Der Denker von Auguste Rodin | Foto: Juanedc, CC-BY-2.0 über Flickr

Tagung #wowk17 – Die richtige Portion Skepsis … und Öffentlichkeitsarbeit

In ihrem Eröffnungsvortrag erläutert Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes von der Harvard University, wann man Forschern vertrauen darf. Ab wann ist eine wissenschaftliche Erkenntnis so weit belegt, dass sie als Fakt gilt? Und haben Wissenschaftler die Pflicht solche Fakten an die Öffentlichkeit zu tragen?

Ihr Vater hat es schon gewusst. Er war Biochemiker und Naomi Oreskes zitiert seinen Rat: „Sofern Du nicht kurz vor dem Tod stehst, solltest du nur Medikamente einnehmen, die sich mindestens sieben Jahre am Markt bewährt haben.“ Denn auch wenn eine Arznei mehrfach getestet und nach einem langwierigen Verfahren zugelassen worden ist, weiß man eigentlich noch zu wenig über sie, um ihr wirklich zu vertrauen. Die Nebenwirkungen treten womöglich erst zutage, wenn das Mittel im normalen klinischen Alltag erprobt wird. Diesen Rat hat sich die Wissenschaftshistorikerin Oreskes von der Harvard University zu Herzen genommen und deutet ihn für ihre Zwecke um: Auch anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen sollte man dieselbe Skepsis entgegenbringen wie den Medikamenten, lautet ihre These.

Vorläufiges Wissen: Kein Gutachten ersetzt den Realitätscheck

Oreskes hält in Hannover auf der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft” der Volkswagen-Stiftung den Eröffnungsvortrag. Thema der Konferenz ist die Frage, wie die Wissenschaft das Vertrauen der Gesellschaft erringen kann, und Oreskes stürzt ihre Zuhörer gleich in die Krise: Wissenschaftler arbeiten an der Grenze des Wissens und ihre Erkenntnisse sind daher zwangsläufig unsicher. Einer einzelnen Studie darf man daher nicht trauen. Sie mag zwar von mehreren Gutachtern kritisch geprüft worden sein, doch das bringt nicht mehr als die klinische Prüfung eines Medikaments, argumentiert Oreskes: Das Verfahren verhindert zwar die gröbsten Fehler, doch der Realitätscheck für die wissenschaftliche Erkenntnis steht dann noch aus. Erst wenn sich der neue Befund bewährt, wird er irgendwann als gesichertes Wissen anerkannt. Forschung ist ein zähes Geschäft, das viel Geduld erfordert.

 

 

Die Botschaft an die Journalisten und Pressesprecher im Publikum ist klar: Sich auf die neuesten Studien zu stürzen und sie zu Beweisen zu überhöhen, vermittelt ein falsches Bild der Wissenschaft. Erst recht bei neuartigen, vielleicht sogar überraschenden Ergebnissen. „Wenn ein Fakt extrem erscheint, dann ist er es wahrscheinlich auch“, gibt Oreskes ihrem Publikum als Merksatz auf den Weg. Dieser Skepsis liegt eine philosophische Haltung zugrunde: Oreskes lehnt das Bild der Forschung ab, nach dem eine besondere Methode dafür sorgt, dass die Erkenntnisse zuverlässig sind. Dieses Bild wird oft mit dem Philosophen Karl Popper verbunden, der das Wesen der Wissenschaft darin sah, dass mutige Hypothesen über die Welt streng geprüft und im Normalfall falsifiziert werden. Nur wenn eine Hypothese allen Widerlegungsversuchen standhält, akzeptiert man sie irgendwann als vorläufig bestätigt.

Forscher sollten Fakten an die Öffentlichkeit tragen

Oreskes hält mit historischen Beispielen dagegen: So wie Popper es sich vorstellte, funktioniert die Wissenschaft nur in Ausnahmen. Wenn es wirklich auf das strenge Prüfen ankäme, wäre das Kopernikanische Weltbild zum Beispiel schnell verworfen worden. Denn im 16. Jahrhundert sprachen die astronomischen Beobachtungen für das alte Ptolemäische Weltbild, das die Erde im Mittelpunkt des Sonnensystems sah. Das lag zum einen an einigen falschen Annahmen über das Universum und zum anderen daran, dass es noch keine Fernrohre gab, mit denen man die nötigen Präzisionsmessungen vornehmen konnte. Doch Wissenschaft, sagt Oreskes, kann auf vielen Wegen voranschreiten und mit unterschiedlichen Methoden nach und nach Belege für ihre Theorien sammeln. Auf diese Belege – oder Fakten – komme es letztlich an. Wenn an ihnen kaum ein Wissenschaftler mehr zweifelt, ist der Punkt erreicht, an dem man den Erkenntnissen vertrauen darf.

Die Fakten sprechen nicht für sich.

 

 

Und hier kommt Oreskes auf die Frage der Hannoveraner Tagung zurück: Vertrauen kann nur entstehen, wenn Fachleute die Evidenz für die Öffentlichkeit einordnen. Sie können die Qualität der Belege einschätzen und gemeinsam können sie als Jury entscheiden, ob die Belege ausreichen, um von gesichertem Wissen zu sprechen. Doch in der Realität hoffen viele Forscher, dass die Fakten für sich sprechen würden, und halten sich vornehm zurück. Ein Fehler, findet Oreskes, denn die Gegner der Wissenschaft schlafen nicht. Bei ihren Untersuchungen zum Rauchen fand sie zum Beispiel, dass die Tabakindustrie bei US-amerikanischen Medien um Gesprächstermine bat – und sie auch bekam. Ärzte und medizinische Verbände hätten hingegen nie darum gebeten, ihre Position darlegen zu können, berichtet Oreskes. So habe es lange gedauert, bis die Risiken des Rauchens auf die politische Tagesordnung kamen.

 

 

Im Journal auf Wissenschaftskommunikation.de berichtet Wissenschaftsjournalist Alexander Mäder von der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft” der Volkswagen-Stiftung. Unter dem Hashtag #wowk17 twittern die Teinehmenden.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.

Alle Beiträge zu #wowk17, der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ der Volkswagen-Stiftung, 25.–26.10.2017: