Foto: Maria Teneva

„Tierversuche scheinen so tabu zu sein, dass man darüber nicht laut spricht“

Der Tiermediziner Karim Montasser erklärt Hintergründe zu tiermedizinischen Fragen auf Youtube und geht dabei auch kontroverse Themen wie Tierversuche oder Massentierhaltung an. Wir haben mit ihm über das Projekt, seine Ziele und das Medium Video gesprochen.

Herr Montasser, Sie sind Tiermediziner und betreiben seit einigen Monaten den Youtube-Kanal „Der Tierarzt“. Was hat Sie motiviert, damit anzufangen?

Die Fragen, die ich in meiner Klinikzeit immer wieder von Tierbesitzern bekommen habe. Das Schöne an Haustieren ist, dass sie für viele wie Familienmitglieder sind. Die Menschen fühlen sich aber oft nicht ausreichend über tiermedizinische Fragen informiert. Wenn sie also ihren Hund oder Katze zur Behandlung begleiten, dann stellen sie oft nebenbei noch ganz viele Fragen. Dafür wollte ich gerne einen Kanal anbieten, in dem solche Informationen vermittelt werden.

Karim Montasser ist Medical Writer. Nach einem Studium der Tiermedizin und einer Assistenzzeit an den Kleintierkliniken der Uni Gießen sowie einer Promotion in der Neurochirurgie widmet er sich heute komplett der Wissenschaftskommunikation. Freiberuflich arbeitet er aktuell für verschiedene Pharmafirmen im Bereich Humanmedizin und baut zusätzlich den Youtube-Kanal „Der Tierarzt“ auf. Foto: privat
Karim Montasser ist Medical Writer. Nach einem Studium der Tiermedizin und einer Assistenzzeit an den Kleintierkliniken der Uni Gießen sowie einer Promotion in der Neurochirurgie widmet er sich heute komplett der Wissenschaftskommunikation. Freiberuflich arbeitet er aktuell für verschiedene Pharmafirmen im Bereich Humanmedizin und baut zusätzlich den Youtube-Kanal „Der Tierarzt“ auf. Foto: privat

Wo starten Sie, wenn Sie ein neues Video machen?

Dafür wähle ich erst mal eine Frage aus, die ich beantworten möchte und die ich selbst auch spannend finde. Dann geht es los mit der Recherche, die in etwa 75 Prozent der Arbeit an einem neuen Video ausmacht. Ich schaue, welche Publikationen es gibt, informiere mich über verschiedene Ansätze und mache mir zum Schluss Gedanken, wie man diese Informationen in eine Geschichte gießen kann.

Welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie dabei?

In meinen Videos beantworte ich ganz praktische Fragen zur Tiermedizin, ohne dabei jedoch konkrete medizinische Tipps zu geben. Ich möchte nicht der Typ sein, der erklärt, was der Hund für einen Husten haben könnte. Viel eher geht es mir darum, ein allgemeineres Verständnis zu geben. In der Reihe „Katzen verstehen“ zum Beispiel Hintergründe über das für viele sehr rätselhafte Verhalten von Katzen. In einem meiner letzten Videos habe ich mich aber zum Beispiel auch mit Labortieren für Tierversuche befasst und in zukünftigen Videos soll es um Nutztiere gehen.

Wie haben Sie sich dem Thema Tierversuche genähert, wie sind Sie eingestiegen?

Ich habe erst einmal geschaut, was ich dazu im Studium gemacht habe und das waren hauptsächlich rechtliche Grundlagen, die wenig konkretes Verständnis für das Thema vermitteln. Dann habe ich Bücher dazu gelesen und wollte eigentlich mit Menschen sprechen, die Professuren im Bereich 3R haben. Diese Abkürzung steht für Replace (Vermeiden), Reduce (Verringern) und Refine (Verbessern). 3R ist eines der ethischen Grundprinzipien bei Tierversuchen. Diese Professorinnen und Professoren wollten aber gar nicht öffentlich mit mir sprechen. Das war ziemlich schade, denn gerade sie hätten mir vermutlich am meisten über den aktuellen Stand der Wissenschaft und was für die Versuchstiere getan wird erzählen können.

Wie haben Sie das gelöst?

Ich habe mich dann an ProTest gewendet, einen Verein, der sich mit der Kommunikation über Tierversuche befasst und zwei Vertreter für das Video interviewt. Das war ein Glücksfall, da die beiden auch aufklären wollen, ohne eine Meinung vorzugeben. Das wirklich Schwierige bei dem Thema war für mich, dass ich immer gerne die emotionale Seite und die sachliche Seite eines Themas zusammenbringen möchte. Die Schwierigkeit ist es also, die Leute zu überzeugen, dass es nicht nur entweder die sachliche oder die emotionale Seite gibt, sondern auch einen Mittelgrund. Dass beide nicht voneinander losgelöst betrachtet werden können, ist gerade bei diesem Thema eine große Herausforderung.

Welches Feedback haben Sie zu dem Video bekommen?

Das für mich erstaunliche an dem Feedback war, dass es sehr privat abgelaufen ist. Bei Youtube, Instagram oder Facebook habe ich private Nachrichten bekommen oder Bekannte haben mir SMS geschickt. Insgesamt fiel das Feedback sehr positiv aus und viele haben gesagt, dass sie neue Aspekte über das Thema gelernt haben, die sie vorher noch nicht kannten. Das öffentliche Feedback war aber nur ein einziger Kommentar. Das hat mich überrascht. Ich hatte gedacht, dass es viel mehr öffentliche Diskussionen geben würde. Tierversuche scheinen so tabu zu sein, dass man darüber nicht laut spricht. Warum das so ist, kann ich aber nur mutmaßen. Vielleicht möchten sich die meisten diesbezüglich einfach nicht angreifbar machen.

Haben Sie auch Kommentare von Tierärztinnen und Tierärzten bekommen?

Ja, die meisten fanden es auch gut, dass das Thema mal öffentlich diskutiert wird. Dieses Feedback kam aber auch wieder nur über private Kanäle. Ich habe den Eindruck, dass das Thema auch innerhalb der Profession nicht viel besprochen wird.

Ihr nächstes Thema ist wieder ein kontroverses, nämlich Nutztierhaltung. Was ist da ihr Ansatz?

Da bin ich noch mitten in der Recherchephase. Ich habe aber durch mein Studium viel mehr Grundlagen dazu als noch bei den Tierversuchen. Tierische Lebensmittel sind für Tierärzte während des Studiums schon ein großes Thema. Die meisten von uns werden schließlich ausgebildet, um Lebensmittel zu kontrollieren. Bei dem Thema wird es vermutlich noch schwieriger, die emotionale und die sachliche Ebene zusammenzubringen. Der große Trick am Fleischkonsum ist ja, dass das Schnitzel, das wir essen, komplett losgelöst ist von dem Tier, das es mal war. Wenn man das thematisiert, müssten wir unser Konsumverhalten oft noch mal komplett über- oder durchdenken. Das ist ein spannendes Thema und eine große Herausforderung. Vielleicht muss nicht jeder die extreme Erfahrung machen, selbst ein Tier zu schlachten, aber mit etwas mehr Hintergrundwissen könnten viele doch eine informiertere Entscheidung über ihren Fleischkonsum treffen.

Warum haben Sie als Medium Youtube gewählt, um über diese Themen zu informieren?

Weil es für mich eine wichtige Informationsquelle ist. Ich nutze zum Beispiel Tutorials, um Schnitzen zu lernen oder meine Frau informiert sich, warum die Avocado braune Spitzen an den Blättern hat. Es ist das Medium, dass sich meiner Meinung nach am besten dafür eignet, um komplexe Inhalte auf unterhaltsame Art und Weise zu vermitteln. Außerdem macht mir der technische Aspekt dahinter – Kamera, Ton, Beleuchtung – sehr viel Spaß. Ich lerne jede Woche neue Details, die meine Videos hoffentlich immer anschaulicher machen.

Wo soll es langfristig mit dem Kanal hingehen?

Ich möchte „Der Tierarzt“ als Kanal etablieren, der den Mittelgrund abbildet. Ich möchte keine extremen Ansichten wiederkäuen, sondern Verständnis schaffen für komplexe tiermedizinische Themen.