Foto: Nuria Cerdá Esteban / Max-Celbrück-Centrum

Wenn Forschungskritik persönlich wird

Ein Forscher des Max-Delbrück-Centrums in Berlin hat von Tierversuchsgegnern einen Preis für den „schlimmsten Tierversuch“ bekommen. Das Forschungszentrum reagierte darauf mit einer solidarischen Aktion, die auf Dialog mit Veranstaltern und Demonstranten setzte. Vera Glaßer im Gespräch über die Erfahrungen der Kommunikationsabteilung.

Frau Glaßer, das Max-Delbrück-Centrum (MDC) hat Mitte April einen Preis von Tierversuchsgegnern bekommen. Was hat es damit auf sich? Und wie ist es dazu gekommen?

Wir hatten Ende März gesehen, dass der Verein Ärzte gegen Tierversuche online unter fünf Vorschlägen für den „schlimmsten Tierversuch 2017“ abstimmen lässt. Der Gewinner der Abstimmung sollte das „Herz aus Stein“ erhalten. Einen Preis, den die Tierversuchsgegnerinnen und -gegner dem verantwortlichen Wissenschaftler möglichst persönlich überreichen wollten. Nominiert war unter anderem die Studie eines MDC-Forschers, die Anfang 2017 publiziert worden war. Darin wurde erforscht, wie es Nacktmullen gelingt, bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff auszukommen. Die Forscherinnen und Forscher fanden einen unter Säugetieren einzigartigen Mechanismus, der es den Nagetieren erlaubt, statt Glukose Fruchtzucker zu verstoffwechseln. Sie hoffen, dass man diesen in Zukunft für Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen nutzen kann. Denn da entstehen die Schäden in Herz und Hirn durch Sauerstoffmangel. In der Beschreibung des Preises fehlte freilich die Frage nach dem Wie und Warum. Es klang, als wollte das Team lediglich sehen, wie lange es Nacktmulle ohne Sauerstoff aushalten.

Und bei dieser Onlineabstimmung erhielt der Versuch Ihres Forschers dann die meisten Klicks?

Genau. Gary Lewin bekam Anfang April eine an ihn persönlich adressierte E-Mail. Darin teilte ihm der Verein mit, dass er gewonnen habe und auch, wann Vertreter für die „Preis“-Überreichung mit Unterstützern und Medienvertretern ans Institut kommen werden. Außerdem baten sie um eine Mitteilung, ob er – oder stellvertretend für ihn das Institut – den Preis annehmen werde. Auf der Website hatte die Tierschutzorganisation bereits darauf hingewiesen, dass man eine öffentlichkeitswirksame Preisübergabe plane – insbesondere für den Fall, dass der Preis abgelehnt wird.

Wie haben Sie als Kommunikationsabteilung darauf reagiert?

Vera Glaßer ist seit 2012 in der Wissenschaftskommunikation am <a href="https://www.mdc-berlin.de/de" target="_blank">Max-Celbrück-Centrum</a>. Sie ist verantwortlich für die interne Kommunikation, Veranstaltungen und politische Kommunikation. In ihrem ersten Monat am MDC gab es dort die ersten Demonstrationen gegen Tierversuche, seitdem ist sie mit dem Thema aus Überzeugung verbunden. Foto: David Ausserhofer / MDC
Vera Glaßer ist seit 2012 in der Wissenschaftskommunikation am Max-Celbrück-Centrum. Sie ist verantwortlich für die interne Kommunikation, Veranstaltungen und politische Kommunikation. In ihrem ersten Monat am MDC gab es dort die ersten Demonstrationen gegen Tierversuche, seitdem ist sie mit dem Thema aus Überzeugung verbunden. Foto: David Ausserhofer / MDC

Das MDC kommuniziert seit Jahren möglichst transparent über Tierversuche. Es war uns daher wichtig, dieser Haltung treu zu bleiben und uns der Kritik zu stellen. Natürlich haben wir sorgfältig überlegt, welche Reaktionsmöglichkeiten wir haben und welche uns richtig erscheinen. Ein wichtiger Punkt war für uns, ein Signal nach außen und nach innen zu setzen. Wir wollten nicht schweigen und andere über unser Außenbild entscheiden lassen, sondern es selbst prägen. Vor allem jedoch ging es darum zu zeigen, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MDC nicht im Stich lassen, wenn sie angegriffen werden. Wir wollten deutlich die Solidarität mit Gary Lewin signalisieren und dabei gleichzeitig die persönliche Note der Kampagne ablehnen. Deshalb haben wir vorgeschlagen, dass unser Wissenschaftlicher Vorstand, Martin Lohse, die Besucher empfangen sollte. Zusätzlich wollten wir alle Besucherinnen und Besucher sowie Demonstrierende zu einer Gesprächsrunde auf Augenhöhe mit anderen MDC-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ins Haus einladen. Das war der Plan, der auch vom Vorstand begrüßt wurde. Die konkrete Ausgestaltung der Aktion war dann ein Ergebnis von Diskussionen mit vielen Kolleginnen und Kollegen.

Wie ist die Aktion dann abgelaufen?

Durch das MDC ging zeitgleich zur Planung eine Welle der Solidarität– und zwar nicht nur aus der Wissenschaft, sondern auch aus der Verwaltung und über alle Ebenen der Beschäftigten hinweg. Wir haben unsere Aktion dann kurzfristig umgeplant und ausgeweitet. In einem Aufruf haben wir alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebeten, zum Zeichen der Solidarität mit dem Kollegen bei der Übergabeaktion der Ärzte gegen Tierversuche dabei zu sein. Es versammelten sich dann ca. 120 Personen vor dem Institutsgebäude. Wir haben noch A4-Blätter mit dem MDC Logo und mit Sätzen wie „Lassen Sie uns reden“ und „Gesprächsbereit“ vorbereitet. Damit wollten wir unsere Dialogbereitschaft zeigen und als MDC-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkennbar sein.

Wir mischten uns dann alle unter die Demonstrierenden, die sich schweigend mit Bannern vor unserem Institut aufgestellt hatten. Zunächst schwiegen alle, später führten einzelne Kolleginnen und Kollegen Diskussionen mit den Tierversuchsgegnern. Herr Lohse begrüßte die anwesenden Vertreter des Vereins und diskutierte mit ihnen. Das ging insgesamt etwa eine Stunde so und verlief sehr friedlich. Auf beiden Seiten. Am Ende lud Herr Lohse die Geschäftsführer von Ärzte gegen Tierversuche und deren Unterstützerinnen und Unterstützer zur ursprünglich vereinbarten Gesprächsrunde mit MDC Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unsere Mensa ein. Die Ärzte gegen Tierversuche wollten dieser Einladung aber nicht folgen, weil sie in der Unterzahl gewesen wären.

Eine Preisübergabe gab es übrigens nicht. Auf Filmaufnahmen ist zu sehen, wie der Preis zwar immer mal unter den Tierschützern herumgereicht wird. Es gab aber keine medial wirksame Gelegenheit mehr, ihn zu überreichen. Er wurde dann eingepackt und beim Abschied stillschweigend wieder mitgenommen.

Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen die Aktion erlebt?

Im Zentrum war die Aktion ein starkes Signal unserer Leitung an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Wir stehen hinter euch. Dieses Signal ist angekommen, die Resonanz war danach sehr positiv.

Und wie ist sie außerhalb angekommen?

Außerhalb des Zentrums gab es eine für uns zunächst überraschende Resonanz anderer Institutionen, anderer Kommunikationskollegen, engagierter Blogger und in den sozialen Medien. Die war durchweg positiv. Uns hat vor allem überrascht, wie viele die Aktion offenbar mitbekommen und auch beobachtet hatten. Und wir haben festgestellt, dass in den Foren und auf Facebook sehr engagiert gegen die Kommentare, oft auch Hasskommentare von Tierversuchsgegnern, argumentiert wird. Das hat mich sehr beeindruckt. Auch die Resonanz in den Medien war beeindruckend. Viele Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten haben die Gelegenheit genutzt und sich mit Gary Lewin getroffen, sich über seine Forschung mit und ohne Nacktmulle informiert und sie haben sich die Tiere bei uns am Zentrum angeschaut.

Würden Sie es wieder so machen?

Es gibt kein „wieder so“. Eine Strategie ist das eine, eine konkrete Situation das andere. Aber wir hoffen natürlich, dass das Zeichen stark genug war, um andere Institutionen ebenfalls zu mehr Dialogbereitschaft zu motivieren. Es wäre schon toll, wenn andere Führungspersonen, Wissenschaftler oder Institutionen erkennen würden, dass im offenen Dialog eine Chance steckt, die es wahrzunehmen lohnt. Und natürlich sind wir weiterhin davon überzeugt, dass Transparenz und Dialogbereitschaft gefördert werden müssen. Dazu gehört, sich Kritik zu stellen. Und dazu gehört etwas Mut. Aber wir tun am MDC nichts Geheimes oder Illegales. Wir tun etwas, woran wir glauben. Dafür werden wir weiter einstehen.

Was ist aus Ihrer Sicht generell wichtig im Umgang mit Negativpresse zum Thema Tierversuche?

Die Kampagne der Tierversuchsgegner zielte auf eine möglichst breite Presseresonanz. Dass die Formulierungen in den entsprechenden Pressemitteilungen einseitig und überspitzt sein würden, konnten wir uns denken. Wir haben daher Journalistinnen und Journalisten eingeladen, sich selbst ein Bild von der Arbeit in diesem Labor und den Nacktmullen zu machen, den Forscher zu interviewen und ihnen die Originalstudie zur Verfügung gestellt. Dieser direkte Einblick war das beste Mittel, um haltlose Behauptungen zu entkräften und eine differenzierte Darstellung zu ermöglichen. Für alle weiteren Anfragen war es wichtig, eine offizielle Stellungnahme des MDC und allgemein verständliche Antworten auf die Fragen zur Nacktmullforschung zu haben. Wenn wir Anfragen telefonisch bearbeitet haben, konnten wir gleich die entsprechenden Links schicken.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem Schnelligkeit. Für ein Statement für die dpa zum Beispiel blieb uns kaum Zeit. Es kam zu einer ersten Runde der Berichterstattung, die von der dpa-Meldung geprägt war und neben unserem abwehrenden Statement den Vorwürfen der Tierversuchsgegner breiten Raum gab. Damit war das Thema bundesweit gesetzt. Wir haben daher am Tag der Verleihung auch unser Statement bundesweit versandt. Auf Anfrage haben wir Medienvertretern unsere eigenen Fotos der Aktion (und vor allem unserer ungewöhnlichen Gegenaktion) zur Verfügung gestellt.

Was diese Strategie erfolgreich?

Es kam trotzdem vereinzelt zu einer einseitigen Berichterstattung. So hatte zum Beispiel der rbb, ein öffentlich-rechtlicher Sender, sich in einer Nachricht ausschließlich auf eine Pressemitteilung der Ärzte gegen Tierversuche bezogen. Da diese Pressemitteilung auch noch falsche Tatsachenbehauptungen enthielt, haben wir die Redaktion direkt kontaktiert. Unsere Sicht wurde dann nachträglich eingefügt.

Hatten Sie Vorbilder bei Ihrer Aktion?

Ja, schon. Wir hatten vor einigen Jahren am MDC bereits eine Phase, in der wir oft mit öffentlicher Kritik und auch Demonstrationen gegen den Bau unseres neuen Tierhauses bzw. gegen Tierversuche generell zu tun hatten. Die Erfahrungen haben mir und den Kolleginnen und Kollegen, die damals dabei waren, geholfen. Wir haben festgestellt, dass es letztlich besser ist, sich der Kritik offensiv zu stellen, als sie zu ignorieren. Und dann haben wir natürlich rumtelefoniert und Rat eingeholt. Es gibt ja viele Kolleginnen und Kollegen, die in dem Bereich aktiv sind, über viel Erfahrung verfügen und wichtige Tipps geben können. Das hat sehr geholfen, das Netzwerk war super. Am Ende muss man zwar seine eigene Strategie verfolgen und anpassen – es kommt ja ohnehin anders als geplant. Doch zu wissen, dass es Unterstützer gibt, gerade auch auf den Social-Media-Kanälen, das war toll.

Wie stehen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen am Zentrum zu dem Thema und der Kommunikation darüber?

Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Nicht alle Arbeitsgruppen am MDC arbeiten mit Tierversuchen. Und nicht alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit Tieren arbeiten, haben gute Erfahrungen mit Kommunikation zum Thema gemacht. Wer kommuniziert, exponiert sich. Außerdem wird diese Diskussion oft sehr persönlich ausgetragen, da werden Namen genannt. Wenn man die Hasskommentare, die erschreckend selten gelöscht werden, im Netz liest, dann schreckt das verständlicherweise ab. Außerdem ist die Belegschaft eines Instituts wie dem MDC vielfältig und ein Abbild der Gesellschaft: Da gibt es natürlich auch Menschen, die den Tierversuchen kritisch gegenüberstehen. Und es gibt Personen, die sich mit kritischen Stimmen nicht auseinandersetzen wollen. Die Erfahrung der Aktion ist aber: Im Ernstfall sind viele da. Sie sind bereit, für ihre Sache, ihre Forschung, ihre Kollegen einzustehen. Das ist intern ein wichtiges Signal, finde ich. Die Solidarität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander war groß.

Wie kann man diese Solidarität erreichen?

Es ist wichtig, dass man für die Kommunikation über kritische Themen innerhalb des Hauses Vertrauen aufbaut und das Vertrauen dann sehr sorgfältig schützt. Dazu gehört transparente interne Kommunikation. Oft wissen die Kolleginnen und Kollegen gar nicht, was passiert und warum auf eine bestimmte Art seitens der Pressestelle oder des Vorstands reagiert wird. Dann ist es kein Wunder, wenn eine Kommunikationsstrategie keine Unterstützung findet.

Haben Sie für die Zukunft etwas aus dem Event gelernt?

Klar, so manches auf der praktischen Ebene. Oder, dass man damit rechnen muss, dass der schönste Plan jederzeit durch einen noch schöneren ersetzt werden kann. Vor allem aber haben wir gelernt, wie wichtig die interne Kommunikation ist. In der Theorie wusste ich das natürlich vorher schon. Aber hier habe ich gespürt, welchen Unterschied es macht, wenn alle an einem Strang ziehen.