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Wann führt Kommunikation auch zu Aktionen?

Das Portal klimafakten.de informiert über aktuelle Forschung und gibt Tipps zur Kommunikation über Klimawandel, Umweltschutz und Co. Ein Gespräch mit Redaktionsleiter Carel Mohn über Zielgruppen, Werte und darüber, wie das abstrakte Thema Klima konkret wird.

Herr Mohn, seit 2011 stellen Sie auf klimafakten.de wissenschaftliche Informationen rund um den Klimawandel zur Verfügung. Welches Ziel verfolgen Sie mit der Seite?

Wir möchten eine informierte Debatte über den Klimawandel, den Klimaschutz und die Klimapolitik ermöglichen. Dazu ist es wichtig, dass Menschen belastbare Fakten haben. Es gibt von verschiedenen Seiten den Versuch, die Öffentlichkeit zu diesem Thema zu verwirren. Diese Behauptungen und Einwände greifen wir auf und machen dazu Faktenchecks, basierend auf dem aktuellen Stand der Forschung.

Sie beschäftigen sich aber auch mit der Kommunikation über das Thema Klima. Warum?

Carel Mohn ist seit 2011 Redaktions- und Projektleiter von klimafakten.de. Der Politologe und gelernte Journalist war zuvor Kommunikationsdirektor Deutschland für die European Climate Foundation und leitete die Kommunikation des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Foto: Detlef Eden
Carel Mohn ist seit 2011 Redaktions- und Projektleiter von klimafakten.de. Der Politologe und gelernte Journalist war zuvor Kommunikationsdirektor Deutschland für die European Climate Foundation und leitete die Kommunikation des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Foto: Detlef Eden

Weil wir irgendwann gemerkt haben, dass die bloße Versorgung mit Fakten zu wenig verändert. Klima ist ein Thema, bei dem es einen großen Handlungsbedarf gibt. Darum schauen wir uns seit 2015 auch explizit an, was in der Klimakommunikation passiert: Was geschieht in den Köpfen, wenn Menschen über das Thema reden? Wann führt Kommunikation auch zu Aktionen? Da gibt es viele Gründe, die ein konkretes Handeln verhindern, individuell und politisch. Damit richten wir uns vor allem an Menschen, die selbst Klimakommunikation betreiben – und das ist jeder und jede, der das Thema in die Öffentlichkeit trägt. Diese Menschen wollen wir stärken und ihnen helfen, bessere Strategien zu finden, weil Klimakommunikation auch sehr frustrierend sein kann.

Inwiefern?

Die Gemeinschaft der Klimaforscherinnen und -forscher ist sich seit den 1980er-Jahren zunehmend sicherer geworden, dass der aktuelle Klimawandel menschengemacht ist. Seit mindestens zehn Jahren ist das ein wirklich sehr gut gesicherter Wissensstand, ein echter Fachkonsens. Trotzdem ist seither sehr wenig passiert. Für alle, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, ist es eine frustrierende Erfahrung, zu sehen, dass das Thema nur so langsam in der Gesellschaft ankommt. Daher möchten wir Kommunikatorinnen und Kommunikatoren dazu ermutigen, trotzdem weiterzumachen – und mit dieser Frustration produktiv umzugehen.

Wer kommuniziert denn überhaupt zu Klimathemen?

Zum Beispiel Menschen, die in der Forschung arbeiten und möchten, dass ihre Ergebnisse in der Öffentlichkeit aufgegriffen werden. Oder Klimaschutzbeauftragte von Kommunen, Behörden oder Verwaltungen, deren Job es ist, ihre Region klimafreundlicher zu machen. Außerdem Aktivistinnen und Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen, Spezialisten für Corporate Social Responsibility von Unternehmen, Klimapolitikerinnen und -politiker, kurz: alle, die mit dem Thema zu tun haben. Und wenn sie das eine Weile gemacht haben, stellen sie sich oft die Frage: Wirkt das überhaupt, was wir kommunizieren? Und mit der Frage kommen sie dann hoffentlich zu unserem Portal in den Bereich „Fakten besser vermitteln“. Dabei freut uns besonders, dass wir diese Zielgruppe in ihrer großen Breite auch tatsächlich ziemlich gut erreichen, und auch unsere Follower- und Leserzahlen wachsen stetig.

Warum ist die Kommunikation über Klima so schwierig?

Das Klima kann ich nur indirekt erfahren. Es ist der Durchschnitt von Wetterdaten über einen langen Zeitraum. Und daher haben wir Menschen erhebliche Schwierigkeiten, uns überhaupt Klima vorzustellen zu können. Außerdem widerspricht es oft der eigenen Erfahrung mit dem Wetter in der direkten Umgebung.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die Ursache-Wirkung-Kette nur schwer nachvollziehbar ist. Wir wissen, dass CO2 den aktuellen Klimawandel entscheidend mitverursacht. Aber was ist die Wirkungskette eines einzelnen Kraftwerks oder eines Autos auf diese globalen Effekte? Da muss man viele Fragen beantworten, und wer nicht geübt ist im Entziffern solch komplexer Zusammenhänge, wird da vielleicht schon mal skeptisch.

Ein dritter Aspekt ist, dass beim Thema Klimaschutz gewisse politische Instrumente in unser Leben eingreifen. Je nachdem welche Einstellung ich zu politischer Regulierung habe, reagiere ich darauf mehr oder weniger gelassen. Dazu gehören Themen wie etwa Verkehrsregulierung oder Wirtschaftsauflagen. Da gibt es zum Teil erhebliche Widerstände.

Was raten Sie dann den Kommunikatorinnen und Kommunikatoren?

Das kommt natürlich auf deren Zielgruppe und weitere Faktoren an. Nehmen wir mal die Zielgruppe der Hauseigentümer, die man zum Beispiel motivieren möchte, ihre Häuser zu dämmen oder energetisch zu modernisieren. Da kann ich in der Kommunikation in den Vordergrund stellen, welche wirtschaftlichen Vorteile das hat, wie viel Geld es bringt. Damit erreicht man dann einen Teil der Zielgruppe ganz gut.

Es gibt aber auch Menschen, die sich davon abgestoßen fühlen, wenn das Thema Geld in den Vordergrund gestellt wird. Sie wollen Klimaschutz eher aus idealistischen Gründen betreiben für ihre Kinder und Enkel – und wenn ich diese Leute als Sparfüchse anspreche, entwerte ich ihre wertegebundene Motivation. In solchen Fällen gut über die verschiedenen Einstellungen Bescheid zu wissen, hilft schon mal sehr bei der Kommunikation, also beispielsweise allen, die in der Energieberatung unterwegs sind.

Gibt es auch grundlegende Kommunikationstipps, die für alle Zielgruppen gelten?

Wenn man zum Beispiel Falschaussagen entgegentreten möchte, sollte man der falschen Aussage so wenig Raum wie möglich einräumen, um sie nicht zu verstärken. Außerdem kann sich das menschliche Gehirn Argumente besser merken, wenn man sie mit Alltagserfahrungen verknüpft. Sie bleiben dann viel eher hängen als statistische Aussagen. Darum kann man sich manchmal eine griffige Falschaussage besser merken als sieben kleinteilige Gründe, warum es nicht so ist. Solche Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung versuchen wir auch in den Faktenchecks so umzusetzen und das nicht nur sprachlich, sondern auch visuell im Layout unserer Texte.

Wer steckt hinter dem Portal klimafakten.de?

Initiiert und auch finanziert wurde das Projekt von der European Climate Foundation und der Stiftung Mercator. Damals, 2011, war der  Klimaschutz nach dem Scheitern des Abkommens von Kopenhagen in einer ziemlichen Krise. Um den „Klimawandelleugnisten“ und der Wissenschaftsfeindlichkeit bei dem Thema etwas entgegenzusetzen, haben wir klimafakten.de ins Leben gerufen.

Und wie arbeiten Sie in der Redaktion?

Das Redaktionsteam besteht aus insgesamt zwei Stellen, und wir sehen uns als Projekt, das gemeinnützigen Journalismus, gemeinnützige Wissenschaftskommunikation betreibt. Für die aktuellen Berichte, etwa über die Fridays-for-Future-Bewegung halten wir uns da auch streng an journalistische Kriterien, die wir auch auf der Seite offenlegen. Bei den Faktenchecks arbeiten wir mit einem journalistischen Format, das wir aber – wie bei einem Peer Review – in einem Sechs-Augen-Prinzip auch von unserem wissenschaftlichen Beirat noch einmal prüfen lassen.