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Tipps für ein gelungenes Wisskomm-Video

Story, Drehort, Protagonist*innen – ein Video ist zeitaufwendig und benötigt Vorbereitung. Unser Autor Fritz Schumann findet: Es lohnt sich! Im Gastbeitrag teilt er seine Erfahrungen und erklärt, wie aus alltäglichen Objekten dramaturgische Höhepunkte werden und was die Suche nach geeigneten Protagonist*innen erleichtert.

In Deutschland nutzen 82 Prozent aller Menschen Youtube. Auf Instagram erhalten wissenschaftliche Inhalte mit Bewegtbild im Vergleich zu statischen Beiträgen doppelt so viele Kommentare und werden zehnmal so viel geteilt. Videos können also ein sehr lohnenswertes Format sein, um wissenschaftliche Inhalte zu teilen und bieten zwei wichtige Vorteile:

Video kann Informationen mit Emotion verknüpfen: Wir sehen nicht nur, was passiert, sondern hören auch die Leidenschaft, wenn Menschen erzählen, was sie in ihrer Forschung begeistert. Man sieht die Gesichter von Teams bei der Arbeit, die Anspannung, Freude oder Sorge. Der Einsatz von Musik kann zusätzlich dabei helfen, die Atmosphäre zu gestalten und die Emotionen des Moments zu transportieren.

Video ist ein gutes Medium, um Prozesse zu erklären: Was passiert zuerst, was kommt dann und wie sieht das Ergebnis aus? In wenigen Einstellungen kann schnell gezeigt werden, wofür es vielleicht sonst einen langen Text braucht.

Ein Beispiel:

Eine Forscherin öffnet einen Kühlschrank mit Proben und nimmt eine heraus. Sie geht zu ihrem Platz im Labor, legt die Probe unter das Mikroskop und auf einem Bildschirm neben ihr erscheint die Aufnahme. Auf einem weiteren Bildschirm tippt sie die Ergebnisse der Untersuchung ein, steht auf und verlässt das Labor.

Eine ganze Szene, die trocken beschrieben, eher langweilt – aber als Video viel über den Ablauf und den Ort erzählen kann.

In der folgenden Übersicht haben wir einige Tipps zusammengestellt, die beim Dreh eines Videos helfen können.

Was sollte vor dem Dreh beachtet werden?

Ein Drehtag unterbricht den laufenden Betrieb, daher sollte man ausreichend Platz im Terminkalender reservieren können. Zudem sollte auch die Vorbereitung eingeplant werden:

Drehorte – Braucht es eine Genehmigung von der Einrichtung? Alles, was in Deutschland nicht von der Panoramafreiheit gedeckt wird, benötigt eine Erlaubnis, zum Beispiel Bahnhöfe, private Gebäude und manchmal auch Parks.

Nutzungsrechte – Wie lange und wo darf das Video gezeigt werden? Wenn das Projekt ausläuft, wer ist dann weiterhin verantwortlich für die Inhalte?

Rechte am eigenen Bild – Nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) braucht es von jeder Person, die im Video zu sehen ist, eine unterschriebene Einverständniserklärung.

Barrierefreiheit – Soll es Untertitel geben? Wie groß sollen die sein und in welchen Sprachen?

Fester Rahmen, offene Gestaltung

Für die konkrete Planung des Videos sollte man sich zunächst drei Fragen stellen:

  1. Was soll das Video erreichen? → Ziel
  2. Wo soll es erscheinen? → Veröffentlichung
  3. Wer hat Zeit und Interesse mitzumachen? → Personen

Zu Beginn sollte kein starres Konzept festgelegt sein. Dadurch kann man offen gestalten, statt sich unnötig einzuengen – wie zum Beispiel: „Der Film ist 90 Sekunden lang, zeigt drei bestimmte Räume und erscheint auf TikTok“

Um den Prozess an einem konkreten Beispiel zu erklären:

Der Exzellenzcluster NeuroCure innerhalb der Berliner Charité bat uns, eine Serie von Filmen zu gestalten, welche die Forschenden, Inhalte und Labore vorstellt (Ziel). Die Filme sollten für eine Ausstellung im Humboldt Forum entstehen und anschließend online gezeigt werden (Veröffentlichung). Länge und Gestaltung waren noch nicht festgelegt, sondern hing mit den einzelnen Forschenden zusammen (Personen).

Der erste Film für NeuroCure entstand mit Dr. David Owald, der an Fruchtfliegen zum Thema Sucht forscht. In einem Vorgespräch erklärte er uns seine tägliche Arbeit und zeigte uns die Räume, in denen er mit seinem Team arbeitet. Er formulierte Wünsche für den Film, wie zum Beispiel, dass jeder aus dem Team auftauchen sollte, um die Bedeutung von jedem Einzelnen für die Forschung des Labors darzustellen. Und er wünschte sich, dass wir eine Fruchtfliege im Flug filmen.

Auf Basis der Gespräche und der Locations haben wir einen Entwurf für Motive und das Interview erstellt. Die eigentliche Story entwickelte sich am Drehtag und im Schnitt. Indem wir wenige Elemente vorher definierten und anschließend dokumentarisch beobachteten, wirkt das fertige Video glaubwürdig. Menschen, die es nicht gewöhnt oder darin geschult sind, Rollen zu spielen, sollte man keine Texte oder Direktionen vorgeben.

Vimeo

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Dr. David Owald – NeuroCure from 2470.media on Vimeo.

Wer eignet sich als Protagonist*in?

Nicht jede*r steht gerne vor der Kamera, daher sollte Zeit in die Suche nach geeigneten Protagonist*in investiert werden. Über Menschen bekommt das Publikum einen persönlichen Zugang zur Wissenschaft.

Um geeignete Protagonist*innen zu finden, haben wir die Entscheidungshilfe MIKADO entwickelt:

Motivation: Hat die Person Lust darauf, begleitet zu werden? Was treibt sie an? Warum forscht sie an diesem Thema?

Interaktion: In welchem Labor/Team/Gruppe ist die Person aktiv? Wie sieht die tägliche Arbeit mit anderen aus? Welche Handlungen gibt es?

Kamera-Tauglichkeit: Wie deutlich und klar spricht die Person? Ist die Umgebung visuell interessant?

Abwechslung: Wie unterscheidet sich die Person von Forschenden, die in anderen Formaten vorgestellt wurden? Was macht sie einzigartig?

Drama: Welche Wendepunkte hat die Person privat oder beruflich erlebt? Was hat sie daraus gelernt?

Organisation: Wie viel Zeit hat die Person? Ist sie flexibel? Gibt es wichtige Termine oder  Orte, die gefilmt werden müssen?

Wie findet man die Story für ein Video?

Ist ein*e Protagonist*in gefunden und der Dreh organisiert, geht es an die Story. Ein Video, in dem Forscher*innen komplexe Inhalte erklären, benötigt eine spannende Dramaturgie, damit es das Publikum möglichst bis zum Ende fesselt.

Lange Gespräche mit Forscher*innen liefern dafür die Bausteine. Hier sind Beispiele für Fragen, die wir in unseren Interviews häufig stellen:

  • Wie würden Sie Ihre Forschung einem Kind erklären?
  • Welche Fragen versuchen Sie mit Ihrer Forschung zu beantworten?
  • Warum forschen Sie an diesem Thema? Was motiviert und begeistert Sie daran?
  • Wie gehen Sie mit Scheitern um?
  • Wie würden Sie sich als Mensch beschreiben?
  • Was haben Sie in der Forschung über sich selbst gelernt?

Aus den Antworten wählen wir Zitate aus und entwickeln daraus die Story. Wichtig ist ein Rhythmus aus Emotion und Erklärung: Wenn das Publikum versteht, warum jemand forscht, hört es auch gerne zu, woran jemand forscht. Das gilt für einen langen Film genauso wie für ein bis zwei Fragen in einem Kurzvideo auf Instagram.

Wir nutzen verschiedene Modelle, um die Geschichte zu strukturieren, wie die klassische Heldenreise oder den Story-Circle. Wer tief in das Thema Storytelling eintauchen möchte, dem empfehlen wir „Story” von Robert McKee. Das Buch ist ein praktischer Überblick über Storytelling, wenn auch sehr fokussiert auf Filme und Drehbücher. Für einen theoretischen Ansatz ist „Erzählende Affen” von Samira El Ouassil und Friedemann Karig sehr gut geeignet.

Eine einfache Technik, die man immer anwenden kann, ist die Story-Kurve:

Storykurve (Grafik von 2470.media)

Man beginnt mit einem spannenden Moment wie einer starken Aussage oder einem ungewöhnlichen Bild und folgt dann mit notwendigen Informationen. Zum Ende des Videos kann es noch einmal einen Höhepunkt geben, der noch interessanter ist als der Beginn. Bei der Story-Kurve gibt es kein richtig oder falsch. Wichtig ist die Dynamik zwischen den einzelnen Elementen.

Ein Beispiel: Der Film mit David Owald zeigt in einer ungewöhnlichen Nahaufnahme, wie Kaffee zubereitet wird. Dazu hören wir seine Stimme, die sagt: “Wenn ich an mein Forschungsprojekt denke, kommt mir das große Unbekannte, das große Nichts in den Sinn.” In diesen ersten Sekunden entsteht ein Mysterium: Wer spricht hier? Erst einige Sekunden später wird die Situation aufgelöst und wir sehen den Protagonisten, seinen Titel und Arbeitsort. Dazu sagt er „Diese komplexen Dinge möchte ich gerne verstehen.” Es ist interessanter, mit einer oder mehreren Fragen zu beginnen und sie nach und nach zu beantworten, anstatt alle Antworten zu Beginn vorzugeben. Ein weiterer Höhepunkt entsteht, wenn wir in Zeitlupe eine Fruchtfliege im Flug sehen. Kaffee und Fruchtfliegen sind alltägliche Objekte – durch die ungewöhnliche Darstellung werden sie zu dramaturgischen Höhepunkten. Und zwischen denen kann man Informationen platzieren, die wichtig sind, um die Inhalte zu verstehen, die für sich genommen, aber vielleicht nicht aufregend sind. Die Mischung macht es!

Die richtige Video-Strategie

Wo wird der Beitrag veröffentlicht? Auf Youtube oder der eigenen Webseite? Soll es auch auf Instagram gezeigt werden und auf 𝕏 (Twitter) laufen? Oder auf einer Bühne? Jeder Kanal hat eigene technische Voraussetzungen und unterschiedliche Erwartungen des Publikums. Bei einer Veranstaltung schaut man gerne längere Filme, auf dem Handybildschirm ist der gleiche Inhalt jedoch anstrengend. Es lohnt sich, Videos immer im Querformat zu drehen und erst später für vertikale Kanäle anpassen. So hat man mehr gestalterische Möglichkeiten. Egal welchen Kanal man wählt, man sollte immer zuerst überprüfen, ob es schon vergleichbare Inhalte gibt. Als Beispiel: Sucht man nach Videos auf Youtube zu Elektroenzephalografie (EEG), gibt es dazu mehr als 12.000 Treffer. Statt die Methode in einem weiteren Video zu erklären, könnte alternativ gezeigt werden, wie man mit Gehirnströmen ein Videospiel steuern kann. Dazu gibt es zwar auch schon Videos, aber deutlich weniger und man könnte sich durch die Auswahl des Games abheben. Wie ein EEG funktioniert, wird dann quasi nebenbei erklärt.

Unsere Empfehlung ist es, zeitlose und persönliche Inhalte zu produzieren, denn es ist nicht ungewöhnlich, dass alte Videos plötzlich beliebter werden, wenn ein Thema nachgefragt wird. Youtube kann gut als Archiv für Inhalte genutzt werden, die über Jahre funktionieren können, statt dort neue und sich immer verändernde, konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse zu erzählen. Instagram ist dynamischer und schneller. Wir haben gute Erfahrung damit gemacht, eine Langfassung für Youtube zu produzieren und daraus mehrere kurze Videos für Instagram zu schneiden, die ohne das Hauptvideo funktionieren und die man gegebenenfalls zu aktuellen Entwicklungen anpassen kann.

Übrigens: Ein Video muss nicht unbedingt kurz sein. Der Marketing-Experte Paddy Galloway hat 5.400 Youtube-Shorts analysiert, ein vertikales Format mit maximal 60 Sekunden Länge, vergleichbar mit TikTok. Sein Ergebnis: je länger das Video, desto mehr Leute sehen es.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.