Foto: Jacob Kiesow

Leidenschaftlich für die Leidenschaftslosigkeit

Um Evidenzen zu Emotionen in der Wissenschaftskommunikation ging es vom
6. bis 8. Februar 2019 bei der Jahrestagung der Fachgruppe Wissenschaftskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Braunschweig. Ricarda Ziegler von Wissenschaft im Dialog war vor Ort und berichtet im Gastbeitrag.

Die Wissenschaftskommunikation erreicht mit reiner Wissenschaft und deren Vermittlung einen großen Teil der Bevölkerung nicht – so ein Teil der Begründung für das Konferenzthema „Gefühlte Wissenschaft“1. Und auch Diskussionen zu Fake News und alternativen Fakten in den letzten Jahren würden verstärkt die Frage aufwerfen, ob und inwiefern Emotionen in der Kommunikation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, von Forschungseinrichtungen oder im Wissenschaftsjournalismus eine Rolle spielen sollen und können.

Bereits in der Keynote brachte Rainer Bromme, Seniorprofessor für Pädagogische Psychologie an der Uni Münster, dann auf den Punkt, dass es bei der Frage nach einem Emotionsmodus der Wissenschaftskommunikation eigentlich um Werturteile, Normen und soziale Identitäten gehe. Emotionen – als Auseinandersetzung mit konkret Erlebtem und Unmittelbarem – böten eine Heuristik für eigene Werturteile und die Bewertung der Übereinstimmung mit anderen und seien deshalb für Kommunikation funktional relevant.

Dabei existiere ein Spannungsfeld zwischen den emotionalen Formen von Informationsverarbeitung und Entscheidungen im Alltag und der in der Wissenschaft angestrebten Rationalität und Objektivität. Die wissenschaftliche Community dürfe nicht zulassen, dass durch emotional geführte Debatten überdeckt beziehungsweise übersehen würde, dass es eigentlich um Wertkonflikte und ein Angreifen des für die Wissenschaft zentralen Wertes der Objektivität gehe.

Abschließend forderte Bromme, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leidenschaftlich und emotional über den epistemischen Wert der Wissenschaft sprechen sollten. Jedoch gleichzeitig betonen müssten, dass für wissenschaftliches Arbeiten emotionsfreie Entscheidungen notwendig seien.2

Das Spannungsfeld zwischen Emotionalität und Authentizität

In der Praxis stellt sich dann aber zunächst einmal eher die Frage, welche Emotionen man bei welchem Thema nutzt, um dann zu versuchen, die Zielgruppen und deren Werte und Vorstellungen anzusprechen. Beispiele für erfolgreiche emotionale Wissenschaftskommunikation zeigte der als Keynote-Speaker aus der Praxis eingeladenen Markus Bauer. Er ist bei der European Space Agency als Science and Robotic Exploration Communication Officer tätig. Mit Videos, die im Rahmen der #wakeuprosetta-Kampagnen von Menschen auf der ganzen Welt gedreht wurden, machte er deutlich, wie es gelingen kann, mit Weltraumforschung eine „breite Öffentlichkeit“ zu erreichen und das Thema in „deren Alltag emotional relevant zu machen“. Gleichzeitig machte er mit einem Kampagnenelement auch deutlich, dass emotionale Wissenschaftskommunikation auch hinsichtlich ihrer Authentizität zu beurteilen ist. Während „Ambition the film“, der sich laut Bauer explizit an die SciFi-Community richtet, einen Teil der Konferenzteilnehmenden begeisterte, wurden auch Stimme laut, die diese Art der emotionalen, ja fast hollywoodartig epischen Kommunikation, als zu weit weg von Wissenschaft und nicht mehr authentisch wahrnehmen.

Emotional aber trotzdem integer?!

Die Frage, in welchem Umfang Emotionen in der Wissenschaftskommunikation strategisch eingesetzt werden sollten, spielte auch in der Paneldiskussion zum Ende des ersten Konferenztages eine Rolle. In der Beantwortung unterschieden die Panelisten zwischen den verschiedenen Akteuren der Wissenschaftskommunikation und ihren Rollen. Dabei betonten die Panelisten, dass eine emotionale Kommunikation über ihre Arbeit und besonders auch ihre Motive auf Ebene des einzelnen Wissenschaftlers und der einzelnen Wissenschaftlerin eher möglich seien. Bei der Kommunikation über das System Wissenschaft wurde eine zu starke Emotionalität eher kritisiert und die Pflicht zu integrer Kommunikation als wichtiger Bestandteil des Rollenbildes herausgehoben. Und zwar, obwohl auch für die Wissenschafts-PR und insbesondere den Wissenschaftsjournalismus emotionale Kommunikation eine wirkungsvolles Tool sei. Es gehöre allerdings auch zum professionellen Selbstverständnis beider Gruppen „Kommunikations­folgenschätzung“ zu betreiben. Nur so könne man sich gegenüber den Kommunikationsformen bestimmter Interessengruppen abgrenzen.

Werte der Zielgruppen

Zur professionellen Wissenschaftskommunikation gehört auch ein Zielgruppenbewusstsein und idealerweise das Wissen über deren Verhalten, Einstellungen und Werte. Wie Emotionen eingesetzt werden und wie die Wirkung emotionaler Wissenschaftskommunikation von den Voreinstellungen der Rezipienten abhängt, zeigten einige der Vorstellungen von Forschungsprojekten auf der Fachgruppentagung.

Niklas Simon vom Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der TU Darmstadt berichtete beispielsweise, wie in Analysen öffentlicher Diskurse zu Pestiziden und ihren Auswirkungen auf Bienen deutlich wird, dass sowohl NGOs als auch die Industrie strategisch bestimmte Aspekte wissenschaftlicher Vertrauenswürdigkeit in den Vordergrund stellen. NGOs fokussierten in ihrer Kommunikation zum Bienensterben vor allem auf das Ethos wissenschaftlicher Verantwortung und würden an eine Gemeinwohlorientierung von Forschung appellieren. Dahingegen betone die Industrie vor allem das Ethos epistemischer Rationalität und fordere eine wissenschaftliche Nüchternheit in der Debatte und dass man Tatsachen sprechen lassen solle.

Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel, dass auch eine Entemotionalisierung wissenschaftlicher oder wissenschaftsrelevanter Themen nicht immer zu einer konstruktiven Debatte führt. Schließlich liege, so Simon, der Konflikt hier nicht so sehr auf der Diskursebene sondern in der Unvereinbarkeit der Werte der Akteursgruppen.

Sophie Bruns und Anja Dittrich, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der HMTM Hannover, untersuchen die Wahrnehmung der von den Wissenschaftsorganisationen gemeinsam betriebenen Website www.tierversuche-verstehen.de. Sie zeigten, dass abhängig davon, ob Rezipienten sich selbst als Tierversuchsgegner oder -befürworter sahen, deren Einschätzung der Website als Tierversuche rechtfertigend und ihr Ärger über die Website variierten.

Die Diskussionen zu diesen und anderen Projekten zeigten aber auch, wie komplex das Verstehen und Untersuchen von emotionaler Wissenschaftskommunikation ist. So wurde beispielsweise ergänzt, dass Analysen des öffentliche Diskurses zu Wissenschaftsthemen auch bedenken müssten, dass auch innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses zu einem Thema von unterschiedlichen Beteiligten verschiedene Aspekte wissenschaftlicher Autorität unterschiedlich stark betont werden. Ebenso wurde diskutiert, wie beispielsweise eine Website wie www.tierversuche-verstehen.de, wohl bei Rezipienten ankäme, die keine Voreinstellung zu Tierversuchen in der Forschung mitbringen oder unentschieden sind.

Zusammenfassend lässt sich also für die Praxis der Wissenschaftskommunikation festhalten, dass gerade auch für emotionale Themen Zielgruppenkenntnisse und eine geeignete Format- und Kanalwahl entscheidend sind. Emotionale Kommunikation kann ein wirkungsvolles Tool sein, mit dem es beispielsweise gelingen kann, Interesse an Wissenschaft zu wecken. Allerdings kann sie auch genutzt werden, um durch die Adressierung von Werten und Identitäten die Meinungen von Bürgerinnen und Bürgern bewusst zu beeinflussen. Inwieweit eine integre Wissenschaftskommunikation das im Einzelfall soll und darf, ist dann die eigentliche Frage bei der Diskussion einer emotionalen Wissenschaftskommunikation.

Bei all der Betrachtung eines strategischen Emotionsmodus der Wissenschaftskommunikation sollte nicht vergessen werden, dass auch Wissenschaft von Menschen mit Emotionen betrieben und gestaltet wird. Obwohl diese Rationalität und Objektivität als entscheidende Prinzipien der Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung anstreben, sind Emotionen daher wissenschaftsimmanent. Im Idealfall bauen sie eine Brücke zu anderen Teilen der Gesellschaft.


Mehr zur Tagung

„Meistens hätte es Leute gegeben, die noch mehr Ahnung vom Thema haben“ – Interview mit Melanie Leidecker-Sandmann über ihre Studie, in der untersucht wurde, inwieweit Journalistinnen und Journalisten bei wissenschaftlichen Themen tatsächlich die renommiertesten Forschenden interviewen.

„Die Emotionsdebatte ist auch eine Wertedebatte“ – Interview mit Keynotesprecher Rainer Bromme von der Universität Münster über Emotionen und Werte in der Wissenschaftskommunikation.

Videomitschnitt der Paneldiskussion „Emotional(isierend)e Inhalte“ vom 7. Februar: