Foto: Philipp Ziebart/Haus der Wissenschaft Braunschweig

Mensch oder Maschine – wer hat’s gedichtet?

Bei „Bot or Not“ muss das Publikum entscheiden, ob die vorgetragene Lyrik von Mensch oder Maschine stammt. Wie sicher gelingt dies dem Publikum und wie läuft das Format? Darüber haben wir mit Thorsten Witt, Leiter des Hauses der Wissenschaft Braunschweig, gesprochen.

Herr Witt, was passiert genau beim KI-Poetry-Slam „Bot or Not – künstliche Intelligenz gegen echte Kreativität“?

Wir lassen bei den Veranstaltungen drei Poetry-Slammerinnen und -slammer mit jeweils zwei Texten antreten: Einer verfasst von einer künstlichen Intelligenz, ein weiterer von den Slammerinnen und Slammern selbst. Nach jedem Gedicht stimmt das Publikum mit Karten ab: „Bot or Not“ – welches Gedicht stammt von KI, welches von den Slammerinnen und Slammern? Zur Einführung gibt es zu Beginn der Veranstaltungen einen relativ ausführlichen Science-Slam-Beitrag, in dem KI grundsätzlich erklärt und erläutert wird. Damit wollen wir das Publikum auf einen gewissen Kenntnisstand zum Thema KI bringen. Abschließend gibt es eine Gesprächsrunde, bei der das Publikum Fragen an die Poetry- und Science-Slammerinnen und -Slammer stellen kann.

Hat das Publikum denn bei den bisherigen Veranstaltungen erraten, ob die Gedichte von der KI oder vom Menschen stammten?

Thorsten Witt ist seit 2018 Geschäftsführer des Haus der Wissenschaft Braunschweig. Zuvor war er unter anderem als Projektleiter bei Wissenschaft im Dialog tätig, auch für das Portal Wissenschaftskommunikation.de. Foto: Thorsten Witt / Haus der Wissenschaft Braunschweig

Das war tatsächlich etwas unterschiedlich, je nachdem, wie die Veranstaltung strukturiert war und anmoderiert wurde. Wir haben bisher zwei Veranstaltungen in Braunschweig durchgeführt. Bei der ersten Veranstaltung haben die Slammerinnen und Slammer beide Gedichte, also ihr eigenes und das von der KI, direkt nacheinander vorgetragen. Bei der anschließenden Abstimmung lag das Publikum bei dieser Veranstaltung größtenteils richtig.

Die zweite Veranstaltung haben wir offener gestaltet, unter anderem, indem nicht mehr angekündigt wurde, dass die Slammerinnen und Slammer ein selbstverfasstes und ein KI-Gedicht vortragen. Noch dazu sind die Slammerinnen und Slammer bei der zweiten Veranstaltung abwechselnd aufgetreten, haben also nicht mehr zwei Texte hintereinander gelesen. In dieser Variante ist es dem Publikum wesentlich schwerer gefallen, die Autorschaft zu erraten. Hier gab es zwei Unentschieden, einmal lag das Publikum sogar zu 90 Prozent falsch.

Wie waren die Reaktionen auf dieses unsichere Abstimmungsergebnis?

Es gab einen großen Diskussionsbedarf. Wir haben gemerkt, dass diese Art der Auseinandersetzung mit dem Thema KI sehr viele Fragen aufwirft. Zum einen gab es Klärungsbedarf zur KI selbst, wie sie genau funktioniert, wie die Texte entstanden, zum anderen aber auch, wie die Technologie sich in den nächsten Jahren wohl weiterentwickeln wird. Darüber hinaus ging es um ethische Fragestellungen: Es wurde rege diskutiert, was die gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen von KI sein könnten.

Wie war die Erfahrung für die Slammerinnen und Slammer?

Eine Slammerin trägt ein Gedicht vor. Wurde es von ihr oder von der KI verfasst? Foto: Philipp Ziebart/Haus der Wissenschaft Braunschweig

In erster Linie fanden sie es sehr spannend. Wir haben mit erfahrenen Slammerinnen und Slammern zusammengearbeitet, die auch die Texte der KI sehr authentisch vortragen konnten. Das war uns wichtig, damit man nicht schon an der Performance merkt, welche Texte nicht von ihnen selbst stammen. Vor allem bei der zweiten Veranstaltung waren sie sehr überrascht darüber, dass es dem Publikum unter den angepassten Bedingungen nicht mehr so leicht fiel, ihre Arbeit von der einer KI zu unterscheiden. Man muss aber auch sagen, dass wir den Slammerinnen und Slammern, anders als beim Poetry Slam üblich, recht enge Vorgaben gemacht haben. So sollten sie für „Bot or Not“ explizit Lyrik und keine anderen Textformen wie beispielsweise Kurzgeschichten verfassen und vortragen.

Warum gibt es bei „Bot or Not“ nur Lyrik?

Voller Saal bei „Bot or Not“ im Haus der Wissenschaft Braunschweig. Foto: Philipp Ziebart/Haus der Wissenschaft Braunschweig

Ganz einfach: Weil die lyrische Textform der KI insbesondere beim Satzbau einfach mehr Freiraum verschafft. Wenn man die Wahl der Textform komplett freigegeben hätte, wäre das Votum sicher eindeutiger ausgefallen. Wir wollten es für das Publikum aber möglichst kniffelig gestalten, weshalb sich die Slammerinnen und Slammer also im Prinzip den Fähigkeiten der KI anpassen mussten, nicht nur hinsichtlich der Form, sondern auch der Länge.

Die Reihe findet im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2019 zum Thema Künstliche Intelligenz statt. Warum haben Sie sich in diesem Rahmen für die Kombination von Poesie und KI entschieden?

Das Haus der Wissenschaft Braunschweig hat eine lange Tradition, was Science-Slams angeht. Für das Wissenschaftsjahr 2019 wollten wir einen etwas künstlerischen Zugang zum Thema KI wählen und sind bei unseren Überlegungen schnell auf die Verbindung zu Poetry-Slams gekommen. Das Konzept zu „Bot or Not“ ist dann in Zusammenarbeit mit dem freien Wissenschaftskommunikator Philipp Schrögel entstanden. Wir wollten mit dem Format und dem eher künstlerischen Zugang auch Zielgruppen ansprechen, die wir mit unseren Veranstaltungen sonst weniger erreichen.

Hat es funktioniert, neue Zielgruppen anzusprechen?

Ja, bei den ersten beiden Veranstaltungen auf jeden Fall, das haben wir durch Befragungen nach den Veranstaltungen festgestellt. Normalerweise haben wir hier ein eher naturwissenschaftlich interessiertes Publikum, oft aus dem Studierendenumfeld. Diesmal waren aber viel mehr geisteswissenschaftlich interessierte Menschen bei den Veranstaltungen. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir für „Bot or Not“ mit jeweils lokalen Partnern und Organisatorinnen und Organisatoren aus dem Poetry-Slam-Bereich zusammenarbeiten, die die Veranstaltungen zusätzlich über ihre eigenen Kanäle in ihre Netzwerke bewerben.

Das Publikum war sich nicht immer einig. Foto: Philipp Ziebart/Haus der Wissenschaft Braunschweig

Wie ist das Format beim Publikum angekommen?

Beide Veranstaltungen waren bis auf den letzten Platz ausgebucht und das Feedback zu den Veranstaltungen war sehr gut. Spannend war zu sehen, dass das Publikum sehr fokussiert bei der Sache war. Es ist nicht immer so einfach, einem Gedichtvortrag zu folgen, gerade, wenn man danach noch entscheiden soll, ob das Gedicht von einer KI oder einem Menschen verfasst wurde. Bei der zweiten, leicht angepassten Veranstaltung gab es dazu vor den Abstimmungen längere Diskussionen innerhalb des Publikums. Das hat sich auch in der Abschlussdiskussion fortgesetzt, in der ebenfalls viele Rückfragen verschiedenster Art an die KI-Expertinnen und -Experten sowie die Slammerinnen und Slammer gestellt wurden.

Die nächste Veranstaltung aus der Reihe „Bot or Not“ findet am 12. September in Hamburg statt. Mehr Informationen dazu sowie zum Projekt: http://bot-or-not.de