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Plötzlich Wissen – „Dorthin gehen, wo die Leute sind!“

Drei Wissenschaftler und eine Gabelschwanzseekuh waren im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016/17 unterwegs mit dem Projekt Plötzlich Wissen. Mit Experimenten und Geschichten haben sie insgesamt neun deutsche Städte besucht und dabei Menschen ihre Forschung erklärt. Ein Gespräch über ihre Erlebnisse und den Wert freundschaftlicher und direkter Wissenschaftskommunikation.

Was ist Plötzlich Wissen und welche Idee steht dahinter?

André Lampe: Eigentlich ist Julia die Mutter der Idee.

Inga Ramcke: Stimmt, Julia ist die Mutter der Idee, ich bin die Mutter des Dugongs, unserer Gabelschwanzseekuh, und Andre ist der Vater der Experimente.

Experimente sind eines der Formate, mit denen das Team von Plötzlich Wissen auf die Menschen zugeht,. | © Plötzlich Wissen
Experimente sind eines der Formate, mit denen das Team von Plötzlich Wissen auf die Menschen zugeht. | © Plötzlich Wissen

Julia Schnetzer: Es ging damit los, dass ich von einem Projekt gehört habe – Wissen vom Fass beziehungsweise Pint of Science – bei dem Wissenschaftler Kneipen besuchen, um dort Vorträge zu halten. Ich fand das Konzept sehr cool, aber die Vorträge fanden unangekündigt statt, was mitunter nicht so gut ankam. Ich kann das verstehen: Wenn ich mit Freunden in die Kneipe gehe und plötzlich gibt es einen halbstündigen Vortrag … Grundsätzlich schien mir das Ganze aber ein spannendes Konzept, weil es generell Sinn macht, dorthin zu gehen, wo die Leute sind und nicht die Leute erst zu sich zu holen.

André Lampe: Unangekündigte Vorträge in Kneipen funktionieren nicht, denn damit störst du die Menschen. Wenn du sie aber einzeln ansprichst, können sie selbst entscheiden und es entstehen schnell Gespräche. Warum sollte man immer den Wunsch haben, eine Veranstaltung zu machen, bei der ganz viele Leute zuhören? So funktioniert  Kommunikation mitunter nicht, denn die Leute wollen auch etwas sagen.

Julia Schnetzer: Die Idee war also, ein Projekt zu starten, bei dem man direkt auf Leute zu- und zudem an Orte geht, an denen sie Zeit haben und nicht gestresst sind. Und wir wollen einen Dialog führen und keine Vorträge halten, wie bei vielen anderen Formaten. Die Leute sollen auch die Gelegenheit bekommen, eigene Fragen zu stellen oder das Gespräch in eine Richtung zu leiten, die sie interessiert.

Das Team von Plötzlich Wissen: <b>Inga Marie Ramcke</b> promoviert zum Thema „Vermittlung von Inhalten durch den Einsatz von Handpuppen“ und hat den Dugong selbst gestaltet. <b>André Lampe</b> ist promovierter Physiker, arbeitet als freier Wissenschaftskommunikator und ist aktiver Science Slammer. <b>Julia Schnetzer</b> hat in mariner Mikrobiologie promoviert, managt die Wanderausstellung „Ocean Playtics Lab“ und hat das Citizen-Science-Projekt Ocean Sampling day mitorganisiert. | © Plötzlich Wissen!
Das Team von Plötzlich Wissen: Inga Marie Ramcke promoviert zum Thema „Vermittlung von Inhalten durch den Einsatz von Handpuppen“ und hat den Dugong selbst gestaltet. André Lampe ist promovierter Physiker, arbeitet als freier Wissenschaftskommunikator und ist aktiver Science Slammer. Julia Schnetzer hat in mariner Mikrobiologie promoviert, managt die Wanderausstellung „Ocean Playtics Lab“ und hat das Citizen-Science-Projekt Ocean Sampling day mitorganisiert. | © Plötzlich Wissen!

Mit welchen Menschen kommt ihr da vor allem ins Gespräch?

André Lampe: Man kann das eigentlich nicht klassifizieren, es gibt keinen speziellen Typ Mensch, der auf uns zukommt. Das ist wirklich quer durch die Bank.

Julia Schnetzer: Das reicht vom Obdachlosen bis zum Anzugträger.

Inga Ramcke: Vom Kleinkind bis zum Rentner.

Unterwegs in der Stadt | © Plötzlich Wissen
Unterwegs in der Stadt | © Plötzlich Wissen

Kleinkinder in Kneipen?

Inga Ramcke: Angefangen haben wir bei bestem Wetter am Nachmittag in Heilbronn – gar nicht in der Kneipe, sondern in der Fußgängerzone. Die ersten, die wir angesprochen haben, war tatsächlich eine Erwachsenengruppe mit Kind und Luftballon. Wir wussten am Anfang natürlich nicht so recht, worauf wir uns einlassen und sind einfach dem Gefühl gefolgt.

Julia Schnetzer: Wir waren an sehr unterschiedlichen Orten. In Rügen waren wir etwa tagsüber am Strand. Da hatten wir zwar total schlechtes Wetter (lacht), aber das war gar nicht schlecht: Es hat geschüttet und die Leute haben unter Unterständen gewartet und ihnen war langweilig – perfekt für uns!

André Lampe: Sie konnten nicht weglaufen!

Julia Schnetzer: Insgesamt waren wir so in neun verschiedenen Städten unterwegs.

Wie läuft so eine Städtetour und wie gewinnt ihr die Aufmerksamkeit der Menschen?

Den Dugong, eine Gabelschwanzseekuh, setzt Inga Ramcke ein, um das Eis zu brechen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. | © Plötzlich Wissen
Den Dugong, eine Gabelschwanzseekuh, setzt Inga Ramcke ein, um das Eis zu brechen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. | © Plötzlich Wissen

André Lampe: Das ist sehr dynamisch: Auf der einen Seite gucken wir, wie es um die Aufmerksamkeit der Gruppe steht. Wenn man eine größere Gruppe hat, die sich unsicher ist, wie sie reagieren soll, dann bietet sich zum Beispiel ein Experiment an. Wir drei können ganz gut einschätzen, wann wir von den anderen Unterstützung brauchen. Jeder von uns stellt unterschiedliche Themen vor, sodass ein anderer weitermachen kann, sobald ein Gespräch langsam abebbt. Dann komme zum Beispiel ich dazu und zeige ein Experiment. Das ist eben nur eine der Kommunikationsformen die wir haben. Daneben haben wir noch Geschichten, die Handpuppe von Inga (das Dugong), die Algen, die Julia als Snack dabei hat – „Hier probiert mal!“ – und mehr.

Inga Ramcke: Wir fallen schon rein optisch auf. So eine Handpuppe ist natürlich eher ungewöhnlich, etwas, das Menschen anspricht. Der Dugong ist wirklich ein kleiner Magnet. Durch die Puppe ist es leicht, mit Menschen in Kontakt zu kommen und auf uns aufmerksam zu machen. Außerdem haben wir auch noch unser Schild dabei, auf dem unsere Themen stehen und das zum Ansprechen auffordert.

Wie reagieren die Leute auf die Puppe – und auf euch?

Julia Schnetzer: Ich würde sagen, die Reaktionen sind total unterschiedlich. Manche Erwachsene freuen sich echt riesig über die Puppe und manche sind eben erst mal zurückhaltend und kommen sich vielleicht dumm vor, mit einer Puppe zu sprechen. Meistens tauen sie aber noch auf.

Inga Ramcke: Die Leute denken meist, wir wären ein Junggesellenabschied.

André Lampe: Ja, eine Handpuppe, zwei Damen und ein Herr und ein Schild … Wahrscheinlich ist das dann das Einzige, das einigermaßen passt.

Inga Ramcke: Ja, oder Festivalgänger. Das ist auch eine häufige Assoziation.

Julia Schnetzer: Die Puppe ist ein super Eisbrecher. Manchmal dreht die Puppe auch ein wenig durch, aber okay … (alle lachen)

Inga Ramcke: So ist es eben bei Dugongs, man weiß manchmal nicht, was dahinter steckt.

Der Dugong im Einsatz | © Plötzlich Wissen
Der Dugong im Einsatz | © Plötzlich Wissen

Was ist denn für euch persönlich das Schöne an dieser Art, Wissenschaft zu kommunizieren?

Inga Ramcke: Das ist einfach eine freundschaftlichere, respektvollere Ebene der Begegnung und nicht die, bei der ein Wissenschaftler einer Person erklärt, wie die Welt eben so läuft. Die Atmosphäre ist viel persönlicher und oft hatten wir Schwierigkeiten, uns wieder loszureißen. Man wird zum Teil einer Gruppe.

André Lampe: In Mainz saßen wir einmal fast drei Stunden mit einer Gruppe zusammen. Das hat mit sechs Leuten angefangen und am Ende waren wir elf am Tisch.

Julia Schnetzer: Ich fand es schön zu sehen, dass Menschen, die sonst überhaupt nichts mit Wissenschaft zu tun haben, sehr daran interessiert sind und viele Fragen mitbringen. Da waren wirklich interessante Fragen dabei, auch aus anderen Gebieten, die wir so spontan gar nicht beantworten konnten. Aber wir beantworten sie dann später auf unserer Webseite, dadurch haben wir auch selbst einiges dazugelernt. Außerdem sehe ich generell das Problem, dass Wissenschaftler den Input der Öffentlichkeit nicht ernst nehmen. Wir haben sehr viele Menschen getroffen und fast niemand hatte schon vom Wissenschaftsjahr gehört und die wenigstens von ihnen waren schon mal bei Veranstaltungen wie etwa Science Slams. Das zeigt, dass da ein bisschen mehr getan werden muss, um Leute, die eben nicht bereits irgendwie mit Wissenschaft in Kontakt sind oder Interesse daran haben, zu solchen Veranstaltungen zu bekommen.

Auf der Homepage beantwortet das Team von Plötzlich Wissen <a href="http://www.ploetzlichwissen.de/tag/frage/" target="_blank">„Fragen aus der Kneipe“</a>, die sie spontan nicht beantworten konnten. |<br /> © Plötzlich Wissen
Auf der Homepage beantwortet das Team von Plötzlich Wissen „Fragen aus der Kneipe“, die sie spontan nicht beantworten konnten. |
© Plötzlich Wissen

Wie steht es um die Zukunft des Projekts?

Julia Schnetzer: Das Projekt wird mit dem Wissenschaftsjahr Ende Dezember erst einmal auslaufen. Alle würden gerne weitermachen. Dafür bräuchte es aber einer Finanzierung und da werden wir uns umschauen.

André Lampe: Wir sind voller Vorfreude und ganz offen, eingeladen zu werden, um zu erzählen, was wir erlebt haben und welche Erfahrungen wir bei der Wissenschaftskommunikation auf der Straße sammeln durften. Wer mehr über ,Plötzlich Wissen!’ erfahren möchte: Wir kommen gerne vorbei!

Inga Ramcke: Wie Julia schon gesagt hat, sind wir noch bis Ende des Jahres im Rahmen des Wissenschaftsjahres unterwegs, aber das Thema Meere und Ozeane ist ja damit nicht vorbei. Wir sind alle motiviert weiterzumachen. Jetzt müssen wir erst einmal einen Abschlussbericht schreiben und dabei auch schon schauen, wie wir das Ganze auf tragfähigeren Boden stellen könnten. Wir denken beispielsweise darüber nach, wer Interesse an unserer Arbeit haben könnte, eine Stiftung zumBeispiel. Wir möchten mit unserer Arbeit nicht nur auf der Straße und auf der Website weitermachen können, sondern auch eine Form finden, bei der wir unsere Erfahrungen anderen Wissenschaftlern zur Verfügung stellen, etwa in Workshops, unabhängig vom eigentlichen Format des Kneipenbesuchs.

Welche Handlungsempfehlung würdet ihr denn anderen mitgeben?

André Lampe: Man sollte auf keinen Fall versuchen, in irgendeiner Form eine Rolle zu spielen. Außerdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass sehr persönliche Fragen kommen werden. Man muss also dazu bereit sein, auch über sich zu erzählen. Um in einen Dialog treten reicht es nicht, die eigene Forschung vor sich her zu tragen und nur darüber reden zu wollen. Es wird garantiert auch eine private Frage kommen, was einen antreibt und im Kern berührt – dem muss man als Wissenschaftler offen begegnen.

Inga Ramcke: Man könnte vielleicht zusammenfassen: „Man sollte Menschen mögen.“ Wenn man nicht empathisch und respektvoll ist, dann hat das keinen Zweck. Und als Top-Tipp: Geh’ nicht alleine. Wenn es überhaupt nicht läuft, dann kann man später noch einmal darüber reden und schauen, woran es lag und die Strategie ggf. verbessern. Und wie auf unseren Touren, unseren Social-Media-Accounts und unserer Website gilt auch hier: Bei weiteren Fragen, fragt uns einfach. Wir wissen ja jetzt ganz sicher, die besten Gespräche und Informationen ergeben sich im direkten Dialog.