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Wie Wissenschaft im digitalen Lärm untergeht

Die digitale Öffentlichkeit ist laut und unübersichtlich. Wer wissenschaftlich arbeitet, muss Wege finden, damit Fakten ankommen. In seinem Gastbeitrag denkt der Soziologe Werner Bruns darüber nach, wie sich die immer größer werdende Kluft zwischen Wissen und Vermittlung überbrücken lässt.

Vor über zwei Jahrtausenden entwarf der Philosoph Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis ein Bild, das bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Menschen sitzen gefesselt in einer Höhle, den Blick auf eine Wand gerichtet, auf der sie nur Schatten vorbeiziehen sehen, Projektionen von Objekten, die hinter ihnen an einem Feuer vorbeigetragen werden. Da sie nie etwas anderes gesehen haben, halten sie diese Schatten für die Wirklichkeit.

Nur einer befreit sich, sieht das Licht der Sonne, erkennt die wahre Welt und kehrt schließlich zurück, um den anderen von der Wahrheit zu berichten. Doch statt auf offene Ohren zu stoßen, wird er ausgelacht, ja sogar bedroht. Seine Erkenntnis gilt den Höhlenbewohner*innen als Unsinn.

Platon wollte mit dieser Allegorie nicht nur die philosophische Wahrheitssuche beschreiben, er zeigte auch die tiefgreifende Schwierigkeit, zwischen Erkenntnis und ihrer Vermittlung zu unterscheiden. Wer die Wahrheit kennt, wird noch lange nicht gehört. Diese Einsicht ist heute aktueller denn je.

Unsere Gesellschaft ist global vernetzt, digital informiert und wissenschaftlich geprägt wie nie zuvor. Und doch erleben wir einen paradoxen Zustand: Während die Menge an verfügbaren Informationen exponentiell wächst, sinkt das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen in Teilen der Bevölkerung (siehe das Wissenschaftsbarometer 2025). Klimakrise, Pandemien, Künstliche Intelligenz, gerade in jenen Bereichen, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse für das gesellschaftliche Überleben essenziell sind, werden sie zunehmend infrage gestellt.

Die „Höhle“ existiert meines Erachtens heute in anderer Gestalt: Es sind soziale Netzwerke, algorithmische Filterblasen und ideologisch aufgeladene Echokammern, in denen Informationen nicht nach Wahrheitsgehalt, sondern nach emotionaler Resonanz bewertet werden. Das „Feuer“ ist zum digitalen Dauerfeuer geworden, das Schatten in atemberaubender Geschwindigkeit an die Wand wirft. Verzerrte, fragmentierte, kontextlose Abbilder dessen, was wir als Realität begreifen sollen. In diesem Gewirr aus Meinungen, Halb- und Falschwissen wird wissenschaftliche Erkenntnis schnell zur bloßen Behauptung unter vielen und verliert ihre Autorität.

Auf dem Bild von Jan Saenredam sind die Gefangenen auf der rechten Seite zu sehen. Sie beobachten die Schatten, die die Figuren auf die Mauer werfen. Bild: Wikimedia Commons

Wissenschaft braucht Sprache und Zuhörer*innen

Wissenschaft ist kein Selbstzweck. Sie lebt vom Austausch, vom Diskurs, von der Überprüfbarkeit und davon, dass ihre Ergebnisse in gesellschaftliche Kontexte zurückgespiegelt werden. Doch dafür braucht es mehr als Daten und Diagramme. Es braucht Vermittlung. Wissenschaftskommunikation ist die Brücke zwischen dem, was im Labor, im Feld oder in der Theorie entsteht, und dem, was gesellschaftlich verstanden, diskutiert und umgesetzt wird. Sie ist weit mehr als populärwissenschaftliche Aufbereitung. Gute Wissenschafts-kommunikation ist eine Kunst. Die Kunst, Komplexität zugänglich zu machen, ohne sie zu banalisieren; die Kunst, Begeisterung zu wecken, ohne in Spektakel zu verfallen; die Kunst, zu erklären, ohne zu belehren.

In Platons Gleichnis ist es der Philosoph, der nach der Erfahrung der Wahrheit in die Höhle zurückkehrt. Heute sind es Vertreter*innen der Wissenschaft und Medien, die versuchen, die Schatten zu deuten und den Blick auf das Licht zu lenken. Eine undankbare Aufgabe, denn wie bei Platon werden jene, die mit unbequemen Wahrheiten kommen, nicht selten belächelt oder angefeindet.

Wissenschaftskommunikation ist nicht neutral. Sie ist nie nur „Übersetzung“, sondern immer auch Positionierung: für Aufklärung, für Rationalität, für demokratische Teilhabe. In einer Zeit, in der Bewegungen Wissenschaft als Elitenprojekt diskreditieren, ist Wissenschaftskommunikation für mich ein Akt demokratischer Kompetenz.

Gleichzeitig trägt sie eine Verantwortung für Präzision, Verständlichkeit und Ethik. Es geht nicht darum, komplexe Sachverhalte „einfach“ darzustellen, sondern verständlich. Es geht nicht darum, Meinungen zu ersetzen, sondern Fakten einzuordnen. Und es geht darum, den Dialog zu fördern, auch und gerade mit jenen, die (noch) im Schatten sitzen.

Der Ausgang bleibt offen

Platons Höhlengleichnis endet offen. Wir wissen nicht, ob es dem Zurückgekehrten je gelingt, die anderen zu überzeugen. Diese Offenheit ist auch die Realität der Wissenschaftskommunikation. Sie garantiert keinen Erfolg.

Aber sie ist unerlässlich.

Wenn Wahrheit zur Ware und Wissen zur Meinung wird, ist Wissenschaftskommunikation der Versuch, Orientierung zu geben, nicht als Dogma, sondern als Einladung zur Auseinandersetzung. Sie zeigt nicht nur, was wir wissen, sondern auch, wie wir zu Wissen gelangen – und warum es sich lohnt, das Licht zu suchen, auch wenn der Weg aus der Höhle unbequem ist. Denn: Erkenntnis allein verändert nichts. Erst wenn sie geteilt, verstanden und geglaubt wird, beginnt der Wandel.