Foto: Tina Rolf

„Wissenschaftskommunikation ist wenig diversitätssensibel“

Wie divers sind Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation? Und welche Verbesserungspotenziale gibt es? Wir haben nachgefragt bei Akteurinnen und Akteuren, die sich mit Repräsentation, Gleichberechtigung und Chancengleichheit beschäftigen. Vier Impulse mit Wünschen für die Zukunft.

Denise Bergold-Caldwell, Referentin am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung

Foto: privat

Wissenschaftskommunikation sollte diverser werden: Das bezieht sich erstens darauf, wie Themen besprochen und in welchem Rahmen sie verhandelt werden und zweitens darauf, wer welche Sichtbarkeit hat. Dazu gehört aber drittens auch eine Ausweitung von Themengebieten in der Wissenschaft selbst. Ganz grundlegend ist zu beobachten, dass, obwohl Schwarze Menschen und People of Color seit Jahrhunderten in Deutschland leben, ihre Themen im öffentlichen Diskurs häufig einseitig unter dem Label ‚Migration’ verhandelt werden und auch in wissenschaftlichen Zusammenhängen, werden sie immer wieder außerhalb des Nationalen situiert. Wissenschaftskommunikation diverser zu gestalten würde bedeuteten, hier Abhilfe zu schaffen. Es würde bedeuten die Themen Postmigrantisch und Schwarz-Sein in Deutschland als Forschungsfeld zu etablieren und damit die Forschungsthemen vieler Schwarzer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie People of Color sichtbar zu machen. Es würde bedeuten, Themen wie die traumatischen und einschränkenden Wirkungen rassistischer Zuschreibungen oder generell Rassismus als Struktur- und Analysekategorie anzuerkennen und zu verwenden. Gesellschaftliche und politische Themen wie rassistische Polizei-Gewalt, könnten dadurch eine breitere Einschätzung und Einordnung erfahren. Aber auch Fragen der Intersektionalität, die Folgen des Kolonialismus, Fragen zu Gesundheitsversorgung, politische antirassistische Bewegungen, Fragen zur Geschichte nicht-weißer Menschen in Deutschland, zu Literaturformen, Poesie und vielem mehr könnten darin als Fach und Perspektive etabliert werden. Derzeit sind diese reichhaltigen Forschungsperspektiven und Menschen im Mainstream von Wissenschaftskommunikation und wissenschaftlichen Feldern wenig sichtbar. Sichtbar werden sie, wenn Rassismus als strukturelles Problem anerkannt und insgesamt als Gleichstellungsaufgabe begriffen wird; sichtbar werden sie auch, wenn sie einem Forschungsfach – beispielsweise Black Studies – zugeordnet sind und sichtbar werden sie in der Wissenschaftskommunikation, wenn es auch hier eine Etablierung solcher Themengebiete gibt.


Katja Urbatsch ist Gründerin und Geschäftsführerin von ArbeiterKind.de

Foto: ArbeiterKind.de

Auch wenn Diversität zunehmend zum Profilelement deutscher Hochschulen wird, ist die Wissenschaftskommunikation  nach wie vor stark an einem akademischen Habitus orientiert, der biografische oder auch soziale Aspekte nicht berücksichtigt. Denn in der Peergroup der Studierenden überwiegt immer noch der Anteil der Akademikerkinder, während Kinder aus Nichtakademikerfamilien oder mit intersektionalen Lebensumständen erhebliche Hürden überwinden müssen, um an eine Hochschule zu gelangen. Dort angekommen, sehen sie sich mit einer stark akademisch ausgerichteten Sprache konfrontiert, die den Einstieg zusätzlich erschwert. Die Wissenschaftskommunikation ist wenig diversitätssensibel und bildet bisher nicht die Komplexität der Studierenden, aber auch der Menschen außerhalb des Sozialraums Hochschule ab. Es müssen kreative Wege gefunden werden, um die Wissenschaft breitenwirksamer zu erklären und auch für nichtwissenschaftliche Interessierte verständlicher aufzubereiten. Denn die Impulse und Forschungsergebnisse sind für die gesamte Gesellschaft von großem Nutzen. Gerade im Bereich der Nachwuchsförderung können beispielsweise Schülerinnen- und Schülerlabore dazu beitragen, auch in Schulklassen mit heterogener Sozialstruktur Interesse für die Wissenschaft zu wecken. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, wissenschaftliche Potenziale zu verschenken. Durch den Ausbau von Netzwerken könnte eine bessere Verzahnung und Rückkopplung mit der Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit gelingen, die allen Beteiligten zu Gute kommt. Die Hochschulen könnten mutiger auch neue digitale und dialogorientierte Kommunikationsformen ausprobieren, um die unterschiedlichen Zielgruppen besser zu erreichen und Interesse für ihre Einrichtung zu wecken. Diversität und Herkunftssensibilität sollte nicht nur in der Wissenschaftskommunikation, sondern in der Wissenschaft selbst als Stärke identifiziert werden und die Möglichkeiten und Chancen unterschiedlicher Herkunft betont werden.


Heike Mauer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW

Foto: privat

Ich erlebe viele Wissenschaflerinnen und Wissenschaftler, die selbst in Sozialen Medien über ihre Forschung sprechen. Hier nehme ich sehr deutlich eine Vielfalt von Stimmen wahr, die ansonsten eher marginalisiert sind. Sei es, weil die Forschungsinhalte den Kommunikationsabteilungen der Hochschulen möglicherweise als ‚schwer vermittelbar‘ gelten. Sei es, weil die Forschenden selbst dem immer noch gängigen Bild einer Person, die Wissenschaft betreibt widersprechen. Denn in den Medien, in Kinderbüchern oder in Illustrationen dominiert noch viel zu oft das Bild eines weißen, älteren Mannes als ‚genialer Forscher‘ oder Naturwissenschaftler.

Wir müssen meines Erachtens auch in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation über Macht und Ungleichheiten im Feld sprechen und nicht nur über ‚Diversität‘. Die Frauen- und Geschlechterforschung, das Feld meiner eigenen Expertise, aber ebenso die Postkolonialen Studien oder die Rassismusforschung haben einerseits das Problem, dass ihre Forschungsergebnisse in den jeweiligen Fachdisziplinen der Sozial, Kultur, aber auch der Naturwissenschaften, aber auch in der interessierten Öffentlichkeit mitunter viel zu wenig Beachtung finden und manchmal schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen werden. Hinzu kommt, dass diese Forschungsrichtungen in der Öffentlichkeit auf verschiedene Weise diskreditiert und als unwissenschaftlich abqualifiziert werden, und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die auf diesen Gebieten Forschung leisten, oft auch persönlichen Anfeindungen und Hass ausgesetzt sind. Hierauf muss in meinen Augen vor allem die professionelle Wissenschaftskommunikation eine Antwort geben, indem sie Anfeindungen klar zurückweist und ein breites Verständnis von Wissenschaft stark macht, und Forschung nicht einseitig auf bestimmte Teilgebiete, Methoden oder Theorieansätze verengt.

Ich wünsche mir, dass die Wissenschaftskommunikation ein Bild von Forschung vermittelt, das inklusiver ist und sich an alle Teile der Gesellschaft richtet – auch um Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft dazu zu motivieren, selbst ein Studium aufzunehmen und Wissenschaft zu betreiben. In einer demokratischen Gesellschaft darf nicht der Eindruck entstehen, dass Wissenschaft nur etwas ist, womit sich diejenigen beschäftigen, die sowieso schon von den gesellschaftlichen Verhältnissen profitieren.  


Vanessa Eileen Thompson, Akademische Mitarbeiterin an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Foto: Alexander Vorbrugg

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten um Black Lives Matter, die Dekolonisierung von öffentlichen Räumen und Museen sowie die Proteste für eine Gesellschaft der Vielen gehen auch die Wissenschaftskommunikation und Wissenschaft etwas an. Denn sie verhandeln Fragen und Forderungen nach Partizipation, Repräsentation, dem Umgang mit marginalisierten Wissensbeständen und Gleichberechtigung. Welches Wissen wird als Wissen anerkannt und publiziert? Welche Wissensbestände werden weiter marginalisiert und damit unsichtbar gemacht? Wer wird als wissenschaftliche Community und Öffentlichkeit imaginiert, sichtbar gemacht und angesprochen, und wie lässt sich Wissenschaftskommunikation inklusiver und intersektional gestalten? Dies betrifft nicht nur die Vielfalt der Formen von Wissenschaftskommunikation, die Diversität wissenschaftlicher Themen oder die Diversifzierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, vielmehr betrifft dies auch die kritische Reflektion über intersektionale Machtgefälle und Ungleichheitsverhältnisse, die auch in den Wissenschaften, der Wissensproduktion und der Wissenschaftskommunikation reproduziert werden. Als Zukunftsaufgabe in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sehe ich daher eine konsequentere Verknüpfung von Vermittlung mit Forderungen von intersektionaler Gleichberechtigung und Zugang in der Migrationsgesellschaft.