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(Keine) Zeit für Campusradio?!

Joshua Hermens und Marco Stoever von Radio Q in Münster haben mit ihrer Sendung IQ Campusscience den Campusradiopreis NRW in der Kategorie Wissenschaft gewonnen. Das Thema: Genchirurgie mit CRISPR. Ein Gespräch über die Motivation für Wissenschaftsradio und warum Naturwissenschaftler sie im Studium oft nur schwer mit dem Lehrplan vereinbaren können.

Musik, Film, Campusleben – Im Campusradio gibt es viele Themenredaktionen. Warum haben Sie sich ausgerechnet die Wissenschaftsredaktion ausgesucht?

Marco Stoever ist nach drei Semestern Physikstudium in die Medizin gewechselt. Seit 2016 ist er beim Campusradio Radio Q und dort auch Moderator, Ausbildungsleiter und Wissenschaftsredakteur der Sendung IQ Campusscience.
Marco Stoever ist nach drei Semestern Physikstudium in die Medizin gewechselt. Seit 2016 ist er beim Campusradio Radio Q und dort auch Moderator, Ausbildungsleiter und Wissenschaftsredakteur.

Marco Stoever: Ich interessiere mich einfach wahnsinnig für Wissenschaft und auch dafür, wie man komplizierte Forschung einem Laienpublikum erklären kann. Außerdem haben wir beide einen naturwissenschaftlichen Hintergrund – Joshua ist Biologe, ich studiere Medizin. Da lag es nahe die Wissenschaftsredaktion zu übernehmen. Die gab es bei Radio Q schon lange und war gerade vakant, als ich dort anfing. Die Sendung ist so aufgebaut, dass wir immer über ein großes Thema wie Gentechnik, Klimawissenschaften oder Evolutionstheorie sprechen und zusätzlich über wichtige Neuigkeiten der Wissenschaftswelt berichten. Das ist ein tolles Format.

Joshua Hermens: Gerade bei naturwissenschaftlichen Themen schrecken die Kommilitonen in der Redaktion oft zurück, weil sie als dröge gelten. Dabei haben wir doch im Radio die Möglichkeit, sie mal aufzupeppen, Fremdworte zu erklären, einen Sachverhalt komprimiert darzustellen. Im Radio können wir mit Metaphern arbeiten oder auch Geräusche einbauen. Da ist noch sehr viel ungenutztes Potenzial, vor allem im Campusradio. Da sind wir als Naturwissenschaftler in der Redaktion eine echte Minderheit.

Wie kommt das?

Joshua Hermes hat einen Bachelor in Biowissenschaften und studiert im Master Biological Sciences. Er ist Chef vom Dienst der Wissenschaftssendung IQ Campusscience beim StudierendensenderRadio Q in Münster.
Joshua Hermes hat einen Bachelor in Biowissenschaften und studiert im Master Biological Sciences. Er ist Chef vom Dienst der Wissenschaftssendung IQ Campusscience beim StudierendensenderRadio Q in Münster.

Hermens: Als Naturwissenschaftler ist es schwierig, in die Campusradios reinzukommen. Wie bei Radio Q muss man auch in anderen Sendern erstmal eine mehrmonatige Ausbildung absolvieren, bevor man ans Mikro darf. Dafür muss man mindestens einen Tag pro Woche Zeit haben. Das ist mit vielen naturwissenschaftlichen Studiengängen nicht vereinbar, weil wir feste Stundenpläne oder Laborzeiten haben. Oftmals muss man das Studium ein bisschen strecken, um nebenher noch Radio zu machen. Das muss man wirklich wollen.

Stoever: Medizin ist auch ein zeitintensives Studium mit vielen Pflichtterminen, die zeitlich nicht verschiebbar sind. Da muss man Glück haben, um mal einen freien Vormittag für das Campusradio zu finden. In unserer Redaktion sind viele Germanisten und Kommunikationswissenschaftler, bei denen das Radio eher als sinnvolle Ergänzung zu den Studienfächern gilt. In den Naturwissenschaften ist noch nicht angekommen, dass Wissenschaftskommunikation und -journalismus auch wichtige Bereiche sind.

Ist das auch ein Grund, warum es so wenige ganze Wissenschaftssendungen im Campusradio gibt? In NRW ist zwar die Vergabe der Sendelizenz an Campusradios daran geknüpft, dass Wissenschaft im Programm aufraucht. Trotzdem wird dem Themenbereich selten eine ganze Sendung gewidmet.

Hermens: Ja, das ist sicher ein Grund. Tatsächlich konnte jeder Teilnehmer beim Campusradiopreis an bis zu drei Workshops von der Landesanstalt für Medien teilnehmen. Von denen hatte leider keiner den Wissenschaftsjournalismus zum Thema. Trotzdem wurde auch da thematisiert, dass in der Branche Naturwissenschaftler gesucht werden. Aber das ist nicht so einfach. Ich habe während meiner Bachelorarbeit in Biologie hier beim Radio die Ausbildung zum Chef vom Dienst absolviert. Da hätte ich eigentlich fünf Tage die Woche im Labor sein sollen. Meine Betreuerin hat mich aber sehr unterstützt und mir erlaubt, einen Tag für das Radio freizumachen. Dafür habe ich an anderen Tagen länger gemacht oder am Wochenende gearbeitet. Dieses Verständnis war außergewöhnlich und für mich eine positive Erfahrung.

Wie klappt die inhaltliche Zusammenarbeit mit der Universität und den Forschungszentren in Münster? Ist es einfach, Forscher zu einem Interview zu überreden?

Hermens: In letzter Zeit klappt das ganz gut. Das liegt aber auch daran, dass wir versuchen, die vielversprechenden Leute anzuschreiben. Da haben wir schon eine Menge dazugelernt. Früher haben wir unsere Anfragen viel unkonkreter gestellt. Heute schreiben wir rein, was wir bereits an Vorrecherchen geleistet haben. Wir möchten, dass klar wird, dass wir uns mit dem Thema beschäftige haben und wir erklären auch, warum wir gerade das Renomée dieses Forschers in einem bestimmten Bereich schätzen.

Stoever: Oft ist die Hürde, dass unsere Fragestellung nicht genau zu dem Forschungsthema eines Wissenschaftlers passt. Da sind sich viele dann unsicher, ob sie überhaupt die richtige Ansprechperson für uns sind. Dabei können wir bei den meisten Themen gar nicht so tief ins Detail gehen. Manche versuchen auch vorab zu erfragen, ob wir eine Agenda haben, also ob wir das Thema von einer bestimmten Seite betrachten wollen. Diese Skepsis müssen wir dann auch erstmal ausräumen.

Worauf legen Sie wert, wenn Sie Themen für die Sendung aussuchen?

Stoever: Bei der Themensuche schauen wir erstmal, was wir interessant finden oder über was man mal sprechen sollte. Beim Thema Gentechnik hatte ich kurz vorher eine Umfrage unter Deutschen gesehen, bei der gefragt wurde: ‚Glauben Sie, dass in Bananen Gene enthalten sind?‘ Einige Leute haben da geantwortet, dass das doch bestimmt verboten sei. Das fanden wir besorgniserregend. Insgesamt wird über das Thema oft falsch oder auch sehr emotional gesprochen. Darum wollten wir eine Sendung machen, in der wir erklären, wie aktuelle Forschung zu Gentechnik ganz grundlegend funktioniert, die aber auch die ethische Diskussion nicht ausspart.

Hermens: Wir möchten mit unserer Sendung einen Beitrag dazu leisten, dass man fundiert über wissenschaftliche Themen diskutieren kann. Wenn wir auf unsere Sendung gutes Feedback von Kommilitonen aus ganz anderen Fachbereichen bekommen und die den Inhalt verstanden haben, ist das ein gutes Zeichen.

Stoever: Und wenn wir eine sehr technische, naturwissenschaftliche Sendung gemacht haben, versuchen wir beim nächsten Mal zum Beispiel etwas Sprachwissenschaftliches zu machen.