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Anekdoten – kleine Geschichten, große Verführerinnen

Können Anekdoten Wissen vermitteln? Aus psychologischer Sicht haben sie eine starke Auswirkung auf Entscheidungen, Einstellungen und auch auf Lernprozesse. Richtig eingesetzt können sie sehr überzeugend sein, aber auch vom Wesentlichen ablenken. Ein Blick in die Forschung über dieses Format der kleinen Geschichten.

Ein Apfel löst sich vom Ast und fällt zu Boden, eine Schlange beißt sich in den Schwanz: Das sind Bilder, die zwei Wissenschaftler in kleine Geschichten verpackt haben, um von ihrer Forschung zu erzählen. Der Apfel brachte Isaac Newton auf das Gravitationsgesetz. August Kekulé wurde von der Schlange im Traum auf die Erklärung für die Strukturformel von Benzol gebracht. Diese zwei Wissenschaftsanekdoten sind echte Klassiker. Doch welche Wirkung haben kleinen Geschichten aus Sicht der Psychologie?

Anekdoten interessieren uns. Wir merken sie uns besser als bloße Fakten. Und sie können verdammt überzeugend sein. Das haben Studien belegt, um die es hier gleich noch gehen soll. Nähern wir uns aber zunächst diesem speziellen Genre. Der Erste, der Anekdoten unter diesem Namen verschriftlichte, war der griechische Historiker Prokopios (ca. 500-562 n. Chr.). In seinem Buch „Anekdota“ enthüllte er nach dem Tod des Kaisers Justinian bis dahin geheim gehaltene Geschichten über den Herrscher.1 Die Anekdote verspricht ihrem Namen nach also etwas „Unveröffentlichtes“.2 Insbesondere im 18. Jahrhundert boomten die enthüllenden Erzählungen und im 20. Jahrhundert wurden sie in vielen Ländern gelesen.3 Ihre Kürze passte gut zu dem wachsenden Bedürfnis, Literatur rasch zu konsumieren. Doch wie aktuell ist das Genre heute für die Wissenschaftskommunikation? Wir haben in Berlin-Mitte einige Menschen gefragt, ob sie spontan Anekdoten aus der Wissenschaft parat haben.

Bei der Straßenumfrage konnten tatsächlich einige Leute kleine Geschichten über Wissenschaft erzählen, die sich zum Teil seit Jahrhunderten halten. Noch dazu waren es Anekdoten par excellence: Eine bekannte Persönlichkeit, oder auch eine Gesellschaft, Zeit etc. wird durch eine charakteristische Situation skizziert. In diesem Fall haben die Menschen pointiert so ein „kleines Ereignis von besonderer Wirkkraft“4 über Forschende erzählt. In humorvollem Ton und schnellem Tempo zielten ihre Erzählungen auf das unerwartete Ende ab. Sie transportieren so bedeutsamen Stoff, der eine Moral enthält oder Wissen vermittelt. Anekdoten sprechen so in ihrer Art und Weise viele Menschen an.

Die Anekdote lässt uns mit unseren Einstellungen brechen

Versucht ein Mensch einen anderen zu überzeugen, übermittelt er ihm eine „persuasive“ Botschaft. Er versucht ihn zu überreden, seine Einstellung zu ändern. Anekdoten sind da ein wirksames Werkzeug, wie die Wissenschaft herausgefunden hat. Forscherinnen und Forscher untersuchten die Verführungskraft des anekdotischen Erzählens zum Beispiel in jenen Momenten, in denen wir uns für eine medizinische Behandlungsmethode entscheiden müssen, uns jemand zu einer gesünderen Lebensweise bewegen will oder wir uns mit einem gesellschaftlichen Problem konfrontiert sehen.

Wie wir Nachrichten verarbeiten, die unsere Grundwerte betreffen, untersuchten Michael D. Slater von der Ohio State University und Donna Rouner von der Colorado State University. Dabei schauten sie sich Reaktionen auf Alkohol-Aufklärungsbotschaften im Kontext der eigenen Einstellung zum Alkoholkonsum an.5 Sie ließen ihre Probanden – in dem Fall Studierende – Botschaften lesen wie: „Alkohol richtet Schaden an.“ Einige der Nachrichten waren ergänzt mit Zahlen von Regierungsorganisationen oder aus wissenschaftlichen Quellen, andere mit einer Anekdote über den zerstörerischen Einfluss von Alkohol auf das Leben eines Studierenden. Präsentiert wurden die Informationen als angeblicher Artikel eines Journalismus-Studenten.

Anekdoten in der Persuasionsforschung

Slater und Rouner erfassten in ihrer Studie zunächst die Einstellung der Studierenden zum Genuss von Alkohol, mit der sie in das Experiment gingen. Und wie sehr sie sich von dem Thema angesprochen fühlten. Die Forschenden wollten dabei nicht nur herausfinden, ob sich ihre Einstellung durch das Lesen der Botschaft veränderte, sondern auch, wie sie zu dieser Überzeugung gelangt waren.

Um das herauszufinden, sollten die Probanden ihre Gedanken zu jeder gelesenen Passage niederschreiben. An dieser Stelle ist ein wenig Hintergrundwissen aus der Persuasionsforschung – also der Forschung zur Überzeugung – notwendig: Als „Goldstandard“ zählt das sogenannte Elaboration-Likelihood-Modell (ELM), entwickelt von den Sozialpsychologen John Cacioppo und Richard Petty.6 Sie gehen davon aus, dass wir uns auf zwei Weisen überzeugen lassen: Auf einer zentralen oder einer peripheren Route der kognitiven Verarbeitung. Der zentrale Weg ist dadurch gekennzeichnet, dass wir motiviert sind, uns intensiv mit den Argumenten unseres Gegenübers auseinandersetzen. Die periphere Route ist hingegen eine Art Sparmechanismus. Wir schlagen sie ein, wenn uns das Thema nicht so wichtig ist. Dann achten wir auf ganz andere Bestandteile der Botschaft. Wir neigen dann beispielsweise dazu, attraktiven Menschen, die in einer angenehmen Stimmlage sprechen und noch dazu als Experten gelten, einfach zu glauben. Soweit die Theorie, wenn wir zu einem Thema noch gar keine Meinung hatten.

Die Anekdote kann ein Zugang zu einem sonst sehr resistenten Publikum sein

Die Anekdote von der Schwerkraft: Die Universität Cambridge schloss 1660 ihre Pforten, da die Pest wütete. Newton verbrachte derweil viel Zeit im elterlichen Garten im Norden Englands. Dort sitzend fragte er sich: „Warum fallen Äpfel stets gen Erdmittelpunkt?“ William Stukeley verewigte die Anekdote in Newtons Memoiren.

Haben wir uns aber bereits intensiv mit einer Überzeugungsfrage auseinandergesetzt und eine gefestigte Meinung gebildet, reagieren wir auf Überzeugungsversuche mit einer verzerrten Verarbeitung. Studierende, die selbst gerne und viel Alkohol trinken, versuchen, ihre Grundwerte zu verteidigen. Sie verwenden viel kognitive Energie darauf, selektiv die Punkte herauszuhören, mit denen sie sich rechtfertigen können. Bemerkenswerterweise springen sie dann auf periphere Reize an, obwohl sie sich intensiv mit den Argumenten auseinandersetzen. Und hier kommt die Anekdote wieder ins Spiel. Die Studierenden, die sich von der Anti-Alkohol-Botschaft gewissermaßen angegriffen fühlten, ließen sich am ehesten durch anekdotische Belege davon überzeugen, dass Alkohol schädlich ist. Zahlen und Fakten gegenüber verwehrten sie sich hingegen komplett. Die Probanden bewerteten die anekdotischen Botschaften als überzeugender, glaubhafter und besser geschrieben.

Die Anekdote kann also ein Zugang zu einem sonst sehr resistenten Publikum sein, schlussfolgerten Slater und Rouner. Studierende, die dem Alkohol dagegen schon vor dem Experiment abgeneigt waren, fühlten sich von der Statistik bestätigt. Und ließen sich von Anekdoten nicht um den Finger wickeln.

Menschen aus Anekdoten sind uns näher als statistische Durchschnittspersonen

Angela Fagerlin und Kollegen von der University of Michigan setzten 2005 eine Studie auf, um herauszufinden, ob Statistik die Überzeugungskraft von Anekdoten brechen könnte.7 Die Probanden sollten sich vorstellen, eine Angina Pectoris – umgangssprachlich Brustenge – zu haben. Dann sollten sie sich zwischen zwei Behandlungsoptionen entscheiden. Diese unterschieden sich um ganze 25 Prozentpunkte hinsichtlich ihrer Heilungsquote. Zusätzlich zu den Zahlen und Fakten bekamen sie Anekdoten über den Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Therapien bei erfundenen Personen zu lesen. In manchen Fällen entsprachen die Anekdoten der realen Genesungsquote, in anderen wichen sie davon ab. Über die Hälfte der Patienten, die nur die Statistik zu lesen bekam, entschied sich für die rational wirksamere Methode. Wurden zusätzlich zur Statistik passende Anekdoten erzählt, entschied schon weniger als die Hälfte rational. Überwogen die negativen Erfahrungsberichte, so traf sogar nur jeder Fünfte eine rationale Entscheidung.

In einigen Fragebögen stellte sogar ein abschließendes Quiz sicher, dass die Versuchspersonen die Zahlen verinnerlicht hatten – dennoch überzeugten die Anekdoten. Fagerlin und ihr Team führten dafür mehrere Erklärungen an: Wir können uns eher mit einem Menschen aus einer Anekdote identifizieren als mit einer statistischen Durchschnittsperson. Die kleinen Geschichten präsentieren uns außerdem einen klaren Ausgang: Geheilt, oder eben nicht. Prozentsätze und Stichprobengrößen bleiben hingegen für viele von uns zu abstrakt.

Die Versuchung, vom Einzelfall auf das Ganze zu schließen

Kekulés Traum: Dem Chemiker Friedrich August Kekulé von Stradonitz bereitet die Strukturformel von Benzol Kopfzerbrechen. Die Schlange erschien ihm 1865 beim Nickerchen vor dem Kamin. Das sich selbst in den Schwanz beißende Reptil offenbarte Kekulé die Ringstruktur. Die moderne Strukturtheorie der organischen Chemie – geboren im Traum.

Schließen wir von in Anekdoten beschriebenen Einzelfällen auch auf die Gesellschaft als Ganzes? Ja. Die Antwort gaben Jeffrey Strange von der University of Pennsylvania und Cynthia Leung von der Columbia University in ihrer 1999 veröffentlichten Studie.8 Der Versuchsgegenstand: Die hohe Zahl an Schulabbrechern in den USA. In zwei kurzen Erzählungen wurden entweder die katastrophalen Zustände an der Schule eines Jugendlichen beschrieben oder dessen emotionale Probleme. Und tatsächlich beeinflussten die Anekdote unter anderem das Urteil der Probanden über die Ursachen des Schulabbrecherproblems: Je nach Gelesenem wurden die Schulen als schlechtes Lernumfeld, die Lehrer als unfähig oder der amerikanische Durchschnittsjugendliche als emotional instabil wahrgenommen. Und das auch, wenn die Grundeinstellung der Probanden laut vorherigem Fragebogen eigentlich eine andere war. Die Forscher zogen den Schluss, dass die Anekdoten als Vehikel funktionieren, die unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte, situative Ursachen des Problems lenken. Anekdoten beeinflussen so sogar unsere Beurteilung der Gesellschaft als Ganzes. Die Überzeugungskraft von Anekdoten ist also für verschiedene Bereiche des Lebens wissenschaftlich belegt. Aber transportieren sie Wissen so, dass es uns interessiert und wir die Fakten besser behalten?

Anekdoten in der Wissensvermittlung

Die Anekdote als aufmerksamkeitssteigerndes Element untersuchten Suzanne Hidi und William Baird in Lehrtexten für Grundschüler. Sie hatten festgestellt, dass die kleinen Geschichten gerne in Schulbüchern als rhetorische Strategie herangezogen werden, um das Interesse der Kinder für den Stoff zu wecken. Und die Forscher konnten bestätigen, dass das auch funktioniert.9 Die befragten Grundschüler fanden in den Texten einzig die Anekdoten interessant. Bemerkenswerterweise gaben sie gleichzeitig die Rückmeldung, dass sie deren Inhalt als unwichtig empfanden. In einer weiteren Studie des Forscherduos sollten Viert- und Sechstklässler alles Niederschreiben, was sie von einem gelesenen Text behalten hatten.10 Dabei stellte sich heraus, dass sie sich vor allem die konkret erzählten Inhalte gemerkt hatten. Die abstrakteren, wissenschaftlichen Informationen waren hingegen meist nicht hängengeblieben. Hidi und Baird zeigten somit, dass die kleinen Geschichten, so interessant sie sein mögen, sogar das Lernen von bestimmten Informationen stören können.

Fassen wir zusammen: Anekdoten können sehr interessant und im richtigen Kontext sehr überzeugend sein, aber auch vom Wesentlichen ablenken. Es kommt wohl darauf an, wie die kleinen Geschichten eingesetzt werden. Sie haben die Kraft, Menschen für ein Forschungsthema zu begeistern. Und sie passen gut zu einem Leseverhalten, das sich durch eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne auszeichnet. Vor allem aber machen Anekdoten wie die von Newton und Kekulé große Forscher für uns nahbarer. Rein theoretisch hätten der fallende Apfel und die Schlange im Traum alle von uns auf solch brillante Ideen bringen können …