezogene Populist*innen ein etwas stärkeres Interesse an Wissenschaft haben als Menschen, die diese Einstellung ablehnen. Allerdings zeigten auch andere Studien, dass die Skepsis gegenüber Elite-Institutionen nicht unbedingt zu Desinteresse an ihren „Produkten“ führen müsse.

Für die Wissenschaftskommunikation ließe sich aus den Ergebnissen ableiten, dass sich Kommunikationsbemühungen an viele unterschiedliche Zielgruppen richten sollten. Wissenschaftlicher Populismus scheint in der Schweiz zwar nur in geringem Maße, dafür aber in vielen gesellschaftlichen Teilbereichen Vertreter*innen zu finden. 

Einschränkungen: Die Schweiz ist ein Land, in dem wissenschaftsbezogener Populismus nur wenig Verbreitung findet. Um Zusammenhänge mit bestimmten demografischen Faktoren zu untersuchen und Vergleiche zwischen unterschiedlichen Regionen zu ziehen, könnten ähnliche Studien in anderen Ländern aufschlussreich sein. 

Mede, N.G., Schäfer M.S., Metag J., Klinger K. (2022) Who supports science-related populism? A nationally representative survey on the prevalence and explanatory factors of populist attitudes toward science in Switzerland. PLoS ONE 17(8): e0271204. https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0271204

Informationen zu Impfstoffen und klinischen Studien in der EU

Umfassende Informationen bilden die Grundlage dafür, dass Menschen Entscheidungen zu Impfungen und einer möglichen Teilnahme an Studien treffen können. Eines der Ziele des europäischen Forschungsnetzwerkes VACCELERATE ist, Studienteilnehmer*innen aus möglichst unterschiedlichen Bevölkerungsteilen zu erreichen. Bisher unterrepräsentierte Gruppen wie Migrant*innen, Wohnungslose oder Transgender-Personen könnten Bedenken hinsichtlich der Impfungen haben, heißt es in einer von VACCELERATE in Auftrag gegebenen Studie. Um herauszufinden, ob und wie bestimmte Zielgruppen in der öffentlichen Kommunikation in Europa adressiert werden, hat ein Forschungsteam um Catarina Luís, Verónica Romina Di Marzo und Mandeep Kaur von der European Vaccine Initiative Online-Informationen untersucht. 

Methode: Die Wissenschaftler*innen haben für ihre Analyse zwischen Mai und Juli 2021 ein Korpus aus mehr als 2500 öffentlich zugänglichen Online-Materialien zu Covid-19-Impfstoffen und Impfstoffversuchen zusammengestellt. Sie nutzten dafür Quellen der (Regional-)Regierungen von EU-Mitgliedstaaten sowie von Island, Israel, Norwegen, Serbien, der Schweiz, der Türkei und des Vereinigten Königreichs. Außerdem flossen Materialien von Websites europäischer Institutionen wie dem Europäischen Zentrum für die Kontrolle von Krankheiten und der Europäischen Kommission sowie von Nichtregierungsorganisationen ein. Die Materialen wurden grob kategorisiert, indem unter anderem der Medientyp (u.a. digitale Flyer, digitale Broschüren, Websites/Webseiten, soziale Medien, mobile Apps) bestimmt wurde und die Themen folgenden Punkten zugeordnet wurden: 

  • Informationen zu Covid-19-Impfstoffen, zum Beispiel zu wissenschaftlichen Hintergründen und möglichen Nebenwirkungen, Reiserichtlinien etc. 
  • Teilnahme an klinischen Studien
    1. Konkrete Informationen für potenzielle Freiwillige zur Teilnahme an klinischen und biomedizinischen Studien
    2. spezifische Informationen zu Covid-19-Impfstoffversuchen, Informationen über Studien zu neuen Impfstoffen, Freiwilligenregistern et cetera
  • Forschung und Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen 
    1. Zum Beispiel wie Impfstoffe entwickelt werden und welche Phasen es in diesem Prozess gibt. 
    2. Informationen zu zulassungsrelevanten Schlüsselstudien, die darauf abzielen, die Sicherheit und Wirksamkeit eines neuen Produkts nachzuweisen.

Außerdem wurde die Sprache der Materialien bestimmt, das jeweilige Land und die Zielgruppe (allgemeine Öffentlichkeit, Ältere, Migrant*innen, Kinder, Sexarbeiter*innen, Risikogruppen, Wohnungslose, religiöse/ethnische Gruppen, medizinische Fachkräfte, junge (werdende) Mütter, Interessengruppen). 

Ergebnisse: Es zeigt sich, dass die meisten europäischen Regierungen spezifische Informationsportale, Websites und/oder mobile Anwendungen für Covid-19-bezogene Informationen haben. Von insgesamt 2545 untersuchten Materialien bezog sich ein Großteil (rund 84 Prozent) auf allgemeine Informationen über Covid-19-Impfstoffe und rund 9 Prozent auf die Teilnahme an klinischen Studien (darunter 6,56 Prozent auf die Teilnahme an klinischen Studien und 2,51 Prozent auf Covid-19-Impfstoffversuche). Zur Forschung und Entwicklung von Impfstoffen wurden weitaus weniger Informationsquellen gefunden (6,72 Prozent des gesamten Materials, davon beziehen sich 2,87 Prozent auf die Entwicklung von Impfstoffen und 3,85 Prozent auf zulassungsrelevante Studien). EU-Institutionen produzierten dabei überdurchschnittlich viele Medien über Covid-19-bezogene Studien. 

Nur in der Schweiz, in Polen, Spanien und Schweden richten sich Medien speziell an ältere Menschen.
Rund zwei Drittel der Online-Ressourcen zielten auf die breite Öffentlichkeit ab und knapp ein Drittel auf spezifische Bevölkerungsgruppen. Migrant*innen stellten dabei mit 10,88 Prozent die größte Gruppe – knapp vor Angehörigen von Gesundheitsberufen mit 10,69 Prozent. Kinder (3,34 Prozent) wurden seltener angesprochen, gefolgt von Personen mit Bezug zu Mutterschaft (2,67 Prozent). Risikogruppen wurden von zwei Prozent der Medien und ältere Menschen in nur 0,51 Prozent der Online-Materialien angesprochen. Nur in der Schweiz, in Polen, Spanien und Schweden richten sich Medien speziell an ältere Menschen. Die relativ hohe Anzahl von Informationen für Migrant*innen wurde nur von vier Ländern (Norwegen, Vereinigtes Königreich, Schweiz und Griechenland) und von EU-Institutionen erstellt. In den meisten Ländern gab es keine spezifischen Materialien für diese Gruppe. 

Zum Thema Covid-19-Impfstoffversuche fanden die Wissenschaftler*innen keine Informationen, die sich speziell an Migrant*innen, religiöse/ethnische Gruppen, Wohnungslose oder ältere Menschen richten. Die EU-Institutionen deckten im Vergleich die meisten unterschiedlichen Zielgruppen ab. Es fanden sich Materialien in 90 verschiedenen Sprachen, mehr als ein Drittel war jedoch nur auf Englisch, Französisch oder Deutsch verfügbar. 27 von 38 Ländern produzierten Materialien nur in Englisch und ihrer Landessprache. Norwegen hingegen stellte Materialien in 48 verschiedenen Sprachen zur Verfügung, das Vereinigten Königreich in 37 Sprachen. Belgien verwendete die größte Vielfalt an unterschiedlichen Medienformaten. Die Anzahl der zur Verfügung gestellten Online-Medien war sehr unterschiedlich und stand nicht in Zusammenhang mit der Größe des Landes.

Während Deutschland im Untersuchungszeitraum die meisten (20) Impfstoffversuche durchführte, wurden nur fünf Materialien zu dem Thema zur Verfügung gestellt. Österreich und das Vereinigte Königreich, beide mit neun Studien, produzierten keine bzw. zwei Materialien. In Frankreich wurden acht Studien durchgeführt, aber 18 Materialien veröffentlicht. Informationen zu Covid-19-Impfstoffversuchen waren insgesamt begrenzt und auf wenige Länder beschränkt.

Schlussfolgerungen: Die Studie zeigt, dass es in Europa von öffentlichen Stellen nur sehr wenige Informationen speziell zu Covid-19-Impfstoffversuchen bereitgestellt wurden. Diese sind nur auf vier Sprachen zugänglich und nur auf Webseiten zu finden. Während einige Länder eine große Anzahl von Medien produzierten, die sich an fast alle definierten Zielgruppen richteten, produzierten die meisten Länder nur eine kleine Anzahl von Materialien, die sich hauptsächlich an die allgemeine Öffentlichkeit und Angehörige der Gesundheitsberufe richteten. Informationen für Migrant*innen gibt es zwar insgesamt sehr viele, diese konzentrieren sich jedoch auf fünf Länder.

Die Studie zeigt, dass es in Europa von öffentlichen Stellen nur sehr wenige Informationen speziell zu Covid-19-Impfstoffversuchen bereitgestellt wurden.
Die Autor*innen schlussfolgern, dass es in vielen Teilen Europas an einer angemessenen Online-Kommunikation der offiziellen Behörden zu Covid-19-Impfstoffversuchen fehlt – insbesondere, was Informationen für bestimmte unterrepräsentierte Gruppen betrifft. Die Länder schneiden in Bezug auf Menge, Art, Inklusivität, Vielfalt der Materialien und bestimmte Zielgruppen sehr unterschiedlich ab. Was die Themen und Vielfalt der Materialien und Zielgruppen betrifft, werde das durch die Kommunikation der EU-Institutionen teilweise aufgefangen. 

In mindestens sechs Ländern wurden während des Analysezeitraums klinische Studien mit Kindern oder Jugendlichen durchgeführt. Es gab kontroverse Debatten über Impfungen von Kindern. Das habe möglicherweise dazu geführt, dass relativ viele Online-Informationsmaterialien für Kinder produziert wurden, vermuten die Autor*innen. Für andere relevante Zielgruppen wie (werdende) Mütter oder Risikogruppen gab es nur wenige oder keine Informationen zur Teilnahme an klinischen Studien. Gleiches gilt für ältere Menschen, obwohl sie ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben. Die überraschende Tatsache, dass für letztere wenig Informationsmaterial gefunden wurde, könnte teilweise darauf zurückzuführen sein, dass diese Gruppe möglicherweise nicht bevorzugt Online-Quellen, sondern eher traditionelle Medien nutzt, schreiben die Autor*innen. 

Eine Erklärung für den Mangel an Materialien über klinische Studien könnte laut der Autor*innen sein, dass Pharmaunternehmen häufig für die Rekrutierung von Freiwilligen zuständig seien.  Möglicherweise gibt es also Online-Informationen, die jedoch nicht von offiziellen Stellen bereitgestellt werden. Es sei jedoch wichtig, dass Materialien aus Quellen ohne kommerzielle Interessen bereitgestellt werden, unterstreichen die Autor*innen. 

Die Ergebnisse zeigten keinen öffentlichen Zusammenhang zwischen der Menge der produzierten Materialien und der Impfquote in den jeweiligen Ländern. Das könnte laut der Autor*innen darauf hindeuten, dass Impfentscheidungen viel stärker von der Verfügbarkeit von Impfstoffen und der Organisation ihrer Verteilung abhängen könnte als vom Zugang zu Online-Information. Trotzdem sei es wichtig, dass öffentliche Stellen entsprechende Materialien bereitstellen und den entsprechenden Zielgruppen zugänglich machen, betonen die Autor*innen. Das erfordere womöglich eine stärkere Zusammenarbeit zwischen der europäischen und nationalen Ebene, schreiben die Autor*innen. Solche Maßnahmen seien der Schlüssel, um unterrepräsentierte Gruppen in die Forschung einzubinden.

Einschränkungen: Darüber, ob und von wem die untersuchten Materialien rezipiert werden – welche Wirkung sie also entfalten –, kann die Studie keine Auskunft geben. Durch den Fokus auf offizielle Quellen kann auch keine Aussage darüber getroffen werden, ob es Informationen anderer Stellen oder beispielsweise journalistischer Medien zu dem Thema gibt.

Luís, C., Di Marzo, V. R., Kaur, M., Argyropoulos, C. D., Devane, D., Stewart, F. A., Antoniou, G., Hendrickx, G., Askling, H. H., Hellemans, M., Cohen, M., Spivak, O., Van Damme, P., Cox, R. J., Vene, S., Sibia, S., Pana, Z. D. and Olesen, O. F., on behalf of VACCELERATE Consortium (2022). ‘Vaccination rates in Europe are not associated with online media intensity’. JCOM 21 (05), A05. https://jcom.sissa.it/archive/21/05/JCOM_2105_2022_A05

Katalysator*innen des Dissens

Wie entwickeln sich wissenschaftsbezogene, populistische Narrative in Communities, die alternative Visionen von Wissenschaft vertreten? Paolo Bory von der Politecnico di Milano, Paolo Giardullo von der Università di Padova sowie Simone Tosoni und Valentina Turrini von der Università Cattolica del Sacro Cuore haben die Kommunikation in Online-Räumen dreier italienischer Bewegungen untersucht: No-5G, Free-Vax und Five Biological Laws.

Methode: Die Studie stützt sich auf eine zwölfmonatige Beobachtung der wichtigsten Online-Räume von drei „refused knowledge communities“ (RKCs). So bezeichnen die Autor*innen Gemeinschaften, die Visionen von Wissenschaft und Medizin vertreten, die nicht von der institutionellen Wissenschaft akzeptiert oder berücksichtigt werden. Bei ihrer Definition von wissenschaftsbezogenem Populismus beziehen sich sich Autor*innen auf Mede und Schäfer. Im Zentrum ihres Forschungsinteresses stehen „catalysts of dissent“ (COD). So bezeichnen sie Personen, die selbst nicht Teil der jeweiligen Bewegungen sind, aber öffentlichen Einfluss haben und zur Verbreitung wissenschaftsbezogener populistischer Narrative beitragen. In Fallstudien untersuchen sie deren Beziehungen zu drei verschiedenen Communities: „No-5G“ ist eine heterogene Gemeinschaft, die sich gegen den Einsatz der drahtlosen Kommunikationstechnologien der fünften Generation (5G) einsetzt. Ihre Anhänger*innen behaupten unter anderem, dass die elektromagnetischen Wellen Krankheiten auslösen können. Die zweite Community, „Free-Vax“, vertritt das Recht auf Impfverweigerung. Die Autor*innen konzentrieren sich auf drei Gruppen der Bewegung: CORVELVA, COMILVA und die 3Vs-Bewegung, die sich 2019 als politische Partei gründete. Die dritte untersuchte Community „Fünf biologische Gesetze“ steht für einen alternativen Ansatz für Gesundheit und Medizin, der von vielen Gesundheitsbehörden abgelehnt wird und auf den deutschen Arzt Ryke Geerd Hamer zurückgeht, dem in den 1980er-Jahren die Approbation entzogen wurde. 

No-5G-Aktivist*innen halfen kritischen Wissenschaftler*innen, Sichtbarkeit zu erlangen.
Die Autor*innen arbeiteten mit der Methode der digitalen Ethnografie und notierten wöchentlich ihre Beobachtungen in den zentralen Online-Räumen der drei Communities auf Facebook, WhatsApp, Telegram, Websites, Blogs und YouTube-Kanälen. Das Material kodierten die Autor*innen nach den Prinzipien der Grounded Theory. Um zu messen, welche Relevanz die Aussagen der „catalysts of dissent“ in der Öffentlichkeit hatten, führten sie außerdem eine quantitative Analyse von Artikeln in italienischen Zeitungen und von Inhalten auf Youtube-Kanälen durch. Den Zusammenhang zwischen den Kanälen untersuchten sie mithilfe einer Netzwerkanalyse. 

Ergebnisse: Italien war das erste westliche Land, das zur Eindämmung der Coronapandemie einen Lockdown verhängte. Laut der Autor*innen der Studie versuchten daraufhin Akteur*innen aus Wissenschaft und Politik, die Verbreitung von Fehlinformationen über Covid-19 zu verhindern. Der „Transversal Pact for Science“ verfolgte und verurteilte beispielsweise öffentlich Quellen und Akteur*innen, die unzuverlässige wissenschaftliche Informationen verbreiteten.

Einige „refused knowledge communities“ riefen zum Widerstand gegen solche Interventionen auf. Wie die Autor*innen zeigen, spielten dabei „catalysts of dissent“ (COD) zentrale eine Rolle. Sie gehören selbst nicht den Communities an, sondern präsentieren sich als „unvoreingenommene Zeug*innen“, die „vernachlässigte Stimmen“ zu Gehör bringen. Die Autor*innen identifizierten dabei zwei Arten von CODs: Einerseits politische Persönlichkeiten wie Sara Cunial, Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer, oder Diego Fusaro, Gründer der Partei Vox Italia. Während der Pandemie argumentierten beide öffentlich gegen wissenschaftliche und staatliche Institutionen, die durch Corona-Maßnahmen angeblich verfassungsmäßig garantierte Rechte verletzten. Die zweite Art von Katalysator*in umfasst Blogger*innen und Influencer*innen wie Mauro Scardovelli, Giulietto Chiesas (Pandora TV), Massimo Mazzuccos (Contro TV) und Claudio Messoras (Byoblu).  

Für die „No-5G“-Community hätten solche Katalysator*innen schon vor der Pandemie eine relevante Rolle gespielt, schreiben die Autor*innen. No-5G-Aktivist*innen halfen kritischen Wissenschaftler*innen, Sichtbarkeit zu erlangen und die Katalysator*innen unterstützten dabei, die Narrative der Community innerhalb der Grenzen einer wissenschaftlichen Epistemologie zu halten. 

Vor der Pandemie habe die Community Aussagen von Katalysator*innen streng gefiltert und sich diese nur punktuell angeeignet, um den Eindruck strenger Wissenschaftlichkeit zu erzeugen und Verbindungen mit anderen „refused knowledge communities“ zu vermeiden. Nach Ausbruch der Pandemie verlagerte sich die Kommunikation von lokalen Netzwerken in größere digitale Räume, wo auch kausale Verbindungen zwischen Covid-19 und 5G gezogen wurden. Die anfänglichen Bemühungen der Moderator*innen dagegen vorzugehen, hätten nicht gefruchtet, schreiben die Autor*innen. Sie beobachten eine „populistische Wende“ in der Bewegung, die Aussagen von Katalysator*innen nicht mehr filterte, sondern dich diese in Gänze aneignete. 

Auch die „Free-Vax“-Community stützte sich nach Beobachtungen der Autor*innen schon vor der Pandemie auf solche Katalysator*innen. Eine Schlüsselfigur sei Claudio Messora (Byoblu), dessen Blog und YouTube-Kanal als alternative Informationsquellen einen Dreh- und Angelpunkt für Free-Vax-Inhalte darstellten. Auch Sara Cunial spiele eine zentrale Rolle. Seit ihrer Wahl zur Parlamentsabgeordneten im Jahr 2018 habe sie versucht, Free-Vax-Positionen in die politische Debatte einzubringen. Mit Ausbruch der Pandemie sei die Beziehung zu diesen beiden Personen noch enger geworden. Die Krise habe die Spannungen zwischen dem gemäßigten Bereich (COMILVA und CORVELVA) und dem radikaleren 3Vs-Strömung verstärkt, der eine Partei gründete und eine Kooperation mit Sara Cuniel anstrebte. Die Autor*innen schließen aus den Beobachtungen, dass die Katalysator*innen nicht mehr nur Inhalte verbreiteten, sondern auch Einfluss auf die Community selbst hatten wie sich an der Spaltung der Anti-Vax-Bewegung zeige. 

Die Katalysator*innen fungierten als Verbündete im langjährigen Kampf um die Bewahrung und Verbreitung alternativer wissenschaftlicher Epistemologien.
Im Gegensatz zu den anderen beiden Communities berief sich die 5BL-Bewegung vor der Pandemie nicht auf Katalysator*innen, sondern nur auf Personen aus ihren eigenen Reihen. Erst als Akteur*innen wie Claudio Messora und Sara Cunial ihren politischen und medialen Kampf gegen die sogenannte „Gesundheitsdiktatur“ begannen, wurden sie in Posts und Kommentaren zitiert. Im Gegensatz zu anderen Communities unterstützte 5BL die Katalysator*innen nicht, um ihre eigene Agenda zu verbreiten, sondern um die Stabilität ihrer Organisationen zu sichern. Denn sie begriff Angriffe auf Katalysator*innen durch wissenschaftliche Behörden als bevorstehende Bedrohung ihrer eigenen Aktivitäten. Die Katalysator*innen fungierten als Verbündete im langjährigen Kampf um die Bewahrung und Verbreitung alternativer wissenschaftlicher Epistemologien.

Schlussfolgerungen: Die Studie zeigt, dass die sogenannten „catalysts of dissent“ bei der Entwicklung von Widerstands gegen die institutionelle Wissenschaft eine zentrale Rolle spielen können. Einerseits profitierten die Katalysator*innen von den Agenden und alternativen Formen von „Expertise“ der Communities. Teilweise übernahmen die Communities populistische Narrative der Katalysator*innen, in anderen Fällen halfen diese ihnen, ihre Organisationsstruktur zu formalisieren und sich in der öffentlichen Debatte zu positionieren. Die Katalysator*innen stellten Ressourcen zur Verfügung, mithilfe derer bestimmte Prozesse beschleunigt wurden: die Neuformulierung von Narrativen, die öffentliche Sichtbarmachung der eigenen Agenda und auch die Veränderung der organisatorischen Struktur. Die Katalysator*innen können auch als Brücken zwischen verschiedenen Gruppen fungieren. 

Auf Grundlage ihrer Beobachtungen stellen die Autor*innen die These auf, dass je mehr eine Gruppe bereits vorstrukturiert und institutionalisiert ist – wie im Fall der 5BL – desto mehr neigt sie dazu, erkenntnistheoretischen Wendungen und der Verschmelzung ihrer eigenen Narrative mit jenen anderer Gemeinschaften zu widerstehen. Umgekehrt führte das Zusammenspiel mit Katalysator*innen dazu, dass eine weniger strukturierte Community wie die „No-5G“ ihren Fokus auf ihr Spezialthema verlor. 

Einschränkungen: Die Studie bezieht sich auf drei spezifische Communities in Italien. Um zu beurteilen, ob die Ergebnisse auch auf andere Communities und die Situation in anderen Ländern zutreffen, könnten vergleichende Untersuchungen sinnvoll sein. 

Bory, P., Giardullo, P., Tosoni. S., Turrini, V. (2022) ‘We will multiply the fires of resistance’: The catalysts of dissent against institutional science and their interplay with refused knowledge communities, Public Understanding of Science, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/09636625221113524?journalCode=pusa

Mehr Aktuelles aus der Forschung

Wie wird Twitter genutzt, um in der Türkei über Umweltthemen und Klimawandel zu diskutieren? Das hat die Soziologin Hande Eslen-Ziya anhand von 1295 Tweets untersucht, die innerhalb einer Woche gesammelt wurden. Sie zeigt, dass Twitter-Nutzer*innen, die der türkischen Regierung gegenüber eher kritisch eingestellt sind, eine aktivere Haltung gegenüber dem Klimawandel einnehmen. Unterstützer*innen der Regierung beschäftigten sich generell eher mit Falschmeldungen, die das Vertrauen in wissenschaftliche Autoritäten untergraben könnten, schreibt die Autorin.

Wölfe, Bisons und Elche: Einige große Säugetiere sind inzwischen wieder in ihren früheren Lebensräumen in Mitteleuropa zu finden. Citizen-Science-Projekte sollen zum Monitoring und Management solcher Arten beitragen – und durch aktive Einbeziehung der Öffentlichkeit gesellschaftlichen Konflikten vorbeugen. Wie aber steht es um das Wissen über diese Arten und die Bereitschaft, an solchen Projekten teilzunehmen? Das hat ein Forschungsteam um Emu-Felicitas Ostermann-Miyashita vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung e.V. in Müncheberg untersucht. In zwei Wildparks haben die Wissenschaftler*innen Umfragen unter Besucher*innen durchgeführt. Es zeigte sich, dass fast alle von der zurückkehrenden Wolfspopulation wussten, während das Wissen über Bisons und Elche viel geringer ausgeprägt war. Jüngere Teilnehmer*innen und solche mit höherem Wissen waren eher bereit, sich an Citizen-Science-Aktivitäten zu beteiligen.

Wie wirksam war die Risikokommunikation der nigerianischen Regierung zu Beginn der Coronapandemie? In seiner Untersuchung stützt sich Olanrewaju Lawal von der University of Port Harcourt auf Daten von Google Trends und Google Mobility Reports zwischen Ende Februar und Ende Juni 2020, um die Bewegungen von Menschen, das öffentliche Interesse an bestimmten Themen und die Risikowahrnehmung zu untersuchen. Seine Analyse zeigt unter anderem, dass die Mobilität an den meisten Orten zu Beginn der Pandemie stark abgenommen, kurz nach dem Lockdown aber wieder zugenommen hat. Bei hohen Fallzahlen war das öffentliche Interesse an Covid-19 eher niedrig und bei niedrigen Zahlen höher. Die anfängliche Risikokommunikation und der Lockdown hätten positive Auswirkungen gehabt, schlussfolgert der Autor. Insgesamt aber seien die Kommunikationsmaßnahmen jedoch unzureichend gewesen, um eine nachhaltige Veränderung des Gesundheitsverhaltens zu bewirken.

Was bringt Amerikaner*innen dazu, sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen – und welche Hürden halten sie davon ab? Christopher Volpe, Eve Klein und Michelle Race sind dieser Frage in einer Studie der Non-Profit-Organisation ScienceCounts und der Association of Science and Technology Centers nachgegangen. Eingeflossen sind Ergebnisse aus Gesprächen in Fokusgruppen und einer Online-Befragung mit mehr als 2.500 Teilnehmer*innen. Es zeigt sich, dass 94 Prozent der Amerikaner*innen an mindestens einem wissenschaftlichen Gebiet interessiert sind. Als Motivation wurden am häufigsten Neugier sowie das Erlernen von Wissen und Fähigkeiten genannt. Bei den Hürden steht Zeitmangel an erster Stelle. Einige Barrieren betreffen bestimmte gesellschaftliche Gruppen mehr als andere. So geben 40 Prozent der schwarzen Befragten an, dass wissenschaftliche Ausstellungen und Angebote, die sich hauptsächlich auf Errungenschaften weißer Männer konzentrieren, abschreckend wirken.

Im Internet findet sich eine Fülle mehr oder weniger wissenschaftlich fundierter Gesundheitsinformationen. Wie diese genutzt werden, haben Lena Gunnarsson und Maria Wemrell von der Universität Örebro und der Universität Lund am Beispiel einer Gruppe von schwedischen Frauen untersucht, die von Nebenwirkungen ihrer Kupferspirale berichten. Aus den Online-Gruppeninterviews und schriftlichen Essays geht hervor, dass die Frauen verschiedene Informationsquellen nutzen und aktiv nach Wissen suchen. Dabei nutzen sie nicht nur wissenschaftlich fundierte Quellen. Die Autorinnen schlagen für solche Prozesse der Wissensbildung den Begriff “collective labour of scientific patchworking” vor.

Wissenschaftsvermittlung sei wichtiger denn je. Trotzdem scheitere die Umsetzung von Zielen häufig in der Praxis, schreibt ein Forschungsteam um Nicole C. Woitowich von der Northwestern University in Chicago. Um zu untersuchen, wie es zu dieser Diskrepanz kommt, haben die Wissenschaftler*innen eine Umfrage unter mehr als 500 Wissenschaftler*innen durchgeführt. Die Ergebnisse sprechen für eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber Wissenschaftskommunikation bei den Befragten, die sich in der Öffentlichkeitsarbeit engagieren. Sie tun dies aus altruistischen und persönlichen Gründen. Als Hindernisse nennen sie unter anderem Zeit- und Geldmangel.