Foto: Steffano Oppo

Darf Wissenschaftskommunikation aktivistisch sein?

Es wurde laut, als am 16. November rund 30 Teilnehmende beim Forum Wissenschaftskommunikation 2023 mit Volker Hahn, Katja Knuth-Herzig und Beatrice Lugger in einer Unterhausdebatte über das Thema ,Wissenschaft und Aktivismus‘ diskutierten. Eine Zusammenfassung.

„Wir sind nicht auf Harmonie aus!“ Volker Hahn, Leiter der Medien- und Kommunikationsabteilung am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, macht gleich zu Beginn deutlich, was er von den Teilnehmenden der Unterhausdebatte zum Thema „Wissenschaft und Aktivismus“ beim Forum Wissenschaftskommunikation 2023 erwartet. „Kontrovers, lebhaft und laut“ soll es werden. Und das wird es in der Tat.
Hahn, Katja Knuth-Herzig und Beatrice Lugger entwickelten die Idee zu dieser Unterhausdebatte, als sich im März dieses Jahres auf X (ehemals Twitter) eine Debatte zwischen ihnen zum Thema Wissenschaft und Aktivismus entwickelte. Daraufhin beschlossen sie, das Thema auf dem Forum 2023 zu vertiefen.

Ausgangspunkt für die Diskussion bei der Unterhausdebatte sind Thesen, die Hahn, Knuth-Herzig und Lugger vorstellen und zu denen sich die Teilnehmer*innen positionieren sollen. „Wir haben uns bemüht, besonders extreme Positionen einzunehmen“, beginnt Knuth-Herzig. Dabei sei die Frage, was Aktivismus ist, gar nicht so einfach zu beantworten, so die Referentin für Weiterbildung beim Zentrum für Wissenschaftsmanagement in Speyer.
Um eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu ermöglichen, einigten sie sich im Vorfeld auf eine Definition aus der englischen Wikipedia: „Activism (or advocacy) consists of efforts to promote, impede, direct or intervene in social, political, economic or environmental reform with the desire to make changes in society toward a perceived greater good“.

„Es gibt keine Neutralität.“ Auch das Schweigen zu bestimmten Themen könne als Meinungsäußerung verstanden werden. Katja Knuth-Herzig

Knuth-Herzig vertritt die Position, dass Aktivismus Teil von Wissenschaft ist und sagt: „Es gibt keine Neutralität.“ Auch das Schweigen zu bestimmten Themen könne als Meinungsäußerung verstanden werden. Zudem sei es nicht möglich, als Mensch neutral zu kommunizieren, weil man immer von Werten, Normen und Wissen geprägt sei.
Knuth-Herzigs zweite These, „Neutralität ist nicht der Auftrag von Wissenschaft“, begründet sie damit, dass ein Arbeiten nach Standards einer guten wissenschaftlichen Praxis nicht bedeute, dass neutral kommuniziert werden müsse. Ein staatliches Neutralitätsgebot gelte für Hochschulen, nicht für Forschende.
Die Angst vor dem Label „Aktivismus“ könne zudem mehr Schaden anrichten als Aktivismus selbst. Viele Forschende fürchteten Anfeindungen und einen Reputationsschaden in der wissenschaftlichen Community. „Einige renommierte Leute trauen sich nicht mehr, zum Diskurs beizutragen“, meint Knuth-Herzig. „Die Angst ist, dass die [Wissenschaftler*innen], die bleiben, dann zu einer übervorsichtigen Kommunikation neigen.“ Kritisch findet sie auch, dass nicht alle Themen gleichermaßen vom Verdacht des Aktivismus betroffen sind. Klimawissenschaftler*innen etwa würde dieser Vorwurf häufiger gemacht.

Knuth-Herzig fordert die Teilnehmenden zur ersten Stellungnahme auf. Wie bewerten sie es, wenn sich Wissenschaftler*innen in einem großen Medium zu politischen Themen äußern und konkrete politische Handlungsempfehlungen geben? Im ersten Beispiel des Workshops ging es um eine Soziologin, die für eine große Zeitung einen Gastbeitrag mit Empfehlungen für eine bessere Familienpolitik geschrieben hat.
Bis auf zwei Teilnehmende finden alle diese Art der Wissenschaftskommunikation in Ordnung. Knuth-Herzig will konkret wissen: „Ist es aktivistisch, was sie [die Soziologin] macht?“ Jetzt wird es laut, viele Teilnehmende rufen durcheinander. Eine von ihnen ruft: „Mir geht hier die Aktivismusdefinition zu weit! Wenn wir so weitermachen, ist jede irgendwie normative Gerechtigkeitsphilosophie Aktivismus. Und da würde ich nicht mitgehen!“
„Für mich ist das aktivistisch“, ruft ein anderer Teilnehmer, „weil sie sich selber beauftragt“. Wäre sie vom Bundestag gebeten worden, als Expertin zu beraten oder ein Gutachten zu schreiben, fände er das in Ordnung. Mit einem Meinungsartikel überschreite sie aber den Handlungsbereich einer Wissenschaftlerin. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass die Politik bestimme, welche Wissenschaftler*innen sich äußern dürfen, entgegnet Hahn, „nämlich die, die sie in ihr Beratungsgremium berufen! Und alle anderen haben bitte schön zu schweigen. Stellen Sie sich mal vor, wie das in der Coronapandemie gewesen wäre!“

„Ich finde es absurd zu sagen, dass sich Wissenschaftler als einzige Berufsgruppe nicht politisch äußern dürfen.“ Teilnehmerin

Während der Pandemie hätte der Virologe Christian Drosten immer auf Grundlage von Forschungsergebnissen seine Einschätzung zu bestimmten Gefahren gegeben, wirft ein Teilnehmer ein, aber nur bis zu dem Punkt, an dem die Politik entscheiden musste, was sie mit diesen Ergebnissen macht. Mit diesem Meinungsartikel sei die Wissenschaftlerin aber einen Schritt weitergegangen. Sie bewerte die Politik in ihrem Sinne.
„Dann gelten für die Soziologie andere Maßstäbe als für die Biologie?!“, ruft eine Teilnehmerin empört. Wieder herrscht große Unruhe, viele Teilnehmende reden durcheinander.
Knuth-Herzig beendet die erste Diskussionsrunde mit der Frage: „Würde da jetzt stehen, es geht um Klimapolitik: Wie viele hätten dann noch gesagt, es ist nicht aktivistisch? Das ist die Denkaufgabe, die ich noch mitgebe.“
Das nächste kontroverse Beispiel folgt sogleich. Knuth-Herzig möchte von den Teilnehmenden wissen, wie sie es bewerten, wenn sich Wissenschaftler*innen über soziale Medien wie X eindeutig positiv zu Aktionen von aktivistischen Vereinigungen wie der ‚Letzten Generation‘ positionieren. Im konkreten Beispiel befürwortete eine bekannte Historikerin die Aktion der Klimaaktivist*innen, das Brandenburger Tor mit Farbe zu beschmieren.
„Ich finde es schwierig, wenn sich Wissenschaftler*innen für einen Rechtsbruch aussprechen“, sagt ein Teilnehmer, während sich eine andere selbst als Mitglied der ‚Letzten Generation‘ bekennt: „Ich finde es absurd zu sagen, dass sich Wissenschaftler als einzige Berufsgruppe nicht politisch äußern dürfen.“ Viele reden durcheinander, einige zustimmende Ausrufe sind zu hören.
„Ist da nicht genau die Gefahr? Dass verwischt, was die Wissenschaft macht und was ich als Bürger mache?“, fragt Volker Hahn. „Die Kritik an einer Vermischung setzt voraus, dass es eine Entmischung geben könnte! Und das würde ich bezweifeln“, entgegnet eine Teilnehmerin. „Ich bin keine körperlose Wissenschaftlerin!“ Damit stellt sie die Frage, ob die Privatperson und die Rolle als Wissenschaftler*in grundsätzlich voneinander getrennt werden können.
Ein anderer Diskutant überlegt, dass die Wissenschaftlerin selbst entscheiden müsse, ob sie dadurch ihre Reputation gefährden wolle. „Das ist aber zirkulär“, wirft Knuth-Herzig ein. Wenn es okay sei, als Wissenschaftler*in aktivistisch zu sein, habe das auf die Reputation keinen Einfluss.

Nun übernimmt Hahn die Moderation und stellt zunächst seine Thesen vor. Er vertrete eine eher kritische Sicht auf Aktivismus, sagt er, wichtig sei ihm aber zu betonen, dass er Aktivismus in einer demokratischen Gesellschaft für wichtig erachte. Er sehe nur bei der Kommunikation von Forschenden einige Einschränkungen.
So findet es Hahn problematisch, wenn der falsche Eindruck entsteht, dass sich Handlungen und Politik allein aus Wissenschaft ableiten ließen. Zudem sei es seiner Meinung nach schwierig, wenn Forschende mehr als Aktivist*innen denn als Wissenschaftler*innen wahrgenommen werden. Er kritisiert außerdem, wenn Wissenschaftler*innen zwar korrekte, aber einseitige Informationen verbreiten, ohne dass eine „komplementäre“ Sicht vertreten werde. „Persönliche Werte und Meinungen sollten nicht verschwiegen werden. Sie sollten aber als solche erkennbar sein“, sagt Hahn.
Er fragt die Teilnehmenden, wie sie es bewerten, wenn Wissenschaftler*innen – im konkreten Beispiel geht es um einen bekannten Klimawissenschaftler – Fakten verzerren, um Menschen wachzurütteln. Es herrscht Unruhe im Raum, vereinzelt sind „Nein“-Rufe zu hören, nur wenige Teilnehmende finden diese Art der Wissenschaftskommunikation in Ordnung.
„Ich finde es total gefährlich, so extrem zu argumentieren und zu polarisieren“, sagt ein Teilnehmer. Er erinnert sich daran, dass auch Karl Lauterbach in einem Tweet geschrieben habe, dass die Corona-Impfung quasi keine Nebenwirkungen habe. Solch eine Kommunikation tue der Wissenschaft keinen Gefallen.

„Persönliche Werte und Meinungen sollten nicht verschwiegen werden. Sie sollten aber als solche erkennbar sein.“ Volker Hahn

Ein Teilnehmer kann die Verzweiflung insbesondere von Klimawissenschaftler*innen verstehen, wenn ihre Forschungsergebnisse nicht ausreichen, um „mehr Bewegung reinzubringen“. Es ginge aber auch um Reputation, nicht nur um die des Wissenschaftlers, sondern um die der Klimaforschung. Langfristig gesehen sei der Schaden größer als der kurzfristige Nutzen. „Ja, durch Vertrauen, das verloren geht!“, ruft ein Teilnehmer zustimmend.
Ein anderer Teilnehmer ist der Meinung, dass öffentliche Äußerungen von Wissenschaftler*innen immer politische Verhandlungen beeinflussen. Egal wie sehr sie sich bemühen würden, neutral zu formulieren. Eine andere Diskutantin sagt, dass es aber genau dann wichtig wäre, dass Wissenschaftler*innen die Wahrheit sagen.

Lugger, Geschäftsführerin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation*, übernimmt nun die Moderation. Im letzten Teil des Workshops geht es um Vertrauen in Wissenschaft. Dieses hohe Gut könne mit zunehmender Politisierung der Wissenschaft in Gefahr gebracht werden. Lugger findet es „unglaublich“, dass trotz der Kontroversen, die es in der Öffentlichkeit während der Coronapandemie gab, das Vertrauen in die Wissenschaft um rund zehn Prozent höher liege als vor der Pandemie. Sie bezieht sich dabei auf die Erhebungen des Wissenschaftsbarometers 2022.
Sie ist der Meinung, dass Forschende wie Christian Drosten während der Pandemie nicht aktivistisch kommuniziert haben, sondern sondern sachlich mögliche Handlungskorridore auf Basis des jeweiligen Kenntnisstands aufgezeigt haben. Vielmehr hätten Medien ihnen diese Rolle häufig zugeschrieben. Lugger spielt damit auf die Berichterstattung etwa der Bild-Zeitung an, die mit Schlagzeilen wie „die Lockdown-Macher“, Forschende für die Maßnahmen der Corona-Politik verantwortlich machte. „Eine steigende Zahl an Bürger*innen wünscht sich keine Einmischung in Politik, dies zeigen auch die Erhebungen des Wissenschaftsbarometers“, sagt Lugger. In politische Prozesse zu intervenieren, würde eine Deutungshoheit suggerieren. „Ich möchte nur davor warnen, wenn bei den Bürger*innen der Eindruck einer Expertokratie entstehen könnte.“

„Eine steigende Zahl an Bürger*innen wünscht sich keine Einmischung in Politik, dies zeigen auch die Erhebungen des Wissenschaftsbarometers.“ Beatrice Lugger

Die NaWik-Geschäftsführerin zeigt nun eine Diskussion zwischen einem Klimawissenschaftler und einem bekannten Verschwörungsideologen auf der Plattform X. Der Verschwörungsideologe hatte auf einen Beitrag des Wissenschaftlers ironisch und abfällig reagiert. Der Klimawissenschaftler antwortete ihm in der gleichen ironisch-abfälligen Art. Lugger möchte von den Teilnehmenden wissen, ob diese Art der Wissenschaftskommunikation angemessen ist. Die meisten Teilnehmer*innen entscheiden sich für ein „Nein“.
Eine von ihnen sagt: „Die Reaktion [des Wissenschaftlers] finde ich nicht gut, weil sie keinen Dialog ermöglicht, sondern in Konfrontation geht.“ Eine andere findet das in Ordnung. Es werde oft gefordert, in Dialog zu treten, aber sie finde es richtig, darüber nachzudenken: „Mit wem wollen wir diskutieren?“ Bei bekannten Verschwörungsideolog*innen fände sie es legitim, nicht auf die Provokation einzugehen.
„Bringt dieser Schlagabtausch was?“, hakt Lugger nach. „Ich finde den Gesamtkomplex schwierig zu beurteilen“, ruft eine Teilnehmerin. „Wir reden hier über einen Kommunikationsschnipsel von der Plattform X. Es ist doch absolut naiv, differenzierte Kommunikation auf Twitter zu erwarten!“
Es wird laut im Raum, die Teilnehmenden diskutieren darüber, ob eine angemessenere Reaktion gewesen wäre, nur Fakten zu verlinken, in diesem Fall etwa den Bericht des Weltklimarats. Es sei eine bekannte Strategie von Verschwörungsideolog*innen, Wissenschaftler*innen in eine defensive Position zu bringen und immer neue Fakten einzufordern, sagt eine Teilnehmerin. Eine weitere findet es legitim, die Kommunikation mit Verschwörungsideologen abzubrechen, um ihnen keine Plattform zu geben.
Debattenkultur Alle Artikel zum Schwerpunkt

Auch nach rund eineinhalb Stunden wird noch lebhaft diskutiert. Lugger muss die Teilnehmenden mit Blick auf die Zeit unterbrechen und schließt die Debatte. Sie wünscht sich aber, dass das Thema weiter diskutiert wird – auch außerhalb des Forum Wissenschaftskommunikation.

*Das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) gGmbH ist einer der drei Träger des Portals Wissenschaftskommunikation.de.