Foto: Waldemar Brandt, CC0

„Regionalität soll uns nicht einengen“ – wie Wissenschaft in die Lokalzeitung passt

Die Tageszeitungen der Verlagsgruppe Rhein-Main haben vor zwei Jahren ein Wissenschaftsressort eingeführt. Ein Gespräch mit Redakteur Constantin Lummitsch über lokale Expertinnen und Experten, die Zusammenarbeit mit den Hochschulen vor Ort und böse Leserbriefe.

Herr Lummitsch, die Verlagsgruppe VRM hat 2017 eine neue Wochenendausgabe eingeführt. Seitdem gibt es den Teil „Leben und Wissen“ – und damit erstmals Seiten, die speziell für Wissenschaft reserviert sind. Wie kam es zu diesem Schritt, wo doch wissenschaftsjournalistische Redaktionen allerorts eingespart werden?

Der Verlag stand vor der Frage: Wie soll man auf die Umbrüche im Zeitungsmarkt reagieren? Der Absatz vieler Lokalzeitungen in Deutschland schwächelt, einige gehen ganz ein. Die Lesegewohnheiten haben sich verändert: Vielen Berufstätigen fehlt morgens die Muße, um Zeitung zu lesen. So kam die Idee auf, speziell für das Wochenende eine besonders opulente Ausgabe zu machen. Die Beteiligten waren sich schnell darüber einig, dass dazu auch eigene Wissenschaftsseiten gehören.

Porträt Constantin Lummitsch
Constantin Lummitsch ist Redakteur des Ressorts „Leben und Wissen“, das in den Wochenendausgaben aller Lokalzeitungen der VRM (ehemals Verlagsgruppe Rhein-Main) erscheint. Zu den Tageszeitungen mit einer Auflage von insgesamt 250.000 Exemplaren zählen unter anderem die Allgemeine Zeitung (Mainz), der Wiesbadener Kurier und das Darmstädter Echo. Lummitsch volontierte zuvor ebenfalls bei der VRM und wurde mit dem Journalistenpreis des Presseclubs Darmstadt sowie dem Förderpreis für junge Journalisten des Verbands der Zeitungsverleger in Rheinland-Pfalz und Saarland ausgezeichnet. Er lebt in Darmstadt.

Wie ist das Ressort in die Wochenendausgabe eingebunden?

Der neue Wochenendteil ist für alle VRM-Zeitungen gleich und beginnt immer mit einer ganzseitigen, erzählenden Geschichte, die einen regionalen Bezug hat. Dann schließen sich weitere Seiten „Leben“ an. Das folgende Ressort „Wissen“ hat ebenfalls immer auf der Aufschlagseite eine ganzseitige Geschichte, die besonderen Ansprüchen genügen muss – an die Optik des Artikels, die Relevanz des Themas und den Lesegenuss.

Wissenschaft ist ein weltweites Unterfangen. Wie passt das zur Berichterstattung in der Lokalzeitung? Unterscheiden sich Ihre Themen von denen in überregionalen Medien?

Der Regionalbezug ist uns auch bei wissenschaftlichen Themen sehr wichtig. Das Schöne ist aber, dass unser Verbreitungsraum sehr groß ist: Über das Rhein-Main-Gebiet hinaus reicht er bis Gießen, in den Odenwald und nach Rheinhessen hinein. In dieser Region gibt es eine Fülle von Universitäten, Forschungszentren und anderen wissenschaftlichen Institutionen, etwa die ESA. Dort arbeiten überall angesehene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Themen, die auch überregional von Bedeutung sind. Deshalb ist es für uns kein Problem, über Wissenschaftsthemen von allgemeiner Relevanz zu schreiben und dabei lokale Expertinnen und Experten zu befragen. Das wäre für Tageszeitungen in ländlichen Regionen natürlich deutlich schwieriger.

Bringen Sie auch Themen, für die sich keine lokalen Forschenden finden lassen?

Klar – Regionalität soll uns nicht einengen. Es gibt ja meist noch andere Möglichkeiten, einen regionalen Bezug herzustellen. Zum Beispiel, indem man lokale Betroffene einer Krankheit porträtiert, oder Personen, die eine bestimmte Reha-Maßnahme ausprobieren. Das sind ja auch Menschen vor der Haustür.

Definieren Sie Expertinnen und Experten auch teilweise anders – und interviewen dann eher den niedergelassen Facharzt aus der Region statt der international angesehenen Professorin aus Hamburg?

Das mache ich vom Thema abhängig. Natürlich können sich auch praktisch arbeitende Medizinerinnen und Mediziner zu vielen Gesundheitsfragen kompetent äußern. Außerdem können sie etwas über die Situation vor Ort erzählen. Aktuell hatten wir das zum Beispiel bei der Krätze, die wieder auf dem Vormarsch ist: Da möchten unsere Leserinnen und Leser auch wissen, welche Erfahrungen es damit konkret hier in der Region gibt. Aber wenn ich ein Spezialthema habe – etwa die neueste Forschung zu bestimmten Herzkrankheiten –, dann geht es darum, wer die größte Fachkenntnis hat oder die einschlägigen Publikationen. Im Zweifel führt das dazu, dass ich eben den Vorsitzenden der deutschen Herzstiftung interviewe und nicht die Oberärztin der kardiologischen Klinik vor Ort.

Hat sich in den letzten zwei Jahren eine besondere Form der Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Institutionen in der Region entwickelt?

Tatsächlich sind unser Verbreitungsgebiet und unsere Themenvielfalt so groß, dass wir bislang noch nie dieselbe Person zweimal interviewt haben. Es würde mich dennoch freuen, wenn es einen direkteren Draht zu den Hochschulen gäbe – das ist aber bislang nicht der Fall. Pressestellen von Forschungseinrichtungen schießen ihre Informationen eher in die Breite, als damit auf lokale Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten zuzugehen.

Es gibt also kein Interesse der Hochschulen und Forschungseinrichtungen daran, dass ihre Forschung auch speziell an ihrem Standort wahrgenommen wird?

Zumindest hatte ich diesen Eindruck bislang selten. Das kann aber auch daran liegen, dass unsere Redaktion noch recht jung ist und deshalb vielleicht nicht so vielen Instituten bekannt. Zu den Lokalredaktionen haben die Hochschulen einen engen und guten Kontakt. Vielleicht muss sich erst noch herumsprechen, dass es uns als Zwischenebene – eine Wissensredaktion im regionalen Mantelteil – überhaupt gibt. Deshalb gehen wir bewusst auf Forschungseinrichtungen zu. Ansonsten habe ich mich bei den üblichen Verteilern für Pressemitteilungen angemeldet, aber da kommt nur selten was bei raus.

„Für uns ist es kein Problem, über Wissenschaftsthemen von allgemeiner Relevanz zu schreiben und dabei lokale Expertinnen und Experten zu befragen.“Constantin Lummitsch

Was stimmt nicht mit den Pressemeldungen?

Manche Mitteilungen sind zu fachlich und verlieren sich in Wissenschaftsjargon. Andere sind im Gegenteil zu reißerisch und die Studie hält dann nicht, was die Überschrift verspricht. Oder es wird eine Untersuchung präsentiert, aber nicht der größere Rahmen, in dem sie stattfand. So als würde die Erkenntnis für sich allein stehen – das ist jedoch in der Wissenschaft nur sehr selten der Fall. Das ist aber ein allgemeines Problem und gilt nicht speziell für den Wissenschaftsjournalismus in Lokalzeitungen.

Welches Feedback erhalten Sie für Ihre Arbeit?

Wir bekommen viele positive Leserbriefe zu der umgestellten Wochenendausgabe. Das Interesse schwankt natürlich mit dem Thema. Als ich neulich einmal in meiner Kolumne eine Studie über die Fahrtüchtigkeit von Senioren aufgegriffen habe, gab es Massen von Zuschriften, darunter viele erboste Briefe und Beschimpfungen. Manche stimmten jedoch auch der Ansicht zu, dass Gesundheitstests ab einem bestimmten Alter nötig wären. Das ist ein gutes Beispiel für eine alltagsnahe und polarisierende Debatte, die in einer Lokalzeitung gut aufgehoben ist – und in der jede Menge Wissenschaft drinsteckt.