Foto: Ralf Rebmann/WiD

Citizen Science – weit mehr als Schmetterlinge bestimmen

Ist Citizen Science eine Spielerei für wissbegierige Bürger? Kann Citizen Science die Forschungslandschaft bereichern? Wie steht es um die Entwicklung einer Citizen-Science-Community?

Beim Forum Citizen Science am 22. September 2017 galt es, diese und viele weitere Fragen rund um die Bürgerwissenschaften zu diskutieren. Mehr als 100 Teilnehmende trafen sich im Neuen Glashaus des Botanischen Gartens in Berlin. Eingeladen hatte das Projekt „Bürger schaffen Wissen“ von Wissenschaft im Dialog und dem Museum für Naturkunde Berlin gemeinsam mit dem Botanischen Garten und dem Botanischen Museum Berlin-Dahlem.

Dass Citizen Science ein großes Potenzial besitzt und als Konzept in der Wissenschaft ausgeweitet werden sollte – darüber waren sich alle Beteiligten schnell einig. Patricia Rahemipour, Leiterin der Abteilung Wissenskommunikation des Botanischen Museums betonte in einer anfänglichen Gesprächsrunde, dass Citizen Science nicht dazu genutzt werden sollte, Engagement auszunutzen, sondern strategisch eingesetzt werden müsse. Produzierter Mehrwert sollte sowohl nach außen als auch nach innen wirken. Ähnlich ordnete auch die Keynote-Speakerin Ulli Vilsmaier, Juniorprofessorin für transdisziplinäre Methoden an der Leuphana Universität Lüneburg, die Bedeutung von Citizen Science ein: „Das Potenzial der Forschung ist es, ein besseres Verständnis bestimmter Themen und Zusammenhänge zu generieren, aber darüber hinaus auch gesellschaftliche Zustimmung und umsetzungsfähiges Wissen zu erzeugen.“ Citizen Science habe durch die Beteiligung der Bürger die Möglichkeit, genau dies zu erfüllen. Profitieren sollen am Ende beide Seiten, sowohl die Wissenschaftler als auch die beteiligten Bürger.

Beim Forum Citizen Science traf sich am 22. September 2017 in Berlin die deutsche Citizen-Science-Community. Das Forum Citizen Science wird organisiert vom Museum für Naturkunde Berlin, Wissenschaft im Dialog und dem Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem. Foto: Ralf Rebmann/WiD

Aber wie sollte sich Citizen Science zukünftig ausrichten? Die Teilnehmenden des Forums gehörten ganz verschiedenen Fachrichtungen an und waren sowohl Wissenschaftler als auch interessierte Bürger, die entweder bereits in Citizen-Science-Projekte eingebunden waren oder planen, sich zukünftig zu engagieren. In den Netzwerk-Sessions des Forums tauschten sie sich über ihre Erfahrungen und ihre eigene Auffassung von Citizen Science aus. Darüber, dass auch Nischenthemen eine Berechtigung haben erforscht zu werden, herrschte weitestgehend Konsens: „Jeder sollte das Recht haben, seiner Neugier nachgehen zu können“, sagte ein teilnehmender Student. Außerdem befürworteten die meisten eine Institutionalisierung von Citizen-Science-Projekten und erhoffen sich davon unter anderem einen Zuwachs an Professionalität der Szene. Weiter wurde auch über die Frage diskutiert, ob Citizen Science kommerzialisiert werden sollte. Bei diesem Punkt gingen die Meinungen der Teilnehmenden weit auseinander. Während die einen Transparenz und Unabhängigkeit durch Kommerzialisierung von Projekten gefährdet sahen, forderten andere wiederum, Bürger für ihre Tätigkeiten zu entlohnen, um Forschung auf Augenhöhe mit Wissenschaftlern zu realisieren.

Ulli Vilsmaier, Juniorprofessorin für transdisziplinäre Methoden an der Leuphana Universität Lüneburg, spricht über die Bedeutung von Citizen Science für die Forschung. Foto: Ralf Rebmann/WiD

Das Forum begnügte sich jedoch nicht nur mit Austausch und Selbstreflexion über die Bürgerwissenschaften. Genauso sollte an Strategien gearbeitet werden, Projekte und Citizen Science als Gesamtkonzept zu verbessern und weiterzuentwickeln. Der Keynote-Speaker Henry Sauermann, Associate Professor an der European School of Management and Technology Berlin (ESMT), machte deutlich, dass für gute Projekte der Bürgerwissenschaften zwei Voraussetzungen erfüllt sein müssen: Erstens müssten sich genug Menschen an Projekten beteiligen. Zweitens sei es wichtig, dass ein breites Spektrum an Projekten angeboten wird, sowohl fachübergreifend als auch bezogen auf das Vorwissen, das Bürgerwissenschaftler mitbringen müssen.

Wie können also diese Voraussetzungen geschaffen werden? Dies konnten die Teilnehmenden anschließend in verschiedenen Workshops besprechen. Um die Potenziale der Projekte zu erweitern, widmete sich beispielsweise ein Workshop dem Co-Design, also der Einbeziehung von Bürgern schon zu Beginn des Forschungsprozesses. Im Ergebnis stellten die Teilnehmenden fest, dass als Voraussetzung für Co-Design ein Ort vonnöten sei, an dem Beteiligte eines Projekts regelmäßig zusammenkommen können. Wichtig sei zudem, dass keine Gleichschaltung der Bürger und Wissenschaftler praktiziert werde, sondern die unterschiedlichen Kompetenzen der beiden Gruppen hervorgehoben würden, um so einen kreativen Forschungsprozess zu ermöglichen.

Ein weiterer Workshop ging der Frage nach, welche Motive für lang- und kurzfristige Beteiligung in Citizen Science existieren und was sich rücksichtlich dieser für die jeweilige Konzeption und Koordination eines Projekts ableiten lässt. Um Motive erfassen zu können, seien Ressourcen und ein aktiver Austausch mit den Bürgern über ihre Motivationen notwendig. Zusätzlich müsse darauf geachtet werden, dass Projekte ihre Zielgruppe korrekt ansprechen und die unterschiedlichen Motivationen von beispielsweise Berufstätigen, Schülern oder Rentnern berücksichtigen.

Diskutiert wurde auch darüber, wie es mit der Citizen-Science-Community weitergehen soll und welche Rolle hierbei die Plattform buergerschaffenwissen.de spielt. Denn zum einen kann diese Citizen-Science-Projekte sammeln und diese kommunizieren, aber auch die Verbindung der Wissenschaftler und Bürger untereinander spielt eine Rolle. Die Teilnehmenden des Forums wünschten sich im Besonderen weitere Möglichkeiten für Erfahrungsaustausch und Workshops, um ihre Kompetenzen für die Arbeit mit Citizen-Science-Projekten zu erweitern. Katrin Vohland vom Museum für Naturkunde und Co-Leiterin des Projekts „Bürger schaffen Wissen“ konnte allen versichern, dass auch zukünftig weitere Foren und Workshops angeboten werden.

Aber was bedeutet all das für die Wissenschaftskommunikation? Markus Weißkopf, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, sagte zu Beginn des Forums: „Wissenschaftskommunikation ist wichtig, weil nicht nur Ergebnisse kommuniziert werden, sondern auch, wie Forschung funktioniert. Vertrauen der Bürger in die Wissenschaft entsteht nur, wenn diese Prozesse begleiten können.“  Citizen Science weiter voranzutreiben könnte also einen Teil des Vertrauens gewinnen und gleichzeitig auch neue Begeisterung für Wissenschaft wecken.

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