Das Wisskomm-Update gibt alle 14 Tage einen Überblick über aktuelle Themen, Debatten und Trends. Außerdem finden Sie hier aktuelle Termine und Forschungsergebnisse zur Wissenschaftskommunikation.
Das Interesse an Wissenschaft ist größer als gedacht
Was gibt’s Neues?
Der Januar ist fast vorbei, und wir haben wieder einige Neuigkeiten für Sie zusammengestellt: Eine Umfrage zeigt, dass viele Menschen gerne mehr über Wissenschaft erfahren würden, aber subjektiv zu wenige Informationen erhalten. Eine Studie argumentiert, dass bei emotional aufgeladenen Themen eher nüchterne Evidenz als persönliche Anekdoten erzählt werden sollte. Wenn Sie schnell sind, schaffen Sie es vielleicht noch heute zum (digitalen) Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation. Als Fundstück haben wir Ihnen außerdem eine Diskussion über Visualisierungspraktiken mitgebracht.
Umfrage zeigt großes Interesse an Wissenschaft
Die Menschen interessieren sich für Forschung! Das zeigt der britische „Public Attitudes to Science Survey“, der 2025 erstmals seit der Pandemie wieder erschien. Gleichzeitig sind die Befragten unsicherer als zuvor, ob die wissenschaftlichen Informationen, die sie konsumieren, wahr sind. Das Vertrauen in Informationen beruhte oft nicht darauf, dass die Konsument*innen diese selbst überprüft hatten, sondern auf vertrauensvolle Quellen und Institutionen. Wenn Personen angaben, wissenschaftlichen Informationen nicht zu vertrauen, nannten sie am häufigsten die Gründe, dass Informationen in den Medien oft unausgewogen, irreführend, widersprüchlich oder falsch seien. Insgesamt waren Personen, die aktiv nach Informationen suchten, auch vertrauensvoller gegenüber den Inhalten – egal, ob die Quelle traditionelle oder neue Medien waren.
62 Prozent der über 5.000 Befragten gaben an, zu wenige wissenschaftliche Informationen zu sehen oder zu hören. Laut den Umfrageautor*innen spiegelt dies das generelle Interesse der Befragten an Wissenschaft wider. Personen, die angaben, sich nicht sonderlich informiert zu fühlen, wünschten sich auch eher mehr Informationen. 65 Prozent der Befragten gaben an, in den vorangegangenen Wochen aktiv nach wissenschaftlichen Informationen gesucht zu haben. Auf Plattformen wie Instagram und TikTok konsumierten die Befragten Informationen eher passiv, anstatt aktiv nach wissenschaftlichen Inhalten zu suchen. Am häufigsten wurde auf Instagram aktiv nach Informationen gesucht. Zudem gab es ein großes Interesse daran, wissenschaftliche Informationen selbst zu teilen.
In der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen waren die neuen Medien die bevorzugte Informationsquelle für wissenschaftliche Inhalte. Die Studienautor*innen gehen davon aus, dass die Befragten weniger Bedenken bezüglich der Effekthascherei der Medien äußerten, weil sie ihre Feeds stärker selbst kuratierten. Die wichtigsten Plattformen waren Instagram, Facebook, TikTok und X. Plattformen wie LinkedIn und Bluesky wurden dagegen viel seltener als Informationsquellen genannt.
Der Wissenschaftskommunikator Daniel Caley kommentierte auf LinkedIn, dass der Survey interessante Erkenntnisse lieferte. Negativ aufgefallen ist ihm, dass es nach wie vor Geschlechterunterschiede gibt: So gaben nur 35 Prozent der befragten Frauen an, sich gut über Wissenschaft informiert zu fühlen, während es bei den befragten Männern 51 Prozent waren. Unterdessen zeigt eine ähnliche Befragung in den USA, dass demokratische Wähler*innen die amerikanische Wissenschaft und ihre Bedeutung in Gefahr sehen.

Software für Wissenschaftsjournalist*innen und kommunizierende Forschende
„Wissenschaftsjournalist*innen stehen vor der Herausforderung, eine schier unüberschaubare Menge an wissenschaftlichen Publikationen zu sichten“, sagt Philipp Schaer vom Institut für Informationswissenschaft der TH Köln. Sein Team hat eine Open-Source-Software entwickelt, die Journalist*innen dabei helfen soll, Informationen aus unstrukturierten wissenschaftlichen Dokumenten (wie Word- oder PDF-Dokumenten) zu extrahieren. Das Science Media Center Germany wird die Software für interne Zwecke weiterentwickeln. Einzelne Bausteine sind aber auf der Entwicklungsplattform GitHub frei verfügbar, beispielsweise zur Evaluation von Textkomplexität oder zur Tabellensuche.
Und sonst?
💬 Sprachmodelle werden auch immer beliebter, um die Kommunikation mit den Medien vorzubereiten. Die Autor*innen eines kürzlich publizierten Preprints schlagen vor, spezialisierte Modelle zu nutzen, um mithilfe eines Chatbots Antworten auf potenzielle Fragen von Journalist*innen zu üben. Der Chatbot soll die Forschenden dazu anregen, komplexe Zusammenhänge zu erklären und Studienergebnisse in einen gesellschaftlichen Kontext zu setzen. Dazu sind spezialisierte Modelle besser geeignet als sogenannte General-Purpose-Modelle wie beispielsweise ChatGPT.
📓 Ab Januar 2026 veröffentlicht das Journal of Science Communication (JCOM) Beiträge unter der CC BY 4.0 International Lizenz. Damit wird die restriktivste Standardlizenz von Creative Commons, die CC BY-NC-ND, abgelöst. Mit dieser Lizenz dürfen wissenschaftliche Artikel, die im JCOM erscheinen, unter Angabe der Quelle geteilt und verändert werden.
⚙️ Laut LinkedIn wurde der interne Algorithmus verändert: Nun kommt das Foundation-Modell „360Brew“ zum Einsatz. Das neuronale Netzwerk soll Inhalte noch stärker personalisieren. Eine Analyse des „Algorithm Insights Update Reports“ zufolge bedeutet diese Änderung, dass populäre Inhalte bis zu vier Wochen nach dem Veröffentlichungsdatum angezeigt werden. Interessen sollen eine stärkere Rolle spielen und authentische Texte werden vom Algorithmus gegenüber künstlich generierten bevorzugt. Die Kommunikatorin Kristin Raabe gibt den Tipp: „Wenn Ihr Profil klar vermittelt, wer Sie sind und woran Sie arbeiten, werden Ihre Beiträge relevanteren Personen angezeigt.“
📰 Plattformen steuern immer stärker, wie Inhalte angezeigt und verbreitet werden. Eine Alternative dazu ist das Fediverse. Das Media Lab Bayern hat ein lesenswertes Whitepaper veröffentlicht, in dem die Chancen und Herausforderungen des Fediverse reflektiert werden. So kann über die SWR-Instanz im Fediverse beispielsweise ein eigener Algorithmus zur Verbreitung verifizierter Inhalte genutzt werden. Anstatt Inhalte für Algorithmen zu optimieren, sollten laut den Autor*innen bessere Algorithmen für Inhalte entwickelt werden.
🤝 Die Wissenschaftskommunikation in Sachsen vernetzt sich. In der vergangenen Woche trafen sich Kommunikator*innen aus ganz Sachsen, um Erfahrungen zu bündeln und die nächsten Schritte zu konkretisieren, wie Madlen Mammen berichtet. Dabei ging es um Issue-Management und Schutzstrukturen für Forschende, um Pre- und Debunking sowie um partizipative Formate im ländlichen Raum. Die Empfehlungen der Factory Wisskomm werden nun auf Landesebene umgesetzt. Das neue Netzwerk #WisskommSachsen wird sich künftig regelmäßig austauschen.
Und die Forschung?
Sollten Expert*innen auf Social Media lieber wissenschaftlich oder anekdotisch argumentieren? Bianca Nowak und Nicole Krämer von der Universität Duisburg-Essen haben das in einem Online-Experiment untersucht. Sie wollten dabei auch wissen, welchen Einfluss Nutzer*innenkommentare auf die Vertrauenswürdigkeit haben. Es zeigte sich: Wenn die Kommentare unter den Posts negativ-emotional waren, minderte das die Vertrauenswürdigkeit von Expert*innen – insbesondere, wenn sie persönliche Anekdoten nutzen, um die Posts zu belegen. Die Ergebnisse sprechen also dafür, sich bei emotional aufgeladenen Diskursen eher auf wissenschaftliche Beweise zu stützen.

War der Frühmensch “Lucy” wirklich „eine von uns“? Das 1974 in Äthiopien gefundene Skelett war damals eine Sensation. Yibeltal Temeche von der University of Gondar argumentiert, dass bei der Kommunikation wissenschaftliche Fakten emotionaler Resonanz und kommerzieller Attraktivität geopfert werden. Denn tatsächlich lebte Lucy Millionen von Jahren vor dem Homo Sapiens. Temeche plädiert dafür, die Bedeutung des Fundes zu würdigen, ohne dabei Erkenntnisse der Wissenschaft außen vor zu lassen.
Über das Scheitern von Innovationen wird selten gesprochen. Volker Lilienthal von der Universität Hamburg hat das an einem prominenten Beispiel erforscht: dem Versuch des Axel-Springer-Konzerns, die Marke Bild um einen Fernsehsender zu erweitern. Anhand von Befragungsdaten zeichnet er nach, warum der Versuch scheiterte. Zu den Gründen zählten der plötzliche Sendestart in der Pandemie und zu wenig Personal. Weitere Gedanken zu gescheiterten Innovationen finden Sie im Interview mit dem Technikhistoriker Reinhold Bauer auf Wissenschaftskommunikation.de.
Termine
📆 29. Februar 2026 | Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation: „KI professionell nutzen“ (online) | Mehr
📆 5. Februar 2026 | Fellow Talk von Mike S. Schäfer am Weizenbaum-Institut (Berlin) | Mehr
📆 5. Februar 2026 | Neue Themenrunde zu KI bei I’m a Scientist* im Februar 2026 | Mehr
📆 10. Februar 2026 | Bewerbungsfrist für die CZS STEM Impact School* | Mehr
📆 11. Februar 2026 | Systemische Risiken und Polykrisen: Zur Möglichkeit und Notwendigkeit für einen integrativen Ansatz (München) | Mehr
📆 17. Februar 2026 | KlimaLecture #12: Vom Wissen zum Handeln (online) | Mehr
📆 18. bis 20. März 2026 | PAERI’26: Navigating Science Communication in a Shifting Landscape (Schenefeld) | Mehr
📆13. März 2026 (Einreichungsfrist) | Call for Papers: Kontroversen und Dilemmata der Wissenschaftskommunikation | Mehr
Fundstück
Bei LinkedIn wird über die Visualisierung von Klimadaten diskutiert. Christoph Nick fragt: „Wird hier eine Visualisierung genutzt, um Daten zu übersetzren und auf einen Blick eine Kernaussage zu veranschaulichen und begreifbar zu machen? Oder wird durch die farbliche Gestaltung (unbewusst oder gezielt) emotionalisiert und manipuliert?“
Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von www.linkedin.com zu laden.