Foto: Kristiane Hasselmann

„Hinter den Dingen“ – Wissensgeschichte als Hörspiel-Podcast

Für die Reihe „Hinter den Dingen“ verpackt der DFG-Sonderforschungsbereich „Episteme in Bewegung“ seine wissensgeschichtliche Forschung in ein Hörspielformat. Zur Premiere der ersten Folge gibt uns Projektleiterin Kristiane Hasselmann Einblicke in die Ziele, Produktion und Distributionswege.

Frau Hasselmann, was ist die Idee hinter der Podcast-Reihe „Hinter den Dingen“ des Sonderforschungsbereichs (SFB) 980?

Wir erforschen den Transfer von Wissen in der Vormoderne. Dabei fragen wir etwa: Welches Wissen erlangt in welcher historischen Konstellation Geltung? Wie wird es verhandelt, bearbeitet, weitergegeben, ignoriert, bekämpft, … ? Diese Forschung ist gesellschaftlich relevant, weil sie den Blick auf historische und politische Prozesse verändern kann. Ihre Vermittlung ist aber auch eine Herausforderung. Schon der Titel unseres Sonderforschungsbereichs „Episteme in Bewegung“ ist denkbar abstrakt. Anschaulich wird es aber, wenn man die Geschichten hinter konkreten historischen Objekten erzählt. Man kann zeigen, was sie zu spezifischen Wissensträgern macht und wie mit oder an ihnen Wissen in Bewegung gerät. Das machen wir in der Podcastreihe.

Kristiane Hasselmann ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Sonderforschungsbereichs 980 „Episteme in Bewegung“. Die promovierte Theaterwissenschaftlerin leitet im Forschungsverbund zugleich das Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit, das mit spannenden Objektgeschichten Wissenstransfers nun auch auditiv erlebbar macht. Foto: Erika Borbély Hansen
Kristiane Hasselmann ist Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Sonderforschungsbereichs 980 „Episteme in Bewegung“. Die promovierte Theaterwissenschaftlerin leitet im Forschungsverbund zugleich das Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit, das mit spannenden Objektgeschichten Wissenstransfers nun auch auditiv erlebbar macht. Foto: Erika Borbély Hansen

Wie bringen Sie die Forschungsergebnisse in Podcastform?

Wir nehmen für jede Folge jeweils einen historischen Gegenstand in den Fokus. Hier war uns wichtig, dass sich die Hörerinnen und Hörer die Gegenstände im Museum oder im Berliner Stadtraum selbst im Original anschauen können, wenn sie wollen. Die Objekte werden dann sozusagen zum Protagonisten einer Folge und die Hörerinnen und Hörer können – möglichst unterhaltsam und informativ – ihre Geschichte verfolgen.

Welche Geschichte erzählt die erste Folge?

„Die Verheißung der rubinroten Teekanne“ erzählt die Geschichte der Herstellung eines besonderen Materials, des Goldrubinglases, aus dem die Teekanne besteht, die der ersten Folge ihren Namen gibt. Das Material wurde von dem Alchemisten Johann Kunckel im Auftrag des brandenburgischen Kurfürsten im 17. Jahrhundert in einer geheimen Glashütte gefertigt. Kunckel führte dafür auf der Pfaueninsel bei Berlin verfahrenstechnische Experimente durch. An der Figur kann man sehr schön den Wandel zeigen, den die (Al-)Chemie in der Wissenschaftslandschaft von damals bis heute durchlaufen hat. Durch die erste Folge führt der Germanist und Frühneuzeitforscher Volkhard Wels. Er beschäftigt sich im SFB mit der Poesie alchemischer Sprache als einer besonderen Form der Wissensvermittlung. Anstatt Kunckel als verschroben und irrational darzustellen, reiht er ihn als Verfahrenstechniker in die Geschichte der Chemie im modernen Sinne ein. Kurz: Die Folge zeigt, wie Wissen – in diesem Fall chemisches Fertigungswissen – entsteht und in Bewegung gerät.

Der Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ untersucht Prozesse des Wissenswandels am Beispiel europäischer und nichteuropäischer Kulturen in der Vormoderne. Weitere Informationen zur Podcastreihe „Hinter den Dingen“ stellt der SFB auf der Homepage zur Verfügung. Grafik: Grafikbuero Berlin, Melanie Wiener
Der Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ untersucht Prozesse des Wissenswandels am Beispiel europäischer und nichteuropäischer Kulturen in der Vormoderne. Weitere Informationen zur Podcastreihe „Hinter den Dingen“ stellt der SFB auf der Homepage zur Verfügung. Grafik: Grafikbuero Berlin, Melanie Wiener

Wie rekonstruieren Sie die Geschichte eines Gegenstandes?

Zuerst suchen unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach geeigneten Gegenständen, die aus der Perspektive ihrer Forschung besondere Wissensträger sind und an denen man gut zeigen kann, wie Wissen in Bewegung gerät. Sie nehmen die Fäden auf und beleuchten das Objekt aus ihrer Forschung heraus. Wir legen dabei besonderen Wert darauf, dass jede Folge eine Fragestellung, ein Hauptnarrativ hat. Das klingt banal, ist aber ein anspruchsvoller Prozess, denn die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten am Ende doch möglichst viel von ihrer Forschung in ihrer Komplexität in dem Podcast wiederfinden. Die Teilprojekte des SFB lassen sich aber zum Glück bereitwillig auf unsere Ideen ein und schätzen mittlerweile diese neue Form, ihre Arbeit sichtbar zu machen.

Welche Forschungsergebnisse werden dann tatsächlich Teil der Geschichte?

Hier beginnt die dramaturgische Arbeit. Wir vom Team der Öffentlichkeitsarbeit beginnen damit, einen Erzählstrang zu entwickeln. Es entsteht ein Drehbuch für die Produktion und wir wählen aus, welche Komponenten wir brauchen: aufgezeichnete Gespräche, eingelesene Texte und Originalquellen, von Schauspielern gesprochene Figuren, Passagen der Erzählerin … Unterstützt werden wir dabei von Jan Fusek. Er ist studierter Historiker und Drehbuchautor mit viel Erfahrung im Audio- und Fernsehbereich. Seine Erfahrung ist für uns sehr wichtig. Zum Beispiel, um einen Wiedererkennungswert der Reihe zu erreichen. Jede Folge hat gestalterische Freiräume. Es sollen aber auch Elemente etabliert werden, die die Reihe zusammenhalten, sie sinnvoll strukturieren und den Hörenden Lust auf weitere Folgen machen.

Für die Aufnahmen nutzte das Podcast-Team Randzeiten in Berliner Studios, für die es über Kontakte gute Konditionen bekam. Foto: Kristiane Hasselmann
Für die Aufnahmen nutzte das Podcast-Team Randzeiten in Berliner Studios, für die es über Kontakte gute Konditionen bekam. Foto: Kristiane Hasselmann

Wie nutzen Sie diese gestalterischen Freiräume?

Für die „Rubinrote Teekanne“ spielen wir mit barocken Elementen und Klängen, die zum kurfürstlichen Hof passen, für den sie geschaffen wurde. In der zweiten Folge gehen wir hingegen auf die Suche nach einem verschwundenen Pyramidenstück. Da wird es eher eine archäologische Schnitzeljagd geben. Nicht nur das Objekt beeinflusst also die Erzählform. Auch der disziplinäre Zugang jener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, mit denen wir den Podcast entwickeln, kommt so zum Ausdruck. Wir erlauben uns ein Spiel mit den Möglichkeiten des Akustischen und probieren verschiedene Erzählstrategien aus, setzen Musik und Geräusche ein oder kreieren Soundscapes, also ganze Geräuschlandschaften.

Wie viel Aufwand und Mittel stecken in den einzelnen Folgen?

Das Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit des SFB ist mit eineinhalb Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgestattet. Dazu kommt der Drehbuchautor, der uns kontinuierlich berät. Umsetzbar ist ein so umfangreiches Projekt nur, weil wir mit Katrin Wächter eine Theaterwissenschaftlerin im Team haben, die unverzichtbare Fähigkeiten für das Projekt mitbringt, sich rasch in die jeweilige fachliche Perspektive eindenken und die passende dramaturgische Form für jede Folge entwickeln kann. Der zweite Kollege, Armin Hempel, ist Kultur- und Musikwissenschaftler und außerdem selbst Musiker mit viel Erfahrung im Bereich Tontechnik. Er modelliert selbst die Soundscapes und hat gute Kontakte zu Tonstudios. Nur dadurch gelingt es uns, die Produktion relativ günstig zu realisieren. Wir nutzen hier oft Randzeiten in den Studios und haben bisher sehr positive Erfahrungen mit Sprecherinnen und Sprechern in Berlin gemacht, die das Projekt gerne unterstützen. Für die ersten beiden Folgen haben wir insgesamt je ein Dreivierteljahr gebraucht.

Das Team im Studio mit Friederike Kroitzsch, die die als Erzählerin durch den Podcast führt. Foto: Kristiane Hasselmann
Das Team im Studio mit Friederike Kroitzsch, die die als Erzählerin durch den Podcast führt. Foto: Kristiane Hasselmann

Warum haben Sie sich für dieses doch sehr aufwendige Podcastformat entschieden?

Es lässt uns bei der Ausgestaltung sehr viele Freiheiten und wir können die wissensgeschichtlichen Zusammenhänge und auch den Prozess der Forschung ausführlicher darstellen. Die meisten didaktischen Texte in Museen sind auf Kürze und Prägnanz angewiesen. Podcasts können sich leisten, etwas ausführlicher zu sein. Und man kann unsere Geschichten sowohl im Museum am Objekt, als auch in jeder beliebigen Situation im Alltag hören, weil wir den Podcast bei verschiedenen Anbietern zum Download zur Verfügung stellen. Neben der Langfassung mit 45 Minuten wird es auch eine Kurzfassung von 6 bis 8 Minuten geben. Diese wird durch eine Medienkooperation mit Deutschlandfunk Kultur auch im Radio zu hören sein.

Welche Zielgruppen möchten Sie denn erreichen?

Natürlich gerne ein möglichst breites Publikum. Der Podcast ist eine gute Ergänzung unserer übrigen Kommunikationsaktivitäten, weil wir denken, dass wir mit den Hörstücken eine größere Anzahl kulturinteressierter Menschen erreichen können. Um zwei Zielgruppen wollen wir uns darüber hinaus besonders bemühen: ein junges studentisches Publikum und die Altersgruppe 50 plus.

Wo veröffentlichen und verbreiten Sie die Folgen?

Parallel zur Premiere im Roten Salon der Berliner Volksbühne am 1. Oktober haben wir den Podcast zunächst auf unsere Homepage eingestellt. Außerdem kann man die Reihe auf iTunes, Spotify und mit Android abonnieren. Der Download ist in den Dateiformaten MP3, ACC und OGG möglich. Weiter werden wir nun versuchen, so viele weitere Podcastportale wie möglich zu beliefern. Schwierig ist, dass wir die Veröffentlichungsfrequenz kommerzieller Podcast-Anbieter nicht leisten können. Umso glücklicher sind wir, dass Deutschlandfunk Kultur uns künftig als Medienpartner unterstützt und wir durch die Ausstrahlung der Kurzfassung in der Sendung „Zeitfragen“ eine große Zuhörerschaft erreichen. Unser Podcast wird also künftig auch in der DLF Mediathek abrufbar sein. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern machen wir außerdem Werbung in den Sozialen Medien, in Newslettern und Netzwerken – außerdem werden wir in Unizeitschriften darauf aufmerksam machen.