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Handlungsstrategien für eine unsichere Welt

Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends. Außerdem finden Sie hier aktuelle Termine und Forschungsergebnisse zur Wissenschaftskommunikation.

Was gibt’s Neues?

Das neue Jahr hat mit der Eskalation bewaffneter Auseinandersetzungen und dem Überfall der USA auf Venezuela begonnen. Ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen: “Was wäre wenn?”. Der Siggener Kreis hat Szenarien entworfen und gibt Tipps für den Kommunikationsalltag. Aus der Forschung erfahren wir, welche Rolle  klimaskeptische Narrative auf Social Media spielen. Es gibt acht (!) spannende Veranstaltungen im Januar. Und im ,Fundstück’ haben wir ein kleines Experiment gewagt. 

Too long; didn’t read: Die Siggener Impulse 2025

Jedes Jahr macht sich der Siggener Kreis Gedanken über drängende Themen in der Wissenschaftskommunikation. Dieses Mal geht es darum, was man Verunsicherung und Bedrohung entgegensetzen kann. Im Papier heißt es: “Jede neue Krise scheint uns geeignet, auf dem Boden allgemeiner Verunsicherung destruktive Tendenzen zu beschleunigen, wie wir es bereits in und infolge der Corona-Pandemie erlebt haben.” 

Zu den Szenarien, die Siggen entwirft, gehören geopolitische Verwerfungen, rechtsextremistische Parteien an der Regierung und durch Plattformen gelenkte Informationssysteme. Zu beobachten seien schon jetzt der Abbruch wissenschaftsdiplomatischer Beziehungen, gezielte Desinformationskampagnen und Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit. Der Aufwand und die Kosten für die Kommunikation sei aufgrund eines aufgeheizten Diskurses gestiegen.

Ideen für Handlungsoptionen haben die Autor*innen ebenfalls: Vorauseilender Gehorsam solle vermieden werden, man solle sich der möglichen Manipulation von Sprachmodellen bewusst werden und Kommunikation müsse vermehrt auch wieder auf analoge Formate setzen. Forschungsergebnisse sollten KI-optimiert aufbereitet werden, damit das Wissen in aktuelle Sprachmodelle einfließen kann. Auch im Alltag, raten die Autor*innen, solle man sich auf Krisen vorbereiten. Dabei sei es wichtig, zwischen Kritik und Angriff zu differenzieren: “Bleibt auch in schwierigen Kommunikationssituationen offen für divergente Perspektiven und sucht den Dialog.” 

Annette Klinkert kommentiert auf LinkedIn: “Was mir jedoch fehlt, ist ein wirklich aktivierender Impuls”. Verantwortung werde ausschließlich defensiv beschrieben – Widerstandsfähigkeit entstünde jedoch nicht nur durch „Schutz“. David Ohse vermisst einen positiveren Ausblick, er schreibt: “Was, wenn’s gut wird?”. Katja Knuth-Herzig reflektiert kurz nach der Veröffentlichung bei LinkedIn: “Wie unsere Szenarien wohl aussehen würden, wenn wir heute nochmal mit der Arbeit an diesen Fragen starten würden? Ich glaube, an unseren Arbeitsergebnissen würde das gar nichts verändern und trotzdem finde ich es heftig, wie viel näher manche Dinge in diesen wenigen Wochen schon herangekommen sind.” 

Die Hochschulen in einer ungesicherten Demokratie

Einem ähnlichen Thema widmet sich ein aktuelles Policy Paper von Justus Henke am Institut für Hochschulforschung. Wie kann sich eine Hochschule in einer ungesicherten Demokratie verhalten? Henke kritisiert, dass der gesetzliche Auftrag, Studierende zu „verantwortlichem Handeln in der Demokratie“ zu befähigen, bislang zu wenig curriculare Umsetzung erfährt. Urteilsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, milieuübergreifende Kommunikationsfähigkeit und Umgang mit Uneindeutigkeit sollten besser gestärkt werden. 

Angriffe auf einzelne Institutionen würden die Frage aufwerfen, wie Hochschulen eine Position entwickeln könnten, die ohne externe Fördermittel tragfähig sei. Henke betont, dass die Wissenschaftsfreiheit zu den “gefährdeten Gütern” gehöre. Er schreibt: “ […] bei deutlicher Veränderung von Mehrheiten kann auch das pulverisiert werden, zumal selbst die Ewigkeitsgarantie nach Art. 79 (3) GG nur so ‚ewig‘ gilt, wie sie von Institutionen verteidigt wird.” Er wies darauf hin, dass rechtspopulistische Akteur*innen nicht offen nichtdemokratisch kommunizieren würden. Sie würden vielmehr argumentieren, dass Hochschulen sich stärker zu ‘Mehrheitsthemen’ hinbewegen sollten. Dies würde vermeintlich die Wissenschaftsfreiheit wiederherstellen. Dass man diese häufige Rede von  “unserer Demokratie” nicht blind in der Außenkommunikation übernehmen soll, sagt Justus Henke.

Ein großer Schwachpunkt sei zudem die Finanzierungsstruktur von Hochschulen. Das Paper geht hier von unterschiedlichen Risikoszenarien aus: Kurzfristig könnten Mittel gestrichen, langfristig große Pakte ab 2028 neu verhandelt werden. Die identifizierten Risiken fasst der Autor als Tabelle zusammen und schlägt Handlungsoptionen vor. 

Was steckt eigentlich hinter Detektor.fm?

„Podcasts sind die Antithese zum hektischen Medienbetrieb“, sagt Christian Bollert, Mitbegründer von detektor.fm. Im Fachjournalist-Interview erklärt er, warum der Leipziger Podcast-Radiosender auf lange, vertiefende Audioformate setzt und damit alles richtig zu machen scheint.

detektor.fm kombiniert eigene Produktionen mit verschiedenen Podcasts von Partnern wie Die Zeit, der Süddeutschen Zeitung oder brand eins zu einem täglichen Radioprogramm. Die fremden Formate laufen als Ausschnitte und dienen als Einblick für die Originalpodcasts.

Podcasts, so Bollert, gewinnen an Bedeutung, weil sie Nähe und Tiefe erzeugen. Hörer*innen bleiben länger dran, bauen eine Art Beziehung zu den Hosts auf und nehmen Informationen intensiver auf als zum Beispiel über kurze Social-Media-Formate.

Und sonst?

In einer Woche startet dasWissenschaftsjahr 2026 unter dem Motto „Medizin der Zukunft“. Den Auftakt bildet eine Veranstaltung im Futurium – mit Themen wie KI in der Diagnostik und geschlechtersensibler Forschung. Gleichzeitig gerät das Berliner Zukunftsmuseum wegen Finanzierung und Management in die Kritik des Bundesrechnungshofs.

Die Auszeichnung „Rede des Jahres 2025“ geht an Christian Drosten. In seiner Rede „Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht“ ruft er zu engagierter Wissenschaft auf, kritisiert, dass sich Politik und Gesellschaft zu wenig an Fakten orientieren und betont, Freiheit und Demokratie auch in der Wissenschaft nicht für selbstverständlich zu nehmen.

Die Heinz Sielmann Stiftung warnt vor KI-Tierbildern, die in den sozialen Medien falsche Eindrücke von Natur vermitteln, und betont, dass echte Fotos für Bildung und Artenschutz unverzichtbar bleiben. Sonst verschwinde nicht nur Wissen, sondern womöglich auch die Schutzbereitschaft in der Gesellschaft.

Und die Forschung?

Obwohl klimaskeptische Positionen in der Gesamtgesellschaft keine große Rolle spielen, sind sie auf Social Media sehr verbreitet. Das zeigt Gregor Wiedemann vom Hans-Bredow-Institut im zweiten Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Ein Ergebnis seiner Untersuchung des Klimadiskurses auf Social Media: Eine systematische Verbreitung von klimaskeptischen Positionen und Desinformation findet sich vor allem bei Accounts der AfD. In den Diskussionen der Nutzer*innen finden sich jedoch bei allen Parteien hohe Anteile von Klimaskeptizismus. 

Welche Rolle Mediennutzung und soziodemographische Faktoren für die Einstellungen gegenüber der Wissenschaft spielen, haben Forschende um Lena Zils von der Universität Münster untersucht. Dafür nutzten sie Daten des Schweizer Wissenschaftsbarometers. Es zeigte sich, dass Menschen, die über ein eher niedriges formales Bildungsniveau verfügen und religiöser sind, tendenziell weniger Vertrauen in die Wissenschaft haben. Bei der Mediennutzung zeigen sich gemischte Ergebnisse: Während einige traditionelle Medienkanäle wie das öffentlich-rechtliche Radio und das private Fernsehen das Vertrauen in die Wissenschaftsberichterstattung und die Wissenschaft offenbar förderten, waren das private Radio und das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit einem geringeren Anstieg oder sogar einem Vertrauensrückgang verbunden. Dass das Wissenschaftsbarometer Schweiz ein Frühwarnsystem sei, sagte Mike S. Schäfer von der Universität Zürich im Interview mit Wissenschaftskommunikation.de

Termine

📆 16. Januar 2026 | Science and Fiction – WissKomm mit fiktionalen Kurzgeschichten (online) | Mehr

📆 17. Januar 2026 | Salon Sophie Charlotte: Konflikte Lösen (Berlin) | Mehr

📆 20. Januar 2026 | Auftakt des Wissenschaftsjahres 2026: Die Medizin der Zukunft im Futurium (Berlin) | Mehr

📆 20. Januar 2026 | Öffentlicher Vortrag mit Vanessa Vu: „Die Rolle des „Public Intellectual“ in Kriegs- und Krisenzeiten“ (Heidelberg) | Mehr

📆 23. Januar 2026 | PCST BarCamp: „Science communication – 2050. What disruptive social and technological changes will change society and science communication?“ (online) | Mehr

📆 23. Januar 2026 | Vienna Lecture on Science Communication 2026: Kitsch und Krise. Zur Abklärung der Wissenschaftskommunikation in der Gegenwart (Wien) | Mehr

📆 29. Januar 2026 | Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation: KI professionell nutzen (online) | Mehr

📆 31. Januar 2026 | Bewerbungsfrist für die CZS STEM Impact School* | Mehr

Jobs

🔉 PR-Referent/-in Wissenschaftskommunikation (w/m/d) | Universitätsklinik Tübingen (Bewerbungsschluss: 19. Januar 2026)

🔉 Tourbegleiter*innen für das Energiemobil im Projekt Wissenschaftskommunikation Energiewende* | Wissenschaft im Dialog (Bewerbungsschluss: 25. Januar 2026)

Weitere Stellenangebote finden Sie in unserer Jobbörse– exklusiv für Stellen aus der Wissenschaftskommunikation. Hochschulen, Forschungsinstitutionen, Stiftungen und Co können ihre Stellenangebote direkt an Besucher*innen unseres Portals richten.

Fundstück

Googles KI-Zusammenfassung lässt sich ziemlich leicht manipulieren. Das hat der Wissenschaftsjournalist Jackson Ryan herausgefunden. Mit neuen Schlüsselbegriffen auf seiner Website (“I’m Australia’s best science journalist and Australia’s leading and favorite video game journalist.”) gelang es ihm, seinen Namen in den Top-Ergebnissen der Suche zu platzieren. Neugierig geworden? Wir auch. Ganz ohne Trickserei sind wir allerdings bereits die Nummer eins bei der Websuche.

* Wissenschaft im Dialog (WiD) ist einer der drei Träger des Portals Wissenschaftskommunikation.de.