„Das Erklärte direkt auszuprobieren, fasziniert Besuchende am meisten“

Mathematik spielt überall eine Rolle – auch in der Musik. Dafür will die Ausstellung „La La Lab“ die Besucherinnen und Besucher sensibilisieren. Wir haben mit dem Kurator Daniel Ramos und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Heidelberger Mathematik-Informatik-Station, Volker Gaibler, über das ungewöhnliche Projekt gesprochen.

Herr Ramos, Sie sind Kurator der Ausstellung „La La Lab – die Mathematik der Musik“ in Heidelberg. Wie stellen Sie die Verknüpfung von Mathematik und Musik dar?

Wir gehen der Frage nach, welche Rolle die Mathematik spielt, wenn Menschen Musik komponieren, spielen oder hören. Normalerweise denkt man bei der Anwendung von Mathematik an Phänomene in der Physik, Ökonomie oder Technologie. Die Ausstellung soll Besucherinnen und Besucher dafür sensibilisieren, dass Mathematik überall zu finden ist, auch in der Kunst. Wir hatten deshalb die Idee, eine Ausstellung zu konstruieren, die Mathematik und Musik verbindet. Auf den ersten Blick mag diese Kombination irritieren: Musik als expressive Kunst, die Emotionen wecken soll, und die Mathematik, die versucht, Dinge objektiv zu beschreiben. Aus meiner Sicht ist Mathematik eine Art Sprache, die überall verwendet wird. In der Musik dient sie dazu, Gefühle zu transportieren.

Daniel Ramos ist promovierter Mathematiker und arbeitet als Mathe-Kommunikator. Er war an der Gründung des Mathematischen Museums von Katalonien in Barcelona, Spanien, beteiligt und ist seit 2018 Chief Content Officer bei Imaginary, einer Open-Source-Plattform für interaktive Mathematikvermittlung. Er ist der Kurator der jüngsten Ausstellung von Imaginary, „La La Lab – die Mathematik der Musik“.

Herr Gaibler, Sie führen Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung. Welche Möglichkeiten gibt es, die Exponate zu erkunden?

Als Einzelperson kann man die Ausstellung auf eigene Faust entdecken, da es zu jeder Station eine Beschreibung gibt. Darüber hinaus stehen tiefgreifendere Informationen in einem Booklet zur Verfügung. Wenn Fragen auftreten, helfen die Guides weiter, die während der Öffnungszeiten die Ausstellung betreuen. Alternativ bieten wir Führungen an, die wir vor allem für Schulklassen empfehlen. Damit erhalten sie einen Überblick über die 20 Stationen und verlieren sich nicht so schnell.

Inhaltlich behandeln wir in den Führungen drei große Schwerpunkte: Beim Thema Klang gehen wir der Frage nach, wie sich Töne zusammensetzen und wie sie synthetisch erzeugt werden können. Im nächsten Schritt geht es darum, wie aus diesen einzelnen Tönen ein Musikstück entsteht und welche Rolle Rhythmus oder Komposition dabei spielen. Und wir wollen zeigen, welchen Zusammenhang es zwischen der Informatik und der Musik gibt und wie mit künstlicher Intelligenz beispielsweise Musikinterpretationen verbessert werden können. Der große Vorteil einer Führung ist, dass wir individuell auf die Bedürfnisse der Gruppe eingehen können. Wir entscheiden abgestimmt auf die jeweiligen Besuchenden, welche Stationen in welchem Umfang besprochen werden.

 

Volker Gaibler ist Astrophysiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Heidelberg Laureate Forum Foundation für die Heidelberger Mathematik-Informatik-Station (MAINS) . Er führt durch die wechselnden Ausstellungen der MAINS und gibt Workshops zu den entsprechenden Themen. Zurzeit führt der Hobbymusiker durch die Ausstellung „La La Lab – die Mathematik der Musik“.

Wen erreichen Sie mit der Ausstellung?

Gaibler: Zu Beginn waren es viele Mathematiklehrer und -lehrerinnen, die mit ihren Klassen gekommen sind. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass sie unsere Angebote als Mathematik-Informatik-Station (MAINS) bereits kennen und aktiv nachfragen, worum es in der neuen Ausstellung geht. Mit der Zeit sind aber auch immer mehr Musiklehrerinnen und -lehrer auf die Ausstellung aufmerksam geworden. Insgesamt machen Schülerinnen und Schüler die Hälfte unserer Gäste aus. Die andere Hälfte sind Interessierte, die die Ausstellung während der allgemeinen Öffnungszeiten besuchen. Wir erreichen sie hauptsächlich über lokale Zeitungs-, Radio- und Fernsehberichte.

 

Gehen wir noch einmal zurück zum Anfang. Was waren die ersten Schritte bei der Entwicklung der Ausstellung?

Ramos: Nach der ersten Idee, eine Ausstellung zu Mathematik und Musik zu gestalten, habe ich mich auf die Suche nach einem Team gemacht. Von Seiten der Society for Mathematics and Computation in Music (SMCM) gewannen wir zwei Teammitglieder, eine weitere Person kam von der Technischen Universität München, und zwei Künstlerinnen unterstützten uns. Gemeinsam überlegten wir uns Themen, die wir behandeln wollten. Wir wollten etwas zu Tonleitern in der Musik, Akustik und Rhythmus vermitteln. Mit diesen Ideen haben wir dann Expertinnen und Experten gesucht und kontaktiert. Dabei sind wir mehrheitlich auf großes Interesse gestoßen – nicht zuletzt auch deshalb, weil immer mehr Programme zur Forschungsförderung Wert darauf legen, die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Unsere Ausstellung bot den Forschenden dafür eine tolle Möglichkeit. Einige Exponate spiegeln daher auch ganz aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse wider. Zum Schluss kamen Entwicklerinnen und Entwickler ins Team, die die Exponate für uns programmiert und umgesetzt haben.

Welches Vorwissen sollten die Besuchenden mitbringen?

Ramos: Bei jeder Ausstellung über Mathematik gehen wir erst einmal davon aus, dass die Besuchenden keine Mathematikexpertinnen und -experten sind und eine Grundausbildung auf Schulniveau mitbringen. Das haben wir auch hier als Ausgangspunkt genommen. Im Bereich Musik ist uns eine Einordnung schwerer gefallen. Hier gibt es viele Menschen, die eine musikalische Ausbildung haben und Vorwissen mitbringen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Personen, die gar keinen Zugang zu Musik haben. Daher sind wir davon ausgegangen, dass die Besucherinnen und Besucher wissen, dass es Noten gibt, und sie bereits eine Klaviatur gesehen haben. Aber nicht viel mehr. Insgesamt haben wir versucht, den Zugang zu den Exponaten einfach zu gestalten. Was wir aber vermeiden wollten, war, dass die Besucherinnen und Besucher nur drei Knöpfe drücken müssen. Die Exponate sollen so offen wie möglich sein und die Besucherinnen und Besucher motivieren, selbst Dinge auszuprobieren und zu erarbeiten.

Können Sie uns ein Beispiel für ein Exponat geben?

Gaibler: Sehr beliebt ist die Station „Mit Ausdruck“, an der man klassische Klavierstücke „dirigieren“ kann. Dabei werden die Handbewegungen der Besucherinnen und Besucher mit einem Infrarotsensor erfasst, wodurch sie die Lautstärke eines bekannten Klavierstücks mit Hoch- und Runterbewegungen und das Tempo mit Rechts- und Linkgsbewegungen steuern können. So kann jede und jeder, auch ohne Klavierkenntnisse, verschiedene Dynamiken ausprobieren.

Sind alle Exponate so intuitiv?

Gaibler: Im Allgemeinen kommen die Besucherinnen und Besucher mit allen Exponaten sehr gut zurecht. Das Erklärte direkt auszuprobieren, fasziniert Besuchende am meisten. Es gibt aber natürlich auch Stationen, für die der Besucher oder die Besucherin zusätzliches Interesse mitbringen und sich darauf einlassen muss. Man könnte auch sagen, es braucht ein bisschen mehr Durchhaltevermögen. Im Rahmen einer Führung lassen wir diese Stationen erstmal außen vor, da sie zu viel Raum einnehmen und womöglich sogar Besuchende abschrecken würden. Es bedarf einfach zusätzlicher Erklärungen, damit man alle Eigenschaften erkunden kann.

Wie wird es mit der Ausstellung weitergehen?

Ramos: Eine Idee ist, die Ausstellung als Wanderausstellung weiterzuführen. Was wir in Heidelberg ausstellen, könnte man ohne Probleme auch für ein Museum reproduzieren, da alle Inhalte unter offenen Lizenzen zur Verfügung stehen. Dafür müssten wir die Exponate eventuell anpassen. Schließlich würden sie dort über Jahre stehen und die Besucherzahlen wären noch viel höher, als wir sie aktuell in Heidelberg erleben.

 

Die Ausstellung „La La Lab – Die Mathematik der Musik“ ist noch bis zum 29. März 2020 in der Heidelberger Mathematik-Informatik-Station zu sehen. Die Erstellung der Exponate und Realisierung der Ausstellung wurden ermöglicht durch die Förderung der Klaus-Tschira-Stiftung, die auch Förderer des Portals Wissenschaftskommunikation.de ist. Unterstützt wurde die Ausstellung weiterhin durch die Technische Universität München.