Demokratie, Diskurse und Digitalisierung: Was erwartet uns 2024?

Das neue Jahr hat bereits mit vielen Fragen und Debatten in der Wissenschaftskommunikation begonnen. Doch was wird die kommenden Monate prägen? Beatrice Lugger, Benedikt Fecher und Annette Leßmöllmann geben einen Ausblick auf das neue Jahr und äußern sich sowohl besorgt als auch zuversichtlich.

Den Transfer stärken

Beatrice Lugger ist Geschäftsführerin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik)*. Foto: NaWik

Am Mittwoch, 17. Januar 2024, wurde das neue Wissenschaftsjahr 2024 eröffnet. Mit dem diesjährigen Motto „Freiheit“ soll zum einen an die friedliche Revolution vor 35 Jahren erinnert werden, die im Mauerfall gipfelte und zum anderen feiert das Grundgesetz seinen 75-jährigen Geburtstag. Am darauffolgenden Wochenende hatte das Thema Freiheit unter anderem von einer ganz anderen Seite seinen großen Auftritt: Hunderttausende gingen auf die Straße, um für Demokratie und auch für die guten alten Grundrechte des Grundgesetzes zu demonstrieren. Eine Bewegung, die viele aufatmen lässt und die durchaus daran erinnert, was Demonstrationen bewegen können. Dank diesem großen Credo so vieler Bürger*innen ist dem Gefühl einer öffentlichen Dominanz rechter politischer Strömungen, welche die Freiheit vieler Menschen beschneiden möchten, nun der Eindruck eines großen Wir gewichen. Es sind eben doch viele, die unsere demokratischen Rechte und Regeln hochhalten und schützen wollen. All dies spiegelt sich auch in der Wissenschaft und der Kommunikation darüber wider. So hat beispielsweise das Präsidium der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ein wichtiges Statement abgegeben. Darin heißt es unter anderem: „Vor dem Hintergrund immer unverhohlener antidemokratischer Bestrebungen und damit verbundener Menschenverachtung betonen wir klar und eindeutig: Freiheitliche Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind die unverrückbaren Säulen unseres Landes und seiner Institutionen.“

Das Wissenschaftsjahr bietet in den kommenden Monaten vielerorts diverse Möglichkeiten, sich Themen rund um das erstrebenswerte und erhaltenswerte Gut Freiheit zu widmen und diese zu stärken. Fragen sind unter anderem: Welche Freiheit brauchen wir – an Schulen und Universitäten, im Netz, in Forschungslaboren oder in der Kunst? Wie bewahren wir die Freiheit zukünftiger Generationen? Was bedeutet der Einsatz von künstlicher Intelligenz für unsere Freiheit? Und natürlich auch die Frage:Wie resilient ist unsere Demokratie angesichts der Krisen der Gegenwart?

„Qualitätssteigerung der Wissenschaftskommunikation bleibt daher mit Sicherheit ein zentrales Thema und dabei wird der Transfer von Forschungserkenntnissen hin zu den handelnden aktiven Wissenschaftskommunikator*innen auch in diesem Jahr eine zentrale Rolle spielen.” Betrice Lugger
Auch werden wir uns im kommenden Jahr weiterhin intensiv mit hochrelevanten Krisen beschäftigen (müssen). Neben den globalen Umweltkrisen bezeichnete das World Economic Forum in einem Report jüngst Fehl- und Desinformation als größtes kurzfristiges Risiko. Hier sind laufend neue Strategien und Erkenntnisse notwendig, um diesem entgegenzuwirken. Insbesondere von der Forschung zur Wissenschaftskommunikation erhoffen wir unsneue Erkenntnisse und wichtige Hilfestellungen, um einerseits Desinformation entgegenzuwirken. Andererseits sind kluge Ansätze gefragt, um echte Informationen und Erkenntnisse über geeignete Kanäle weiterhin sichtbar und zugänglich zu machen. Das bedeutet zum einen eine Stärkung des guten Wissenschaftsjournalismus, zum anderen gute Wissenschaftskommunikation von Seiten der Forschenden und Kommunikator*innen aus den jeweiligen Häusern. Qualitätssteigerung der Wissenschaftskommunikation bleibt daher mit Sicherheit ein zentrales Thema und dabei wird der Transfer von Forschungserkenntnissen hin zu den handelnden aktiven Wissenschaftskommunikator*innen auch in diesem Jahr eine zentrale Rolle spielen. Diesen Transfer müssen wir weiter stärken – bereits bestehende Ansätze sind beispielsweise unsere Forschungsrubrik auf dieser Plattform oder Aktivitäten der sogenannten TransferUnit.

Eine Stelle, an der diese und weitere Themen nun schon seit 2020 vorangetrieben werden, ist die #FactoryWisskomm – ein vom Bundesforschungsministerium  initiierter Prozess unter Einbringung zahlreicher Akteur*innen. Die #Factory wird ihre Halbzeit innerhalb der aktuellen Legislaturperiode mit einer Konferenz am 18. März 2024 reflektieren. Klar ist, dass wir gute Diskussionen zu Transfer und Co. erwarten dürfen. In den begleitenden Taskforces der #FactoryWisskomm wird unter anderem auch diskutiert, wie Wissenschaftskommunikation zur Profilbildung an Hochschulen beitragen kann; wie Kompetenzaufbau auch in Fachgesellschaften eine stärkere Rolle spielen könnte oder wie WissKomm an der Schnittstelle zu politischen Entscheidungsmacher*innen verbessert werden kann. Die beteiligten Akteure werden diese Themen in diesem Jahr sicher stark vorantreiben.

Benedikt Fecher ist Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog*. Foto: WiD

Digitalisierung bleibt ein Dauerbrenner

Auf das Jahr 2024 blicke ich mit einer Mischung aus Sorge und Zuversicht. Sorge bereitet mir, dass im Superwahljahr 2024, mit den Kommunal-, Landtags- und Europawahlen in Deutschland sowie den Wahlen in den USA, Personen und Parteien in Regierungspositionen gelangen könnten, die eine offene und pluralistische Gesellschaft ablehnen. Eine solche Gesellschaft ist aber die Basis für gute Wissenschaft und für gute Wissenschaftskommunikation. Wissenschaftskommunikation ist angesichts dieser Entwicklungen wichtiger denn je – sie trägt dazu bei, kontroverse Debatten zu versachlichen und sie muss auch für die Freiheit der Wissenschaft in einer pluralistischen Gesellschaft eintreten (siehe dazu auch den Beitrag „Die wehrhafte Demokratie sind wir“ von Jan-Martin Wiarda). Was mir Zuversicht verschafft, sind die vielen Demonstrationen gegen Populismus und Rechtsextremismus, die seit Beginn des Jahres Hunderttausende mobilisiert haben. Erfreulich ist, dass sich auch die Wissenschaft klar positioniert, stellvertretend etwa das Präsidium der Hochschulrektorenkonferenz und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Bei Wissenschaft im Dialog werden wir unseren Teil tun, um für eine offene Gesellschaft, die Wandel mit Wissen gestaltet, einzutreten – mit einer Vielzahl von Projekten und Initiativen, u.a. im Wissenschaftsjahr 2024 – Freiheit.

„Zugleich besteht die Gefahr, dass sich durch missbräuchliche Verwendung das Problem der Desinformation verschärft, also wissenschaftliches Wissen noch stärker in Konkurrenz mit plausiblem Unsinn steht.” Benedikt Fecher
Ein Dauerbrenner für die Wissenschaftskommunikation bleibt die Digitalisierung. Besonders relevant erscheinen mir die Auswirkungen von großen Sprachmodellen und die Veränderung der öffentlichen Kommunikation mit und über Wissenschaft durch die sozialen Medien. In Bezug auf große Sprachmodelle wie ChatGPT sehe ich ein enormes Potenzial: Wenn diese Modelle mit den richtigen Daten (zum Beispiel wissenschaftliche Datenbanken wie Scopus oder BASE) trainiert werden, könnten sie einen wichtigen Beitrag zur Verdichtung und Vermittlung komplexer Inhalte leisten. Zugleich besteht die Gefahr, dass sich durch missbräuchliche Verwendung das Problem der Desinformation verschärft, also wissenschaftliches Wissen noch stärker in Konkurrenz mit plausiblem Unsinn steht. Ich finde, die Diskussionen über den Nutzen und die Risiken von KI in der Wissenschaftskommunikation müssen auch 2024 fortgesetzt werden, schließlich haben wir es nicht mit einer Naturgewalt zu tun, der wir hilflos ausgesetzt sind, sondern mit einer Entwicklung, die wir mitgestalten können. Der souveräne Umgang mit großen Sprachmodellen und KI-Tools im Allgemeinen ist ein Thema für die Weiterbildung von Forschenden und Wissenschaftskommunikator*innen sowie für die schulische Bildung. Zusammen mit dem RHET AI Center engagiert sich WiD dazu etwa in den Projekten I’m a Scientist und Junior Science Café.

Was die sozialen Medien betrifft, hat insbesondere die Übernahme von Twitter durch Elon Musk im letzten Jahr Schlagzeilen gemacht. Seitdem haben viele Universitäten und zivilgesellschaftliche Akteure die Plattform X, wie sie jetzt heißt, verlassen. Anfang des Jahres haben sich auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen und viele prominente deutsche Stiftungen zurückgezogen. Die Plattform entspräche nicht mehr dem geteilten Wertesystem einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Dieses Wertesystem vertrete ich auch und frage mich gerade deshalb, ob es richtig ist, wenn sich wichtige Organisationen aus diesem Raum zurückziehen, obgleich ich den Rückzug aus vielerlei Gründen, die Henning Krause hier zusammengefasst hat, nachvollziehen kann. Wir werden uns bei WiD auch mit der Frage befassen, wie wir mit X in Zukunft umgehen. Generell zeigt dieses Beispiel, dass wir uns in der Wissenschaftskommunikation noch intensiver mit der Frage befassen müssen, welche Infrastrukturen wir für die Kommunikation nutzen sollten und welche nicht.

Annette Leßmöllmann hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation* mit dem Schwerpunkt Linguistik inne. Foto: Karlsruher Institut für Technologie

Die Freiheit der Wissenschaft steht auf dem Spiel

Was wird dieses Jahr passieren? Zum einen gibt es Dauerbrenner, die uns intensiv beschäftigen – zum Beispiel die Frage, ob mit Hilfe von KI bessere, schnellere Wissenschaftskommunikation möglich ist oder der Wahrheits- und Faktenbezug in öffentlichen Diskursen durch KI unwiederbringlich erodiert. Oder die Frage, wie Wissenschaftskommunikation mit dem Klimathema umgehen soll: Alarmistischer Aktivismus oder abgeklärtes öffentliches Verhandeln der unaufhaltsamen gesellschaftlichen Transformation? Doch das zentrale Thema dieses Jahres wird gerade massiv auf die Straße getragen und berührt die Frage, wie demokratische Gesellschaften zukünftig aussehen werden. Die Antwort auf diese Frage ist von entscheidender Bedeutung für Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation: Denn eine der größten Wissenschaftsnationen, die USA, wird womöglich wieder einen wissenschaftsfeindlichen Präsidenten bekommen. Und in Deutschland könnte in drei Bundesländern eine Partei die Mehrheit bekommen, die menschengemachten Klimawandel nicht für Konsens hält und sich gegen eine diverse und offene Hochschullandschaft stellt. Von der offenen Ansage, bestimmte Forschungsrichtungen stark einschränken zu wollen, ganz zu schweigen. Die Hochschulrektorenkonferenz hat es sehr deutlich gemacht: Hier steht die Freiheit der Wissenschaft auf dem Spiel. Es lohnt sich, massiv einzugreifen: Präventiv – und in aktuellen Auseinandersetzungen.

Was bedeutet das für die Wissenschaftskommunikation?

„Für die konkrete Kommunikationsarbeit heißt das: Wissenschaftskommunikator*innen brauchen ein Verständnis dafür, dass extreme Positionen normalisiert werden.” Annette Leßmöllmann
Wissenschaftskommunikator*innen arbeiten an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und verschiedenen Öffentlichkeiten. Sie haben die Chance, ein Radar für gesellschaftliche Diskurse zu sein und diese Diskurse im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitzugestalten. Für die konkrete Kommunikationsarbeit heißt das: Wissenschaftskommunikator*innen brauchen ein Verständnis dafür, dass extreme Positionen normalisiert werden. Konkret stellt sich zunehmend die Frage: „Sollen wir mit Rechten reden?“ Hier sind Schulungen und vor allem ausgereifte Social-Media-Kompetenzen gefragt. Es sollte also spätestens jetzt klar sein, dass in Wissenschaftsjournalismus, den ich hier ausdrücklich hinzuzähle, und in Kommunikationsabteilungen von Forschungseinrichtungen investiert werden muss. Ganz konkret – ja, mit Geld – um Kapazitäten für Fachleute zu schaffen, die sich mit extremen Diskursen auskennen. Wir brauchen diese Fachleute, die auch mit der Unterstützung von Algorithmen kundig eingreifen, damit die Wissenschaft weiterhin eine Stimme in den sich verschiebenden Diskursen hat.

Die Haltung der Kommunizierenden ist eine Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation. Haltung bedeutet, sich der Rolle der Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft sehr bewusst zu sein: Wissenschaft ist nicht an sich demokratisch, sie kann auch in autokratischen Gesellschaften blühen. China wird uns weiter vorführen, dass man keine Demokratie braucht, um eine erfolgreiche Wissenschaftsnation zu sein. Also muss sich jede*r überlegen, was Demokratie für sie oder ihn bedeutet und wie Wissenschaftskommunikation hier einen Beitrag leisten kann. Die Wissenschaftskommunikation wird sich noch viel deutlicher als bisher damit auseinandersetzen müssen, wo sie normativ steht. Positioniert sie sich für eine freie Wissenschaft, und was heißt freie Wissenschaft für sie? Wie weit wagen sich einzelne Kommunikationsmitarbeitende oder ganze Abteilungen in die politische Debatte – sowohl intern als auch extern? Ich bin mir sicher, dass dies noch  viel stärker als bisher Thema werden wird, auch, wenn es um die Beratung von kommunizierenden Forschenden geht.

*Wissernschaft im Dialog (WiD), das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) gGmbH und der Lehrstuhl von Annette Leßmöllmann sind die drei Träger des Portals Wissenschaftskommunikation.de.