Grafik: Wissenschaft im Dialog

Fast Forward Science – Hinter den Kulissen

Was ist das Tolle an Wissenschaftskommunikation im Webvideo? Jurymitglied Nicola Kuhrt hat bei den Gewinnerinnen und Gewinnern des Wettbewerbs Fast Forward Science 2018 nachgefragt und gibt im Gastbeitrag einen Einblick in die Jurysitzung.

125 eingereichte Webvideos in den Kategorien Vision, Scitainment und Substanz. Wir, die Jury, haben alle gesehen, manche sogar mehrfach. Bewertet haben wir Inhalt, Verständlichkeit, Unterhaltsamkeit, Filmische Qualität und Webvideo-Charakter, dazu haben wir jeweils Punkte vergeben. Und jeder hatte so seine Favoriten, die wir in der Jurysitzung vor den anderen Kolleginnen und Kollegen benannt und verteidigt haben. Dabei gab es teils flammende Plädoyers, warum genau dieser und nur dieser Clip gewinnen sollte. Wir haben gestritten, debattiert, gezählt und – nach einem langen, aufregenden Tag standen sie fest: Die Gewinner des Fast Forward Science Webvideo-Wettbewerbs (FFS) 2018.

Als Zuschauerin habe ich meine Vorlieben und weiß genau, warum ich etwa das eine Wissenschaftsvideo mag oder jenes Thema wichtig finde. Aber was motiviert die Teilnehmenden des Wettbewerbs – Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Kommunikatorinnen und Kommunikatoren – eigentlich dazu, Wissenschaftsvideos zu produzieren? Ich habe die Siegerehrung beim Forum Wissenschaftskommunikation in Bonn genutzt, um die Videoteams einmal persönlich kennenzulernen und sie zu fragen. Entstanden sind vier Mini-Interviews:

Klaus Russell-Wells vom Youtube-Kanal „Joul

1. Platz Scitainment mit „Biologische Stromspeicher … geht das?“

Klaus ist bereits seit rund sechs Jahren im Bereich der Kommunikation von Energiewende-Themen unterwegs. Allerdings eher analog. Er hält Vorträge und betreut Fachbesuchergruppen der Klimakommune Saerbeck. Vor zwei Jahren hat er sich entschieden, seine Kommunikation auf Videos auszuweiten.

Warum machst du Videos und nicht etwa Podcasts oder Blogs?

Weil mir das die Möglichkeit gibt, viel breitere (und nicht immer nur projektbezogene) Themen und eine viel breitere Zielgruppe anzusprechen. Videos in sozialen Medien sind aus meiner Sicht die zugänglichste und effektivste Form der Wissenschaftskommunikation. Sie helfen mir, diejenigen zu erreichen, die noch gar nicht wissen, wie interessant diese Themen sind. Für Fachleute gibt es mehr als genug und sehr gute Informationsangebote. Da würde kein Mehrwert entstehen, wenn ich die ansprechen würde. Aber für Leute, die nicht so tief im Thema stecken, die es aber letztlich ja trotzdem betrifft? Totale Lücke. Da versuche ich anzusetzen und Interesse für die vielen Themen im Bereich Energiewende & Nachhaltigkeit zu wecken.

Was ist dir wichtig, wenn du Wissenschaftsvideos machst?

Mir ist wichtig, dass ich nicht bloß trockene Zahlen oder Fakten anspreche, sondern immer kleine Konflikte, Missverständnisse oder Zusammenhänge aufspüre, die intuitiv erst anders verstanden werden. Dadurch ergibt sich viel leichter ein Spannungsbogen. Der ist schließlich wichtig, wenn man Menschen erst davon überzeugen will, dass ein bestimmtes Thema überhaupt interessant ist. Der Spannungsbogen gelingt mir zwar bisher nicht jedes Mal, aber ich habe ihn trotzdem immer im Auge. 

Mai Thi Nguyen-Kim vom Youtube-Kanal „MaiLab“

1. Platz in der Kategorie Substanz und Community-Award für „Fluoride verkalken das Gehirn“

Mai Thi Nguyen-Kim ist Chemikerin. Nach ihrem Studium arbeitete sie unter anderem an der Harvard University und dem Fraunhofer-Institut. 2017 promovierte sie an der Universität Potsdam. Sie arbeitet als Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin, 2018 bekam sie den Grimme-Online-Award. Sie gehört zu den Moderationsteams von „Terra X Lesch & Co“ und des TV-Magazins „Quarks“.

Warum machst du Videos und nicht etwa Podcasts oder Blogs?

Ich möchte der Wissenschaft ein Gesicht geben, deswegen stehe ich gerne auch vor der Kamera. Zum Beispiel erreiche ich besonders viele junge Frauen und Mädchen, einfach nur, indem ich Wissenschaft auch von einer menschlichen – und in meinem Fall weiblichen – Seite zeige.

Außerdem kann ich vor der Kamera auch Emotionen vermitteln. Wissenschaft ist nämlich gar nicht so emotionslos wie ihr Ruf. Durch Videos fällt es mir viel leichter, meine Begeisterung zu vermitteln, meine Leidenschaft, und manchmal auch meinen Frust.

Was ist dir wichtig, wenn du Wissenschaftsvideos machst?

Ob Video, Podcast, Blog oder Vortrag – von wissenschaftlicher Aufklärung können wir gar nicht genug haben. Es geht nicht nur um die Vermittlung von Fakten oder komplexen Zusammenhängen, sondern auch um wissenschaftliches und kritisches Denken. Davon profitiert unsere ganze Gesellschaft.

Marlene Heckl vom Youtube-Kanal „MediTutor 

3. Platz in der Kategorie Vision für „Ein Herz aus Spinat“

Das erste Wissenschaftsvideo und gleich einen Preis: Marlene Heckl ist Wissenschaftsbloggerin. „Marlenes Medizinkiste“ erscheint auf Scilogs von Spektrum der Wissenschaft und DocCheck. Für einen Artikel mit einem komplexen biomedizinischen Thema wollte sie gern einmal „etwas Anschaulicheres machen“, berichtet sie. So ist sie zu Youtube gekommen.

Warum machst du Videos und nicht etwa Podcasts oder Blogs?

Webvideos sind meiner Meinung nach sehr viel einfacher zugänglich, da man beim Anschauen einfach nicht so einen hohen Aufwand wie beim Lesen eines längeren Textes hat. Auch die Zielgruppe ist eine ganz andere. Youtube-Videos erreichen mehr jüngere Menschen. Noch dazu kann man wissenschaftliche Themen manchmal sehr viel besser erklären, da es keiner großen Worte oder komplexen Umschreibungen bedarf, sondern man einfach zeigen kann, was man meint.

Was ist dir wichtig, wenn du Wissenschaftsvideos machst?

Science-Videos sind besonders, da sie gerade einem jüngeren Publikum in kurzer Zeit wissenschaftliche Themen unterhaltsam näher bringen können. In Generationen, die kaum noch Bücher in die Hand nehmen wollen und lieber mit dem Smartphone spielen, haben sie starkes Potenzial. Mir ist bei den Videos wichtig, dass sie immer eine klare Botschaft bzw. Wissen vermitteln – und zwar einfach verständlich, kurz und prägnant und dazu noch unterhaltsam. Man soll was lernen – im Idealfall – ohne es zu merken, weil man vom Video so gefesselt wird.

Lars Dittrich vom Youtube-Kanal „Lars und die Welt“

2. Platz (zusammen mit Fahri Sarimese) in der Kategorie Substanz für „Wie gefährlich ist Rinderwahnsinn?“

Lars ist ein Überzeugungstäter. Auf Facebook schreibt er über sich: „Wenn etwas wirklich abgefahren ist, dann ist es das Leben. Ich weiß, wovon ich spreche. Schließlich lebe ich selbst. Hier teile ich alle Neuigkeiten aus der Wissenschaft, die mir die Kinnlade runterfallen lassen.“ Seine Videos haben ungefähr den gleichen Anspruch und machen dabei gern einen einfachen Kühlschrank zum Hauptdarsteller.  

Warum machst du Videos und nicht etwa Podcasts oder Blogs?

Meine Vorliebe für Videos kommt aus meinem persönlichen Konsumverhalten. Ich habe nie Feuer für Podcasts gefangen und habe deswegen auch kein Interesse, selbst welche zu machen. Eine Besonderheit an Videos ist die Möglichkeit, wissenschaftsferne Zielgruppen zu erreichen. Heute wird (gefühlt) von vielen Menschen, besonders jungen, eher auf Youtube „recherchiert“ als mit Textmaterial. Diese Leute nutzen die Plattform und finden über Stichwortsuchen auch meine Videos. Auf einen Wissenschaftsblog würden die sich eher nicht so schnell verirren.

Was ist dir wichtig, wenn du Wissenschaftsvideos machst?

Das Feedback und der Austausch mit Menschen außerhalb der eigenen Social-Media-Blase. Auf Youtube sitzen Kommentare locker. Durch solchen Austausch bekomme ich ein Gefühl dafür, welche Punkte bei den Zuschauern unklar sind, und das motiviert mich automatisch zu neuen Videos. So bin ich von meinem Erstvideo über Homöopathie ganz schnell dazu gekommen, besser erklären zu wollen, was eigentlich wissenschaftliches Denken und wissenschaftliche Methode sind. Darauf folgte dann ein Video über statistische Signifikanz und eins darüber, warum Masaru Emotos Wasserkristalle kein wissenschaftliches Ergebnis sind. Aus solchen Diskussionen entstand auch mein Bedürfnis, mehr Hintergründe über den Placeboeffekt zu liefern, der wird nämlich in solchen Diskussionen genauso oft über- wie unterschätzt.


Auch das Schlusswort möchte ich Lars Dittrich überlassen. In diesem Sinne: Bis zur nächsten Deadline von Fast Forward Science:

Wieso hast du dich für FFS beworben?

Ich kann ganz klar sagen, dass ich ohne diesen Wettbewerb weniger Videos veröffentlicht hätte. Ich mache eben nicht laufend Videos und suche mir dann nur eins aus, das ich nachträglich bei FFS einreiche. Das Placebovideo und die beiden neuesten (BSE und Science Salute) habe ich speziell für den Wettbewerb gemacht. Die Ideen waren natürlich schon da, aber FFS war der Auslöser, sie dann auch zu drehen. Wie lange das ohne diese Deadline gedauert hätte und ob die Videos ohne FFS überhaupt gemacht worden wären, weiß ich nicht. Wenn man sich bei den anderen diesjährigen Beiträgen umsieht, findet man auch einige, bei denen das eingereichte Video das erste oder zweite des jeweiligen Kanals ist. Ich möchte wetten, dass diesen Youtubern das genau so ging wie mir – FFS war der Anlass, es auch wirklich durchzuziehen. Ich denke man kann sagen, dass es durch FFS einige Wissensvideos auf Youtube gibt, die es ohne einfach nicht gäbe.