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Auf dünnen Ästen

Bäume pflanzen gegen den Klimawandel: Wie eine Studie dank genialer Kommunikation um die ganze Welt ging – und die heftige Kritik daran zu spät kam. Ein Lehrstück über einen ungewöhnlichen Fall von Wissenschafts-PR.

Einen Moment lang schien die Klimakrise ganz einfach lösbar. Die gute Nachricht kam von der ETH Zürich: Bäume pflanzen sei das beste Mittel gegen den Klimawandel. Ein Team aus Ökologen, Programmierern und einer Geografin analysierte, wo auf der Welt noch Platz frei ist für Bäume. Sie fanden so viel, dass man damit zwei Drittel der bislang menschengemachten CO2-Emissionen binden könne. Die Studie ist im Juli in Science erschienen. Die Nachricht schlug ein: New York Times, CNN, BBC. 700 Medienberichte in über 100 Ländern, offenbar konsumiert von 12 Millionen Menschen und 300 000 Mal geteilt. Der Altmetric-Score der Studie, der die Aufmerksamkeit im Netz misst, beträgt bislang 6151, es dürfte einer der besten des Jahres werden.

Doch die gute Nachricht hielt sich nicht lange. Drei Kommentare in Science von über fünfzig Autorinnen und Autoren weisen der Studie schwerwiegende methodische Fehler nach. Sie führten wohl zu einer massiven Überschätzung des Potentials. Die Kritik dürfte allerdings, legt man ebenfalls die Zahlen von Altmetric zugrunde, nicht mal mehr ein Fünftel der globalen Aufmerksamkeit erhalten haben. Der Fall ist deshalb auch wichtig für die Wissenschaftskommunikation – er zeigt, was man dabei richtig und falsch machen kann. Vorweg: Das Institut will vorerst nicht mehr über das Thema reden.

Um den medialen Sturm zu verstehen, sollte man erst einen Blick auf das Institut werfen. Das Crowther Lab an der ETH, wo die Studie entstanden ist, wirkt wie ein Startup. Dreißig junge Leute arbeiten dort vor allem mit Daten. Sie werden gerade mit Stiftungsgeld überschüttet: 17,7 Millionen Schweizer Franken, verteilt auf 13 Jahre, erhält das Institut alleine von der niederländischen Stiftung DOB Ecology. Das Crowther Lab macht PR wie sonst kaum ein Uni-Institut. Sie haben eine „Head of Arts and Culture“ und eine „Science Communication & Graphic Design Specialist“. Sie machen Videos und sind in den sozialen Medien präsent. Geleitet wird das Labor vom erst 33-jährigen Professor Tom Crowther. Crowther ist bekannt für große Zahlen. Von sich reden machte er erstmals 2015 mit einer Studie, wonach es auf der Welt 3 Billionen Bäume geben würde. Seine Definition von „Baum“ war zwar vage und die Fehlerspanne seiner Berechnung enorm. Es könnten auch eine oder zehn Billionen Bäume sein. Aber die Zahl 3 Billionen ging um die Welt. 

Ich wurde im Frühjahr auf das Institut aufmerksam. Grund waren eigentlich nur ein paar Zahlen in einem „Baumzähler“ der Organisation „Plant for the Planet“. Sie waren offenkundig falsch, wurden aber auch von Crowther zitiert. Bekannt ist „Plant for the Planet“ vor allem für ihren Gründer: Felix Finkbeiner, der mit neun Jahren seinen ersten Baum vor seiner Schule gepflanzt hatte, mit 13 vor den Vereinten Nationen sprach und mittlerweile Millionen Menschen zum Bäumepflanzen animiert haben soll. Man kennt den heute 22-jährigen aus Talkshows, wo er für globale Aufforstung wirbt. Plant for the Planet und das Crowther Lab sind inhaltlich und personell eng miteinander verwoben. Felix Finkbeiner promoviert dort und über seine Organisation – die mittlerweile als Stiftung firmiert – kommt das Institut mit politischen Persönlichkeiten in Kontakt. Immerhin sind Klaus Töpfer und der Fürst von Monaco Schirmherren von „Plant for the Planet“. Finkbeiner half Crowther dabei, Geld beim deutschen Entwicklungsministerium aufzutreiben, wie mir die beiden im Gespräch erklärten. 

Hier geht ein Institut weit über das hinaus, was man für gewöhnlich unter universitärer Wissenschaftskommunikation versteht.
Doch Finkbeiners Aufgabe am Institut ist nicht nur promovieren und netzwerken. „Die Labore sind alle riesig enttäuscht, dass sich niemand ihre Forschung anguckt“, sagte mir Finkbeiner in einem Gespräch, das ich mit ihm für die ZEIT führte. Beim Crowther Lab ist das anders, und das eben auch deshalb, weil Finkbeiner ein Aushängeschild des Instituts ist und sein „Plant for the Planet“ bei der PR behilflich ist. Das nimmt zuweilen sonderbare Züge an. Aus einer Vorgängerstudie zum aktuellen Science-Paper entstand etwa eine „Trillion Tree Declaration“, ein Dokument, in dem Finkbeiner, Crowther, Fürst Albert von Monaco und andere versprechen, eine Billion Bäume zu pflanzen. Im Konferenzzentrum an der monegassischen Riviera wurde sie unterzeichnet, inklusive hipper Video-Dokumentation

Hier geht also ein Institut weit über das hinaus, was man für gewöhnlich unter universitärer Wissenschaftskommunikation versteht. Und das war auch bei der Publikation der Science-Studie nicht anders. Wenn Thomas Elliott, Geschäftsführer des Crowther Labs, im Interview mit Wissenschaftskommunikation.de sagt: „We had a variety of posts ready to be shared“, ist das weit untertrieben. Das Institut heuerte eine PR-Agentur an, um die Studie zu promoten. „Weniger als 10.000 Franken“ sollen sie dafür bezahlt haben, teilt die ETH auf Nachfrage mit. Der Hochschule ist aus den letzten Jahren kein anderer Fall bekannt, bei dem sowas geschah. Grundsätzlich übernehme ihre Kommunikationsabteilung diese Aufgabe. Nach eigenen Angaben jedoch hat die externe Agentur Greenhouse: 

  • „den wissenschaftlichen Aufsatz in eine wirkungsvolles, verständliches Narrativ übersetzt, das bei Medien weltweit sowie der breiten Öffentlichkeit funktioniert, während die Kernaussage der Forschung erhalten blieb“,
  • „ein gezieltes Engagement-Programm umgesetzt, um bereits vor der Veröffentlichung Unterstützung für das Paper zu sammeln – mit Kommentaren vom WWF, von Christiana Figueres und Rene Castro, dem stellvertretenden Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)“,
  • „sämtliches mediales und soziales Kapital entwickelt, inklusive Landkarten, Infografiken und einem Content-Fahrplan“,
  • „ausführlich mit den wichtigsten Social-Media-Accounts interagiert, um Unterstützung vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Friends of the Earth und Christiana Figueres zu erhalten“,
  • „eine Werbestrategie für Social Media entwickelt und umgesetzt, um die Sichtbarkeit und die Diskussion innerhalb der wichtigsten Zielgruppen zu steigern“ und
  • „umfangreiche Kontakte zu Medien weltweit hergestellt, um internationale Berichterstattung zu erreichen“.

Das ist gelungen. Den Auftakt machte der Guardian mit einer spektakulären Titelgeschichte:


In Deutschland erhielt die Studie eine ungewöhnlich prominente Bühne: Felix Finkbeiner stellte sie – zusammen mit Hauptautor Jean-Francois Bastin – im Juli
bei der Bundespressekonferenz vor. Entwicklungsminister Gerd Müller nutzte sie als Auftakt für die Vorstellung seines Waldschutzprogramms.

Es kamen viele Ereignisse zusammen, die 2019 zu einem Jahr des Waldes machten. Die Crowther-Lab-Studie war daran nicht unbeteiligt. Als aber auch noch Greta Thunberg zusammen mit dem einflussreichen Guardian-Journalisten George Monbiot ein virales Video über die Bäume, diese „magic machines“ gegen den Klimawandel, machte, war die Kampagne perfekt:

 


So genial die Kommunikation des Instituts bei Veröffentlichung der Studie war, so katastrophal ist sie jetzt, nach der harschen Kritik aus der Wissenschaftsgemeinde. Mails mit Nachfragen bleiben unbeantwortet. Links zur Kritik an der Studie fehlen auf der Homepage der Arbeitsgruppe. Die ETH
passt ihre Pressemitteilung nur ein wenig an. Instituts-Geschäftsführer Elliott sagt ein Gespräch zum Thema ab: Man fahre leider aktuell die Zahl der Medientermine zurück, um sich ganz auf die Forschung des Jahres 2020 zu konzentrieren. Immerhin den Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung hat das Team um Bastin und Crowther geantwortet. In einem Kommentar in Science bleiben sie größtenteils bei ihren Aussagen, verweisen die Kritiker auf unterschiedliche Definitionen und erläutern ihre Berechnungen genauer. 

Einer der Wissenschaftler, mit denen ich sprach, meinte, dass er trotz aller Kritik noch Großes von dem Team um Crowther erwarte. Sie seien womöglich nur etwas zu selbstsicher gewesen. Ihre Studie und vor allem das Datenmaterial, das sie gesammelt haben, seien von großem wissenschaftlichem Wert. Er müsse nur selbstkritischer kommuniziert werden.

 

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