„Passen die Befunde zu gut in meine Agenda?“

Manche wissenschaftlichen Befunde werden bewusst als „unsicher“ dargestellt. Berend Barkela und Sebastian Hemesath erklären, wie solche Entscheidungen gesellschaftliche Debatten beeinflussen. Und weshalb Kommunikator*innen sich öfter mal hinterfragen sollten.

Herr Barkela, Herr Hemesath, warum fällt es uns so schwer, Unsicherheiten zu akzeptieren – selbst bei etwas Alltäglichem wie der Regenwahrscheinlichkeit?

Berend Barkela ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wissenschafts- und Umweltkommunikation.
Foto: Karin Hiller, RPTU

Berend Barkela: Aus psychologischer Perspektive würde man sagen, dass Unsicherheit einem Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit widerspricht. Wir wissen gern, worauf wir uns einlassen, und was wir erwarten können, weil es dann einfacher ist, Entscheidungen zu treffen. Psychologisch ist es angenehmer, Sicherheit zu haben.

Sebastian Hemesath: Wenn wir Risiken nicht abschätzen können, befinden wir uns in einer Situation, in der wir uns nur noch auf Heuristiken verlassen können. Genau das schauen wir uns in unserem Projekt an: Was passiert, wenn wir nicht einmal klare Risikoabschätzungen treffen können? Und wie gehen verschiedene Akteur*innen mit dieser radikalen Unsicherheit um? Wir betrachten den gesamten Kommunikationsprozess: Wie und warum wird Wissenschaft in Debatten eingebracht, welche Motive stecken dahinter, wie werden Unsicherheiten dargestellt und diskutiert, und welchen Einfluss hat das auf politische Entscheider*innen.

Sebastian Hemesath ist Politikwissenschaftleran der Universität des Saarlandes. Seine Forschungsinteressen sind Public Policy, Policy‑Analyse und politisches Verhalten.
Foto: privat

Barkela: In Krisen wie der Corona-Pandemie oder der Energiekrise in Deutschland sind politische Lagen unklar, aber es müssen trotzdem Entscheidungen getroffen werden, die weitreichende Konsequenzen haben. Unter dem Idealbild einer evidenzbasierten Entscheidungsfindung hoffen wir, dass Politik auf wissenschaftliche Evidenz zurückgreift, um mit Unsicherheit umzugehen. Das können Prognosen oder Szenarien sein, aber wie beim Wetter sind die leider auch nicht eindeutig. Damit werden sie zu einer politischen und kommunikativen Herausforderung.

Wie nutzen also Politiker*innen wissenschaftliche Evidenz?

Barkela: Dazu haben wir Inhaltsanalysen gemacht. Zum Beispiel während der Corona-Krise oder auch während der Energiekrise 2023/24. Wir haben untersucht, ob Politiker*innen wissenschaftliche Evidenz heranziehen, um politische Probleme und Maßnahmen zu rechtfertigen. Also etwa: „Die Wissenschaft zeigt, dass die Infektionszahlen steigen – wir müssen etwas tun.“ Sie nutzen Evidenz auch, um Annahmen über die Zukunft zu treffen, zum Beispiel ob ein Lockdown erfolgreich sein könnte.

Was mich dabei überrascht hat: Gerade während der Corona-Krise, in der wissenschaftliche Evidenz ständig präsent war, taucht sie in politischen Aussagen gar nicht so häufig auf. Wenn Politiker*innen Annahmen über die Zukunft trafen, verwiesen sie nur in ungefähr zehn Prozent der Fälle auf wissenschaftliche Evidenz.

Wie sah diese Evidenz dann aus?

Barkela: Wenn Politiker*innen auf Twitter während der Corona-Krise Maßnahmen ansprachen und dabei auf Wissenschaft verwiesen, dann meist ohne genaue Quellenangabe. Es wird selten Autor*in, Institution oder Journal genannt. Dass man die Studie wirklich nachverfolgen konnte, ist eher unwahrscheinlich. Und wenn ein Link gepostet wurde, führte er meistens zu einem Medienbericht, nicht direkt zur Primärquelle.

Herr Hemesath, Sie haben daraufhin auch Interviews mit Politiker*innen geführt. Was war Ihr Fazit daraus?

Hemesath: Man merkt deutlich, dass in Phasen großer Unsicherheit – also genau dann, wenn die Lage besonders unklar ist – die Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise am größten ist. Die Politik hat den Wunsch, dass es eine klare Aussage aus der Wissenschaft gibt. Man will Expertise, Handlungsempfehlungen, Orientierung.

Gleichzeitig ist das aber genau die Situation, in der die Wissenschaft am wenigsten liefern kann. Denn auch sie steht vor einer unsicheren Datenlage und muss sich auf heuristische Einschätzungen verlassen. Das führt zu einem Paradox in der Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik. In normalen Zeiten, wenn Politik von bestehenden Deutungsmustern und Narrativen geprägt ist, tut sich Wissenschaft oft schwer, Gehör zu finden. In Krisen dagegen sucht die Politik gezielt nach wissenschaftlicher Orientierung – aber genau dann kann die Wissenschaft keine eindeutigen Antworten liefern.

Wie mit radikaler Unsicherheit umehen? Das untersucht das Verbundprojekt “StraKoSim”. Bild: Freepik

Es gibt auch noch andere Krisen, wo mehr gesicherte Evidenz vorhanden ist, zum Beispiel in der Klimaforschung. Gibt es da ähnliche Probleme?

Hemesath: Das ist die Kernfrage unseres politikwissenschaftlichen Teilprojekts: Wie verändert sich die Nutzung von Wissenschaft in unterschiedlichen Kontexten? Also je nachdem, wie unsicher ein Phänomen ist und wie viel Wissen tatsächlich vorhanden ist. Am Anfang einer Krise steht oft der große Konflikt: Was ist überhaupt das Problem, welche Daten brauchen wir, um eine Aussage zu treffen? Später geht es eher um interpretative Konflikte: Wie deuten wir die Daten, welche Rückschlüsse ziehen wir daraus und wie passt das zu anderen Problemen?

Unsere ersten Erkenntnisse zeigen: Im Gegensatz zu radikal unsicheren Situationen zu Beginn wird Wissenschaft später stark mit bestimmten Narrativen verknüpft. Interpretative Konflikte treten dann stärker in den Vordergrund. Es gibt zwar oft einen Konsens, aber weiterhin unterschiedliche Perspektiven, Wissenslücken und Modelle mit großen Unsicherheiten.

Wie unterscheidet sich die Kommunikation von Wissenschaftler*innen und Politiker*innen in Krisensituationen?

Barkela: Wir haben Aussagen von Politiker*innen mit den Aussagen von Wissenschaftler*innen über die Zukunft verglichen. Im Vergleich zeigen wir, dass Politiker*innen wissenschaftliche Befunde tendenziell sicherer darstellen als Wissenschaftler*innen. Das dient möglicherweise dazu, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und Wissenschaft als Mittel zu nutzen, um Sicherheit in die Debatte zu bringen. Es ist aber nicht so, dass Politiker*innen immer die Lage sicher darstellen und Wissenschaftler*innen vorsichtiger sind. Die Tendenz gibt es, aber sie ist kontextabhängig.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Barkela: Bei der Debatte um das Gebäudeenergiegesetz 2023 haben wir beobachtet, dass Politiker*innen wissenschaftliche Evidenz auffällig häufig als unsicher dargestellt haben. Offenbar wurde Unsicherheit gezielt betont, um Zweifel an der wissenschaftlichen Belastbarkeit der Vorlage zu erzeugen. Das zeigt: Unsicherheit wird strategisch eingesetzt, um die Glaubwürdigkeit von Befunden zu erhöhen oder zu verringern. Politiker*innen, die als Wissenschaftskommunikator*innen auftreten, verzerren Unsicherheiten entweder bewusst im eigenen Interesse oder sie unterschätzen schlicht die Bedeutung von Unsicherheiten. Gleichzeitig spielt auch das Verständnis von Wissenschaft eine Rolle: Wer Unsicherheiten in der Wissenschaft gering einschätzt oder glaubt, Evidenz sei immer belastbar, neigt eher dazu, Unsicherheiten einseitig darzustellen.

Wir haben auch wissenschaftsskeptische Gruppen wie Querdenker*innen auf Telegram untersucht. Man könnte meinen, sie seien in ihrer eigenen Welt, doch diese Netzwerke sind ziemlich offen. Sie zitieren Evidenz aus dem Mainstream, etwa vom Robert Koch-Institut, nutzen diese aber selektiv. Entweder, um ihre Position zu stützen, oder, um Unsicherheiten zu verstärken. So werden beispielsweise große Bandbreiten in Corona-Prognosen genutzt, um Zweifel zu säen, während Berichte über Impfnebenwirkungen gezeigt werden, um die Gefährlichkeit von Impfungen zu behaupten.

Wie kann man mit diesem Ergebnis umgehen? Man möchte ja eigentlich nicht, dass die Forschungsergebnisse politisch instrumentalisiert werden.

Hemesath: Man kann nicht komplett verhindern, dass Wissenschaft selektiv genutzt wird. Das ist ein bekannter Mechanismus bei der politischen Verwendung von Evidenz. Entscheidend ist, sich dessen bewusst zu sein.

Barkela: Man muss damit rechnen, dass Wissenschaftskommunikation öffentliche Prozesse in Gang setzt, in denen wissenschaftliche und politische Fragen sich vermischen. Damit müssen Forschende rechnen und das akzeptieren. Insbesondere aber, wenn die Ursache für Verzerrungen ein vereinfachtes Verständnis von Wissenschaft ist, gibt es Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Professionelle Kommunikator*innen, etwa in Pressestellen von Universitäten aber auch von Interessengruppen, könnten in Fortbildungen lernen, wie sie mit Unsicherheiten umgehen, ohne dass daraus Verwirrung oder gezielte Verzerrung entsteht.

Was raten Sie Kommunikator*innen?

Barkela: Ich würde raten, selbstkritisch zu sein, wenn man wissenschaftliche Evidenz als Argument im öffentlichen Diskurs nutzt. Dabei sollte man sich fragen: Blende ich Unsicherheiten aus? Passen die Befunde zu gut in meine Agenda? Achte ich besonders auf methodische Unsicherheiten, weil die Ergebnisse meinem Weltbild widersprechen?