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Botschaften ohne Empfänger

In einem Blogbeitrag forderte Jan-Martin Wiarda kürzlich eine Verpflichtung von Forschenden zur Wissenschaftskommunikation. Antonia Rötger widerspricht dem und nennt im Gastbeitrag Gründe, weshalb sie dies nicht für eine geeignete Maßnahme hält.

Alle Forscherinnen und Forscher sollen selbst in der Wissenschaftskommunikation aktiv werden, fordert der Bildungsjournalist Jan-Martin Wiarda in seinem Blogbeitrag mit dem Titel „Wolkige Kommunikation“. Und ja, das müsse quasi verpflichtend sein: „Richtig wäre es, wenn künftig keinerlei Projektgelder mehr fließen würden ohne die Verpflichtung zur Kommunikation nach außen. Die dann nicht in die Pressestellen outgesourct, sondern von den Forschern selbst geleistet werden müsste.“ Hier möchte ich gerne widersprechen. Nicht, weil ich Wissenschaftskommunikation unwichtig finde, im Gegenteil! Sondern weil es diese Entwicklung schon seit einer ganzen Weile gibt, und ich sehr skeptisch bin, ob sie den Austausch zwischen Bürgerschaft und Wissenschaft wirklich verbessert.

Denn die Idee, die Forschenden zu mehr Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu verpflichten, ist schon längst in der Forschungsförderung angekommen: In vielen Anträgen für EU-Mittel, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, bei Stiftungen oder auch beim BMBF müssen die Forschenden heute im Detail beschreiben, wie sie ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit tragen wollen. Dafür steht dann auch ein Anteil des Budgets zur Verfügung. Warum also halte ich das nicht in jedem Fall für sinnvoll?

Erstens: Es gibt keinen Mangel an Information, sondern einen Mangel an Aufmerksamkeit

In der Regel möchten Menschen sich über Themen informieren, die Auswirkungen auf ihren Alltag haben: Impfen, Klimawandel, Dieselskandal – dazu müssen sich alle eine Meinung bilden können. Hier ist es unverzichtbar, dass sich die Forschenden zu Wort melden und den aktuellen Wissensstand auch klar vermitteln. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich dabei engagieren, leisten wertvolle Arbeit für die Gesellschaft. Aber will wirklich jeder wissen, wie die Bandstruktur von Graphen aussieht oder welche exotischen Phasenübergänge in bestimmten Materialien möglich sind? Solche und ähnlich spezielle Fragen bringen die Forschung voran und sind für Fachleute sehr spannend – im Alltag spielen sie (noch) keine Rolle. Aufmerksamkeit ist jedoch eine begrenzte Ressource. Dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Themen konzentriert, die aktuell oder recht bald gesellschaftliche Entscheidungen erfordern, finde ich völlig verständlich.

Zweitens: Die obligatorische Festlegung von „Outreach“-Zielen führt zu sinnlosen Aktivitäten

Ein Beispielszenario: Ein Physiker stellt einen Projektantrag und schreibt im Abschnitt Outreach/Dissemination, dass sein Projekt pro Jahr acht Presseinfos liefern wird. Die sollen dann zu Beiträgen in Publikumsmedien führen. Natürlich kommt er erst nach der Bewilligung  damit in die Pressestelle seiner Einrichtung – die soll das dann ausführen. Dem erfolgreichen Wissenschaftler ist nicht klar, dass Presseinfos erstens einen Nachrichtenwert haben müssen und zweitens nicht einfach von seriösen journalistischen Medien übernommen werden. In anderen Anträgen werden Filme, aufwendige Webseiten oder regelmäßige Broschüren angekündigt und mit Hilfe externer PR-Agenturen realisiert, die das Outreach-Budget gerne verbraten. Als Zielgruppen nennen die Antragsteller dann so optimistisch wie allgemein: Stakeholder in Industrie und Gesellschaft sowie die breite Öffentlichkeit. Haben diese Stakeholder die Zeit und das Interesse, Imagefilme anzuschauen? Und wartet die „breite Öffentlichkeit“ auf noch mehr Hochglanzbroschüren über Spezialthemen? Welchen Nutzen haben solche  Aktivitäten?

Drittens: Das Bugdet ließe sich anderweitig deutlich besser einsetzen

Auf dem Forum Wissenschaftskommunikation sind Reichweite und Nachhaltigkeit von Wissenschaftskommunikation große Themen. Mein Aha-Erlebnis war ein Vortrag von Simon Singh, einem renommierten britischen Wissenschaftsautor beim Forum 2015. Seine These war, dass die institutionelle Wissenschaftskommunikation inzwischen sogar zu viel Geld hätte. Dieses Geld könne sehr viel nachhaltiger für eine bessere Bildung ausgegeben werden, zum Beispiel für besseren Physikunterricht in den Schulen.

Wir haben auf dieser Konferenz viel darüber diskutiert und gestritten. Tatsächlich sehen wir ja, dass die Reichweite unserer Aktivitäten begrenzt ist. Unsere Informationsangebote sind zwar fundiert und sachlich richtig, manchmal sogar originell, aber umfassende Bildung können wir nicht vermitteln. Das ist nach wie vor Aufgabe der Schulen, die im Wohlstandsland Deutschland deprimierend schlecht ausgestattet sind.

Auch Schülerlabore, Museen und – ein neuer Gedanke – Bürgerwerkstätten könnten mehr Geld gebrauchen und künftig eine größere Rolle beim Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft spielen.

Und noch ein ganz wichtiger Punkt: Die Pressestellen der Unis oder Forschungsinstitute berichten natürlich über Erfolge – und auch die Forschenden selbst wollen vor allem ihre Leistungen bekannt machen. Eine unabhängige und kritische Berichterstattung können jedoch nur die Medien leisten, insbesondere die Medien, die noch Wissenschaftsjournalistinnen und -Journalisten beschäftigen.  Und hier sehen wir seit Jahren einen starken Rückgang, bedingt durch die Medienkrise. Warum lässt sich da nicht umsteuern?

Viertens: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommunizieren natürlich schon

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommunizieren ständig: im Team und auf Konferenzen mit anderen Fachleuten, mit Studierenden und eben auch mit fachfremden Menschen.  Aber weil die Forschenden sehr tief im eigenen Fachgebiet drinstecken, fällt es vielen nicht leicht, zu erkennen, welche Aspekte eigentlich für Außenstehende spannend sind. Dabei können gelernte Kommunikatoren durchaus helfen und das tun sie auch.

Ich finde es ganz okay, wenn sich viele Forschende auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren: neue Ideen verfolgen, mit anderen Fachleuten kommunizieren, gute Vorlesungen halten, Studierende betreuen – sie sollen ja forschen und lehren und dabei die Grenzen des Wissens erweitern. Denn erstens lassen sich auch diese Spezialisten gerne darauf ein, bei Bedarf ausführlich zu erklären, was sie tun und warum. Und zweitens engagieren sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute ganz freiwillig für die Wissenschaftskommunikation, und bringen ihre Kreativität, ihr Wissen und ihren Spaß am Austausch mit Menschen aus anderen Hintergründen mit. Dafür brauchen sie Unterstützung und Anerkennung. Alle Forschenden grundsätzlich zu Kommunikationsmaßnahmen mit einer breiten Öffentlichkeit zu verpflichten, bringt jedoch keinen Mehrwert.


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