Foto: Jakub Hałun, CC-BY-SA 4.0

Tagung #wowk17 – Geh‘ weg mit deinen Fakten!

Bei der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ der Volkswagen-Stiftung in Hannover diskutieren diese Woche Wissenschaftler, Pressesprecher und Journalisten, wie sich das Vertrauen in die Wissenschaft zurückgewinnen lässt. Der Journalist Alexander Mäder berichtet darüber hier im Journal.

Was werden Historiker einmal über das 21. Jahrhundert sagen? Wie werden sie sich erklären, dass die Wissenschaft so viel wusste und die Gesellschaft diese Erkenntnisse nur halbherzig annahm – und manchmal sogar rundheraus ablehnte? Gerade in der Klimaforschung ist diese Lücke zwischen Wissen und Handeln unübersehbar. Diese Frage stellt sich die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der Harvard University im Buch „Vom Ende der Welt – Chronik eines angekündigten Untergangs“, das sie mit ihrem Kollegen Erik Conway geschrieben hat. Eine ihrer überraschenden Thesen lautet: Die Klimaforscher hätten früher und deutlicher Stellung beziehen sollen, auch wenn sie dafür eigentlich nicht ausgebildet worden sind. Denn sie ließen zu, dass andere die öffentliche Debatte mit „alternativen Fakten“ dominierten. „Während sie Eisbohrkerne analysierten und Klimamodelle rechneten, verbreiteten andere Skepsis, ohne dass sich aus der Wissenschaft Widerstand regte“, kritisierte Oreskes kürzlich in einem Interview des Magazins „bild der wissenschaft“.

Muss die Wissenschaft aktiv den Austausch suchen?

Naomi Oreskes ist die Hauptrednerin der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“, die diese Woche am 25. und 26. Oktober in Hannover stattfindet. Die Volkswagen-Stiftung will zusammen mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina), der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Robert-Bosch-Stiftung diskutieren, wie sich das Vertrauen in die Wissenschaft wieder stärken lässt. Der Titel der Tagung deutet an, dass nicht nur darauf gepocht werden soll, dass die Gesellschaft wissenschaftliche Expertise benötigt, um informierte Entscheidungen zu treffen. Vielmehr sollte die Wissenschaft einen engeren Austausch mit der Gesellschaft suchen, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.

„Die Fakten sprechen nicht für sich“, hat Oreskes ihren Vortrag überschrieben: Es brauche Wissenschaftler, die die Fakten – auch gegen Widerstände – in die Öffentlichkeit tragen. Das erinnert an die Position von Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der seit vielen Jahren aktiv für mehr Klimaschutz wirbt und dafür oft kritisiert wird. Er sagt dann, er fühle sich wie der Ausguck auf der Titanic, der den Eisberg kommen sieht. Da dürfe man nicht stillhalten.

Workshops – den Fakten mehr Gehör verschaffen

Auf der Tagung werden Vertreter der großen Forschungseinrichtungen auf junge Doktoranden und etablierte Wissenschaftler, auf Pressesprecher und Journalisten treffen, um zu diskutieren, ob die Wissenschaft politischer werden muss und wie sie es schaffen kann, mit einem breiten Publikum auf Augenhöhe zu diskutieren. Im April sind in Deutschland in 22 Städten zusammen etwa 35.000 Menschen im „March for Science“ auf die Straße gegangen, um für die Ideale eines offenen und rationalen Diskurses zu werben. Zu ihren Slogans gehörten: „Fakten sind nicht verhandelbar“ und „Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht das Recht auf eigene Fakten“. Wie geht es nun weiter? Bleibt der Marsch ein singuläres Ausrufezeichen? Oder lässt er sich sogar auf eine breitere Basis stellen? In Deutschland gibt es immerhin 240.000 wissenschaftliche Mitarbeiter an den Hochschulen und 2,8 Millionen Studierende, von denen sich die allermeisten nicht beteiligt haben.

Manche Wissenschaftler finden, dass sich das öffentliche Demonstrieren nicht mit der üblichen wissenschaftlichen Zurückhaltung verträgt. Doch die Verunsicherung ist gewachsen. Auch wenn gelegentlich darauf hingewiesen wird, dass es auch früher „Fake News“ gab und sich abstruse Behauptungen hartnäckig hielten, sind viele Wissenschaftler schockiert darüber, wie leichtfertig in jüngster Zeit wissenschaftliche Expertisen in den Wind geschlagen wurden. „Wie kann man gegensteuern?“, lautet die Kernfrage der Tagung in Hannover. In Workshops etwa zur Rolle der Medien und zum Umgang mit Wissenschaftsskeptikern sollen die Fragen vertieft werden.

Die Veranstaltung ist bereits ausgebucht. Im Journal auf Wissenschaftskommunikation.de berichtet Wissenschaftsjournalist Alexander Mäder von der Veranstaltung. Unter dem Hashtag #wowk17 werden zudem viele der Teilnehmenden twittern.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.

Alle Beiträge zu #wowk17, der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ der Volkswagen-Stiftung, 25.–26.10.2017: