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Inhalt als Nebensache

„Wir müssen die Emotionen ansprechen, um das Vertrauen der Menschen zu erlangen“, schreibt Autor und Filmemacher Ragnar Vogt. Er fordert für die Zukunft mehr Geschichten über die Leidenschaften und Labor-Albernheiten von Forschenden und weniger Berge von Daten. Seine Idee im Gastbeitrag.

Sie leugnen den Klimawandel, lehnen Impfungen ab oder glauben an Homöopathie: Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft denken und handeln nicht mehr ausschließlich wissenschaftsbasiert. Bei mancher und manchem zeigt sich ein tiefes Misstrauen gegenüber Forschenden oder gar eine Wissenschaftsfeindlichkeit. Diese Erkenntnis sollte alarmieren, spätestens seit mit Donald Trump ein Mensch US-Präsident geworden ist, der sich einer faktenbasierten Argumentation komplett verweigert, und der gleichzeitig tiefe Einschnitte in die Umweltverwaltung und die Wissenschaftslandschaft vornimmt.

Auf Wissenschaftsskepsis reagiert eine Forscherin oder ein Forscher in der Regel spontan mit rationalen Argumenten und ärgert sich, wenn das Gegenüber die Argumente nicht versteht oder ablehnt. Ähnlich ist die grundsätzliche Antwort aus der Wissenschaftscommunity: Wir Menschen aus der Forschung, der Wissenschaftskommunikation und dem –management reagieren fast immer inhaltsgetrieben: Wir müssen nur noch mehr Daten präsentieren, um die Menschen vom Klimawandel zu überzeugen. Wir müssen nur noch mehr Studien zitieren, dann lassen alle Eltern, auch die in Freiburg oder im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, ihre Kinder impfen. Wir müssen nur amüsiert die Absurdität der Homöopathie-Verdünnungsreihe herleiten, dann verzichtet jede Patientin und jeder Patient auf diese Kügelchen.

Mehr Informationen über Forschung bewirken nicht mehr Vertrauen

Die Wissenschaft von der Wissenschaftskommunikation nennt die Grundannahme, die einem solchen Denken zugrunde liegt, das Deficit Model: Die Gesellschaft verfügt über zu wenig Informationen, die Wissenschaft muss nur mehr Informationen verteilen, dann akzeptiert die gesamte Gesellschaft das wissenschaftsbasierte Weltbild.

Doch stimmt die Grundannahme? US-Psychologen haben das 2011 etwa für die Leugnung des Klimawandels untersucht1, indem sie 1.500 US-Bürgerinnen und -Bürger befragten. Wer besonders gebildet ist und über besonders viele Informationen aus der Wissenschaft verfügt, müsste, wenn das Deficit Model stimmt, kaum anfällig sein für die Klimaskepsis. Doch auch unter den Gebildeten war der Zweifel gegenüber dem Klimawandel weit verbreitet, sogar stärker als bei den weniger Gebildeten. Eine Folgestudie 20142 ergab, dass selbst Menschen, die die Argumentation der Wissenschaft für eine menschengemachte Erderwärmung besonders gut kennen, gern die Positionen der Leugnerinnen und Leugner des Klimawandels vertreten. Das bedeutet: Das Deficit Model funktioniert nur schlecht. Wer die Skepsis gegenüber Forschung bekämpfen will und wer ein wissenschaftsbasiertes Weltbild in unserer Gesellschaft stärken möchte, muss mehr tun, als nur Informationen über alle möglichen Kanäle zu verbreiten.

Wir müssen die Emotionen ansprechen!

Doch was funktioniert stattdessen? Wir müssen die Emotionen ansprechen! Das ist für uns inhaltsgetriebene Menschen aus der Wissenschaftscommunity nicht leicht. Natürlich ist es weiterhin wichtig, Zahlen, Studienergebnisse und rationale Argumentationslinien zu verbreiten. Zusätzlich aber müssen wir zeigen, was für tolle und verantwortungsbewusste Menschen in der Forschung arbeiten. Das gelingt auf besonders eindringliche Art, wenn wir Geschichten erzählen. Geschichten, die von ihren Leidenschaften handeln, von ihren Fehlschlägen, ihren Frustrationen, ihren Heureka-Momenten, ihren Labor-Albernheiten, von ihren liebenswerten Hobbys und von ihrer nerdhaften Detailverliebtheit. Das schafft mit Abstand mehr Vertrauen als Berge von Daten. Die Menschen in der Forschung werden plastisch. Es sind eben keine emotionslosen Bürokratinnen und Bürokraten, die nur ihren eigenen Vorteil oder den ihrer Institution im Blick haben. Auch nicht arrogante Elfenbeinturm-Bewohnerinnen und –Bewohner, denen die Probleme der Bürgerinnen und Bürger egal sind. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind vielmehr Menschen, die eine besondere Verantwortung verspüren, deren Antrieb es oftmals ist, die Welt besser zu machen. Und das gilt es, erlebbar zu machen.

Jeder Forschende erzählt Geschichten

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Wie bekommen wir emotionale Geschichten? Für meine Filme habe ich sicher schon an die hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interviewt. Sie sind in der Regel inhaltsgetrieben, wollen ihre Ergebnisse und Theorien präsentieren. Es ist nicht leicht für sie, davon abzuweichen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Jede erfolgreiche Wissenschaftlerin, jeder erfolgreiche Wissenschaftler hat spannende Geschichten zu erzählen. Man muss sie nur aus ihnen herauskitzeln. Wie schafft man das? Indem man ihnen zuhört und ihnen vermittelt, was man für Geschichten haben möchte. Beinahe jeder Mensch hat ein gutes Gespür für Geschichten, auch Forschende. Sie haben sich nur abgewöhnt, diese in offiziellen Situationen zu erzählen. In der Kneipe aber, bei der Familie am Esstisch oder auch beim Bierchen zum inoffiziellen Teil der Konferenz, da erzählt man sich Geschichten. Diese muss man aufspüren.

Hat man eine Geschichte gefunden, ist die Arbeit noch nicht getan: Man muss noch den Mut haben, sich auf ihre Erzählung zu konzentrieren, vor allem muss man durchsetzen, in den Institutionen und bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, dass all die tollen Inhalte zur Nebensache werden. Moment mal, Inhalte als Nebensache? Das verlangt ein Umdenken in der Wissenschaftskommunikation! Genau, und ein solches Umdenken braucht es, damit sich die Skepsis gegenüber der Wissenschaft nicht noch weiter ausbreitet.

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Scientists, Stop Thinking Explaining Science Will Fix Things“, Artikel von Tim Requarth auf Slate.com