Foto: Peggy Sylopp

Forschen für die Zukunft der Hearables

Wie hört es sich am besten? Das Projekt „Hear How You Like To Hear“ lud Bürgerinnen und Bürger ein, bei der Entwicklung von Hearables mitzuwirken. Ein Gastbeitrag der Projektleiterin und Informatikerin Peggy Sylopp über die Projekt-Methodik sowie Besonderheiten und Mehrwerte bürgernaher Forschung.

Menschen verschiedenen Alters laufen mit Kopfhörern und einem kleinen Kasten ausgerüstet durch die Stadt, bleiben stehen, nicken sich zu, und ziehen mit einem Lächeln auf dem Gesicht weiter. Was wie ein lockerer Spaziergang aussieht, war in Wirklichkeit Teil der Hörforschung des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie IDMT in Oldenburg1. Das Projekt „Hear How You Like To Hear“ bezog unter der Flagge „Citizen Science“ ganz konkret alle interessierten Bürgerinnen und Bürger ein. Gestartet im Jahr 2017 erreichte das außergewöhnliche Vorhaben im März 2020 nun sein Laufzeitende.

Im Soundwalk den persönlichen Lieblingssound finden. Foto: Peggy Sylopp

Die sogenannten „Soundwalks“ waren fundamentaler Bestandteil des Projekts „Hear How You Like To Hear“. Ausgerüstet waren die teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Smartphone, der eigens für das Projekt entwickelten „Liketohear“-App und zugehöriger Soundbox mit Kopfhörern. Sie bekamen dadurch die Möglichkeit, die Umgebungsgeräusche – beispielsweise im Park, in der Fußgängerzone oder an einer viel befahrenen Straße – in Lautstärke und Klangfarbe einzustellen bis sie ihren persönlichen Lieblingsklang fanden. Das Ergebnis war besonders erfreulich: Die Gruppe, bestehend aus Personen unterschiedlichen Alters, mit und ohne Höreinschränkungen, diskutierte offen über ihre Klangpräferenzen und neue App-Features. Zusätzlich wurden mit Hilfe der „Liketohear“-Soundbox rund 140 Teststunden individueller Klanganpassungsdaten für die weitere Forschung aufgezeichnet.

Und wozu das alles? Die Forschungsgruppe rund um das Fraunhofer IDMT mit technischer Unterstützung der HörTech gGmbH wollte gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern neue Erkenntnisse und Ideen für sogenannte „Hearables“ sammeln – also zum Beispiel für Kopfhörer, Headsets oder Hörgeräte. Wie könnten sich diese in Zukunft anhören, anfühlen oder aussehen?

Die Forscherinnen und Forscher entwickelten hierfür einen besonderen Projektaufbau. Dieser war ganz auf die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Teilnehmenden ausgerichtet – mit Bezug auf die ebenso diversen Nutzerinnen und Nutzer der künftigen Hearables. Neben den Soundwalks gehörte die Entwicklung und Anpassung der Soundbox, eine Online-Umfrage, Social- Media- Begleitung sowie zwei öffentliche Hackathons zum Rahmen des Projekts. Dadurch konnten sich Interessierte mit mehr oder weniger Aufwand beteiligen.

Die „Liketohear“-Soundbox mit zugehöriger App fürs Smartphone. Foto: Peggy Sylopp

Herzstück der Forschung war die bereits erwähnte „Liketohear“-Soundbox, die auch in der Interaktion mit Bürgerinnen und Bürgern einen wichtigen Part einnahm. Auf ihr sind Open Source Hörgeräte-Algorithmen installiert, welche mit der passenden App individuelle Klanganpassungen ermöglichen. Die technischen Bestandteile (Mini-Computer Raspberry Pi, Soundkarte und Mikrofon-Vorverstärker) sind frei erhältlich. Selbst die Bau- und Installationsanleitung für die Box ist öffentlich verfügbar, sodass Technik-Affine auch nach dem offiziellen Projektende weiter forschen oder die Box sogar selbst nachbauen können.2

Teilnehmende ohne technischen Background konnten, neben den anfangs benannten Soundwalks, auch bei der Online-Umfrage „How do you like to hear?“ mitmachen. An dieser nahmen insgesamt 600 Menschen teil und gaben Auskunft über ihre Erfahrungen mit Hearables. 81% der Einreichungen kamen von Betroffenen mit vermutetem oder diagnostiziertem Hörverlust. Allerdings nutzten nur 34% davon Hörgeräte (im Durchschnitt der Bevölkerung ist dieser Anteil noch geringer). Neben den vielen kreativen Ideen dazu, wo individueller Klang im Alltag sinnvoll sein könnte, war besonders die Antwort auf die Frage „Kannst du dir vorstellen, ein Hörgerät als modisches Accessoire zu tragen“ zukunftsweisend: 73% der Hörgeräte-Trägerinnen und Träger entschieden sich für „Ja, absolut“.

Im Projekt „Hear How You Like To Hear“ wurde nicht nur ein Spaziergang zum Forschungsszenario. Auch die „Maker Garage“ eignete sich als kreatives Forschungslabor für die Hearables der Zukunft. Daher wurden zwei öffentliche Hackathons veranstaltet, die sogenannten „hack4ears“. Durch sie konnte der Austausch zwischen den Teilnehmenden weiter gefördert werden. Mit Hands-On Methoden wurden neue Ideen zum individuellen Hören aktiv angegangen.

„hack4ears“ im November 2019 im MotionLab Berlin, Foto: Cordula Giese

Das erste Hackathon 2018 realisieren wir in Zusammenarbeit mit dem Kreativkollektiv für Inklusion durch Design be able e. V.. Teilnehmende aus den Bereichen Design, Kunst und natürlich Technik kreierten schnelle Hör-Lösungen für den Alltag. Die kreative Atmosphäre im „Fab Lab Berlin“ lieferte den Rahmen für spielerische Ideen. So entstand beispielsweise adhoc eine 3D-gedruckte Halterung für Bluetooth-Boxen im Auto und ein in einem Ring integriertes Richt-Mikrofon. Das zweite Event fand zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Projektes statt und wurde zu einem geradezu multiperspektivischen Austausch- und Hearableentwicklungs-Treffen in der Maker Garage MotionLab.Berlin. Es nahmen etwa 80 Menschen aus den Bereichen Hacking, Wissenschaft, Klang, Kunst, Design, Gesundheit und Making teil. Vertreterinnen und Vertreter aus der Hörgeräte-, wie auch aus der Lautsprecherindustrie (Starkey, Teufel Audio) und aus der Wissenschaft (Fraunhofer IDMT, Hörtech gGmbH) gaben Einblicke in den aktuellen Stand der Hearable-Forschung und -Entwicklung. Ein Workshop führte technik-affine Interessierte in den Bau und die Installation der „Liketohear“-Soundbox ein. Die aufgezeichneten Soundwalk-Daten wurden Programmierinnen und Programmierern sowie Data Scientists zur Auswertung und Analyse zur Verfügung gestellt. Neben einem offenen und angeregten Austausch wurde auf beiden Events also im wahrsten Sinne des Wortes „gehackt“. Vielversprechende Ergebnisse lieferten Ansätze für die weitere Forschung.

Über die gesamte Projektlaufzeit hinweg, wurden die „liketohear“ Followerinnen und Follower über verschiedene Social-Media-Kanäle3 auf dem Laufenden gehalten. Des Weiteren wurden unterschiedliche studentische Arbeiten durch den Austausch innerhalb des Projektes angeregt, wie Bachelorarbeiten im Bereich Produktdesign und Musikwissenschaften sowie eine Masterarbeit in Sozialanthropologie.

Resümee

„Hear How You Like To Hear“ integriert die Perspektiven vieler Menschen in diversen Rollen: Von Hörgeräteträgerinnen und –trägern über Hearable-Fans, von Designerinnen und Designern bis zu IT-Spezialistinnen und –Spezialisten. Selbst über den Projektzeitraum hinaus schöpfen Menschen aus dem Projekt – sei es als Studierende, als Hobby-Forschende, Maker oder IT-Verantwortliche. Es wurde deutlich, dass bürgerschaftliche Forschung die Wissenschaft und Gesellschaft nachhaltig bereichern kann. Mit dem richtigen Konzept und so wenig Restriktionen wie möglich, können in Citizen-Science-Projekten kreative, innovative und nachhaltige Ideen entstehen. Das Team rund um „Hear How You Like To Hear“ sagt: „Mehr davon!“


Projekt-Steckbrief

Das Projekt „Hear How You Like To Hear“ wird im Rahmen des Förderbereichs Bürgerforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Es gehört zu 13 Projekten, die bis Ende 2019 die Zusammenarbeit von Bürgerinnen und Bürgern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern inhaltlich und methodisch voranbringen und Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben sollten.

Ziel des Institutsteils Hör-, Sprach- und Audiotechnologie HSA des Fraunhofer IDMT ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Hörwahrnehmung und Mensch-Technik-Interaktionen in technologischen Anwendungen umzusetzen. Schwerpunkte der angewandten Forschung sind die Verbesserung von Klang und Sprachverständlichkeit, die personalisierte Audiowiedergabe sowie die akustische Sprach- und Ereigniserkennung mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI). Einen weiteren Fokus setzt der Institutsteil auf mobile Neurotechnologien, um auch außerhalb des Labors Gehirnaktivitäten zu erfassen und die dabei gewonnen Daten zu nutzen.

Träger: Fraunhofer IDMT Oldenburg

Budget: 379.240,55 €

Ziele: Ziel der Forschung ist es, neue Ideen für die Zukunft Hearables zu entwickeln und dabei das Wohlbefinden der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen.

Zielgruppen: Das Projekt ermöglichte diverse Ebenen der Beteiligung: So wurden generell audiophile Menschen mit und ohne Hörschwächen angesprochen sowie Menschen mit Expertise in Hacking, Wissenschaft, Klang, Kunst, Design, Gesundheit und Making.

Zahlen zur Zielerreichung: Es beteiligten sich 57 Menschen an den Soundwalks zur Selbst-Anpassung der Hörverstärkung für die liketohear-Box und generierten so rund 140 Stunden Testdaten. 600 Menschen reichten Beiträge für den Online-Fragebogen ein und rund 200 Menschen nahmen an hack4ears-Hackathons und Workshops teil. Im Kontext entstanden zwei interdisziplinäre Bachelorarbeiten im Bereich Produktdesign und Musikwissenschaft sowie eine Masterarbeit in Anthroposophie.

 

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.