Foto: Collie Coburn, CC0

Siggen 2018: Systemischer Blick auf die Wissenschafts­kommunikation

Die Wissenschaft ist auf einen funktionierenden Journalismus angewiesen – ohne ihn vereinnahmen zu wollen. Eine systemische Betrachtung, wie sie in Siggen erfolgte, muss alle Akteurinnen und Akteure im Blick haben. Die Erosion der überlieferten Funktionen in der Wissenschaftskommunikation erzwingt eine neue, umfassende Sichtweise. Die Siggener Impulse 2018 fordern da, vorbildlich übergreifend, eine neue Agenda.

Franz Ossing, Josef Zens, Jan. 20191

 „Das Pfeifen im Walde des heutigen Journalismus ist, einfach so weiterzumachen wie bisher.“ Sascha Lobo

Der Siggener Kreis hat in seinen Impulsen 2018 zwei Aspekte angesprochen, die zentral für die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation in Deutschland erscheinen: Erstens muss die Wissenschaftskommunikation Chefsache werden und zweitens muss in diesem Kontext das Verhältnis von Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus im Bereich Wissenschaft neu diskutiert werden.2 Beide Themenkomplexe werden gleichermaßen von der Digitalen Revolution neu determiniert, insofern besteht Handlungsbedarf. Dieser Analyse ist zuzustimmen.

Merkwürdigerweise entwickelte sich daraus eine Diskussion darüber, ob der Wissenschaftsjournalismus zur Wissenschaftskommunikation gehört oder nicht. Das wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, denn alle Diskutierenden wissen ja um den Medienwandel. Vor allem verdeckt es das eigentlich Innovative an den Siggener Impulsen 2018: Den systemischen Ansatz, auf dessen Basis Vorschläge an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik, Wissenschafts-PR und Medien entwickelt werden sollen.

Der tägliche Wetterbericht

So moniert Heidi Blattmann in ihrem Beitrag zu Siggen 2018 die Aktualisierung des deutschen Wikipedia-Eintrags zu „Wissenschaftskommunikation“ wegen der umfassenderen Definition des Begriffs. Dabei macht diese Neuformulierung den Eintrag einfach realitätsnäher, weil so die Wissenschaftskommunikation systemisch betrachtet wird, ohne dabei dem Wissenschaftsjournalismus, der Wissenschafts-PR, den kommunizierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder den anderen Trägern (z.B. Science Centres, freie Blogs) ihre jeweilige Funktion in diesem System abzusprechen. Wie abgehoben eine abstrakte Trennung dieser Funktionen sein kann, zeigt ein Beispiel: Der tägliche Wetterbericht ist ein perfektes Stück Wissenschaftskommunikation. Hier wird jeden Tag ein Resultat komplexer Forschung und deren stetiger wissenschaftlicher Verbesserung an das Publikum gebracht. Ob eine Journalistin (Susanne Daubner), eine Wissenschaftlerin (Katja Horneffer), eine Pressestelle (Deutscher Wetterdienst) oder ein privater Wetter-Blog uns über eine Extremwetterlage informiert, ist dabei sekundär. Es wird schlagartig deutlich, wie beschränkt eine Sichtweise ist, die das separieren will in Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaft.

„Ob eine Journalistin, eine Wissenschaftlerin, eine Pressestelle oder ein privater Wetter-Blog uns über eine Extremwetterlage informiert, ist sekundär.“Franz Ossing, Josef Zens

Richtig irreführend wird diese Sichtweise mit der Anmerkung „Desinformation und Fake News hat es immer schon gegeben“. Was für Zeiten des damaligen analogen Journalismus galt, gewinnt heute angesichts von „negative campaigning“ und anderen fiesen Methoden der politikinszenierenden Meinungsforscher („Pollsters“) eine völlig neue Qualität. Steve Bannon, Cambridge Analytica oder GEB Int. zeigen schon lange, wie begrenzt die Wirkmächtigkeit der traditionellen Medien ist, weil das bisherige System von Information und Kommunikation unserer Gesellschaft sich grundlegend geändert hat. Sie spielen perfekt auf der Klaviatur der Möglichkeiten, die sich mit der digital neu geformten Kette von Informationsbeschaffung, Meinungsbildung und politischer Willensäußerung ergibt. Anders gesagt: Die „Campaign Pollsters“ betrachten das Ganze vorbildlich systemisch, allerdings mit bösen Absichten.

Gegen dieses neue System mit seinen veränderten Öffentlichkeiten hilft keine Sichtweise, in der jeder in seinem eigenen Sandkasten sitzt – erschreckend unsystemisch, allerdings mit lauteren Absichten. Es hilft auch nicht zu betonen: „Ich bin schon seit 30 Jahren in diesem Sandkasten und hab ihn mitgebaut!“ Dass nebenan ein Bagger und ein Schaufelradlader dabei sind, die Sandkästen abzuräumen, um darauf ein HighTech-Einkaufszentrum mit Online-Lieferservice zu bauen, geht in der lauten Rechthaberei unter.

„Gegen dieses neue System mit seinen veränderten Öffentlichkeiten hilft keine Sichtweise, in der jeder in seinem eigenen Sandkasten sitzt.“Franz Ossing, Josef Zens

Keine Vereinnahmung

Um also das Verhältnis aller Akteure in der Wissenschaftskommunikation und mögliche Handlungsperspektiven zukunftstauglich zu analysieren, täte man gut daran, den Bleisatz und Heinz Haber nicht mehr zum heutigen Maß der Dinge zu erklären. Die Siggener Impulse 2018 formulieren klar: „Der Qualitätsjournalismus befindet sich in einer ‚Schicksalsgemeinschaft‘ mit der Wissenschaft. Er teilt die gleichen Werte. So wundert es nicht, dass Populisten alter und neuer Schule die beiden Institutionen ‚Journalismus‘ und ‚Wissenschaft‘ gezielt angreifen.“ Wer in Siggen 2018 eine Umklammerung des Journalismus durch die interessegeleiteten Pressestellen vermutet, hat den Text entweder gar nicht oder mit interessiertem Blick gelesen. Dort heißt es explizit: „Bei aller Unterstützung, die die Wissenschaft dem Journalismus zukommen lassen sollte, gilt es also, eine Rollenverteilung zu wahren, die beiden Systemen die Erfüllung ihrer Aufgaben in einer demokratischen Gesellschaft ermöglicht.“

„Wer in Siggen 2018 eine Umklammerung des Journalismus durch die interessegeleiteten Pressestellen vermutet, hat den Text entweder gar nicht oder mit interessiertem Blick gelesen.“Franz Ossing, Josef Zens
Es geht nicht um Vereinnahmung, sondern darum, dass Wissenschaftskommunikation erstens auch Chefsache sein muss. Und dass sie, zweitens, damit mehr Wirkung und Lauterkeit erlangen kann. Das etwas altertümlich anmutende Wort der Lauterkeit gewinnt an Aktualität, weil die Informationsvermittlung im Sinne von korrekten Fakten durch mehrere Entwicklungen bedroht ist. Da ist zum einen das bereits angesprochene „negative campaigning“, zum anderen aber ist ein Bedeutungs- und Kompetenzverlust im Wissenschaftsjournalismus zu verzeichnen. Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt immer noch sehr viele sehr gut ausgebildete Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten. Nur gibt es zugleich immer mehr schlecht ausgestattete Medienhäuser und Redaktionen, die massenhaft Content produzieren müssen. Hoher Zeitdruck, Finanznot, Klickzahl-Fixierung, Konkurrenz durch das kostenlose Internet: das sind reale Probleme des Journalismus, die zu einem immer offener zutage tretenden Qualitätsverlust bei den journalistischen Produkten führen. Das schadet allen: den Journalistinnen und Journalisten ebenso wie dem Objekt der Berichterstattung, der Wissenschaft. Wir können es nicht oft genug betonen: Die Wissenschaft als System ist auf einen funktionierenden Journalismus angewiesen, auf echten Journalismus und nicht auf Gefälligkeitsberichterstattung. Anders kann keine Glaubwürdigkeit hergestellt werden.

Vorbildlich systemisch

„Die Wissenschaft als System ist auf echten, funktionierenden Journalismus angewiesen, nicht auf Gefälligkeits-berichterstattung. Anders kann keine Glaubwürdigkeit hergestellt werden.“Franz Ossing, Josef Zens
Der letzte Absatz des aktuellen Siggen-Papiers weist darauf hin, dass es um ein „thematisch begründetes Bündnis und Informationsnetzwerk“ geht, Betonung auf „thematisch begründet“. Das verdeutlicht die Intention: Es kann „übergreifend die Kommunikation mit den jeweiligen Leitungsetagen“ gefördert werden. Wenn man diesen ganzen Schlussabsatz als Grundriss einer noch zu entwickelnden Agenda sieht, was soll daran falsch sein? Ein Beispiel: Der Wissenschaftsjournalismus weist seit Jahren zu Recht auf den Skandal hin, dass in allen Zentralredaktionen der öffentlich-rechtlichen Medien keine Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten sitzen. Ergänzend kann angemerkt werden, dass auch im Rundfunkrat oder der KEF die Wissenschaft nicht vertreten ist. Hier hätten der Wissenschaftsjournalismus und die großen Wissenschaftsorganisationen eine gemeinsame Agenda, ohne ihre jeweilige Autonomie bedroht sehen zu müssen.

Alle Akteure und Funktionsträger3 in der Wissenschaftskommunikation im weiten Sinn sind sich (hoffentlich) der konstitutiven Bedeutung von Wissenschaft für unser Gemeinwesen bewusst und auch der Gefahr, die dieser Demokratie durch den Populismus droht. Dagegen sollte man sich gemeinsam wenden, und zwar jeder in seiner Funktion im Gesamtsystem. Das muss und wird durchaus nicht immer harmonisch ablaufen. Aber nichts anderes wollen die Siggener Impulse 2018 – und zwar vorbildlich systemisch.

 

Ein weiterer Beitrag zu dieser aktuellen Debatte erschien – ebenfalls heute – im meta Magazin: „Ausweg Stiftung? Ein Debattenbeitrag“ von Franco Zotta.

 

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