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Politikberatung in der Praxis – Perspektiven aus der Wissenschaft (1)

Welche Ansätze nutzt die Wissenschaft, um mit der Politik ins Gespräch zu kommen? Wir haben Forschungsverbünde, Hochschulen und Institutionen zu ihrem Vorgehen dazu befragt.

In dieser Statement-Reihe berichten Vertreterinnen und Vertreter von Forschungseinrichtungen und Hochschulen, welche Strategien sie verfolgen, um Wissenschaft in die Politik zu bringen. Sie benennen ihren Auftrag, die Formate, die sie für den Austausch nutzen und auch Chancen und Grenzen der Kommunikation. 


Knut Koschatzky ist Professor an der Leibniz-Universität Hannover und war am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) zuletzt Leiter des Competence Centers „Politik-Wirtschaft-Innovation“.

Knut Koschatzky
Foto: Fraunhofer ISI

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) Karlsruhe versteht sich seit seiner Gründung im Jahr 1972 als unabhängiger Vordenker für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Die Arbeit für und die Zusammenarbeit mit Ministerien, Regierungen, Behörden, Abgeordneten und Politikern ist von Anbeginn integraler Bestandteil der Arbeiten des Fraunhofer ISI.

Im Jahr 2011 hat sich das ISI Kriterien guter Praxis der Politikberatung gegeben, auf deren Grundlage wissenschaftlich fundierte Politikberatung mittels qualitativer und quantitativer Methoden angeboten wird.

„Der enge Austausch mit der Politik bei gleichzeitiger Unabhängigkeit und hoher Glaubwürdigkeit der Analysen hat sich für uns bewährt.“Knut Koschatzky

Politikberatung wird dabei als Information, Austausch und Reflexion mit der Politik, aber auch als Beratung von Auftraggebern aus der Wirtschaft in technologie-, forschungs- und innovationspolitischen Fragestellungen verstanden.

Wesentliche Formate für einen Austausches sind Studien, Evaluationen und Begleitforschungen zu Förderprogrammen, aber auch diskursive Formate wie Workshops, Foresight-Aktivitäten, Szenario-Prozesse und Roadmappings. 

Wenn uns neue Themen und Entwicklungen auffallen, dann gehen wir entweder auf bestimmte Personen zu, beispielsweise auf solche, die in unserem Kuratorium sitzen, aber in der Regel auch weitere. Wir suchen das Gespräch, oder wir verfassen sogenannte Policy Briefs oder Policy Paper, wie jüngst zu den Themen Technologiesouveränität oder Resilienz. Diese streuen wir gezielt, wodurch weitere Kontakte und Gespräche zustande komme.

Unsere Workshops sind meist themenspezifisch und finden in Berlin oder auch Brüssel statt. Dazu gehören auch Frühstücksgespräche mit Abgeordneten und weiteren Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschafts- und Wissenschaftsorganisationen. Der enge Austausch mit der Politik bei gleichzeitiger Unabhängigkeit und hoher Glaubwürdigkeit der Analysen hat sich für uns bewährt. Das ISI ist in seiner großen thematischen Breite ein geschätzter Diskussionspartner in nationalen und internationalen Kommissionen, Gremien und Foren.

Die Grenzen der Politikberatung zeigen sich dort, wo Beratung zwar gewünscht ist, politische Entscheidungen in Ministerien oder auch im Parlament aber auf einer anderen Grundlage bzw. mit anderen Argumenten getroffen werden. Dennoch lässt sich aber in der Energie-, der Verkehrs- und Nachhaltigkeitspolitik, ebenso wie in der Innovations- und Forschungspolitik immer wieder ein Einfluss des Wirkens des Fraunhofer ISI erkennen. Dies ist ein Hauptgrund für die Wissenschaftler*innen des Instituts, sich auch künftig mit hoher Motivation in der Politikberatung zu engagieren.


Anne Rother ist Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation im Forschungszentrum Jülich.

Foto: Forschungszentrum Jülich

In der Strategie des Forschungszentrums Jülich ist der Gedanke einer vom Nutzen inspirierten Grundlagenforschung zentral. Wir forschen auf Gebieten, auf denen sich tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche vollziehen, ob es um die Energiewende geht, den Klimawandel, die digitale Transformation oder den Weg in eine ressourcenschonende nachhaltige Bioökonomie. Wir wollen Optionen für die gesellschaftliche Entwicklung schaffen, aber auch die gesellschaftliche Meinungsbildung und Entscheidungsfindung unterstützen. Kurz: Es ist Teil unseres Auftrags, dazu beizutragen, dass politische Entscheidungen auf der Basis bestmöglichen Wissens getroffen werden können.

„Wir wollen Optionen für die gesellschaftliche Entwicklung schaffen, aber auch die gesellschaftliche Meinungsbildung und Entscheidungsfindung unterstützen.“Anne Rother

Dieser transferorientierte Ansatz hat für uns in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Zugleich ist auch das Interesse politischer Mandatsträger an unserer Arbeit kontinuierlich gestiegen. In weiten Teilen der Politik und der politisch interessierten Öffentlichkeit gibt es – trotz aller Diskussionen um Fake News – ein hohes Interesse an wissenschaftlich fundiertem Entscheidungswissen. Vielmehr noch: Es gibt eine fast Schwindel erregend hohe Erwartungshaltung gegenüber der Wissenschaft, dazu beizutragen, die  Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.   

„Der Austausch von Wissenschaft und Politik lebt von einem individuellen, kontinuierlichen Dialog auf Augenhöhe.“Anne Rother

Der Austausch von Wissenschaft und Politik lebt von einem individuellen, kontinuierlichen Dialog auf Augenhöhe. Wie immer hilft auch hier ein klares Rollenverständnis. Wir machen die Erfahrung, dass kleine Formate wie parlamentarische Frühstücke oder Mittagspausen mehr Raum für den Dialog zu konkreten Fragestellungen geben als die großen, meist repräsentativen, Abendempfänge. Auch die Vermittlung von Experten und die Organisation von Mandatsträgerbesuchen sind nach unserer Erfahrung gute Gelegenheiten für wissensbasierte Politikberatung. Wir merken allerdings, dass wir noch viel lernen können: darüber, wie Themen aufbereitet sein müssen, damit sie in politische Meinungsbildung hineinfinden können, und auch darüber, wie politische Entscheidungsprozesse getaktet sind, welche Zwänge und Abläufe sie bestimmen. 


Oliver Scheele ist Referent für politische Kommunikation und Wissenschaftspolitik in der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft in Berlin.

Foto: Helmholtz-Gemeinschaft/David Ausserhofer

Eine gute Kommunikation orientiert sich immer an den Bedürfnissen der Empfängerinnen und Empfänger, in diesem Fall der politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger. Diese wollen in der Lage sein, informierte und differenzierte Entscheidungen zu teils hochkomplexen Themen zu treffen. Unsere Aufgabe ist es deshalb, wissenschaftliche Erkenntnisse als Unterstützung für diese Entscheidungsfindung aufzubereiten. Dabei geht es nicht so sehr um eine sprachliche Aufbereitung, hier sind sowohl Wissenschaft als auch Politik Komplexität gewöhnt. Vielmehr sollten wir wissenschaftliche Erkenntnisse in die richtigen, für politische Entscheidungsträger möglichst gut zu verarbeitenden Formate bringen. 

„Wir sollten wissenschaftliche Erkenntnisse in die richtigen, für politische Entscheidungsträger möglichst gut zu verarbeitenden Formate bringen.Oliver Scheele

Die möglichen Formate sind vielfältig – sie reichen von kurz zu erfassenden Papieren über direkte Gespräche zwischen politischen Entscheidungsträgerinnen und Entschiedungsträgern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bis hin zu größeren Veranstaltungen. Kleine Details wie der Aufbau eines Papiers oder die gewählte Uhrzeit einer Veranstaltung können über den Erfolg von Kommunikationsmaßnahmen entscheiden. Wichtig ist, dass bei der Entwicklung und Auswahl von Kommunikationskanälen und -maßnahmen Menschen mit am Tisch sitzen, die die Arbeitsweise im Politikbetrieb aus eigener Erfahrung kennen. 

Wissenschaftsorganisationen haben sich in diesem Bereich deutlich professionalisiert: Sie haben in den vergangenen Jahren Stellen im Bereich der politischen Kommunikation geschaffen und so ihre Kompetenz und den organisationsinternen Erfahrungsschatz ausgebaut. Beratungs- und Serviceeinheiten sind ein wichtiger Hinzugewinn. Mit ihnen können wir den Anspruch an die Wissenschaft besser erfüllen, Politik und Gesellschaft zu beraten. 

Eine gute politische Kommunikation ist immer Teamwork.Oliver Scheele

Eine gute politische Kommunikation ist immer Teamwork: Sie funktioniert gerade dann, wenn Experteninnen und Experten für politische Kommunikation nicht einfach nur wissenschaftliche Erkenntnisse weiterverarbeiten. Vielmehr müssen sie immer wieder mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im direkten Austausch bleiben. Denn sie sind diejenigen, die die Erkenntnisse generieren. Sie unterliegen der wissenschaftlichen Qualitätssicherung. Sie stehen am Ende auch mit ihrer Reputation für das Produkt. Deshalb sollten die passenden Formate für die Vermittlung dieser Erkenntnisse immer gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelt werden. Denn nur wenn sie direkt beteiligt sind, bleibt das Ergebnis authentisch.


Weitere Teile der Reihe

Politikberatung in der Praxis – Perspektiven aus der Wissenschaft (2)

Politikberatung in der Praxis – Perspektiven aus der Politik