Ortsschild der Gemeinde Gangelt. Foto: Wikipedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

Strategischer Akteur oder ausführendes Organ?

Was sagt der Fall der Heinsberg-Studie über die Rolle der institutionellen Wissenschaftskommunikation aus? Markus Weißkopf, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, liefert hierzu vier Thesen und zieht zudem einige Lehren für die Leitungsebene.

Die Kommunikationskampagne um die Heinsberg-Studie gibt Anlass für eine Besprechung der ethischen Richtlinien in der Wissenschaftskommunikation. In unserer Kommentarreihe zum „Fall Heinsberg“ ordnen Praktikerinnen und Praktiker des Feldes die Geschehnisse ein und zeigen auf, was wir aus ihnen lernen können. Nach der Einordnung von Beatrice Lugger folgt heute ein Kommentar von Markus Weißkopf, Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog.*


Es wurde ja schon viel geschrieben über die Heinsberg-Studie und insbesondere über die Kommunikation, die zu einem nicht unwesentlichen Teil die PR-Agentur Storymachine zu verantworten hatte. Dabei wurde natürlich auch die Rolle der involvierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisch beleuchtet.

Nicht so sehr beachtet wurden hingegen die involvierten Pressestellen und auch die Leitungen der Forschungseinrichtungen. Vermutlich weil sie in dem ganzen Prozess – zumindest nach außen hin – kaum eine Rolle gespielt haben. Das bringt mich dazu, einige Beobachtungen und Thesen in den Raum zu stellen, über die wir in der institutionellen Wissenschaftskommunikation in den nächsten Wochen und Monaten sprechen sollten.

Wohlgemerkt, es geht mir hier um eine Kritik an einigen sehr spezifischen Aspekten. Diese bezieht sich vor allem auf die intransparente Rolle der PR-Agentur Storymachine und auf die inszenierte Pressekonferenz vom 9. April, die vor allem aus politischen und wirtschaftlichen Gründen zu einem derart frühen Zeitpunkt stattfinden musste. Ganz aktuell muss man in diese Kritik sicher auch einbeziehen, dass auch in der neuesten Pressemeldung einige Punkte enthalten sind, die aus meiner Sicht entgegen der Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR stehen. Besonders zu nennen sind dabei die Verallgemeinerung der Gangelt-Daten zu Sterblichkeit und Infiziertenquote auf die gesamtdeutsche Bevölkerung. Diese bestimmen nun die Berichterstattung an vielen Stellen und sind meines Erachtens nach und auch nach Meinung vieler anderer Experten nur mit sehr großer Vorsicht zu genießen. Trotzdem stehen diese Punkte ohne erkennbare Einordnung und Einschränkung in der Verlautbarung.

Es geht mir hier aber explizit nicht darum, an den inhaltlichen Positionen der an der Studie beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Kritik zu üben, wie dies ja vielfach geschehen ist. Ich denke, dass es im Gegenteil wichtig ist, kein „Du-darfst-neben-mir-keinen-anderen-Experten-haben-Gebot“ aufzustellen. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft und damit müssen und sollten wir unterschiedliche Positionen von Forschenden aushalten. Wichtig ist aber, dass keine künstlichen Übertreibungen in die Kommunikation aufgenommen werden und dass etwaige finanzielle und politische Interessen klar und transparent kommuniziert werden. Auch, dass Forschende oder eine wissenschaftliche Einrichtung eine PR-Agentur zur Unterstützung engagieren, ist grundsätzlich in Ordnung. Nur muss dies transparent erfolgen, jene Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler wie auch ihre Institution sind dann eben dafür verantwortlich, dass externe Partner die Werte und Leitlinien guter Wissenschafts-PR einhalten. Aber kommen wir zurück zu den Thesen und Beobachtungen zur Rolle der institutionellen Wissenschaftskommunikation, die ich anhand dieses Falls aufstellen möchte:

Erstens: Kommunikationsabteilungen haben in vielen Institutionen – trotz einer starken Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation insgesamt – nicht das strategische Selbstverständnis, dass es ihnen ermöglichen würde, sich in einer derartigen Situation als wichtiger Gatekeeper zu betrachten. Als Akteur, der also die Kommunikationsstrategie entwickelt, steuert und bei Fehlverhalten und Kritik aktiv wird und nicht nur ausführendes Organ ist.

„Die hier handelnden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sahen anscheinend die Kommunikationsabteilung nicht als Beratungsinstitution an.“Markus Weißkopf

Zweitens: Auch die Leitungen der Einrichtungen haben die Pressestellen in derartigen Situationen zu wenig auf dem Schirm (oder ignorieren deren Bedenken wie im Fall des Bluttestskandals in Heidelberg) und handeln eher mit Blick auf wirtschaftliche oder politische Gesichtspunkte als beispielsweise nach den Leitlinien für gute Wissenschafts-PR.

Drittens: Die hier handelnden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sahen anscheinend die Kommunikationsabteilung nicht als Beratungsinstitution an, die sie beispielsweise auch vor Medienauftritten vorbereiten könnte, um sie selbst vor schwierigen Aussagen zu schützen oder haben deren Ratschläge ignoriert.

Und viertens: Ob Feinstaubskandal, Heinsbergstudie oder Bluttestskandal in Heidelberg – es fällt auf, dass Fehlentwicklungen in der Wissenschaftskommunikation immer dort besonders zutage treten, wo es eine starke Verbindung zu privatwirtschaftlichen und politischen Interessen gibt.

Was bedeuten diese vier Beobachtungen also für uns in der Wissenschaftskommunikation?

  • Die Kommunikationsabteilungen müssen eine wesentlich stärkere strategische Rolle als bisher in ihren Organisationen spielen.
  • Kommunikation ist Chefsache. Und damit auch die Verantwortung für gute Wissenschaftskommunikation. Das bedeutet dabei keinesfalls, dass nur die Chefin oder der Chef, nur die Pressesprecherin oder der Pressesprecher nach außen kommunizieren dürfen. Sondern, dass es in deren Verantwortung liegt, Regeln und eine Kultur in der Einrichtung zu schaffen, die eine leitlinienorientierte Kommunikation wahrscheinlich machen.
  • Überall wo Politik und Wirtschaft ins Spiel kommen, müssen wir besonders wachsam sein und dürfen es nicht zulassen, dass die Werte von Wissenschaft(-skommunikation) hintenanstehen müssen.

Insgesamt sind dies alles Themen, die wir bereits in den Leitlinien für gute Wissenschafts-PR und der dazugehörigen Checkliste adressiert haben. Alle beschriebenen Punkte sind in vielen Teilen der Wissenschaftskommunikation bekannte Forderungen und Thesen. Doch überall angekommen sind diese Forderungen anscheinend/offenbar noch nicht, denn sonst gäbe es Fälle wie den der Heinsberg-Studie nicht.

Wir sollten deshalb den Prozess zu den Leitlinien wieder aufnehmen und daraus nicht nur eine Selbstverpflichtung der Wissenschafts-PR, sondern auch der Wissenschaft insgesamt machen. Dann würden auch die Leitungsebenen sowie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst stärker in die Pflicht genommen. Schließlich schaden Fälle wie der von Heinsberg nicht nur einem Teil der Wissenschaft und der Wissenschaftskommunikation, sondern dem gesamten System, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Es gilt deshalb nun, endlich nicht mehr nur davon zu sprechen, dass Wissenschaftskommunikation Chefsache wird, sondern dies auch umzusetzen.

 

*Wissenschaft im Dialog (WiD) ist einer der drei Akteure, die diese Plattform betreiben. Markus Weißkopf ist als Geschäftsführer von WiD Teil unseres Teams.