Krisen, KI und Demokratiefeindlichkeit. Wie kann Wissenschaftskommunikation in diesen Zeiten handlungsfähig bleiben? Annette Leßmöllmann, Benedikt Fecher und Philipp Niemann aus dem Leitungsteam von Wisskomm.de sagen, was jetzt wichtig ist.
Das erwartet uns 2026
Kümmert euch um euch und eure Resilienz
2026 übernimmt aus 2025 die berechtigte Sorge der Wissenschaft, dass die Wissenschaftsfreiheit gefährdet ist – das neue Jahr verschärft die Sorge mit Aussicht auf die anstehenden Wahlen. Wie wissenschaftsfeindliche Akteur*innen auch in Deutschland agieren, konnte man bereits bei der Befragung Christian Drostens durch die Enquête-Kommission Corona im vergangenen Dezember beobachten: Selbstbewusst vorgetragene wissenschaftsferne Annahmen, machtvolles propagandistisches Auftreten kombiniert mit bösartigen Unterstellungen boten einen Vorgeschmack darauf, was der Forschung in der Politiksphäre blühen kann.

Foto: Karlsruher Institut für Technologie
Eine wetterfeste Haltung einnehmen
In dieser politisierten Kommunikation ist von der Wissenschaftskommunikation eine klare Haltung gefragt – ganz richtig vom Siggener Impuls 2025 auf den Punkt gebracht: Bitte keinen vorauseilenden Gehorsam vor den Demokratiefeind*innen! Wissenschaftskommunikation muss also Demokratie und Grundlagen des demokratischen Zusammenlebens reflektieren und eine wetterfeste Haltung dazu ausbilden. Hier zählen ganz wesentlich Netzwerke mit kompetenten Gleichgesinnten, Austausch und kollegiale Beratung. Denn Wissenschaftskommunikation muss verschärft Kommunikationsexpertise mitbringen und in ihren Institutionen weitergeben: Wie bleibt die Forschung diskursfähig, bietet dem autoritären Populismus eine Stirn anstatt rhetorische Moves unhinterfragt stehen zu lassen?
Hier ist Wissenschaftskommunikation aufgefordert, Werkzeugkästen für Diskurspraktiken bereitzustellen und intensiv mit den Intermediären zusammenzuarbeiten – vom Pflegepersonal, das sich mit Impfgegnerschaft herumschlägt, über Handwerker*innen, denen Hass auf die Wärmepumpe entgegenschlägt, Lehrer*innen, Kommunalpolitiker*innen, Moderator*innen von Bürgerräten, die häufig face to face in vergiftete Rhetoriken geraten. Sie alle stehen im Zweifel für demokratische Diskurspraktiken, die die Wissenschaft nicht leugnen und keinen Hass säen.
Schnittstellen mit den Profi-Ausbildungsstätten
2026 wird also das Jahr sein, in dem die kommunikativen Schnittstellen zu zahlreichen Akteur*innen intensiviert werden müssen: Nicht nur in Bezug auf Dialogfähigkeit, sondern auch auf Inhalte. Für die Gesellschaft in Transformation muss professionelles Wissen über KI-Technologien, Medizin, Gesundheitsversorgung, und ja, auch über Demokratie und Wissenschaftskommunikation rasch und kompetent an die relevanten Institutionen gelangen: zum Beispiel in der beruflichen Weiterbildung für Handwerk und Pflege. Ein weiteres Beispiel sind die Volkshochschulen, in denen sich viele Menschen für den Arbeitsmarkt fortbilden, auch zum Thema KI. Schnittstellen mit den Profi-Ausbildungsstätten tun not – hier können alle voneinander lernen.
Wie über Militärforschung kommunizieren?
Ein dritter wichtiger Punkt scheint mir die Wissenschaftskommunikation über Geopolitik und Militärwesen inklusive Militärtechnologie zu sein. In vielen Institutionen wird jetzt darüber nachgedacht, wie die Forschung darüber zu gestalten ist. Das wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft, die das Militärische bislang öffentlich wenig verhandelt hat, in der Wissenschaftskommunikation damit umgeht. Machen Museen jetzt mehr Militärausstellungen? Wie wird mit der Zivilklausel und ihrer Abschaffung öffentlich umgegangen? Auch Kommunikation über Cyberkriege – also eher Unsichtbares, aber sehr Wirkungsvolles – ist eine ähnlich große Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation wie das Thema KI.
Mein letzter Punkt ist ein alter, der aber nie veraltet: Setzt euch für demokratische Diskursplattformen ein. Hört auf, auf X herumzufunken – es gibt keine gute Wissenschaftskommunikation in schlechten Hassplattformen –, sondern engagiert euch für ein eigenes, demokratisches mediales Ökosystem. Und: betreibt Selbstfürsorge. Die Nachrichtenlage offeriert ständig Unfassbares, das strengt mental und kognitiv an. Kümmert euch um euch und eure Resilienz, sowie die Resilienz eurer Teams und Institutionen.
Zeit für ein neues PUSH-Memorandum!
Wir stehen vor Herausforderungen, die das Potenzial haben, die Rolle der Wissenschaft in modernen Gesellschaften nachhaltig zu verändern. Diese Dynamiken greifen tief in die gesellschaftliche Wissensordnung und verändern, wie Wissen entsteht, zirkuliert und legitimiert wird.

Drei Herausforderungen sind hier zuvorderst zu nennen.
Plattformlogiken und generative Technologien
Erstens verschiebt die durch generative Technologien und soziale Medien beschleunigte Transformation öffentlicher Kommunikation die strukturellen Voraussetzungen wissenschaftlicher Öffentlichkeit. Sie verändert sowohl die Kommunikation mit der Wissenschaft als auch die Kommunikation von und über Wissenschaft und stellt damit etablierte Funktionslogiken, Validierungsprozesse und Selektionsmechanismen fundamental infrage. Ich bin dankbar, dass wir uns bei Wissenschaft im Dialog im vergangenen Jahr intensiv mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen konnten, etwa im Rahmen der WiD-Perspektiven oder des Jahresthemas des Forums Wissenschaftskommunikation. Zugleich ist offenkundig, dass uns als Community dieses Dauerthema auch 2026 begleiten wird.
Meines Erachtens sollten Wissenschaft und Forschende befähigt werden, neue Kommunikationsinfrastrukturen kreativ und souverän zu nutzen, ein Anspruch, der bislang noch nicht eingelöst wird.
Komplexe gesellschaftliche Herausforderungen

Zweitens sind die großen gesellschaftlichen Probleme, also unter anderem die Klimakrise, Biodiversitätsverlust, ökonomische Stagnation, stets auch epistemische Probleme. Wissenschaft kann sie nicht allein lösen; doch ohne wissenschaftlich fundiertes Wissen bleibt jeder Lösungsversuch unvollständig. Für die Wissenschaftskommunikation bedeutet das mehr zu leisten als die klassische Popularisierung und Vermittlung: Sie muss an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft produktiv werden und Kommunikationsräume schaffen, in denen Wissen handlungsrelevant und anschlussfähig wird. Das sehe ich als einen lohnenswerten Schritt zur weiteren Professionalisierung des Feldes.
Ich bin zudem gespannt, wie sich die wachsende Bedeutung der Wissenschaftskommunikation 2026 in der Arbeit des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) niederschlagen wird. Fest steht für mich: Kein Ziel einer High-Tech-Agenda wird ohne gute Wissenschaftskommunikation erreicht und kein Mensch fliegt ohne gute Wissenschaftskommunikation zum Mond, um später darüber zu berichten.
Angriffe auf offene Gesellschaften
Drittens sind offene Gesellschaften und mit ihnen die Freiheit der Wissenschaft verstärkt Angriffen ausgesetzt. Man muss gar nicht über den großen Teich schauen; ein Blick nach Europa genügt, um zu sehen, dass die Erosion demokratischer Selbstverständlichkeiten längst auch die Infrastrukturen der Wissenschaft betrifft. In dieser Situation, und das ist aus meiner Sicht die einzige legitime Ausnahme, kann Wissenschaft nicht unpolitisch bleiben, weil diese Angriffe ihre Geschäftsgrundlage und damit die der Wissenschaftskommunikation bedrohen.
Für 2026 erwarte ich mehr Klarheit und strategische Schlagkraft aus Wissenschaft und Politik im Umgang mit Populismus und Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit. Ebenso sollte klar sein, dass Initiativen aus der Wissenschaft mehr sein müssen als Kampagnen und Presseverlautbarungen, wenn sie den eigenen normativen Ansprüchen und ihrer Rolle in einer offenen Gesellschaft gerecht werden will.
Ein europäisches PUSH
Keine dieser Herausforderungen ist aus meiner Sicht eine Naturgewalt, der wir passiv ausgeliefert wären. Es handelt sich letztlich um gesellschaftliche Entwicklungen, die gestaltbar sind und in denen der Wissenschaftskommunikation eine zentrale Rolle zukommt. Daher bin ich überzeugt: Wissenschaftskommunikation war selten so wichtig wie heute. Voraussetzung ist jedoch, dass sie sich den genannten Herausforderungen stellt und damit Wissenschaft und Gesellschaft dabei hilft, vor die Welle zu kommen.
Ein Vorschlag, der nichts kostet, aber viel bewirken könnte, wäre eine Neuauflage des PUSH-Memorandums – unter neuem Namen, europäisch gedacht und getragen von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Im Zentrum sollten die Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft für Demokratie und Fortschritt stehen. Vielleicht gelingt ein solcher Schritt bereits 2026; der Wissenschaft wäre es zu wünschen.
Lieber drei Formate weniger machen

Bei nüchterner Betrachtung ist festzustellen, dass die Herausforderungen, vor denen die Wissenschaftskommunikation im vergangenen Jahr stand, nicht nur fortbestehen, sondern sich sogar verdichtet haben: Die Weltlage ist noch komplexer geworden mit dem anhaltenden Kriegsgeschehen in Europa, den weiterhin besorgniserregenden Entwicklungen in den USA, Extremismus- und Deindustrialisierungssorgen auch in Deutschland, den Debatten um die Zukunft unserer Sozialsysteme und den Budgetprobleme in allen öffentlichen Haushalten der Republik. Dazu – mehr denn je – KI als gewaltige Herausforderung für Wissenschaft und Gesellschaft.
Welche Rolle sollte Wissenschaftskommunikation angesichts dieser Situation überhaut spielen? Und wie können wir, die Akteur*innen der Wissenschaftskommunikation, selbst aktiv dazu beitragen, im öffentlichen Diskurs, der von den beschriebenen, objektiv wichtigen Problemlagen bestimmt ist, auch weiterhin gesehen und gehört zu werden? Drei Ansätze seien hier genannt, weitere kluge Überlegungen in diese Richtung finden sich in den gerade veröffentlichten Siggener Impulsen 2025.
1. Funktionale Schärfung
Vom Selbstzweck, dem Selbstmarketing über das klassische Informieren bis hin zur Diskursbereicherung – Wissenschaftskommunikation kann vieles sein und viele Ziele verfolgen. Damit sie weiterhin eine relevante Rolle spielt, muss Wissenschaftskommunikation ein Instrument sein zur Erzeugung oder Verstärkung gesellschaftlicher Relevanz von Wissenschaft und wissenschaftlichem Handeln. Konkret bedeutet das: Dialog, Transparenz, konstruktive Auseinandersetzung mit unbequemeren Positionen statt Imagefilm und kommunikativer Eliteformate. Das ist selten einfach, aber einen ernsthaften Versuch wert.
2. Einheit in Vielfalt
Kommunikative Präsenz in der demokratischen Öffentlichkeit, in der viele relevante Themen um Aufmerksamkeit ringen, funktioniert nur, wenn wir uns als Akteur*innen der Wissenschaftskommunikation im Miteinander üben. Konkret müssen wir uns fragen: Gehen wir alle einzeln auf Institutionen und Akteursgruppen zu, oder haben wir eine gemeinsame Strategie? Wie viele Veranstaltungen mit ähnlicher Zielsetzung muss es geben – oder können wir auch zusammen etwas anbieten? Stellen wir die Unterschiede zwischen Wissenschaftskommunikation, Transfer, Partizipation und so weiter bewusst ins Schaufenster, oder betonen wir die Dinge, die uns einen? Aktive und gute öffentliche Kommunikation über Wissenschaft und Forschung kann 2026 nur durch die Bündelung gemeinsamer Interessen aller Beteiligten entstehen.
3. Qualität vor Aktionismus
Nimmt man die beiden ersten Punkte ernst und führt sich die auch in der Wissenschaftskommunikation knapper werdenden Budgets vor Augen, wird es umso wichtiger, sich mit der Relevanz des eigenen Tuns und den eigenen Qualitätsstandards auseinanderzusetzen. Das kann dann auch bedeuten: Lieber drei Formate weniger realisieren, aber dafür gut und mit tatsächlichem Wirkungsanspruch.
Und dann wird 2027 alles besser? Hoffnung ist erlaubt, aber grundsätzlich gilt: Wenn wir die Dinge tun, die uns möglich sind, werden wir einen souveräneren Umgang mit den neuen Realitäten erlernen.
* Wissenschaft im Dialog, das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation und das Karlsruher Institut für Technologie sind die drei Träger der Plattform Wissenschaftskommunikation.de.