Foto: Tina Rolf

Gemeinsam vorbereitet auf stürmische Zeiten

Qualitätssicherung, Zusammenarbeit und Krisenfestigkeit – Das sind für Elisabeth Hoffmann die wichtigsten Punkte, die sie aus der diesjährige Diskussion im Siggener Kreis mitnimmt. Im Interview kommentiert sie die Tagung und das dabei entstandene Impulspapier zum Thema „Die Krise kommunizieren“.

Frau Hoffmann, der Siggener Kreis hat in diesem Jahr zum Thema „Die Krise kommunizieren“ getagt und das Impulspapier dazu wurde heute veröffentlicht. Was waren dabei die wichtigsten Punkte?

Das Thema bezieht sich natürlich auf die Corona-Pandemie, eine Krise also, die alle Gesellschaftsbereiche betrifft. Das war für uns alle eine neue Situation und es gab viel Gesprächsbedarf. Zum einen die Rolle der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angeschaut, die gerade sehr stark im Mittelpunkt stehen. Zum andern haben wir die Auswirkungen auf den Wissenschaftsjournalismus diskutiert und, welche operativen Konsequenzen die Pandemiesituation für die Wissenschaftskommunikation mit sich bringt. Außerdem ist dieses Mal ein drittes Thema stark in den Mittelpunkt gerückt: die wissenschaftliche Politikberatung. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik ist beim Thema Corona ausgesprochen eng. Es gibt zwar etablierte Instrumente der Politikberatung, in den letzten Monaten sind diese Prozesse aber unheimlich beschleunigt worden. Insgesamt hat die Krise deutlich gemacht, dass wir noch einmal klarer die verschiedenen Rollen definieren müssen, die Wissenschaft, Politik, Kommunikation und Journalismus in dieser Situation einnehmen.

Gab es dabei Fragen, die alle beteiligten Gruppen gleichermaßen umtreiben? Und wenn ja, welche?

Elisabeth Hoffmann ist Leiterin der Stabsstelle Presse und Kommunikation und Pressesprecherin der Technischen Universität Braunschweig. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin war von 2008 bis 2014 Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Hochschulkommunikation. Sie twittert als @einrehgehege.
Elisabeth Hoffmann ist Leiterin der Stabsstelle Presse und Kommunikation und Pressesprecherin der Technischen Universität Braunschweig. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin war von 2008 bis 2014 Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Hochschulkommunikation. Sie twittert als @einrehgehege.

Qualitätssicherung ist ein ganz großes Thema. Wie kann man in einer Situation, in der alle gleichermaßen unter Druck stehen, die Kommunikation und die Berichterstattung qualitätsgesteuert organisieren? Von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in der Forschungsarbeit schnelle Resultate erwartet. Gleichzeitig werden aber auch öffentliche Stellungnahmen und Einordnung gefordert und man versucht, so klar und so schnell wie möglich, die eigenen Erkenntnisse nach außen darzustellen. Unter diesem Druck passieren natürlich viele verschiedene Dinge. Das Wissenschaftssystem zieht das Tempo an, indem Preprints in großer Zahl veröffentlicht werden, ohne dass es einen Peer-Review-Prozess gegeben hätte. Und diese Ergebnisse, wie auch die Kommentare dazu, sind online auch für Laien einsehbar. Dies wurde in einigen Fällen falsch eingeordnet und medial wirksam als Streit interpretiert. Da sollten wir uns fragen, wie wir damit umgehen wollen. Was bedeutet das, wenn jemand wissenschaftsintern kritisiert wird: Gehört das dann in die Öffentlichkeit oder ist das eigentlich eine normale wissenschaftsinterne Debatte? Und was machen wir als Kommunikatorinnen und Kommunikatoren oder auch Journalistinnen und Journalisten, wenn wir so einen Preprint auf den Schreibtisch bekommen. Wird sofort kommuniziert oder warten wir ab, bis offiziell publiziert wurde? Wer kann die Qualitätssicherung an dieser Stelle in aller Ruhe leisten? Kurz: Wann sollte was kommuniziert werden?

Welche Lösungen gibt es dafür?

Foto: Fria Hage / Seminarzentrum Gut Siggen der Alfred-Toepfer-Stiftung
Im Siggener Kreis debattieren die Mitglieder jedes Jahr eine Woche lang über zentrale Themen und Trends, Chancen und Herausforderungen in der Wissenschaftskommunikation. Die daraus resultierenden Ergebnisse werden in den Siggener Impulsen zusammengefasst und von Wissenschaft im Dialog* veröffentlicht. Foto: Fria Hage / Seminarzentrum Gut Siggen der Alfred-Toepfer-Stiftung

Ein Lösungsansatz kommt aus Großbritannien. Das dortige Science Media Center hat davon abgeraten, mit Preprints an die Öffentlichkeit zu gehen, weil es sich dabei klar um innerwissenschaftliche Prozesse handelt, die noch nicht dafür taugen, nach außen kommuniziert zu werden. Ein anderer Punkt ist, dass viele von uns am Anfang der Pandemie den Impuls hatten, sich einzubringen. Wir haben aber nicht alle ein Institut für Virologie oder Immunologie an unseren Institutionen und haben deshalb die Ereignisse auch aus Sicht anderer Fachrichtungen einordnen lassen. Das hat dafür gesorgt, dass sehr viel Expertise im Raum stand, die dann aber nicht unbedingt abgefragt wurde. In so einer Situation muss man einen Schritt zurück gehen und sich fragen, ob es wirklich etwas Wichtiges zu sagen gibt und sich gegebenenfalls zurückhalten. Das gilt nicht nur für Kommunikationsabteilungen sondern auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst. Zur selben Zeit, am Anfang der Krise ist es Medienschaffenden schwer gefallen, die inhaltlich richtigen Ansprechpersonen zu erreichen. Gleichzeitig sind andere sehr stark selbst in die Öffentlichkeit getreten und das auch zum Teil komplett, ohne sich mit den Pressestellen abzusprechen. Das ist natürlich grundsätzlich in Ordnung und kann auch punktuell sehr gut funktionieren. Trotzdem wäre es aus Sicht der Kommunikatorinnen und Kommunikatoren wünschenswert, dass wir enger mit den kommunizierenden Forschenden zusammenarbeiten, um uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie kann so eine bessere Zusammenarbeit von Kommunikationsabteilung und Forschenden aussehen?

"Einzelne Personen oder auch Forschungsfelder können sehr plötzlich im Fokus stehen, wie derzeit etwa die Virologie und auf solch stürmische Zeiten sollten wir vorbereitet sein."Elisabeth Hoffmann
Aus unserer Sicht müssen wir hier schon vor einer solchen Ausnahmesituation gut zusammenarbeiten. Im Kontext von Corona haben sich vor allem starke Persönlichkeiten vorgewagt, die sich nicht gescheut haben, auch unpopuläre Aussagen zu treffen und damit womöglich einen Shitstorm zu kassieren. Das möchten aber nicht alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler riskieren. Trotzdem haben wir jetzt gesehen, dass einzelne Personen oder auch Forschungsfelder sehr plötzlich im Fokus stehen können, wie derzeit etwa die Virologie. Potenziell kann es dabei jedes Fach treffen. Und auf solche stürmische Zeiten sollten wir und die Forschenden vorbereitet sein – am besten gemeinsam.

Was wünschen Sie sich von der Community der Wissenschaftskommunikation dafür?

"Ich wünsche mir, dass wir selbst und auch die Forschenden krisenfester werden. Kommunikations-folgenabschätzung ist hier ein Schlüssel und das ist auch unsere Expertise."Elisabeth Hoffmann
Ich wünsche mir, dass wir selbst und auch die Forschenden krisenfester werden. Kommunikationsfolgenabschätzung ist hier ein Schlüssel und das ist auch unsere Expertise als Kommunikatorinnen und Kommunikatoren. Wir wissen, was passieren kann, wenn sich jemand zum Beispiel auf Twitter oder gegenüber der Bildzeitung scharfkantig äußert. Das wollen wir gar nicht verhindern, aber wir können darauf hinweisen, was als Reaktion auf so eine Äußerung kommen könnte. Außerdem wünsche ich mir, dass wir ethisch kommunizieren und die Auswirkungen von Kommunikation im Kopf behalten. Wir dürfen beispielsweise keine unbegründeten Hoffnungen wecken und Lösungen verkünden, die es so gar nicht gibt. Das ist im Kontext Corona bisher in Deutschland nicht oft passiert, aber wenn es in solch einer Krise geschieht, dann mit wirklich schwerwiegenden Folgen. Wir müssen ehrlich kommunizieren und darüber aufklären, wie die Prozesse funktionieren. Müssen ein Preprint sehr deutlich als solches kennzeichnen und nicht als fertiges Paper verkaufen. Bisher haben wir sehr ergebnis- oder erfolgsorientiert kommuniziert. Das geht bei einem laufenden Forschungsprozess wie dem zu Corona einfach nicht.

Was nehmen Sie für sich persönlich aus den Gesprächen im Siggener Kreis noch mit?

Dass die Corona-Pandemie gar nicht alles auf den Kopf gestellt hat. Sie ist eher ein Brennglas für Prozesse, die ohnehin passieren. Zum Beispiel wird Wissenschaft in unserem Alltag immer wichtiger und wir sind sehr abhängig von wissenschaftlicher Expertise und dem Rat kluger Köpfe. Vielen Leuten ist das jetzt klar geworden und dadurch eben auch, wie wichtig Wissenschaftskommunikation ist.

Weitere Informationen zum Siggener Kreis

*Wissenschaft im Dialog ist einer der drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de.