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„Wissenschaftskommunikation als Chance, die Wahrnehmung des eigenen Fachs zu gestalten“

Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht selbst kommunizieren, geben sie freiwillig die Darstellung und die Narrative rund um ihre Forschung aus der Hand, schreiben die Archäologen Jens Notroff und Oliver Dietrich. Im Gastbeitrag plädieren sie darum für mehr aktive Kommunikation.

Meldungen zu Wissenschaft und Forschung sind inzwischen ein selbstverständlicher Teil der Medienlandschaft und der Öffentlichkeitsarbeit von Universitäten und Forschungseinrichtungen. Der Hinweis auf die besondere Bedeutung von Wissenschaftskommunikation kommt daher einer Binsenweisheit gleich. Dennoch wird die Frage, ob Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst in der Kommunikation eigener Forschung aktiv werden sollten, nach wie vor heftig diskutiert. Sicher, einen ‚Kommunikationszwang‘ zu konstruieren wäre ebenso unsinnig wie kontraproduktiv. Der allerdings – für beide Seiten – durchaus existente Nutzen aktiver Wissenschaftskommunikation ist es allemal wert, einmal mehr darauf hinzuweisen.

Archäologie als objektfixierte Schatzsuche und romantisierender Abenteurergeist

Unsere Arbeit in der Archäologie genießt seit Langem ein besonderes und bemerkenswert großes öffentliches Interesse. Das verraten Blicke in Buch- und Zeitschriftenhandel, sowie einschlägige TV-Dokumentarfilmreihen. Der Markt populärwissenschaftlicher Beiträge zu archäologischen und historischen Themen ist beinahe unüberschaubar groß geworden. Allerdings fallen dabei neben dem grundlegenden Interesse für diesen Forschungsbereich insbesondere Klischees und Stereotypen auf. Das öffentliche Bild der Archäologie und der Archäologinnen und Archäologen wird dominiert von objektfixierter Schatzsuche sowie romantisierendem Abenteuergeist und Draufgängertum.

An Kommunikation archäologischer Themen mangelt es zunächst also nicht. Sie geht eben nur nicht zwingend auch von Forschenden aus. Selbstverständlich ist es grundsätzlich überhaupt nicht problematisch, wenn Journalistinnen und Journalisten unter Bezug und mit Rückgriff auf die wissenschaftliche Expertise von Forschenden und Forschungsprojekten über deren Arbeit berichten. Im Gegenteil ist dies sogar ausgesprochen zu begrüßen. Dazu sind sie aber eben auch auf die Bereitschaft jener Expertinnen und Experten angewiesen, selbst und direkt mit den Medien zu kommunizieren. Hier beginnt aktive Wissenschaftskommunikation. Und es ist durchaus legitim, professionellen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren die Aufgabe zu überlassen, in eingängiger Sprache Forschung zu vermitteln. Themen, mit denen man sich selbst lange und im Detail beschäftigt hat, kurz und prägnant zu erläutern, ist bekanntlich gar nicht so einfach.

„Ein Problem entsteht, wenn Fachleute sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen und die Darstellung und Diskussion von Forschung vollkommen losgelöst vom Fach stattfindet.“Jens Notroff und Oliver Dietrich
Ein Problem entsteht aber, wenn Fachleute sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen und die Darstellung und Diskussion von Forschung und Forschungsergebnissen vollkommen losgelöst vom Fach stattfindet. Denn die so hinterlassenen Leerräume werden rasch gefüllt. Die Nachfrage nach entsprechenden Informationen besteht schließlich unabhängig von einem aktiven Angebot seitens der Wissenschaft. Sie werden vermittelt und interpretiert – nun allerdings ohne aktive Reflexion und gegebenenfalls Korrektur durch die eigentlichen Urheberinnen und Urheber der Daten. Damit gibt die Wissenschaft freiwillig und leichtfertig die Gestaltung eigener Narrative aus der Hand.

Wenn eine Parallele zu konstruiert wirkt, ist sie es wahrscheinlich auch

Tagesaktuelle Debatten werden immer wieder auch mit historischen und archäologischen Daten verknüpft. Modelle aber, die komplexe Sachverhalte auf einzelne Elemente reduzieren und zum Beispiel einen zentralen Einfluss klimatischer Veränderung auf gesellschaftliche Systeme bemühen, um den (vermeintlichen) Zusammenbruch ganzer Kulturen in der Vergangenheit zu erklären, führen am Problem vorbei. Wenn eine Gesellschaft zusammenbricht, hat das oft eine ganze Reihe von Ursachen, die im Zusammenspiel wirken. Eine davon herauszupicken, ist schlicht unwissenschaftlich.

Ein weiteres Beispiel ist die Verknüpfung von aktuellen Migrationsdebatten mit Ergebnissen von Untersuchungen alter DNA aus prähistorischen Bestattungen. Diese werden – oft unkommentiert – herangezogen, um der Diskussion um Migration und deren gesellschaftlicher Auswirkung historische Tiefe zu verleihen. Stattdessen belebt diese Verbindung nationalistische Bilder aus den Anfängen der Archäologie im 19. Jahrhundert wieder, die das Fach längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. Konstruktionen dieser Art beruhen oft auf zu sehr vereinfachten Darstellungen und Zusammenhängen. Weil es aber offenbar ein grundsätzliches Interesse an solcher Berichterstattung gibt, sind diese Narrative im Nachhinein oft sehr schwer zu korrigieren und finden so immer weiter Verbreitung in der öffentlichen Diskussion.

Leerstellen können für Kommunikation mit eigener Agenda genutzt werden

„Schwerer als jene auf mangelhafte Information zurückgehenden Vorstellungen, wiegen solche Leerstellen, die von Kommunikatoren mit eigener Agenda aufgegriffen – und gefüllt – werden.“Jens Notroff und Oliver Dietrich
Schwerer als jene auf mangelhafte Information zurückgehenden Vorstellungen, wiegen solche Leerstellen, die von Kommunikatorinnen und Kommunikatoren mit eigener Agenda aufgegriffen – und gefüllt – werden. Im extremsten Fall führt die einseitige, unkommentierte und aus dem Zusammenhang gerissene Betonung einzelner kultureller Phänomene zur Etablierung pseudowissenschaftlicher Narrative. So kommt es zu hyperdiffusionistischer Analogiebildung, was bedeutet, dass Zusammenhänge konstruiert werden, die alles mit allem zu verbunden versuchen. So konstruieren sie etwa eine Verbindung zwischen Pyramiden in Ägypten und Amerika und ähnlichen Bauwerke in Asien und dem Orient – oft tausende Kilometer und ebenso viele Jahre voneinander entfernte Phänomene.

Das bietet etwa Theorien eine Grundlage, die davon ausgehen, dass einige prähistorische oder indigene kulturelle Leistungen und Errungenschaften nicht von diesen Völkern selbst, sondern von mythischen Superrassen oder gar unter außerirdischer Einflussnahme erschaffen wurden – so etwa die neolithischen Megalithanlagen von Stonehenge, der Bau der ägyptischen Pyramiden oder die Errichtung der kolossalen Moai-Skulpturen auf der Osterinsel Rapa Nui. Der bei aller Mystifizierung mitklingende Subtext ist dabei letzten Endes stets zutiefst rassistischer Natur: Die ‚alternativen‘ (Pseudo-)Erklärungen kämen als einzig logisch-korrekte infrage, weil ‚Primitive‘ zu solchen Leistungen einfach nicht fähig seien.

Solche Thesen sind ethisch besonders fragwürdig, können und werden sie doch auch zur Legitimation politisch-extremistischer Positionen herangezogen. Das zeigte zuletzt etwa die Instrumentalisierung der sogenannten (höchst umstrittenen) Solutréen-Hypothese durch die rechte US-amerikanische Alt-Right-Bewegung. Diese Hypothese vertritt die Idee, dass die Erstbesiedlung Amerikas während des Jungpaläolithikums vor etwa 13.000 Jahren von Europa ausging und nicht etwa von Asien über die Behringstraße. Dass also ethnisch weiße Europäer die eigentlichen Ureinwohner des amerikanischen Kontinents seien, inklusive aller damit verbundenen Ansprüche. Einer gründlichen wissenschaftlichen Überprüfung können solche Modelle freilich nicht standhalten.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind also nicht mit dem bloßen Abliefern (und Publizieren) von Daten aus der Pflicht entlassen, sondern auch gefordert, einen Interpretationsrahmen anzubieten und diesen Daten einen Kontext zu geben. Wissenschaftskommunikation ist auch gesellschaftliche Verantwortung. Um Missverständnissen vorzubeugen, um unbewussten, vor allem aber auch gezielten Fehldeutungen entgegenzuwirken. Die Öffentlichkeit hat Interesse an unserer Arbeit. Das ist nicht nur gut, sondern essenziell für die Legitimation von Forschung, die – wenigstens in den Geisteswissenschaften – mehrheitlich aus öffentlichen Mitteln finanziert wird.

„Wissenschaftler sind also nicht mit dem bloßen Abliefern von Daten aus der Pflicht entlassen, sondern auch gefordert, einen Interpretationsrahmen anzubieten.“Jens Notroff und Oliver Dietrich
Damit hat die Öffentlichkeit das Recht auf Information, hat Wissenschaft auch die Aufgabe zu kommunizieren – wenn nicht direkt mit der Öffentlichkeit, dann mit vermittelnden Instanzen, wie etwa Journalistinnen und Journalisten. Es ist an der Zeit, Wissenschaftskommunikation als genuinen Teil der Forschung zu begreifen – von Anfang an. Und auch die personelle Ausstattung von Projekten entsprechend zu planen. Wissenschaftskommunikation ist keine lästige, zusätzlich zur eigentlichen Arbeit zu erledigende Pflicht, sondern eine Chance. Die Chance, Wahrnehmung und Auffassung der eigenen Arbeit und Forschung, ja des eigenen Faches, zu gestalten.

Jens Notroff und Oliver Dietrich sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin und engagieren sich neben der Forschung zum frühen Neolithikum Anatoliens und der europäischen Bronzezeit insbesondere in der Wissenschaftskommunikation archäologischer Themen. Gemeinsam haben sie ein Weblog zu den Ausgrabungen des DAI am Göbekli Tepe aus der Taufe gehoben, auf dem aktuelle Forschungsergebnisse aufbereitet werden.

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.