Foto: Dan Burton

„Die Gegenwart hält so viele Fragen bereit“

Auf dem Portal Geschichte der Gegenwart wird das gesellschaftliche Geschehen von Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern kritisch unter die Lupe genommen. Mitherausgeber Sandro Zanetti erzählt von der Motivation dahinter, den Umgang mit Kritik und redaktionellen Herausforderungen.

Was war die Idee hinter „Geschichte der Gegenwart“?

Das Portal gibt es seit Anfang 2016. Wir – also die Gruppe der ursprünglichen Herausgeberinnen und Herausgeber – mussten seinerzeit feststellen, dass die Presselandschaft, insbesondere hier in der Schweiz, deutlich an Vielfalt eingebüßt hat. Zudem wurde dem, was wir als kritische Stimmen verstehen, in den Medien weniger Platz eingeräumt. Insofern wollten wir nicht mehr von den traditionellen Zeitungen abhängig sein, sondern selber ein Medium schaffen und gestalten. Darüber hinaus wollten wir uns kritisch gegenüber dem mit dem Rechtsruck einhergehenden Populismus in den Medien positionieren – das war die eigentliche Initialzündung. Schließlich kam im Februar 2016 auch noch eine Abstimmung hinzu, die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) initiierte sogenannte Durchsetzungsinitiative („Zur Durchsetzung der Ausschaffung krimineller Ausländer“). In diesem Kontext wollten wir selbst aktiv werden, die Diskussion öffentlich reflektieren und begleiten. Die Gegenwart hält so viele Fragen bereit. Auf diese mit nachvollziehbaren und konsistenten Analysen und Kommentaren zu antworten: Das war und ist für uns die Grundmotivation.

Sandro Zanetti ist Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Daneben ist er tätig als Koordinator der Zürcher Zweigstelle des Internetradios Litradio, Mitglied im Kuratorium des Masterstudiengangs Kulturanalyse sowie seit der Gründung 2014 Mitglied im Leitungsausschuss des Zentrums Künste und Kulturtheorie (ZKK). Er ist Mitherausgeber des Onlinemagazins Geschichte der Gegenwart. Foto: privat

Mit dem Onlineportal Geschichte der Gegenwart (GdG) betreiben wir eine von politischen und journalistischen Institutionen unabhängige Gegenwartsanalyse. Wir sind, in einem breiten Sinn, Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler, die versuchen, das aktuelle Geschehen mit unserer historischen, philologischen und kulturanalytischen Expertise auf all das hin abzuklopfen, was man wissen kann und sollte. Unsere Beiträge sind Interventionen ins Feld der immer stärker ökonomischem und ideologischem Druck unterworfenen medialen Produktion von Meinungen.

Sie alle kommen aus der Wissenschaft. Welche Rolle spielt das vor diesem Hintergrund?

Die ursprüngliche Gruppe – die auch noch besteht, mittlerweile aber erweitert wurde – arbeitet an der Universität Zürich. Ich selbst bin Literaturwissenschaftler, die anderen Herausgeberinnen und Herausgeber kommen mehrheitlich aus der Geschichtswissenschaft. Wir machen das allerdings weder im Auftrag der Universität noch benutzen wir dafür die Arbeitszeit oder Infrastruktur. Wir wollten und wollen auch von diesen Strukturen unabhängig sein und haben dafür extra einen Verein gegründet, um das Ganze als ambitioniertes Freizeitprojekt betreiben zu können. Der wissenschaftliche Anspruch ist uns gleichwohl wichtig: Wir setzen auf Analyse, Argumentation und Reflexion, aber wir suchen zugleich nach Formen der Intervention, die aus einer persönlichen Haltung resultieren, die eine Institution gar nicht verkörpern kann.

An einer Stelle bezeichneten Sie sich als „intellektueller Dienstleister für aktuelle Debatten“.

Ja, aber sozusagen Dienstleister im eigenen Auftrag – oder im eigenen Verständnis von Dienstleistung. Es ist nicht so, dass wir von jemandem beauftragt wären. Tatsächlich ist es nach wie vor ein Freizeitprojekt. Wir investieren in erster Linie Zeit. Aber auch Spaß und Neugierde. Es wäre schön, wenn wir dabei auch die Rolle des öffentlichen Intellektuellen reaktivieren. Indem wir zu aktuellen Ereignissen Stellung nehmen, setzen wir uns ja auch der öffentlichen Wahrnehmung und Kritik aus. Wir tun das allerdings vor dem Hintergrund unserer fachlichen Expertise: Wir untersuchen Gegenwartsphänomene mit dem, was wir wissen und können.

„Indem wir zu aktuellen Ereignissen Stellung nehmen, setzen wir uns ja auch der öffentlichen Wahrnehmung und Kritik aus.“Sandro Zanetti

Wie decken Sie denn die laufenden Kosten?

Die ersten drei Jahre unterstützte uns die Stiftung für Medienvielfalt aus Basel, was uns beispielsweise die technische Umsetzung der Seite ermöglichte. Seit etwas mehr als einem Jahr finanzieren wir uns über Steady. Das war zuerst lediglich ein Experiment; wir wussten nicht, ob das überhaupt funktionieren wird. Steady ist eine Crowdfunding-Plattform, über die wir verschiedene Abos anbieten. Aktuell haben wir dort etwas mehr als 500 Unterstützerinnen und Unterstützer und dadurch ein stetiges Einkommen von rund 2500 Euro im Monat. Dadurch können wir unsere laufenden Kosten decken. Zudem konnten wir eine Redaktionsstelle schaffen.

Wieso haben Sie sich für diese Form der Finanzierung entschieden?

Uns war natürlich wichtig, dass wir unabhängig bleiben. Für uns war auch klar: Wir wollen keine Werbung auf unserer Seite, auch sollen die Artikel nicht hinter einer Paywall versteckt sein. Jeder hat also freien Zugriff auf die Artikel, das Steady-Fenster kann man wegklicken. Durch das Fenster wollen wir aber zumindest darauf hinweisen, dass das Ganze Arbeit ist, die nicht ganz gratis ist, auch wenn wir Herausgeberinnen und Herausgeber das alles freiwillig und unbezahlt tun. Das gilt im Übrigen auch für unsere Gastautorinnen und -autoren. In einigen Fällen wäre es sinnvoll, wir hätten auch dafür ein Budget, andererseits würde dadurch auch der Charakter der Seite ein anderer werden.

Wie sieht es denn mit der Bereitschaft aus seitens der Kolleginnen und Kollegen? Und hat sich das über die Zeit hin verändert?

Vorweg: Es ist nicht einfacher geworden nach vier Jahren. Ein Text braucht Zeit, und wer schon einmal etwas bei uns geschrieben und publiziert hat, ist nicht automatisch in der Lage, gleich wieder etwas Neues abzuliefern. Das ist im Übrigen auch jede Woche die größte Herausforderung: zwei Artikel bringen zu können, die unseren vergleichsweise hohen Ansprüchen genügen. Unsere interne Regel lautet, grob gesagt: Entweder man schreibt selber oder man kümmert sich um Gastbeiträge.

„Es ist schwierig, in 10.000 Zeichen, also auf umgerechnet vier Seiten einen Gedanken so prägnant zu fassen, dass er verständlich ist und gleichzeitig wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.“Sandro Zanetti
Es ist aber nicht einfach, Autorinnen und Autoren – gerade unter den Kolleginnen und Kollegen – zu finden. Auf der einen Seite fehlt es oft an Zeit. Auf der anderen Seite gibt es eine gewisse Scheu, Überlegungen in ihrer (durchaus nicht immer vorhandenen) Komplexität so zu pointieren, dass sie verständlich sind. Dazu kommt die Schwierigkeit oder der Unwille, sich mit Fragen der Gegenwart zu beschäftigen. Außerdem fehlt es nicht selten schlicht am Knowhow: Es ist schwierig, in 10.000 Zeichen, also auf umgerechnet vier Seiten einen Gedanken so prägnant zu fassen, dass er verständlich ist und gleichzeitig wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das ist die Krux, aber auch das Schöne daran, finde ich. Wir selbst haben nach wie vor Lust, solche Artikel zu schreiben. Es ist insgesamt auch ein Lernprozess, den wir alle erst einmal durchlaufen mussten und der uns weiterhin antreibt.

Nach welchen Kriterien wählen Sie denn Gastbeiträge aus?

Auch wenn das aus einer verengten politischen Perspektiven so aussehen mag: Wir sind innerhalb der Gruppe von unseren Einstellungen her keineswegs auf einer Linie, und nicht immer sind jeweils alle von den einzelnen Artikeln gleich begeistert. Wir haben das Grundprinzip, dass mindestens zwei Herausgeberinnen und Herausgeber einen Artikel gründlich redigieren und befürworten müssen. Wird man sich nicht einig, wird der Kreis erweitert. Da kommt es schon einmal zu Kontroversen. Aber bislang haben wir uns darüber nicht die Köpfe zerschlagen. 

Es liegt uns insgesamt daran, nicht irgendwelchen Meinungen ein Podium zu geben, sondern der Analyse. Die Autorinnen und Autoren vertreten natürlich ihre eigenen Ansichten. Diese müssen allerdings konsistent formuliert sein und argumentativ schlüssig. Wir lehnen insgesamt verhältnismäßig viele Artikel ab oder bitten um teils umfangreiche Überarbeitungen. Das geschieht aber jeweils nicht darum, weil uns irgendetwas ‚nicht in den Kram passt‘, sondern weil wir Wert darauf legen, dass die Artikel handwerklich solide sind.

In Ihrer Selbstbeschreibung heißt es, Sie wollen „ohne Fachjargon und Fußnoten“ schreiben. Nun sind es ja aber auch keine leichten Thematiken, die behandelt werden. An wen richtet sich denn letztlich Geschichte der Gegenwart?

Das ist eine gute Frage, und sie ist für uns selbst auch nicht ganz beantwortet. Die globale Antwort wäre: an alle, die sich dafür interessieren, was in der Welt passiert, und die das gerne mit kulturanalytisch und historisch informiertem Sachverstand interpretiert und problematisiert bekommen wollen. Das wäre sozusagen die maximale Zielgruppe. Aber wir wissen natürlich, dass die faktische Zielgruppe anders ausschaut. Den Statistiken und Rückmeldungen zufolge sind das zum Beispiel klassische Feuilletonleserinnen, Lehrer, Politikerinnen sowie auch Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft. Auch werden wir offensichtlich von Journalistinnen und Journalisten gelesen. Das merken wir daran, wie unsere Themen aufgegriffen werden.

Insgesamt kommen die meisten Zugriffe aus Deutschland und der Schweiz, vor allem aus den großen Städten. Österreich fällt dagegen, was wir sehr bedauern, deutlich ab. Wir erhoffen uns da noch mehr Leserinnen und Leser – und auch Autorinnen und Autoren. Es scheint da eine Hemmschwelle zu geben, deren Ursache wir noch nicht wirklich kennen.

Gab es schon Gegenwind von außen?

„Es gab bislang keine Reaktion, die uns frustriert hätte ... Es ist ja grundsätzlich gut, wenn Kritik kommt, wenn man gelesen wird, wenn eine Debatte geführt werden kann.“Sandro Zanetti
Der spürbare Gegenwind war am Anfang größer, zumal wir uns ja auch explizit gegen einzelne Artikel der Weltwoche oder der NZZ – Zeitungen, die jeweils einen merklichen Wandel durchlaufen haben – positioniert haben. Mit diesem Gegenwind hatten wir aber natürlich nicht nur gerechnet, sondern er hat uns auch gefreut. Er machte uns deutlich: Unser Signal kommt an. Wenn man sich auf die Fahnen schreibt, intellektuell neugierig und angriffslustig zu sein, dann wäre es merkwürdig, wenn keine entsprechenden Reaktionen kämen. Es gab bislang allerdings keine Reaktion, die uns derart frustriert hätte, dass wir uns hätten sagen müssen, jetzt ist was schiefgelaufen. Es ist ja grundsätzlich gut, wenn Kritik kommt, wenn man gelesen wird, wenn eine Debatte geführt werden kann.

Wie stehen Sie zum Ideologievorwurf in der Wissenschaft?

Also dass der Wissenschaft vorgeworfen wird, sie sei ideologisch? Dass man kritische Wissenschaft als ideologisch diffamiert, ist ja eher etwas, was wir zum Gegenstand unserer Auseinandersetzung und Analyse machen. Wir reagieren auf diesen allgemeinen Vorwurf, indem wir danach fragen, wie es überhaupt zu diesem Vorwurf kommt, welche Interessen sich dahinter verbergen. Allerdings waren wir selbst mit ihm bislang gar nicht so oft konfrontiert. Das liegt wohl auch daran, dass die Bandbreite dessen, worüber wir schreiben, ziemlich groß ist.

Wie geht es weiter mit Geschichte der Gegenwart?

Zu Beginn hätten wir nicht erwartet, dass wir vier oder mehr Jahre am Ball bleiben, aber wir machen in jedem Fall weiter. Es bedarf zwar viel Arbeit, aber das positive Echo, das wir erhalten, ist für uns neben dem eigenen Antrieb eine gute Motivation. Wir wissen dabei auch, dass wir privilegiert sind. Das gilt zumindest für jene unter uns, die gesicherte Stellen haben, etwa als Professorinnen und Professoren. Umso mehr staune ich manchmal darüber, wie sehr diese Privilegien von vielen Personen in vergleichbaren Positionen nicht genutzt werden. Wir schämen uns jedenfalls nicht dafür, dass wir unser Wissen und unsere Arbeit – also sowohl die gewonnenen Erkenntnisse als auch die Methodik – als wichtig und sinnvoll erachten. Man sollte sich dahinter nicht verstecken. Pathetisch formuliert: Wir sehen unsere Arbeit als Dienst an der Gesellschaft. Es handelt sich um einen freiwilligen Dienst am Wissen und an der Kritik der Gegenwart.